{"id":772,"date":"2026-03-04T10:09:27","date_gmt":"2026-03-04T09:09:27","guid":{"rendered":"https:\/\/iobseu-xejul.wordpress.com\/?p=772"},"modified":"2026-03-04T10:09:27","modified_gmt":"2026-03-04T09:09:27","slug":"die-4-uhr-morgens-revolution-wie-zwei-mathematiker-die-computer-aus-dem-keller-holten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/technodidact.de\/en\/die-4-uhr-morgens-revolution-wie-zwei-mathematiker-die-computer-aus-dem-keller-holten\/","title":{"rendered":"Die 4 Uhr morgens-Revolution: Wie zwei Mathematiker die Computer aus dem Keller holten"},"content":{"rendered":"<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Hanover, New Hampshire, basement of College Hall. 1. Mai 1964, vier Uhr morgens.<\/strong>&nbsp;Es riecht nach kaltem Kaffee, Ozongeruch von den L\u00fcftern der gerade installierten GE-225-Anlage mischt sich mit dem Abrieb der Papierstreifen, die sich wie Konfetti um die St\u00fchle der Studenten h\u00e4ufen. Zwei von ihnen, Michael Busch und John McGeachie, starren auf benachbarte Terminals. Ihre Finger schweben \u00fcber den Tasten. Auf dem Bildschirm flackert die kryptische Anzeige &#8222;READY&#8220;. Sie atmen tief ein, tippen fast gleichzeitig das Wort &#8222;RUN&#8220; und dr\u00fccken die Eingabetaste. Die L\u00fcfter summen. Das Bandlaufwerk klackert. Und dann, nach einer Sekunde, die sich anf\u00fchlt wie eine Ewigkeit, erscheint auf beiden Bildschirmen eine Zahl. Das richtige Ergebnis. In der einen Ecke des Raumes, mit verschr\u00e4nkten Armen und Augenringen, die Geschichten erz\u00e4hlen, stehen zwei M\u00e4nner, die \u00e4lter aussehen als ihre 38 und 36 Jahre. John Kemeny und Thomas Kurtz grinsen sich an wie die Schuljungen, denen der gro\u00dfe Coup gelungen ist. In diesem Moment, in dieser staubigen Kellernische, wurde der Computer aus seinem Elfenbeinturm befreit.&nbsp;<a href=\"https:\/\/faculty.dartmouth.edu\/artsandsciences\/news\/2024\/11\/remembering-computing-legend-thomas-kurtz\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">1. Der Prolog \u2013 Die verpasste Gelegenheit<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Stell dir vor: Du schreibst ein Programm. Nicht in Python, nicht in C++, nicht mit tausend Bibliotheken. Du punchst es in Karten, stapelst sie s\u00e4uberlich und gibst sie einem Mann im wei\u00dfen Kittel. Dann f\u00e4hrst du nach Hause. Am n\u00e4chsten Morgen holst du die Karten und einen dicken Stapel Endlospapier ab. Darauf steht: &#8222;Syntaxfehler in Zeile 2&#8220;. Du hast ein Komma vergessen. Eine ganze Nacht verloren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">So sah Programmieren in den sp\u00e4ten 50ern und fr\u00fchen 60ern aus. Die gro\u00dfen Maschinen \u2013 IBM, UNIVAC \u2013 waren Orakel, die man nur durch Hohepriester befragen konnte. Sie standen in klimatisierten R\u00e4umen hinter Glas. Wer rechnen wollte, musste sich unterwerfen: dem Batch-Betrieb, der Hierarchie, den undurchschaubaren Sprachen wie FORTRAN oder ALGOL.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In den Akten des Dartmouth College, die heute im Universit\u00e4tsarchiv liegen, findet sich ein Schrieb aus dem Jahr 1962. Es ist ein Zettel, fast beil\u00e4ufig, auf dem der Mathematik-Professor John Kemeny eine Idee skizziert: &#8222;Wir m\u00fcssen den Studenten den Computer so zug\u00e4nglich machen wie die Bibliothek.&#8220; Nicht nur den Ingenieuren, nicht nur den Physikern. Allen. Den Philosophen, den Musikern, den Poeten. Eine &#8222;Open-Stack-Computing&#8220;-Idee, wie sein Kollege Kurtz es sp\u00e4ter nannte \u2013 so wie man in Dartmouth einfach ins Regal greifen konnte, um ein Buch zu holen.&nbsp;<a href=\"https:\/\/faculty.dartmouth.edu\/artsandsciences\/news\/2024\/11\/remembering-computing-legend-thomas-kurtz\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Welt lachte. Das war eine &#8222;vollkommen verr\u00fcckte Idee&#8220;, wie Kurtz Jahre sp\u00e4ter in einem Videointerview mit einem schelmischen L\u00e4cheln zugab. Aber genau diese Verr\u00fccktheit sollte die Welt ver\u00e4ndern.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">2. Der Mensch \u2013 Der Ungar und der Statistiker<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">John G. Kemeny und Thomas E. Kurtz h\u00e4tten unterschiedlicher nicht sein k\u00f6nnen, und doch erg\u00e4nzten sie sich wie Anode und Kathode.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>John Kemeny<\/strong>&nbsp;war der Blitz. Geboren 1926 in Budapest als Kem\u00e9ny J\u00e1nos Gy\u00f6rgy, floh seine j\u00fcdische Familie 1940 vor dem Naziterror nach New York&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.oxfordreference.com\/display\/10.1093\/oi\/authority.20110803100033181?d=%2F10.1093%2Foi%2Fauthority.20110803100033181&amp;p=emailA61U.Ds1Dr57Y&amp;print\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a><a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/John_George_Kemeny\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>. Mit 17 ging er nach Princeton, wurde aber bald von der Army f\u00fcr das Manhattan Project abkommandiert. Stell dir das vor: Ein Teenager, der in Los Alamos an der ersten Atombombe rechnet und eine dieser riesigen IBM-Maschinen bedient. Sein Vorgesetzter war Richard Feynman. Am Rande traf er John von Neumann, den Vater der Spieltheorie. Zur\u00fcck in Princeton wurde er Forschungsassistent von Albert Einstein. Ja, richtig gelesen:&nbsp;<strong>Er half Einstein bei Matheaufgaben<\/strong>&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.britannica.com\/biography\/John-George-Kemeny\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a><a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/John_George_Kemeny\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">1949 promovierte er, 1953 ging er als Professor nach Dartmouth. Kemeny war ein Naturtalent, ein Vision\u00e4r, der Mathematik nicht als trockene \u00dcbung verstand, sondern als Werkzeug des Denkens. Sein Nachlass, der heute in der Bibliothek von Dartmouth liegt, ist voll von Notizen \u00fcber &#8222;Finite Mathematics&#8220; \u2013 ein Fach, das er f\u00fcr Studenten der Biologie und Sozialwissenschaften erfand, weil er wusste, dass die reine Analysis ihnen nichts brachte&nbsp;<a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/John_George_Kemeny\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Thomas Kurtz<\/strong>&nbsp;war die Erde. Geboren 1928 in Oak Park, Illinois, ein waschechter Amerikaner, der 1951 in Los Angeles an der SWAC \u2013 einem der ersten elektronischen Computer der USA \u2013 seinen ersten Code schrieb&nbsp;<a href=\"https:\/\/faculty.dartmouth.edu\/artsandsciences\/news\/2024\/11\/remembering-computing-legend-thomas-kurtz\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>. W\u00e4hrend Kemeny die gro\u00dfen Zusammenh\u00e4nge sah, war Kurtz der Pragmatiker, der Statistiker, derjenige, der wusste, wie man eine Maschine zum Laufen bringt. Als Kemeny ihn 1956 nach Dartmouth holte, begann Kurtz sofort mit der Plackerei. Damals hatte Dartmouth noch keinen eigenen Rechner. Also nahm Kurtz die Lochkarten seiner Studenten, verstaute sie in einem st\u00e4hlernen Koffer,&nbsp;<strong>nahm den Zug um 6:20 Uhr ab White River Junction<\/strong>&nbsp;und fuhr damit zum MIT. Dort gab er die Karten ab, wartete drei Stunden, nahm die Ergebnisse und fuhr zur\u00fcck. Eine 24-Stunden-Fr\u00fchschicht f\u00fcr eine einzige Programmr\u00fcckmeldung&nbsp;<a href=\"https:\/\/faculty.dartmouth.edu\/artsandsciences\/news\/2024\/11\/remembering-computing-legend-thomas-kurtz\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese l\u00e4cherliche Prozedur brannte sich in sein Ged\u00e4chtnis. Es musste einen besseren Weg geben.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">3. Das Problem \u2013 Die Mauer im Kopf<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Problem war nicht nur technisch, es war sozial. Die vorhandenen Sprachen \u2013 FORTRAN f\u00fcr Formel\u00fcbersetzer, ALGOL f\u00fcr Algorithmen \u2013 waren von Ingenieuren f\u00fcr Ingenieure gemacht. Sie waren m\u00e4chtig, aber sie waren auch voller Fallstricke. &#8222;Sie waren voller Interpunktionsregeln, deren Notwendigkeit nicht v\u00f6llig klar war und die sich die Leute deshalb nicht merken konnten&#8220;, erinnerte sich Kurtz sp\u00e4ter&nbsp;<a href=\"https:\/\/faculty.dartmouth.edu\/artsandsciences\/news\/2024\/11\/remembering-computing-legend-thomas-kurtz\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kemeny, der die mathematischen Grundlagen der Logik studiert hatte, sah das Problem klarer: Die Syntax war eine Barriere, die die meisten Menschen aussperrte. Wer ein Problem l\u00f6sen wollte, musste erst die Geheimnisse einer obskuren Sprache lernen. Das war, als w\u00fcrde man verlangen, dass jeder, der einen Brief schreiben will, erst mal eine Druckerpresse bauen muss.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hinzu kam das System. 1961 kaufte Dartmouth endlich einen eigenen Rechner, einen LGP-30. Kurtz gab offene Vorlesungen, und die Studenten st\u00fcrzten sich darauf. Sie tippten Gedichte von Wallace Stevens auf Papierstreifen und lie\u00dfen den Computer Konkordanzen dazu ausrechnen. Gelbe Endlospapier-Streifen tauchten \u00fcberall auf dem Campus auf \u2013 sehr zum Missfallen der traditionellen Fakult\u00e4t. &#8222;Die Studenten geben ihre Hausarbeiten auf diesem gelben Papier ab, da ist etwas im Gange&#8220;, zitiert Kurtz einen verwunderten Ingenieursprofessor&nbsp;<a href=\"https:\/\/faculty.dartmouth.edu\/artsandsciences\/news\/2024\/11\/remembering-computing-legend-thomas-kurtz\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber es reichte nicht. Der LGP-30 konnte immer nur einen Benutzer zur Zeit bedienen. Die Warteschlangen wurden l\u00e4nger, die Frustration wuchs. Was nutzte die beste Maschine, wenn man wieder warten musste?<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">4. Der Bau \u2013 Das &#8222;vollkommen verr\u00fcckte&#8220; Projekt<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Durchbruch kam, als John McCarthy \u2013 ja, der McCarthy, der den Begriff &#8222;K\u00fcnstliche Intelligenz&#8220; pr\u00e4gte \u2013 Dartmouth 1962 in Richtung MIT verlie\u00df. Er warf einen Blick zur\u00fcck und sagte zu Kurtz: &#8222;Ihr solltet mal \u00fcber Timesharing nachdenken.&#8220;&nbsp;<a href=\"https:\/\/faculty.dartmouth.edu\/artsandsciences\/news\/2024\/11\/remembering-computing-legend-thomas-kurtz\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Timesharing bedeutete: Viele Benutzer sitzen gleichzeitig an einfachen Terminals, und der m\u00e4chtige Zentralrechner teilt seine Rechenzeit so schnell zwischen ihnen auf, dass jeder das Gef\u00fchl hat, die Maschine geh\u00f6re ihm allein. Eine radikale Idee.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kurtz erz\u00e4hlte es Kemeny. Und Kemeny, der Vision\u00e4r, f\u00fcgte eine zweite, noch radikalere Idee hinzu: &#8222;Lass uns das&nbsp;<strong>mit Studenten bauen<\/strong>.&#8220;&nbsp;<a href=\"https:\/\/faculty.dartmouth.edu\/artsandsciences\/news\/2024\/11\/remembering-computing-legend-thomas-kurtz\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">1963 beantragte Kemeny bei der National Science Foundation Geld f\u00fcr eine GE-225-Maschine. Die Gutachter waren skeptisch. Ein Professor, der mit Undergraduates ein Betriebssystem bauen wollte? Das war Wahnsinn. Aber sie gaben das Geld. Vielleicht, weil sie es selbst nicht glaubten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Herbst 1963 ging es los. Die Studenten \u2013 unter ihnen Mike Busch und John McGeachie \u2013 zogen praktisch in den Keller von College Hall ein. Sie schliefen unter Schreibtischen, a\u00dfen Pizza, schrieben Code. Kemeny und Kurtz waren die Taktgeber, aber die H\u00e4nde, die die Dr\u00e4hte zogen und die Lochstreifen lasen, geh\u00f6rten den Zwanzigj\u00e4hrigen. In den Archiven von Dartmouth, in der Mappe MS-1144, liegen noch heute ihre handschriftlichen Notizen, die Patches, die n\u00e4chtlichen Korrekturen \u2013 ein Denkmal f\u00fcr eine andere Art von Ingenieurskunst&nbsp;<a href=\"https:\/\/archives-manuscripts.dartmouth.edu\/search?utf8=%e2%9c%93&amp;q%5b%5d=ms1144&amp;commit=Search&amp;op%5b%5d=&amp;filter_fields%5b%5d=level&amp;filter_values%5b%5d=collection\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gleichzeitig arbeiteten Kemeny und Kurtz fieberhaft an der neuen Sprache. Sie sollte einfach sein:&nbsp;<strong>Jeder Befehl sollte mit einem englischen Wort beginnen<\/strong>. Keine kryptischen Abk\u00fcrzungen. Keine Zeigerarithmetik. Einfach:&nbsp;<code>PRINT \"HALLO WELT\"<\/code>. Oder:&nbsp;<code>INPUT A<\/code>. Sie nannten es erst &#8222;Dartmouth Simplified Code&#8220;, dann &#8222;Dartmouth Oversimplified Programming Experiment&#8220;, bis sie den Namen fanden, der sitzen blieb:&nbsp;<strong>BASIC \u2013 Beginner\u2018s All-purpose Symbolic Instruction Code<\/strong>&nbsp;<a href=\"https:\/\/faculty.dartmouth.edu\/artsandsciences\/news\/2024\/11\/remembering-computing-legend-thomas-kurtz\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">5. Das Herzst\u00fcck \u2013 Die 14 Gebote<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Genialit\u00e4t von BASIC liegt nicht in dem, was es konnte, sondern in dem, was es&nbsp;<strong>weglie\u00df<\/strong>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die urspr\u00fcngliche Version hatte gerade einmal&nbsp;<strong>14 Befehle<\/strong>&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.technologyreview.com\/2001\/10\/01\/235511\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>. Vierzehn! Das ist weniger, als man heute f\u00fcr eine Smartphone-App braucht.&nbsp;<code>LET<\/code>,&nbsp;<code>PRINT<\/code>,&nbsp;<code>END<\/code>,&nbsp;<code>GOTO<\/code>,&nbsp;<code>IF...THEN<\/code>&nbsp;\u2013 das war das Vokabular. Keine Datentyp-Deklarationen (jede Variable war entweder Zahl oder String, erkennbar am $-Zeichen), keine Speicherverwaltung, keine Einr\u00fcckungszw\u00e4nge. Jede Zeile bekam eine Nummer. Diese Nummern waren der Clou: Sie waren das R\u00fcckgrat des Editors, denn es gab noch keine Bildschirme mit Cursorn. Man tippte&nbsp;<code>LIST<\/code>, und der Computer spuckte das Programm auf der Rolle Papier aus. Wollte man eine Zeile \u00e4ndern, tippte man einfach eine neue Zeile mit der gleichen Nummer. Wollte man einf\u00fcgen, w\u00e4hlte man eine Nummer dazwischen. Simpler ging es nicht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber BASIC allein w\u00e4re nur eine weitere Sprache geblieben, wenn Kemeny und Kurtz nicht das zweite Herzst\u00fcck gebaut h\u00e4tten: das&nbsp;<strong>Dartmouth Time-Sharing System (DTSS)<\/strong>&nbsp;. Die Studenten im Keller programmierten das Betriebssystem so, dass es die Rechenzeit in so schnellen H\u00e4ppchen verteilte, dass selbst 20 Terminals gleichzeitig fl\u00fcssig liefen. Und sie erfanden einen &#8222;Minimal-Editor&#8220;, der auf einer simplen Teletype-Maschine (Modell ASR-33) lief \u2013 einer lauten, h\u00e4mmernden Schreibmaschine, die Buchstaben auf eine Papierrolle stampfte und den Befehl an die Zentrale funkte&nbsp;<a href=\"https:\/\/faculty.dartmouth.edu\/artsandsciences\/news\/2024\/11\/remembering-computing-legend-thomas-kurtz\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Clou war der&nbsp;<strong>sofortige R\u00fcckkanal<\/strong>. Im Gegensatz zum Batch-Betrieb, wo man erst am n\u00e4chsten Tag erfuhr, ob der Code lief, bekam der Student auf dem Teletype sofort die Antwort.&nbsp;<code>Syntax error<\/code>&nbsp;\u2013 und er konnte sofort in Zeile 20 nachschauen, den Fehler korrigieren und neu starten.&nbsp;<strong>Programmieren wurde zu einem Dialog, nicht zu einem Gebet.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In der Patentschrift \u2013 oder vielmehr in den NSF-Berichten, die Kemeny und Kurtz dar\u00fcber verfassten \u2013 steht ein Satz, der alles erkl\u00e4rt: &#8222;Das System wurde so entworfen, dass der Benutzer keine Kenntnisse \u00fcber die Betriebsabl\u00e4ufe des Computers ben\u00f6tigt.&#8220;&nbsp;<a href=\"https:\/\/searchursus.maine.edu\/iii\/encore\/record\/C__Rb4138356__SKurtz,%20Thomas%20E__P0,2__Orightresult__X3?lang=eng&amp;suite=def&amp;ivts=7ZeS%2BRZO%2BhHPeQigRPnEJg%3D%3D&amp;casts=qsNdLT0pgEkcZX2nS6bAKg%3D%3D\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>&nbsp;Ein radikaler Bruch mit der Vergangenheit.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">6. Das Ende \u2013 Der Sieg und die Entt\u00e4uschung<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der 1. Mai 1964 war der Moment des Triumphes. Aber das wahre Genie von Kemeny und Kurtz war nicht die Technik. Es war die Entscheidung, die sie danach trafen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie patentierten BASIC nicht. Sie stellten es nicht unter Copyright. Sie legten die Software&nbsp;<strong>in die Public Domain<\/strong>&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.oxfordreference.com\/display\/10.1093\/oi\/authority.20110803100033181?d=%2F10.1093%2Foi%2Fauthority.20110803100033181&amp;p=emailA61U.Ds1Dr57Y&amp;print\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a><a href=\"https:\/\/technews.tw\/2024\/11\/15\/thomas-kurtz-co-creator-of-computer-language-basic-dies-at-96\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie wollten, dass es sich verbreitet. Und das tat es. General Electric, ihr Lieferant, nahm das Timesharing-System mit und bot es kommerziell an. Pl\u00f6tzlich konnten Firmen und Schulen im ganzen Land ein Telefonmodem benutzen, sich in einen GE-Rechner einw\u00e4hlen und in BASIC programmieren. Kurtz sch\u00e4tzte sp\u00e4ter: &#8222;Noch bevor Bill Gates \u00fcberhaupt auf den Plan trat, wussten weltweit f\u00fcnf Millionen Menschen, wie man in BASIC programmiert.&#8220;&nbsp;<a href=\"https:\/\/faculty.dartmouth.edu\/artsandsciences\/news\/2024\/11\/remembering-computing-legend-thomas-kurtz\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und dann kam 1975. Zwei junge Burschen namens Bill Gates und Paul Allen lasen in der Zeitschrift&nbsp;<em>Popular Electronics<\/em>&nbsp;von einem neuen Kasten, dem&nbsp;<strong>Altair 8800<\/strong>, dem ersten Personal Computer. Sie erkannten, dass diese kleine Maschine eine Sprache brauchte. Eine einfache, schlanke Sprache. Also schrieben sie Altair BASIC. Es war der Anfang von Microsoft. Die Firma wurde gro\u00df, weil sie auf der Idee von zwei Mathematikern aus Dartmouth ritt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch hier beginnt die Trag\u00f6die. Gates und Allen, und sp\u00e4ter Apple und all die anderen, nahmen BASIC und schlachteten es aus. Sie f\u00fcgten tausende Befehle hinzu, propriet\u00e4re Erweiterungen, grafische Elemente. Die schlanke, klare Sprache wurde zu einem undurchschaubaren Monstrum. Kemeny und Kurtz waren entsetzt. Sie nannten diese Ableger ver\u00e4chtlich &#8222;Street BASIC&#8220;&nbsp;<a href=\"https:\/\/technews.tw\/2024\/11\/15\/thomas-kurtz-co-creator-of-computer-language-basic-dies-at-96\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>. 1983, als sie sahen, wie ihr Kind missbraucht wurde, gr\u00fcndeten sie die Firma&nbsp;<strong>True BASIC<\/strong>, um eine saubere, plattformunabh\u00e4ngige Version zu retten&nbsp;<a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/John_George_Kemeny\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>. Es war ein Kampf gegen Windm\u00fchlen. Die Industrie hatte die Hoheit \u00fcbernommen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im November 2024 starb Thomas Kurtz im Alter von 96 Jahren&nbsp;<a href=\"https:\/\/faculty.dartmouth.edu\/artsandsciences\/news\/2024\/11\/remembering-computing-legend-thomas-kurtz\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>. Mit ihm ging der letzte der beiden V\u00e4ter der einfachen Programmierung.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">7. Der Epilog \u2013 Was bleibt?<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn du heute dein Smartphone nimmst, eine App \u00f6ffnest und gedankenlos durch Men\u00fcs wischst, denk an die Szene im Keller. An die 4 Uhr morgens-Revolution. An die beiden M\u00e4nner, die glaubten, dass der Zugang zu Wissen kein Privileg sein darf.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Feuerfunke ihrer Idee ist l\u00e4ngst vergl\u00fcht. BASIC ist tot \u2013 zumindest als ernsthafte Programmiersprache. Aber sein Geist lebt weiter. In jeder grafischen Oberfl\u00e4che, in jeder Skriptsprache, die sofort ausprobiert werden kann, in jeder API, die ein &#8222;Hello World&#8220; in drei Zeilen erlaubt, steckt ein St\u00fcck von Kemeny und Kurtz.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie waren keine Gesch\u00e4ftemacher, sie waren Techniker, die Geschichten erz\u00e4hlten \u2013 und die gr\u00f6\u00dfte Geschichte war die, dass jeder seine eigene Geschichte erz\u00e4hlen k\u00f6nnen sollte. In den Akten des Patentamts, die heute im Bundesarchiv liegen, findet man viele Patente f\u00fcr viele Maschinen. Aber die gr\u00f6\u00dfte Erfindung ist manchmal die, die man nicht patentiert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In einer Ausgabe der Zeitschrift &#8222;Dartmouth Alumni Magazine&#8220; von 1985 schrieb Kemeny einmal: &#8222;Egal wie m\u00e4chtig die Sprache wurde, wir haben nie die Bed\u00fcrfnisse der Anf\u00e4nger vergessen.&#8220;&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.technologyreview.com\/2001\/10\/01\/235511\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>&nbsp;Daran sollten wir denken, wenn wir das n\u00e4chste Mal ein Ger\u00e4t wegwerfen, weil wir es nicht verstehen, oder eine Software nicht nutzen, weil sie zu kompliziert ist. Technik muss dienen, nicht herrschen. Das ist die Lektion des Ungarn und des Statistikers.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hanover, New Hampshire, basement of College Hall. 1. Mai 1964, vier Uhr morgens.&nbsp;Es riecht nach kaltem Kaffee, Ozongeruch von den L\u00fcftern der gerade installierten GE-225-Anlage mischt sich mit dem Abrieb der Papierstreifen, die sich wie Konfetti um die St\u00fchle der Studenten h\u00e4ufen. Zwei von ihnen, Michael Busch und John McGeachie, starren auf benachbarte Terminals. Ihre [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[11,27,36],"tags":[],"class_list":["post-772","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-aus-dem-bauch-heraus","category-personlichkeiten","category-technologiegeschichte"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/technodidact.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/772","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/technodidact.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/technodidact.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/technodidact.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/technodidact.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=772"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/technodidact.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/772\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/technodidact.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=772"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/technodidact.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=772"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/technodidact.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=772"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}