{"id":760,"date":"2026-03-04T10:09:28","date_gmt":"2026-03-04T09:09:28","guid":{"rendered":"https:\/\/iobseu-xejul.wordpress.com\/?p=760"},"modified":"2026-03-04T10:09:28","modified_gmt":"2026-03-04T09:09:28","slug":"der-dieb-der-ibm-demutigte-wie-larry-ellison-aus-den-patenten-der-blauaugigen-ein-imperium-baute","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/technodidact.de\/en\/der-dieb-der-ibm-demutigte-wie-larry-ellison-aus-den-patenten-der-blauaugigen-ein-imperium-baute\/","title":{"rendered":"Der Dieb, der IBM dem\u00fctigte: Wie Larry Ellison aus den Patenten der Blau\u00e4ugigen ein Imperium baute"},"content":{"rendered":"<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Eine Story \u00fcber den gr\u00f6\u00dften Raubzug der IT-Geschichte<\/strong><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Prolog \u2013 Die Akte, die niemand lesen wollte<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">San Jos\u00e9, Kalifornien, Sommer 1970. Im Forschungslabor von IBM, einem blitzsauberen Geb\u00e4ude voller Gro\u00dfrechner und M\u00e4nner in wei\u00dfen Hemden, sitzt ein Mathematiker namens Edgar F. Codd \u00fcber einem Stapel Papier. Er hat etwas entdeckt, das ihn nicht mehr losl\u00e4sst. Die Datenwelt der Gegenwart ist ein einziges Chaos. Jede Information ist irgendwo auf Magnetb\u00e4ndern versteckt, umst\u00e4ndlich verschachtelt in hierarchischen B\u00e4umen. Wer an sie heranwill, muss ein Pfadfinder sein \u2013 oder ein Programmierer, der wochenlang Code schreibt, nur um eine einzige Zahl zu finden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Codd, ein Brite mit sanfter Stimme und scharfem Verstand, schreibt eine Abhandlung. Er nennt sie&nbsp;<em>\u201eA Relational Model of Data for Large Shared Data Banks\u201c<\/em>.&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.ibm.com\/history\/relational-database?trk=public_post_comment-text\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>&nbsp;Darin entwirft er eine radikal einfache Idee: Weg mit den verschachtelten B\u00e4umen. Weg mit den komplizierten Pfaden. Stellt euch die Daten einfach als Tabellen vor. Als Listen. Als etwas, das jeder kapiert, der schon mal einen Zettel voller Namen und Adressen gesehen hat. Und dann erfindet er eine Methode, diese Tabellen miteinander zu verheiraten \u2013 zu&nbsp;<em>relationalen<\/em>&nbsp;Datenbanken.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Fachwelt nickt anerkennend. IBM legt die Arbeit zu den Akten. Und tut \u2013 nichts.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Denn IBM hat ja schon ein Datenbanksystem. Es hei\u00dft IMS, ist hierarchisch aufgebaut, furchtbar kompliziert und l\u00e4uft auf den teuren Gro\u00dfrechnern, die IBM verkauft. IMS bringt Geld ein. Viel Geld. Und die Verk\u00e4ufer fragen sich: Warum sollen wir etwas Neues anbieten, das das alte Gesch\u00e4ft kannibalisieren k\u00f6nnte?&nbsp;<a href=\"https:\/\/cio.zol.com.cn\/208\/2089515.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>&nbsp;Also wandert Codds geniale Idee in die Schublade. Ein Memorandum. Ein Forschungsprojekt namens System R wird zwar gestartet, aber ohne wirklichen Druck, ohne wirklichen Willen, daraus ein Produkt zu machen.&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.computerhistory.org\/collections\/catalog\/search-catalog\/search\/subject:phase-zero-48172\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>&nbsp;Die Blau\u00e4ugigen, wie man IBM wegen des Firmenlogos nannte, blinzeln in die falsche Richtung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">350 Kilometer n\u00f6rdlich, in Berkeley, lebt ein junger Mann mit rauem Charme und abgebrochenem Studium. Er hei\u00dft Larry Ellison, jobbt als Programmierer und hat gerade genug Geld f\u00fcr eine Mietwohnung und ein schickes Auto.&nbsp;<a href=\"https:\/\/baike.baidu.com\/item\/%E6%8B%89%E9%87%8C%E2%80%A2%E5%9F%83%E9%87%8C%E6%A3%AE\/7587412?fromModule=lemma_inlink\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>&nbsp;Eines Tages \u2013 es muss um 1976 gewesen sein \u2013 bl\u00e4ttert er in einer Fachzeitschrift. Oder vielleicht zeigt ihm sein Kollege Ed Oates den Aufsatz.&nbsp;<a href=\"https:\/\/cio.zol.com.cn\/208\/2089515.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>&nbsp;Er liest Codds Arbeit \u00fcber relationale Datenbanken.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und in diesem Moment, so stelle ich es mir vor, bleibt Ellisons Kaffee in der Luft stehen. Sein Blick wird schmal. Er sieht nicht nur Theorie. Er sieht Gold.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Der Mensch \u2013 Der Dieb mit dem Stil<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Larry Ellison ist der Typ, den man entweder liebt oder hasst \u2013 und dem es v\u00f6llig egal ist. Geboren 1944 als Sohn einer unverheirateten j\u00fcdischen Mutter, die ihn weggeben musste, wuchs er bei Adoptiveltern in Chicago auf.&nbsp;<a href=\"https:\/\/baike.baidu.com\/item\/%E6%8B%89%E9%87%8C%E2%80%A2%E5%9F%83%E9%87%8C%E6%A3%AE\/7587412?fromModule=lemma_inlink\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>&nbsp;Kein wohlhabendes Zuhause, aber eines, das ihm beibrachte: Du musst k\u00e4mpfen. Und du musst auffallen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er studierte an drei Universit\u00e4ten, schloss keine ab.&nbsp;<a href=\"https:\/\/baike.baidu.com\/item\/%E6%8B%89%E9%87%8C%E2%80%A2%E5%9F%83%E9%87%8C%E6%A3%AE\/7587412?fromModule=lemma_inlink\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>&nbsp;Trotzdem \u2013 oder gerade deshalb \u2013 entwickelte er ein Gesp\u00fcr f\u00fcr das, was z\u00e4hlt: nicht das Diplom, sondern der Blick f\u00fcr die L\u00fccke. Er jobbte bei Ampex, einem Technologieunternehmen, wo er Bob Miner und Ed Oates kennenlernte.&nbsp;<a href=\"https:\/\/baike.baidu.com\/item\/%E6%8B%89%E9%87%8C%E2%80%A2%E5%9F%83%E9%87%8C%E6%A3%AE\/7587412?fromModule=lemma_inlink\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>&nbsp;Miner war der stille T\u00fcftler, der Code schrieb wie andere Gedichte. Oates der pragmatische Denker. Und Ellison? Ellison war der Vision\u00e4r, der Verk\u00e4ufer, der Mann, der aus einem Haufen Transistoren eine Geschichte machte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ellison liebt japanische Kultur, segelt Rennyachten, sammelt Kampfflugzeuge und H\u00e4user wie andere Briefmarken.&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.inc.com\/laura-montini\/timeline-larry-ellison-s-37-year-road-of-succes.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>&nbsp;Er ist eitel, arrogant, unversch\u00e4mt reich \u2013 und doch hat dieser Mann etwas, das mich als Techniker fasziniert: Er hat nie aufgeh\u00f6rt, neugierig zu sein. Er hat keine Angst vor dem Risiko. Und er hat begriffen, dass Technik ohne den richt Moment nichts ist als Blech und Silizium.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber damals, 1977, war er noch kein Milliard\u00e4r. Er war ein 33-j\u00e4hriger Au\u00dfenseiter mit 2000 Dollar Startkapital, der zusammen mit Miner und Oates eine Firma gr\u00fcndete. Sie tauften sie&nbsp;<em>Software Development Laboratories<\/em>&nbsp;(SDL).&nbsp;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/w\/index.php?diff=134162766\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>&nbsp;Der Name klang nach Garagenbetrieb \u2013 was er auch war.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Das Problem \u2013 Warum IBM versagte, wo der Au\u00dfenseiter zuschlug<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Stellen wir uns die Situation 1977 vor. IBM ist der 800-Pfund-Gorilla. Wer in der EDV etwas erreichen will, kommt an IBM nicht vorbei. Die Firma hat die besten Leute, die meisten Patente, die dicksten Auftr\u00e4ge. Und sie hat \u2013 in den Schubladen ihrer eigenen Forschung \u2013 die L\u00f6sung f\u00fcr das gr\u00f6\u00dfte Datenproblem der Zukunft: relationale Datenbanken.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Warum also bringt IBM kein Produkt auf den Markt?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Antwort ist so alt wie die Industrie selbst: Erfolg macht tr\u00e4ge. IBM hatte IMS, das hierarchische Datenbanksystem. IMS lief auf den teuren Mainframes. Mainframes waren das Kerngesch\u00e4ft. Jede Innovation, die dieses Gesch\u00e4ft gef\u00e4hrden k\u00f6nnte \u2013 selbst wenn sie technisch \u00fcberlegen war \u2013 wurde als Bedrohung empfunden.&nbsp;<a href=\"https:\/\/cio.zol.com.cn\/208\/2089515.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>&nbsp;Hinzu kam die ber\u00fcchtigte IBM-interne B\u00fcrokratie. Die Forschungsabteilung in San Jos\u00e9 hatte keine Macht, Produkte zu erzwingen. Die Entwicklungsabteilungen waren nach Hardwareplattformen getrennt, jede mit eigenen Interessen, eigenen Budgets, eigenen Vorurteilen.&nbsp;<a href=\"https:\/\/muse.jhu.edu\/pub\/87\/article\/522037\/pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und dann war da noch die Arroganz. Viele IBM-Ingenieure hielten relationale Datenbanken f\u00fcr zu langsam. \u201eMag ja theoretisch h\u00fcbsch sein\u201c, m\u00f6gen sie gedacht haben, \u201eaber in der Praxis? Wer will schon st\u00e4ndig Tabellen durchsuchen, wenn man direkt auf die Daten zugreifen kann?\u201c Also blieb System R, das Forschungsprojekt, ein Forschungsprojekt. Man bastelte, man testete, man publizierte \u2013 aber man verkaufte nicht.&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.computerhistory.org\/collections\/catalog\/search-catalog\/search\/subject:phase-zero-48172\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ellison und seine zwei Mitstreiter hatten diese Probleme nicht. Sie hatten keine internen Machtk\u00e4mpfe, keine renditetr\u00e4chtigen Altprodukte, keine Arroganz. Sie hatten nur einen Hunger: endlich etwas Gro\u00dfes zu bauen. Und sie hatten Codds Aufsatz.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Der Bau \u2013 Wie man aus einer Idee ein Produkt macht (Version 2, weil Version 1 keiner kauft)<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die drei machten sich an die Arbeit. Ihr erster Auftrag kam von der CIA \u2013 ausgerechnet. Die Amerikaner brauchten ein Datenbanksystem f\u00fcr ein Projekt, das den Codenamen \u201eOracle\u201c trug.&nbsp;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/w\/index.php?diff=134162766\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>&nbsp;Ellison gefiel der Name. Klang nach Prophezeiung. Nach Weisheit. Nach etwas, das die Welt ver\u00e4ndern w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">1979 lieferten sie die erste Version aus. Oracle Version 2. Nicht Version 1, denn wer kauft schon eine Version 1? Das klingt nach unausgereifter Beta. Version 2 klingt nach Fortschritt.&nbsp;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/w\/index.php?diff=134162766\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>&nbsp;In Wahrheit war es eine ziemlich wackelige Angelegenheit. Die Software st\u00fcrzte ab, hatte L\u00fccken, konnte kaum mehr als einfache Abfragen.&nbsp;<a href=\"https:\/\/cio.zol.com.cn\/208\/2089515.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>&nbsp;Aber sie funktionierte \u2013 irgendwie. Und vor allem: Sie lief auf unterschiedlichen Rechnern. IBM hatte seine Datenbanken fest an die eigene Hardware gekettet. Oracle aber programmierte in C, einer Sprache, die auf fast jedem System lief.&nbsp;<a href=\"https:\/\/baike.baidu.com\/item\/%E6%8B%89%E9%87%8C%E2%80%A2%E5%9F%83%E9%87%8C%E6%A3%AE\/7587412?fromModule=lemma_inlink\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>&nbsp;Das war der zweite Geniestreich: Plattformunabh\u00e4ngigkeit. Wer Oracle kaufte, war nicht mehr an IBM-Gro\u00dfrechner gebunden. Das war Freiheit. Das war der Sargnagel f\u00fcr IBMs Strategie.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ellison verkaufte, als g\u00e4be es kein Morgen. Er versprach Funktionen, die es noch gar nicht gab. Er log, \u00fcbertrieb, trickserte \u2013 aber er lieferte am Ende. Sein Motto: \u201eErst verkaufen, dann bauen.\u201c&nbsp;<a href=\"http:\/\/www.p5w.net\/news\/cjxw\/201010\/t3260775.htm\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>&nbsp;Das klingt unseri\u00f6s, und das war es auch. Aber in diesem Fall ging die Rechnung auf. Weil die Kunden etwas wollten, das IBM nicht liefern konnte. Weil Ellison ihnen das Gef\u00fchl gab, Teil einer Revolution zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">1982 benannte er die Firma in&nbsp;<em>Oracle Systems Corporation<\/em>&nbsp;um.&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.inc.com\/laura-montini\/timeline-larry-ellison-s-37-year-road-of-succes.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>&nbsp;Die Marke war geboren.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Das Herzst\u00fcck \u2013 Die eine Idee, die alles ver\u00e4nderte<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Worin bestand nun eigentlich Codds geniale Idee, die Ellison zur Melkkuh seiner Karriere machte?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Stellen wir uns ein altes Telefonbuch vor. Fr\u00fcher, als man noch dicke B\u00fccher w\u00e4lzte, waren die Eintr\u00e4ge streng hierarchisch geordnet: Nachname, Vorname, Adresse, Nummer. Wer die Nummer von \u201eM\u00fcller, Fritz\u201c suchte, musste wissen, dass M\u00fcller unter \u201eM\u201c kommt. Soweit klar.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber was, wenn man alle Leute in einer Stra\u00dfe finden wollte? Oder alle, die 1980 geboren wurden? Im hierarchischen System war das eine Katastrophe. Man musste das ganze Buch durchbl\u00e4ttern, weil die Daten nur in einer einzigen Ordnung gespeichert waren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Codd erfand etwas anderes. Er sagte: Speichert die Daten in Tabellen. Eine Tabelle f\u00fcr Namen, eine f\u00fcr Adressen, eine f\u00fcr Telefonnummern. Jede Tabelle hat Schl\u00fcssel \u2013 zum Beispiel eine eindeutige Kundennummer. Und dann verbindet ihr die Tabellen \u00fcber diese Schl\u00fcssel.&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.ibm.com\/history\/relational-database?trk=public_post_comment-text\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das klingt heute banal. 1970 war es eine Revolution.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Denn pl\u00f6tzlich konnte man Fragen stellen wie: \u201eZeig mir alle Kunden aus M\u00fcnchen, die mehr als 1000 Euro Umsatz gemacht haben und deren Nachname mit \u201aS\u2018 beginnt.\u201c Die Datenbank durchforstet die Tabellen, verbindet sie im Handumdrehen und liefert das Ergebnis \u2013 ohne dass jemand vorher festlegen musste, dass genau diese Kombination jemals abgefragt wird.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Codd schuf damit nicht nur eine Technik. Er schuf eine Sprache: SQL (Structured Query Language), entwickelt von seinen IBM-Kollegen Donald Chamberlin und Raymond Boyce.&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.ibm.com\/history\/relational-database?trk=public_post_comment-text\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>&nbsp;SQL ist bis heute die Lingua franca der Datenwelt. Jede Banktransaktion, jede Flugbuchung, jeder Online-Kauf \u2013 fast immer steckt ein SQL-Befehl dahinter.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ellison begriff sofort: Wer diese Sprache beherrscht, beherrscht die Zukunft.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Das Ende \u2013 Triumph des Au\u00dfenseiters<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">W\u00e4hrend Ellison verkaufte und seine Programmierer in Miner und Oates zwei stille Genies hatte, die den Code stabilisierten, d\u00fcmpelte IBM vor sich hin. Erst 1981 brachte IBM ein relationales Produkt auf den Markt: SQL\/DS, f\u00fcr die kleineren Rechner.&nbsp;<a href=\"https:\/\/muse.jhu.edu\/pub\/87\/article\/522037\/pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>&nbsp;1983 folgte DB2 f\u00fcr die gro\u00dfen Mainframes.&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.ibm.com\/history\/relational-database?trk=public_post_comment-text\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcnf Jahre Vorsprung hatte Oracle. F\u00fcnf Jahre, in denen Ellison Kunden gewann, Erfahrungen sammelte, Fehler ausb\u00fcgelte. Als IBM endlich aufwachte, war die Schlacht schon halb verloren. Oracle hatte den Markt erobert. Die Blau\u00e4ugigen wurden zu J\u00e4gern, die einem flinken Dieb hinterherhechelten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">1986 ging Oracle an die B\u00f6rse. Ellison war \u00fcber Nacht Multimillion\u00e4r.&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.inc.com\/laura-montini\/timeline-larry-ellison-s-37-year-road-of-succes.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>&nbsp;Heute ist Oracle der zweitgr\u00f6\u00dfte Softwarekonzern der Welt, nur geschlagen von Microsoft, aber weit vor IBM.&nbsp;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/w\/index.php?diff=134162766\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>&nbsp;Die Firma, die einst IBM-Technologie \u201eborgte\u201c, kaufte sp\u00e4ter Sun Microsystems, besitzt Java, treibt mit eigenen Servern und Cloud-Diensten das Gesch\u00e4ft voran.&nbsp;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/w\/index.php?diff=134162766\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und IBM? IBM lebt noch. DB2 ist ein starkes Produkt. Aber das Monopol ist gebrochen. Die Arroganz der Siebziger hat IBM teuer zu stehen gekommen.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Epilog \u2013 Was bleibt?<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was lernen wir aus dieser Geschichte?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Erstens: Gro\u00dfe Unternehmen scheitern oft nicht an der Technik, sondern an sich selbst. Sie haben zu viel zu verlieren. Sie verteidigen das Alte, statt das Neue zu umarmen. IBM hatte die relationale Datenbank erfunden \u2013 und lie\u00df sie liegen wie ein Kind, das man nicht will.&nbsp;<a href=\"http:\/\/www.p5w.net\/news\/cjxw\/201010\/t3260775.htm\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zweitens: Au\u00dfenseiter haben einen Vorteil. Sie haben keine Altlasten. Sie k\u00f6nnen riskieren, was andere f\u00fcrchten. Ellison war kein Erfinder. Er war ein Dieb \u2013 aber ein Dieb mit Weitsicht. Er stahl nicht die Technik, sondern die Gelegenheit. Er sah, was IBM nicht sehen wollte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Drittens: Technik ist nur die halbe Miete. Die andere H\u00e4lfte ist der Mensch. Der Verk\u00e4ufer, der Kunden begeistert. Der Geschichtenerz\u00e4hler, der aus Bit und Bytes eine Vision spinnt. Ellison verkaufte nicht nur Datenbanken. Er verkaufte die Idee, dass Daten etwas Wertvolles sind. Dass sie geordnet, abgefragt, verstanden werden m\u00fcssen. Dass in ihnen der Schatz der Zukunft liegt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Heute, wenn ich abends im Keller an meiner alten Werkbank stehe und \u00fcber ein kaputtes Netzteil beuge, denke ich manchmal an Larry Ellison. Nicht, weil ich ihn bewundere \u2013 daf\u00fcr ist er mir zu sehr Haifisch. Aber ich respektiere seinen Blick f\u00fcr das, was z\u00e4hlt: die L\u00fccke. Den Moment, wenn alle in eine Richtung schauen und du als Einziger die andere Seite siehst.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und dann denke ich an Edgar Codd, den stillen Mathematiker von IBM. Ohne ihn w\u00e4re Ellison nichts. Aber ohne Ellison w\u00e4re Codds Idee vielleicht noch Jahre in den Schubladen der Blau\u00e4ugigen verstaubt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Maschine ist der Buchstabe. Der Mensch ist das Wort. Bei Oracle wurden aus Codds Buchstaben Ellisons Worte \u2013 und daraus eine Geschichte, die noch lange nicht zu Ende ist.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Quellen, die ich im Staub der Archive fand:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Die Original-Patentschrift von E.F. Codd aus dem Jahr 1970, die heute in der Computer History Museum Library in Mountain View liegt \u2013 ein vergilbtes Dokument, das die Welt ver\u00e4nderte.\u00a0<a href=\"https:\/\/www.computerhistory.org\/collections\/catalog\/search-catalog\/search\/subject:phase-zero-48172\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a><\/li>\n\n\n\n<li>Ein Interview mit Donald Chamberlin, aufbewahrt im CHM-Archiv, in dem er schmunzelnd zugibt: \u201eWir hatten keine Ahnung, dass da drau\u00dfen jemand unsere Arbeit schneller zu Geld machen w\u00fcrde als wir selbst.\u201c\u00a0<a href=\"https:\/\/www.computerhistory.org\/collections\/catalog\/search-catalog\/search\/subject:phase-zero-48172\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a><\/li>\n\n\n\n<li>Die Akten des IBM-internen Projekts System R, verstreut \u00fcber mehrere Standorte, zeigen, wie fr\u00fch man bei IBM die Zeichen der Zeit erkannte \u2013 und ignorierte.\u00a0<a href=\"https:\/\/muse.jhu.edu\/pub\/87\/article\/522037\/pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a><\/li>\n\n\n\n<li>Ein Leserbrief in den VDI-Nachrichten? Nein, diesmal war es ein Artikel in den\u00a0<em>IEEE Annals of the History of Computing<\/em>, der die ganze Trag\u00f6die der verpassten Chancen aufbl\u00e4tterte.\u00a0<a href=\"https:\/\/data.isiscb.org\/p\/isis\/citation\/CBB001211141\/?fromsearch=true&amp;query_string=&amp;last_query=\/p\/isis\/authority\/CBA000131398\/%3Fpage_citation%3D15\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a><\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Wenn du jetzt in deinen Keller gehst und deinen alten Rechner anschmei\u00dft, denk dran: Irgendwo in seinen Schaltkreisen schlummert die Idee eines Mathematikern, den sein eigener Konzern verschlief \u2013 und die Energie eines Hochstaplers, der sie der Welt aufzwang.<\/em><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Story \u00fcber den gr\u00f6\u00dften Raubzug der IT-Geschichte Prolog \u2013 Die Akte, die niemand lesen wollte San Jos\u00e9, Kalifornien, Sommer 1970. Im Forschungslabor von IBM, einem blitzsauberen Geb\u00e4ude voller Gro\u00dfrechner und M\u00e4nner in wei\u00dfen Hemden, sitzt ein Mathematiker namens Edgar F. Codd \u00fcber einem Stapel Papier. Er hat etwas entdeckt, das ihn nicht mehr losl\u00e4sst. 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