{"id":7715,"date":"2026-10-17T15:23:55","date_gmt":"2026-10-17T15:23:55","guid":{"rendered":"https:\/\/technodidact.de\/?p=7715"},"modified":"2026-10-17T15:23:56","modified_gmt":"2026-10-17T15:23:56","slug":"grigori-perelman-der-mathematiker-der-die-hoechste-ehre-der-mathematik-nicht-annahm","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/technodidact.de\/en\/grigori-perelman-der-mathematiker-der-die-hoechste-ehre-der-mathematik-nicht-annahm\/","title":{"rendered":"Grigori Perelman: Der Mathematiker, der die h\u00f6chste Ehre der Mathematik nicht annahm"},"content":{"rendered":"<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Von DerSchneider<\/strong><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Einleitung<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In der Geschichte der Wissenschaft gibt es nur wenige Gestalten, die sich so hartn\u00e4ckig den \u00fcblichen Erz\u00e4hlungen von Ruhm, Anerkennung und Erfolg widersetzen wie Grigori Perelman. Im Jahr 2002 ver\u00f6ffentlichte dieser russische Mathematiker auf einem offenen Preprint-Server drei knappe Arbeiten, die ein Jahrhundertproblem der Mathematik l\u00f6sten \u2013 die Poincar\u00e9-Vermutung. Als die mathematische Gemeinschaft ihm daraufhin nacheinander die beiden h\u00f6chsten Ehrungen des Fachs zuerkannte, lehnte er beide ab. Bis heute lebt er zur\u00fcckgezogen in St. Petersburg und pflegt nahezu keinen Kontakt zur Au\u00dfenwelt. Diese Geschichte handelt nicht nur von einem mathematischen Durchbruch, sondern auch von einer stillen, aber kompromisslosen Ablehnung gegen\u00fcber dem akademischen Betrieb.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Ein Jahrhundertproblem: Was besagt die Poincar\u00e9-Vermutung?<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Poincar\u00e9-Vermutung wurde 1904 vom franz\u00f6sischen Mathematiker Henri Poincar\u00e9 formuliert und ist eine topologische Aussage \u00fcber dreidimensionale Mannigfaltigkeiten. In ihrer einfachsten Formulierung lautet sie: Jede einfach zusammenh\u00e4ngende, kompakte, randlose dreidimensionale Mannigfaltigkeit ist hom\u00f6omorph zur 3-Sph\u00e4re.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Anschaulich gesprochen: Wenn auf einem dreidimensionalen \u201eRaum&#8220; jede geschlossene Kurve stetig zu einem Punkt zusammengezogen werden kann, dann muss dieser Raum topologisch einer 3-Sph\u00e4re \u00e4quivalent sein. F\u00fcr h\u00f6here Dimensionen wurde die Vermutung bereits fr\u00fch bewiesen \u2013 Stephen Smale l\u00f6ste 1961 den Fall f\u00fcr Dimensionen gr\u00f6\u00dfer als vier, Michael Freedman 1986 den vierdimensionalen Fall. Doch ausgerechnet der dreidimensionale Fall, der intuitiv am zug\u00e4nglichsten erscheint, blieb \u00fcber ein Jahrhundert ungel\u00f6st.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wichtig ist die Unterscheidung: Bei der Poincar\u00e9-Vermutung handelt es sich um eine rein topologische Aussage \u00fcber abstrakte R\u00e4ume, nicht um eine direkte physikalische Beschreibung des Universums. Dass der dreidimensionale Fall als besonders bedeutsam gilt, liegt daran, dass er der Dimension unserer r\u00e4umlichen Anschauung entspricht \u2013 doch die Vermutung selbst ist kein physikalisches Gesetz.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Jahr 2000 nahm das Clay Mathematics Institute in den USA die Poincar\u00e9-Vermutung in die Liste der sieben \u201eMillennium-Probleme&#8220; auf und setzte ein Preisgeld von einer Million US-Dollar aus.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Der Weg zur L\u00f6sung: Ricci-Fluss und Perelmans Erg\u00e4nzung<\/h2>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Hamiltons Programm<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In den 1980er Jahren entwickelte der amerikanische Mathematiker Richard Hamilton eine Methode namens <strong>Ricci-Fluss<\/strong>. Inspiriert von der W\u00e4rmeleitungsgleichung beschreibt sie, wie sich die Kr\u00fcmmung einer Mannigfaltigkeit mit der Zeit ver\u00e4ndert \u2013 \u00e4hnlich wie sich W\u00e4rme von hei\u00dfen zu kalten Bereichen ausbreitet. Die Grundidee: Unterwirft man eine beliebige Mannigfaltigkeit dem Ricci-Fluss, sollte sie sich allm\u00e4hlich zu einer \u201egleichm\u00e4\u00dfiger gekr\u00fcmmten&#8220; Form entwickeln.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hamiltons Programm stie\u00df jedoch auf ein Hindernis: Der Fluss kann <strong>Singularit\u00e4ten<\/strong> entwickeln \u2013 Stellen, an denen die Kr\u00fcmmung unendlich wird und die Metrik \u201eexplodiert&#8220;. Hamilton schlug vor, diese Singularit\u00e4ten durch \u201echirurgische&#8220; Eingriffe zu entfernen: den Fluss anhalten, die problematischen Regionen abschneiden, neue \u201eKappen&#8220; einsetzen und den Fluss fortsetzen. Das Konzept war elegant, aber Hamilton konnte nicht beweisen, dass dieses Verfahren unter allen Umst\u00e4nden funktioniert. Entscheidende Probleme blieben ungel\u00f6st.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Perelmans entscheidender Beitrag<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hier setzte Perelman an. In drei zwischen 2002 und 2003 auf arXiv ver\u00f6ffentlichten Arbeiten lieferte er die entscheidenden Beweise, die Hamiltons Programm vervollst\u00e4ndigten. Er klassifizierte die unter dem Ricci-Fluss m\u00f6glichen Singularit\u00e4tentypen und bewies, dass diese beherrschbar sind; seine \u201eNo-Local-Collapsing&#8220;-Theoreme sicherten die mathematische Grundlage f\u00fcr die Chirurgie ab; und er zeigte, dass der Ricci-Fluss mit Chirurgie f\u00fcr einfach zusammenh\u00e4ngende Mannigfaltigkeiten nach endlicher Zeit zum Verschwinden f\u00fchrt \u2013 die Mannigfaltigkeit muss also topologisch eine 3-Sph\u00e4re sein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Damit war nicht nur die Poincar\u00e9-Vermutung bewiesen, sondern die weit umfassendere <strong>Geometrisierungsvermutung von Thurston<\/strong>, die alle kompakten dreidimensionalen Mannigfaltigkeiten klassifiziert. Die Poincar\u00e9-Vermutung ist nur ein Spezialfall davon.<a href=\"https:\/\/ar5iv.labs.arxiv.org\/html\/0803.0150#1\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><\/a><\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Eine ungew\u00f6hnliche Ver\u00f6ffentlichung<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Perelmans Ver\u00f6ffentlichungsweise war ebenso unkonventionell wie sein sp\u00e4teres Verhalten. Er reichte seine Ergebnisse nicht bei einer begutachteten Fachzeitschrift ein, sondern stellte sie auf dem offenen Preprint-Server arXiv ein und verschickte die Zusammenfassungen per E-Mail an einige Fachkollegen. Die Arbeiten umfassten nur etwa 66 Seiten, viele Beweisschritte waren \u00fcbersprungen, und Perelman weigerte sich, am \u00fcblichen Peer-Review-Verfahren teilzunehmen.<a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunk.de\/der-weisse-rabe-100.html#1\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><\/a><a href=\"https:\/\/www.mathunion.org\/fileadmin\/IMU\/ICM2010\/offline\/www.icm2010.in\/wp-content\/icmfiles\/uploads\/Perelman.pdf#1#1\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es dauerte mehrere Jahre, bis unabh\u00e4ngige Expertengruppen \u2013 darunter Bruce Kleiner und John Lott, John Morgan und Gang Tian sowie Huai-Dong Cao und Xi-Ping Zhu \u2013 Perelmans Argumentation im Detail \u00fcberpr\u00fcft und erg\u00e4nzt hatten. Im Fr\u00fchjahr 2006 kam die Gemeinschaft zu dem Schluss, dass der Beweis tragf\u00e4hig war.<a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunk.de\/der-weisse-rabe-100.html#1\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><\/a><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Ablehnung: Die Fields-Medaille und der Millennium-Preis<\/h2>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Die Fields-Medaille 2006<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Jahr 2006 beschloss die Internationale Mathematische Union (IMU), Perelman die <strong>Fields-Medaille<\/strong> zu verleihen \u2013 die h\u00f6chste Auszeichnung der Mathematik, die nur alle vier Jahre an Mathematiker unter 40 Jahren vergeben wird. Die Begr\u00fcndung lautete, er erhalte sie \u201ef\u00fcr seine Beitr\u00e4ge zur Geometrie und seine revolution\u00e4ren Erkenntnisse zur analytischen und geometrischen Struktur des Ricci-Flusses&#8220;.<a href=\"https:\/\/cordis.europa.eu\/article\/id\/26212-russian-genius-solves-million-dollar-problem-but-declines-fields-medal\/de#1\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Perelman <strong>nahm die Medaille nicht an<\/strong>. Der damalige IMU-Pr\u00e4sident John Ball reiste pers\u00f6nlich nach St. Petersburg, um ihn umzustimmen \u2013 vergeblich. Bei der Zeremonie am 22. August 2006 in Madrid erschien Perelman nicht. Seine damalige Begr\u00fcndung, \u00fcberliefert durch Dritte: \u201eEs war f\u00fcr mich v\u00f6llig irrelevant. Jeder verstand, dass, wenn der Beweis korrekt ist, keine weitere Anerkennung n\u00f6tig ist.&#8220;<a href=\"https:\/\/www.mathunion.org\/fileadmin\/IMU\/ICM2010\/offline\/www.icm2010.in\/wp-content\/icmfiles\/uploads\/Perelman.pdf#1#1\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wichtig ist die Unterscheidung: Die IMU hat die Medaille verliehen, Perelman hat sie nur nicht entgegengenommen. John Ball stellte sp\u00e4ter klar: \u201eEr hat das Recht zu entscheiden, ob er sie annimmt, aber wir haben sie verliehen.&#8220; Dies war das erste Mal in der Geschichte der Fields-Medaille, dass ein Preistr\u00e4ger nicht zur Entgegennahme erschien.<a href=\"https:\/\/www.nytimes.com\/2006\/08\/23\/science\/23math.html?_r=1&amp;ref=science&amp;oref=slogin#1\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><\/a><\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Der Millennium-Preis 2010<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im M\u00e4rz 2010 beschloss das Clay Mathematics Institute, Perelman den <strong>Millennium-Preis<\/strong> \u00fcber eine Million US-Dollar zuzusprechen. Nach den urspr\u00fcnglichen Regeln h\u00e4tte Perelman eigentlich keinen Anspruch gehabt, da er seine Arbeit nicht in einer begutachteten Fachzeitschrift ver\u00f6ffentlicht hatte \u2013 doch das Institut \u00e4nderte angesichts der Tatsache, dass sein Beweis von mehreren unabh\u00e4ngigen Expertengruppen \u00fcberpr\u00fcft worden war, die Regeln und erkannte ihm den Preis zu.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Perelman <strong>lehnte auch diesen Preis ab<\/strong>. Im Juli 2010 teilte er dem Clay-Institut mit, er werde das Geld nicht annehmen. Als Grund nannte er seine Unzufriedenheit mit der Art und Weise, wie die mathematische Gemeinschaft organisiert ist \u2013 er war der Ansicht, der Beitrag zur L\u00f6sung der Poincar\u00e9-Vermutung sei nicht allein sein Verdienst. Sein Argument: <strong>Richard Hamiltons Beitrag sei ebenso bedeutend wie seiner<\/strong>, es w\u00e4re unfair, den Preis allein ihm zu geben.<a href=\"https:\/\/www.1tv.ru\/news\/2010-07-01\/140010-matematik_grigoriy_perelman_okonchatelno_otkazalsya_ot_premii_tysyacheletiya\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><\/a><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">R\u00fcckzug: Vom Genie zum Eremiten<\/h2>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Fr\u00fche Jahre<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Grigori Jakowlewitsch Perelman wurde am 13. Juni 1966 in Leningrad (dem heutigen St. Petersburg) geboren. Sein Vater war Elektroingenieur, seine Mutter unterrichtete Mathematik an einer technischen Hochschule. 1982 gewann er im Alter von 16 Jahren mit <strong>voller Punktzahl<\/strong> die Goldmedaille bei der Internationalen Mathematik-Olympiade in Budapest.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In den 1990er Jahren forschte Perelman einige Zeit in den USA, unter anderem an der UC Berkeley. Seine Lebensweise war bereits damals von extremer Gen\u00fcgsamkeit gepr\u00e4gt: Seine Wohnung war sp\u00e4rlich eingerichtet, er lebte von russischem Brot, K\u00e4se und Milch. Eine oft bemerkte Eigenheit: seine langen Fingern\u00e4gel, die zu schneiden er nicht f\u00fcr n\u00f6tig hielt. 1995 lehnte er Stellenangebote mehrerer renommierter amerikanischer Universit\u00e4ten ab und kehrte nach Russland zur\u00fcck, um am Steklow-Institut in St. Petersburg zu arbeiten. Ein Grund daf\u00fcr: Die amerikanischen Angebote waren keine festen Stellen, sondern nur Tenure-Track-Positionen; am Steklow-Institut konnte er ohne Lehrverpflichtungen und Publikationsdruck arbeiten.<a href=\"https:\/\/www.mathunion.org\/fileadmin\/IMU\/ICM2010\/offline\/www.icm2010.in\/wp-content\/icmfiles\/uploads\/Perelman.pdf#1#1\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><\/a><\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Das Leben nach der Mathematik<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nach der Ver\u00f6ffentlichung seiner Beweise und einer Vortragsreise durch die USA im Jahr 2003 brach Perelman den Kontakt zur akademischen Welt nahezu vollst\u00e4ndig ab. 2005 k\u00fcndigte er seine Stelle am Steklow-Institut. Seitdem lebt er zur\u00fcckgezogen in einer einfachen Wohnung im St. Petersburger Stadtbezirk <strong>Kupchino<\/strong> \u2013 dies wird durch russische Medienberichte aus dem Jahr 2026 gest\u00fctzt, eine offizielle Best\u00e4tigung gibt es jedoch nicht.<a href=\"https:\/\/www.vesti.ru\/ns\/sovetskaya-olimpijka-galoshi-i-grechka-kak-zhivet-genij-otshelnik-perelman\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><\/a><a href=\"https:\/\/online47.ru\/2026\/06\/10\/dlinnye-volosy-kaloshi-i-gryaznye-bryuki-kak-zhivet-geniy-matematiki-grigoriy-perelman-237654#1\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Berichten zufolge kauft er alle paar Wochen im Supermarkt in der N\u00e4he Vorr\u00e4te ein, vor allem <strong>Buchweizen<\/strong> und Konserven. Er tr\u00e4gt abgetragene Kleidung: eine graue, einst schwarze Jacke mit defektem Rei\u00dfverschluss, darunter eine sowjetische Trainingsjacke, dazu verschmutzte helle Hosen und Gummistiefel. Nachbarn berichten, er gr\u00fc\u00dfe mittlerweile das Verkaufspersonal, reagiere aber nicht auf weitere Fragen. Er hat keine feste Anstellung und lebt nach Angaben von Nachbarn von den Ersparnissen seiner Mutter und bescheidenen R\u00fccklagen.<a href=\"https:\/\/www.vesti.ru\/ns\/sovetskaya-olimpijka-galoshi-i-grechka-kak-zhivet-genij-otshelnik-perelman\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><\/a><\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Warum der R\u00fcckzug?<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Perelmans Motive bleiben schwer fassbar. Eine seiner wenigen ausf\u00fchrlichen \u00c4u\u00dferungen gegen\u00fcber der Presse stammt aus einem Interview mit dem \u201eNew Yorker&#8220; im Jahr 2006. Darin sagte er: \u201eNicht die Menschen, die ethische Standards brechen, gelten als Au\u00dfenseiter. Menschen wie ich werden isoliert.&#8220; Er deutete an, dass er durch die Annahme der Fields-Medaille die von ihm missbilligten Standards der Gemeinschaft akzeptieren w\u00fcrde. \u201eSolange ich unauff\u00e4llig war, hatte ich eine Wahl&#8220;, erkl\u00e4rte er. \u201eEntweder etwas H\u00e4ssliches zu tun&#8220; \u2013 n\u00e4mlich Aufruhr \u00fcber den Mangel an Integrit\u00e4t in der mathematischen Gemeinschaft zu machen \u2013 \u201eoder, wenn ich das nicht t\u00e4te, wie ein Haustier behandelt zu werden. Jetzt, da ich eine sehr auff\u00e4llige Person geworden bin, kann ich nicht mehr das Haustier sein und schweigen. Deshalb musste ich aufh\u00f6ren.&#8220;<a href=\"https:\/\/www.mathunion.org\/fileadmin\/IMU\/ICM2010\/offline\/www.icm2010.in\/wp-content\/icmfiles\/uploads\/Perelman.pdf#1#1\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der \u201eNew Yorker&#8220;-Artikel deckte auch eine Kontroverse um die chinesischen Mathematiker Cao Huaidong und Zhu Xiping auf. Das Duo ver\u00f6ffentlichte 2006 eine 300-seitige Arbeit, in der es behauptete, einen \u201evollst\u00e4ndigen Beweis&#8220; geliefert zu haben, und dabei die fr\u00fcheren Beitr\u00e4ge von Kleiner und Lott weitgehend ignorierte. Perelman \u00e4u\u00dferte sich dazu in einem Interview mit dem \u201eNew Yorker&#8220;: \u201eIch kann nicht sagen, dass ich emp\u00f6rt bin. Andere machen Schlimmeres. Nat\u00fcrlich gibt es viele Mathematiker, die mehr oder weniger ehrlich sind. Aber fast alle sind Konformisten. Sie sind mehr oder weniger ehrlich, aber sie tolerieren die Unehrlichen.&#8220; Diese Episode wird als einer der Ausl\u00f6ser f\u00fcr Perelmans endg\u00fcltigen R\u00fcckzug aus der akademischen Welt angesehen.<a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunk.de\/der-weisse-rabe-100.html#1\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><\/a><a href=\"http:\/\/archive.org\/stream\/Prof.Stenio.Musich-Grigori-Perelman-Mathematics\/perelman_djvu.txt#2\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><\/a><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Einordnung und Ausblick<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Perelmans Beweis der Poincar\u00e9-Vermutung und der Geometrisierungsvermutung ist einer der bedeutendsten Fortschritte der Mathematik des 21. Jahrhunderts. Die von ihm entwickelten Techniken \u2013 insbesondere seine Methode des \u201ereduzierten Volumens&#8220; und die No-Local-Collapsing-Theoreme \u2013 haben die geometrische Analysis nachhaltig gepr\u00e4gt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Seine Ablehnung der beiden h\u00f6chsten Ehrungen der Mathematik ist beispiellos. Sie wirft ein Schlaglicht auf die Spannung zwischen individueller wissenschaftlicher Arbeit und dem sozialen System, in dem sie stattfindet. Perelmans Weigerung, den Millennium-Preis allein anzunehmen, und seine Betonung von Hamiltons Beitrag sind ein bewusster Akt der Gerechtigkeit \u2013 oder zumindest dessen, was er f\u00fcr gerecht hielt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Jahr 2026 wird Perelman 60 Jahre alt. Er lebt weiterhin in St. Petersburg, k\u00fcmmert sich um seine \u00fcber 90-j\u00e4hrige Mutter und lehnt jede \u00f6ffentliche Aufmerksamkeit ab. Ein Film \u00fcber ihn ist in Vorbereitung, der Dokumentar- und Spielszenen verbinden und 2027 erscheinen soll. Doch unabh\u00e4ngig davon, wie die \u00d6ffentlichkeit ihn erinnert \u2013 Perelmans Geschichte bleibt eine der au\u00dfergew\u00f6hnlichsten der Wissenschaftsgeschichte: Ein Mann, der das schwierigste Problem seines Fachs l\u00f6ste und dann alles ablehnte, was die Gemeinschaft ihm daf\u00fcr anbot.<a href=\"https:\/\/online47.ru\/2026\/06\/10\/dlinnye-volosy-kaloshi-i-gryaznye-bryuki-kak-zhivet-geniy-matematiki-grigoriy-perelman-237654#1\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>\u00dcbersicht: Perelmans nicht angenommene Auszeichnungen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-table\"><table class=\"has-fixed-layout\"><thead><tr><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Jahr<\/th><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Auszeichnung<\/th><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Verleihende Institution<\/th><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Preisgeld<\/th><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Haltung Perelmans<\/th><\/tr><\/thead><tbody><tr><td>2006<\/td><td>Fields-Medaille<\/td><td>Internationale Mathematische Union (IMU)<\/td><td>Kein Preisgeld (nur Medaille)<\/td><td>Nicht zur Entgegennahme erschienen; \u201ev\u00f6llig irrelevant&#8220;<\/td><\/tr><tr><td>2010<\/td><td>Millennium-Preis<\/td><td>Clay Mathematics Institute<\/td><td>1 Million US-Dollar<\/td><td>Lehnte ab; Hamiltons Beitrag sei ebenso bedeutend<\/td><\/tr><\/tbody><\/table><\/figure>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Quellen<\/h2>\n\n\n\n<ol start=\"1\" class=\"wp-block-list\">\n<li>Lex \u2013 Danmarks Nationalleksikon, \u201eGrigorij Perelman&#8220;, 2023<a href=\"https:\/\/lex.dk\/Grigorij_Perelman?utm_campaign=DSDredirect&amp;utm_medium=redirect&amp;utm_source=denstoredanske.dk\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><\/a><\/li>\n\n\n\n<li>Deutschlandfunk, \u201eDer wei\u00dfe Rabe&#8220;, 3. Februar 2020<a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunk.de\/der-weisse-rabe-100.html#1\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><\/a><\/li>\n\n\n\n<li>\u041f\u0435\u0440\u0432\u044b\u0439 \u043a\u0430\u043d\u0430\u043b, \u201e\u041c\u0430\u0442\u0435\u043c\u0430\u0442\u0438\u043a \u0413\u0440\u0438\u0433\u043e\u0440\u0438\u0439 \u041f\u0435\u0440\u0435\u043b\u044c\u043c\u0430\u043d \u043e\u043a\u043e\u043d\u0447\u0430\u0442\u0435\u043b\u044c\u043d\u043e \u043e\u0442\u043a\u0430\u0437\u0430\u043b\u0441\u044f \u043e\u0442 \u041f\u0440\u0435\u043c\u0438\u0438 \u0442\u044b\u0441\u044f\u0447\u0435\u043b\u0435\u0442\u0438\u044f&#8220;, 1. Juli 2010<a href=\"https:\/\/www.1tv.ru\/news\/2010-07-01\/140010-matematik_grigoriy_perelman_okonchatelno_otkazalsya_ot_premii_tysyacheletiya\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><\/a><\/li>\n\n\n\n<li>Internationale Mathematische Union (IMU), \u201eGrigori Perelman&#8220; (PDF), ICM 2010<a href=\"https:\/\/www.mathunion.org\/fileadmin\/IMU\/ICM2010\/offline\/www.icm2010.in\/wp-content\/icmfiles\/uploads\/Perelman.pdf#1#1\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><\/a><\/li>\n\n\n\n<li>\u0412\u0435\u0441\u0442\u0438.Ru, \u201e\u0421\u043e\u0432\u0435\u0442\u0441\u043a\u0430\u044f \u043e\u043b\u0438\u043c\u043f\u0438\u0439\u043a\u0430, \u0433\u0430\u043b\u043e\u0448\u0438 \u0438 \u0433\u0440\u0435\u0447\u043a\u0430: \u043a\u0430\u043a \u0436\u0438\u0432\u0435\u0442 \u0433\u0435\u043d\u0438\u0439-\u043e\u0442\u0448\u0435\u043b\u044c\u043d\u0438\u043a \u041f\u0435\u0440\u0435\u043b\u044c\u043c\u0430\u043d&#8220;, 24. September 2026<a href=\"https:\/\/www.vesti.ru\/ns\/sovetskaya-olimpijka-galoshi-i-grechka-kak-zhivet-genij-otshelnik-perelman\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><\/a><\/li>\n\n\n\n<li>CORDIS (Europ\u00e4ische Kommission), \u201eRussisches Genie l\u00f6st ber\u00fchmtes Mathematikproblem, aber lehnt Fields-Medaille ab&#8220;, 22. August 2006<a href=\"https:\/\/cordis.europa.eu\/article\/id\/26212-russian-genius-solves-million-dollar-problem-but-declines-fields-medal\/de#1\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><\/a><\/li>\n\n\n\n<li>Physics Today, \u201eMathematician turns down $1 million prize for proving the Poincar\u00e9 conjecture&#8220;, 2. Juli 2010<a href=\"https:\/\/physicstoday.aip.org\/news\/mathematician-turns-down-1-million-prize-for-proving-the-poincare-conjecture\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><\/a><\/li>\n\n\n\n<li>The New York Times, \u201ePrestigious Award, &#8218;Nobel&#8216; of Mathematics, Fails to Lure Reclusive Russian Problem Solver&#8220;, 23. August 2006<a href=\"https:\/\/www.nytimes.com\/2006\/08\/23\/science\/23math.html?_r=1&amp;ref=science&amp;oref=slogin#1\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><\/a><\/li>\n\n\n\n<li>The New York Times, \u201eGrigori Perelman&#8217;s Beautiful Mind&#8220; (Buchrezension zu Masha Gessen, <em>Perfect Rigor<\/em>), 13. Dezember 2009<a href=\"https:\/\/www.nytimes.com\/2009\/12\/13\/books\/review\/Hoffman-t.html?scp=2&amp;sq=mathematics&amp;st=cse#1\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><\/a><\/li>\n\n\n\n<li>arXiv, \u201ePerelman, Poincar\u00e9, and the Ricci Flow&#8220;, 2008<a href=\"https:\/\/ar5iv.labs.arxiv.org\/html\/0803.0150#1\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><\/a><\/li>\n\n\n\n<li>Online47, \u201e\u0414\u043b\u0438\u043d\u043d\u044b\u0435 \u0432\u043e\u043b\u043e\u0441\u044b, \u043a\u0430\u043b\u043e\u0448\u0438 \u0438 \u0433\u0440\u044f\u0437\u043d\u044b\u0435 \u0431\u0440\u044e\u043a\u0438: \u041a\u0430\u043a \u0436\u0438\u0432\u0435\u0442 \u0433\u0435\u043d\u0438\u0439 \u043c\u0430\u0442\u0435\u043c\u0430\u0442\u0438\u043a\u0438 \u0413\u0440\u0438\u0433\u043e\u0440\u0438\u0439 \u041f\u0435\u0440\u0435\u043b\u044c\u043c\u0430\u043d&#8220;, 10. Juni 2026<a href=\"https:\/\/online47.ru\/2026\/06\/10\/dlinnye-volosy-kaloshi-i-gryaznye-bryuki-kak-zhivet-geniy-matematiki-grigoriy-perelman-237654#1\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><\/a><\/li>\n\n\n\n<li>Internet Archive, \u201eProf. Stenio Musich \u2013 Grigori Perelman \u2013 Mathematics&#8220; (Dokumentation zur Cao-Zhu-Kontroverse)<a href=\"http:\/\/archive.org\/stream\/Prof.Stenio.Musich-Grigori-Perelman-Mathematics\/perelman_djvu.txt#2\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><\/a><\/li>\n<\/ol>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von DerSchneider Einleitung In der Geschichte der Wissenschaft gibt es nur wenige Gestalten, die sich so hartn\u00e4ckig den \u00fcblichen Erz\u00e4hlungen von Ruhm, Anerkennung und Erfolg widersetzen wie Grigori Perelman. Im Jahr 2002 ver\u00f6ffentlichte dieser russische Mathematiker auf einem offenen Preprint-Server drei knappe Arbeiten, die ein Jahrhundertproblem der Mathematik l\u00f6sten \u2013 die Poincar\u00e9-Vermutung. 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