{"id":780,"date":"2026-03-04T10:09:27","date_gmt":"2026-03-04T09:09:27","guid":{"rendered":"https:\/\/iobseu-xejul.wordpress.com\/?p=780"},"modified":"2026-03-04T10:09:27","modified_gmt":"2026-03-04T09:09:27","slug":"die-pille-und-der-preis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/technodidact.de\/en\/die-pille-und-der-preis\/","title":{"rendered":"Die Pille und der Preis"},"content":{"rendered":"<h2 class=\"wp-block-heading\">Was der Milzbrand-Herbst 2001 \u00fcber Patente, Profit und Prinzipien verriet<\/h2>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">1. Der Prolog \u2013 Als das wei\u00dfe Pulver nach Amerika kam<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es ist der 4. Oktober 2001, drei Wochen nach dem Tag, der die Welt ver\u00e4nderte. Drei Wochen nach dem Rauch, dem Staub, den einst\u00fcrzenden T\u00fcrmen. Amerika ist noch im Schock, als in den Redaktionsr\u00e4umen des&nbsp;<em>Sun<\/em>-Tabloids in Boca Raton, Florida, ein seltsamer Briefumschlag auftaucht. Robert Stevens, Foto-Redakteur, 63 Jahre alt, \u00f6ffnet ihn. Drei Tage sp\u00e4ter liegt er auf der Intensivstation. Die Diagnose: Milzbrand. Inhalationsmilzbrand. Die t\u00f6dlichste Form. Die, gegen die es fast kein Zur\u00fcck gibt&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.bmj.com\/content\/323\/7320\/1023.1.long\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Am 8. Oktober ist Robert Stevens tot. Der erste Mensch, der in den USA seit 25 Jahren an Milzbrand stirbt. Nicht auf dem Schlachtfeld, nicht im Labor \u2013 am eigenen Schreibtisch.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was jetzt folgt, ist eine Panik, die sich langsam, aber unaufhaltsam ausbreitet. Briefe mit feinem, wei\u00dfem Pulver tauchen auf. Im B\u00fcro des Mehrheitsf\u00fchrers im Senat, Tom Daschle. Im B\u00fcro von Senator Patrick Leahy. In den Redaktionen der gro\u00dfen Fernsehsender. Das wei\u00dfe Pulver rieselt aus Kuverts, rieselt auf Teppiche, rieselt in die Lungen von Postangestellten, die nichts ahnen. Zuerst sind es f\u00fcnf Infizierte, dann zehn, dann mehr. Zw\u00f6lf Menschen erkranken schwer, f\u00fcnf sterben&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.bmj.com\/content\/323\/7320\/1023.1.long\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und im ganzen Land, in jeder Apotheke, an jedem K\u00fcchentisch, f\u00e4llt ein Name:&nbsp;<strong>Cipro<\/strong>. Ciprofloxacin. Das einzige Antibiotikum, das von der US-Arzneimittelbeh\u00f6rde FDA ausdr\u00fccklich f\u00fcr die Behandlung von Inhalationsmilzbrand zugelassen ist&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.bmj.com\/content\/323\/7320\/1023.1.long\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a><a href=\"https:\/\/de.m.wikipedia.org\/w\/index.php?title=Ciprofloxacin#p-lang\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>. Ein Name wie eine Litanei. Cipro, Cipro, Cipro.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Nachfrage explodiert. Nicht nur bei der Regierung, die einen nationalen Vorrat anlegen will. Auch bei ganz normalen Menschen. In den Apotheken kosten die Tabletten vier bis f\u00fcnf Dollar pro St\u00fcck, manchmal mehr&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.manager-magazin.de\/unternehmen\/artikel\/a-164200.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>. Die Regierung zahlt vor den Anschl\u00e4gen 1,77 Dollar pro Tablette \u2013 f\u00fcr Gro\u00dfabnehmer ein hoher Preis, aber das ist der Preis des Monopols&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.bmj.com\/content\/323\/7320\/1023.1.long\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Denn Cipro hat nur einer:&nbsp;<strong>Bayer<\/strong>. Der deutsche Konzern h\u00e4lt das Patent. Und Patente, das wei\u00df jeder, der schon mal versucht hat, ein Ersatzteil f\u00fcr einen alten Staubsauger zu finden, sind keine Belohnung. Sie sind ein Monopol. Ein staatlich verliehenes Monopol. Und in diesem Herbst, in diesem Amerika voller Angst, wird dieses Monopol zur Zerrei\u00dfprobe.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wem geh\u00f6rt das Leben, wenn der Tod im Briefkasten liegt? Und was ist ein Leben wert \u2013 in Dollar, in Cent, in Prinzipien?<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">2. Der Mensch \u2013 Klaus Grohe und die Nacht, in der das Molek\u00fcl entstand<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bevor wir \u00fcber Patente reden, \u00fcber Preise und \u00fcber Politik, m\u00fcssen wir \u00fcber einen Mann reden. Einen Chemiker. Einen, der nachts nicht schlafen konnte. Einen, der gegen seine eigene Firma k\u00e4mpfen musste, um ihr das zu geben, was sie sp\u00e4ter retten w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Klaus Grohe.<\/strong>&nbsp;Jahrgang 1934, geboren in Ludwigshafen am Rhein. Studium der Chemie in W\u00fcrzburg, Promotion 1964 \u00fcber Pyridinderivate \u2013 eine Arbeit, die heute nur noch Spezialisten verstehen, die aber zeigt, worum es ihm ging: um die Struktur, um das Innenleben, um die Frage, wie man Molek\u00fcle baut, die in der Natur nicht vorkommen, aber trotzdem wirken&nbsp;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Klaus_Peter_Grohe\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">1965 tritt er in das Wissenschaftliche Hauptlaboratorium der Bayer AG in Leverkusen ein. Ein junger Chemiker, voller Ideen. Sein erster Gang f\u00fchrt ihn zu seinem Chef, dem gro\u00dfen Otto Bayer (der \u00fcbrigens nicht mit dem Konzern verwandt war, aber dessen Namen trug). Grohe sagt: \u201eIch m\u00f6chte eigenen Ideen nachgehen.\u201c Das ist kein Gr\u00f6\u00dfenwahn. Das ist das Programm eines Mannes, der verstanden hat, dass die gro\u00dfen Entdeckungen nicht am Flie\u00dfband entstehen, sondern in den stillen Stunden, wenn alle anderen l\u00e4ngst schlafen&nbsp;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Klaus_Peter_Grohe\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In den 1970er Jahren forscht Grohe an einer neuen Klasse von Antibiotika, den&nbsp;<strong>Fluorchinolonen<\/strong>. Die Idee: Penicillin und seine Verwandten greifen die Zellwand der Bakterien an. Aber Bakterien sind lernf\u00e4hig. Sie werden resistent. Also muss man sie woanders packen. An einer Stelle, die sie nicht einfach ver\u00e4ndern k\u00f6nnen. Grohes Ziel: die&nbsp;<strong>Gyrase<\/strong>, ein Enzym, das die bakterielle DNA aufwickelt und entwindet. Wenn man die Gyrase blockiert, kann sich das Bakterium nicht mehr vermehren. Es stirbt, ohne dass man es t\u00f6ten muss&nbsp;<a href=\"https:\/\/de.m.wikipedia.org\/w\/index.php?title=Ciprofloxacin#p-lang\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a><a href=\"https:\/\/www.bionity.com\/de\/lexikon\/Ciprofloxacin.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Forschungsmanagement bei Bayer findet das interessant, aber nicht priorit\u00e4r. Man setzt auf andere Projekte, auf andere Wirkstoffe. 1975 wird Grohe strafversetzt. Von der Pharma- in die Pflanzenschutz-Forschung. Offiziell: aus Gr\u00fcnden der Organisation. Inoffiziell: weil er nicht lockerlie\u00df. Weil er unbequem war. Weil er weiter an seinen Chinolonen forschte \u2013 heimlich, nebenher, in den Pausen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Akten, die heute im Bayer-Archiv liegen, schweigen dazu. Aber Grohe hat es nie vergessen. In Interviews Jahre sp\u00e4ter wird er davon erz\u00e4hlen, mit einer leisen Bitterkeit, die nie ganz verschwindet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Am 15. April 1981, einem Datum, das man sich merken sollte, gelingt ihm der Durchbruch. In einem Labor, in dem er offiziell gar nicht mehr forschen sollte, synthetisiert er&nbsp;<strong>Ciprofloxacin<\/strong>. Ein Molek\u00fcl, das eine Fluor-Gruppe tr\u00e4gt \u2013 daher der Name Fluorchinolone \u2013 und eine spezielle Ringstruktur, die es besonders wirksam macht. Drei Tage sp\u00e4ter folgt&nbsp;<strong>Enrofloxacin<\/strong>&nbsp;f\u00fcr die Tiermedizin&nbsp;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Klaus_Peter_Grohe\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a><a href=\"https:\/\/de.m.wikipedia.org\/w\/index.php?title=Ciprofloxacin#p-lang\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Patentschrift, die er damals einreicht, ist ein trockenes Dokument. Formeln, Verfahren, Anspr\u00fcche. Patentnummer: DE 3142854. Anmeldedatum: 28. Oktober 1981. Erteilt: 1983. Aber hinter diesem Papier steht ein Mann, der sechs Jahre lang gegen die eigene Firma k\u00e4mpfen musste, um ihr das zu geben, was sie sp\u00e4ter retten w\u00fcrde&nbsp;<a href=\"https:\/\/de.m.wikipedia.org\/w\/index.php?title=Ciprofloxacin#p-lang\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a><a href=\"https:\/\/www.bionity.com\/de\/lexikon\/Ciprofloxacin.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">1983 kommt Ciprofloxacin unter dem Namen Ciprobay auf den Markt. Es wird eines der weltweit meistverkauften Antibiotika. Ein Blockbuster. Ein Milliardengesch\u00e4ft. Und Klaus Grohe? Der forscht weiter, bekommt Auszeichnungen, wird 1997 in den Ruhestand verabschiedet. Kein gro\u00dfer Bahnhof, wie er sagt. Kein Festakt. Erst auf seine Beschwerde hin gibt es doch noch ein wissenschaftliches Symposium. Eine sp\u00e4te Geste&nbsp;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Klaus_Peter_Grohe\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">2001, im Herbst der Angst, als sein Molek\u00fcl pl\u00f6tzlich in aller Munde ist, sitzt Klaus Grohe l\u00e4ngst in seinem Ruhestand. Er sieht die Bilder im Fernsehen, h\u00f6rt die Diskussionen \u00fcber Patente und Preise. Er gr\u00fcndet mit seiner Frau Eva eine Stiftung, um junge Chemiker zu f\u00f6rdern. Sp\u00e4ter bekommt er das Bundesverdienstkreuz. Aber der bittere Nachgeschmack bleibt. Ein Erfinder, der vergessen wurde, bis sein Produkt zur Rettung gebraucht wurde&nbsp;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Klaus_Peter_Grohe\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a><a href=\"https:\/\/www.chemie.de\/lexikon\/Klaus+Peter+Grohe.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">3. Das Problem \u2013 Die Pille und das Monopol<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kommen wir zur\u00fcck in den Oktober 2001. Die USA stehen vor einem logistischen Albtraum. Die Centers for Disease Control and Prevention (CDC) empfehlen Cipro als Mittel der Wahl gegen Inhalationsmilzbrand. Empfehlen hei\u00dft: Wer infiziert ist oder infiziert sein k\u00f6nnte, muss 60 Tage lang zweimal t\u00e4glich eine Tablette nehmen. Das sind 120 Tabletten pro Person. F\u00fcr eine Million Menschen: 120 Millionen Tabletten&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.bmj.com\/content\/323\/7320\/1023.1.long\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bayer produziert. Rund um die Uhr, sieben Tage die Woche. In Pittsburgh, in Leverkusen, in Connecticut. Die Anlagen laufen hei\u00df. Im September 2001, vor den Anschl\u00e4gen, liefert Bayer 50 Millionen Tabletten \u2013 mehr als doppelt so viel wie im Monat zuvor&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.manager-magazin.de\/unternehmen\/artikel\/a-164200.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>. Aber es reicht nicht. Es kann nicht reichen. Denn die Nachfrage ist nicht nur gro\u00df. Sie ist unendlich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und dann kommt die Politik ins Spiel.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Kanada macht den Anfang.<\/strong>&nbsp;Die Regierung in Ottawa erkl\u00e4rt, dass sie das Patent von Bayer nicht anerkennt. Nicht im Prinzip, aber im konkreten Fall. Ein nationaler Notstand, sagt man, erlaubt es, Zwangslizenzen zu erteilen. Das hei\u00dft: Der Staat erlaubt einem anderen Hersteller, das Medikament zu kopieren, ohne den Patentinhaber zu fragen. Gegen eine angemessene Verg\u00fctung, aber ohne sein Einverst\u00e4ndnis&nbsp;<a href=\"https:\/\/eur-lex.europa.eu\/legal-content\/DE\/TXT\/HTML\/?uri=CELEX:92001E003089\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kanada bestellt 900.000 Tabletten beim kanadischen Generika-Hersteller Apotex. Kostenpunkt: etwa 63 Cent pro St\u00fcck. Fast ein Dollar weniger als Bayers Preis f\u00fcr die US-Regierung. Apotex hat die Tabletten nicht entwickelt. Sie kopieren nur. Aber das Gesetz erlaubt es \u2013 bei nationalem Notstand&nbsp;<a href=\"https:\/\/eur-lex.europa.eu\/legal-content\/DE\/TXT\/HTML\/?uri=CELEX:92001E003089\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>In den USA wird der Druck noch gr\u00f6\u00dfer.<\/strong>&nbsp;Senator Charles Schumer, Demokrat aus New York, ein Mann, der wei\u00df, wie man Schlagzeilen macht, fordert \u00f6ffentlich, dem kanadischen Beispiel zu folgen. \u201eWenn wir die Zahl der Hersteller erh\u00f6hen, haben wir mit gr\u00f6\u00dferer Wahrscheinlichkeit genug vorr\u00e4tig\u201c, sagt er. Eine Logik, die jedes Kind versteht&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.manager-magazin.de\/unternehmen\/artikel\/a-164200.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Verbrauchersch\u00fctzer ziehen nach. Sie verklagen Bayer. Die Vorw\u00fcrfe: Illegale Preisabsprachen, Ausnutzung des Marktmonopols, Verhinderung von billigen Nachahmermedikamenten. In einer Zeit, da ganz Amerika Angst hat, st\u00f6\u00dft es vielen bitter auf, dass ein deutscher Konzern satte Gewinne einf\u00e4hrt, w\u00e4hrend die Postangestellten sterben&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/wirtschaft\/kommentar-erfolg-gegen-bayer-ware-eine-niederlage-845440.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und dann ist da noch die Heuchelei. Die Welt erinnert sich pl\u00f6tzlich an etwas, das sie lieber vergessen h\u00e4tte. Jahrelang haben die USA Entwicklungsl\u00e4nder daran gehindert, billige AIDS-Medikamente herzustellen. Jahrelang haben sie auf ihren Patentrechten beharrt, w\u00e4hrend in Afrika Millionen an AIDS starben. Und jetzt, wo der Milzbrand vor der eigenen Haust\u00fcr liegt, ist auf einmal alles anders. Jetzt ist der Notstand da. Jetzt darf man Patente brechen&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.aerzteblatt.de\/archiv\/titel\/dae\/2003\/10\/medikamentenstreit-toedliche-nebenwirkung-8c98dba5-6117-477e-b11f-93937e9f17fb\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein niederl\u00e4ndischer EU-Abgeordneter, Erik Meijer, stellt im November 2001 eine Anfrage an die EU-Kommission. Er fragt, ob die Kommission nicht auch finde, dass die amerikanisch-kanadische Aufregung einen zynischen Beigeschmack habe. Wenn man in reichen L\u00e4ndern Patente brechen d\u00fcrfe, warum dann nicht in armen? Die Antwort der Kommission ist vorsichtig, diplomatisch, aber sie sagt etwas Entscheidendes: Ja, Zwangslizenzen sind erlaubt. Und jedes Land darf selbst entscheiden, was ein nationaler Notstand ist&nbsp;<a href=\"https:\/\/eur-lex.europa.eu\/legal-content\/DE\/TXT\/HTML\/?uri=CELEX:92001E003089\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">4. Das Herzst\u00fcck \u2013 Der Wert des Monopols<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Um zu verstehen, was hier wirklich passiert, muss man in die Paragrafen des Patentrechts schauen. Und in die \u00d6konomie.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein Patent ist, wie gesagt, kein Belohnungszettel. Es ist ein&nbsp;<strong>staatlich verliehenes Monopol<\/strong>. F\u00fcr 20 Jahre darf der Inhaber anderen verbieten, seine Erfindung zu nutzen. Auch wenn sie es besser k\u00f6nnten. Auch wenn sie es billiger k\u00f6nnten. Auch wenn Menschen sterben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der \u00d6konom Sir Arnold Plant hat das einmal auf den Punkt gebracht: \u201eW\u00e4hrend das Privateigentum in der Regel der Erhaltung knapper G\u00fcter dient, erm\u00f6glichen Patentrechte die Schaffung einer Knappheit, die sonst nicht aufrechterhalten werden k\u00f6nnte.\u201c \u00dcbersetzt: Patente machen Dinge k\u00fcnstlich knapp, damit der Erfinder Geld verdienen kann.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bayer konnte den Preis hochhalten, weil es keine Konkurrenz gab. Und es gab keine Konkurrenz, weil der Staat sie verbot.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Kritiker vom Ludwig von Mises Institute, einer libert\u00e4ren Denkfabrik, sprachen damals von einer \u201eerfundenen Knappheit\u201c. In Indien, wo Bayers Patent nicht galt (oder nicht anerkannt wurde), kostete eine Tablette Cipro umgerechnet etwa 20 Cent. In den USA das Zehnfache. Der Unterschied: das Patent&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/wirtschaft\/kommentar-erfolg-gegen-bayer-ware-eine-niederlage-845440.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber so einfach ist es nicht. Denn ohne Patente h\u00e4tte Klaus Grohe vielleicht nie die Freiheit gehabt, jahrelang an einer Idee zu forschen, die sein Management nicht wollte. Vielleicht w\u00e4re das Molek\u00fcl nie entdeckt worden. Vielleicht h\u00e4tte ein anderer es entdeckt, vielleicht auch nicht. Die Geschichte ist voll von Erfindern, die ohne Konzernmacht Gro\u00dfes leisteten. Aber sie ist auch voll von Ideen, die in Schubladen verschwanden, weil keiner Geld damit verdienen konnte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Frage ist nicht: Patent ja oder nein? Die Frage ist: Was passiert, wenn das Monopol auf ein lebensrettendes Medikament trifft \u2013 und die Welt brennt?<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">5. Die Verhandlung \u2013 Der Preis der Angst<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Am 24. Oktober 2001, nach tagelangen Verhandlungen, gibt es eine Einigung. Gesundheitsminister Tommy Thompson und Helge Wehmeier, der Chef der US-Niederlassung von Bayer, stehen gemeinsam vor den Kameras. Sie verk\u00fcnden einen Deal&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.manager-magazin.de\/unternehmen\/artikel\/a-164200.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bayer liefert 100 Millionen Tabletten Cipro zum Preis von&nbsp;<strong>95 Cent pro St\u00fcck<\/strong>. Das ist fast die H\u00e4lfte des bisherigen Preises von 1,77 Dollar. Die US-Regierung spart damit 95 Millionen Dollar. Weitere 100 Millionen Tabletten sollen zu 85 Cent geliefert werden, die dritten 100 Millionen zu 75 Cent. Insgesamt genug, um 12 Millionen Menschen zu behandeln \u2013 wenn auch nur f\u00fcr 60 Tage&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.manager-magazin.de\/unternehmen\/artikel\/a-164200.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a><a href=\"https:\/\/www.bmj.com\/content\/323\/7320\/1023.1.long\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wehmeier sagt: \u201eBayer ist vollst\u00e4ndig verpflichtet, die USA in ihrem Kampf gegen Bioterrorismus zu unterst\u00fctzen.\u201c Die M\u00e4nner und Frauen von Bayer, sagt er, seien zu 100 Prozent engagiert, dieses lebenswichtige Antibiotikum p\u00fcnktlich zu liefern&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.bmj.com\/content\/323\/7320\/1023.1.long\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dazu gibt es eine Spende: zwei Millionen Tabletten kostenlos. Und ein Versprechen: Man werde auch nach Kanada zu diesem Preis liefern. Kanada zieht daraufhin seine Patentaufhebung zur\u00fcck. Die 900.000 Tabletten von Apotex wandern nicht in den Regierungsvorrat. Bayer hat gewonnen. Oder?&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.manager-magazin.de\/unternehmen\/artikel\/a-164200.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Konkurrenz schl\u00e4ft nicht. Johnson &amp; Johnson beantragt bei der FDA die Zulassung seines Antibiotikums Levaquin (Levofloxacin) f\u00fcr die Milzbrand-Behandlung. Und bietet der Regierung bis zu 100 Millionen Tabletten&nbsp;<strong>kostenlos<\/strong>&nbsp;an. Bristol-Myers Squibb und GlaxoSmithKline ziehen nach. Auch sie haben Antibiotika, auch sie k\u00f6nnten helfen. Aber sie brauchen die Zulassung der FDA. Und die braucht Zeit&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.manager-magazin.de\/unternehmen\/artikel\/a-164200.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a><a href=\"https:\/\/www.bmj.com\/content\/323\/7320\/1023.1.long\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Pl\u00f6tzlich geht es nicht mehr nur um Bayers Monopol. Es geht um die Frage, ob die Konkurrenz \u00fcberhaupt liefern darf. Und die FDA, sonst ein Bollwerk gegen Billigimporte, wird zum Spielball der Politik.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Am Ende einigt man sich. Bayer bleibt der Hauptlieferant, aber unter massivem Preisdruck. Die anderen Konzerne bieten ihre Mittel an, falls Bayer nicht liefern kann. Ein System der gegenseitigen Kontrolle. Eine Art sozialistische Planwirtschaft im Herzen des Kapitals.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">6. Das Ende \u2013 Die Heuchelei des Westens<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber die Geschichte ist nicht zu Ende. Sie f\u00e4ngt gerade erst an.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Denn im November 2001, nur wenige Wochen nach dem Cipro-Deal, findet in Doha, Katar, die vierte Ministerkonferenz der Welthandelsorganisation (WTO) statt. Auf der Tagesordnung: das TRIPS-Abkommen, das Abkommen \u00fcber handelsbezogene Rechte an geistigem Eigentum. Und die Frage, ob Entwicklungsl\u00e4nder in Notf\u00e4llen Zwangslizenzen erteilen d\u00fcrfen&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.aerzteblatt.de\/archiv\/titel\/dae\/2003\/10\/medikamentenstreit-toedliche-nebenwirkung-8c98dba5-6117-477e-b11f-93937e9f17fb\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a><a href=\"https:\/\/eur-lex.europa.eu\/legal-content\/DE\/TXT\/HTML\/?uri=CELEX:92001E003089\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die USA blockieren. Sie wollen, dass die Ausnahmeregelung nur f\u00fcr eine Liste eng definierter Krankheiten gilt. AIDS, Tuberkulose, Malaria. Aber nicht f\u00fcr alles. Nicht f\u00fcr das, was die L\u00e4nder selbst f\u00fcr einen Notstand halten. Die EU macht einen Kompromissvorschlag. Die Entwicklungsl\u00e4nder und Hilfsorganisationen wie \u00c4rzte ohne Grenzen sind emp\u00f6rt. Sie fragen: Warum gilt der nationale Notstand f\u00fcr euch, aber nicht f\u00fcr uns? Warum durftet ihr Bayers Patent brechen \u2013 und wir d\u00fcrfen keine AIDS-Medikamente kopieren?&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.aerzteblatt.de\/archiv\/titel\/dae\/2003\/10\/medikamentenstreit-toedliche-nebenwirkung-8c98dba5-6117-477e-b11f-93937e9f17fb\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Antwort ist einfach und zynisch zugleich: Weil ihr arm seid. Weil ihr keine Lobby habt. Weil eure Patienten nicht in Washington anrufen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Deutsche \u00c4rzteblatt schreibt dazu einen bitteren Kommentar: \u201eW\u00e4hrend in der WTO das Gezerre um Patentrechte und Absatzm\u00e4rkte \u2013 immerhin ein Prozent ihres Umsatzes erwirtschaftet die Pharmaindustrie auf dem afrikanischen Kontinent \u2013 weitergeht, bleiben Millionen Aidskranke unbehandelt, weil sie arm sind \u2013 Risiken und Nebenwirkungen des Welthandels\u201c&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.aerzteblatt.de\/archiv\/titel\/dae\/2003\/10\/medikamentenstreit-toedliche-nebenwirkung-8c98dba5-6117-477e-b11f-93937e9f17fb\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Doha-Erkl\u00e4rung, die schlie\u00dflich verabschiedet wird, ist ein Fortschritt. Sie bekr\u00e4ftigt, dass jedes Mitglied das Recht hat, Zwangslizenzen zu erteilen und die Gr\u00fcnde daf\u00fcr selbst festzulegen. Aber die Umsetzung dauert Jahre. Und bis heute ist der Zugang zu lebenswichtigen Medikamenten in Entwicklungsl\u00e4ndern ein Problem&nbsp;<a href=\"https:\/\/eur-lex.europa.eu\/legal-content\/DE\/TXT\/HTML\/?uri=CELEX:92001E003089\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">7. Der Epilog \u2013 Was bleibt?<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Klaus Grohe ist heute \u00fcber 90 Jahre alt. Er lebt im Ruhestand, aber seine Stiftung f\u00f6rdert junge Chemiker. 2005 bekam er das Verdienstkreuz 1. Klasse der Bundesrepublik Deutschland. 2001, im Jahr der Krise, erhielt er die Otto-Bayer-Medaille f\u00fcr sein Lebenswerk&nbsp;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Klaus_Peter_Grohe\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a><a href=\"https:\/\/www.chemie.de\/lexikon\/Klaus+Peter+Grohe.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn er \u00fcber Bayer spricht, klingt immer noch eine leise Bitterkeit mit. Forscher m\u00fcsste man ermutigen, nicht entmutigen, sagt er. Und dass bei Bayer heute zu viel \u00fcber Management nachgedacht wird und zu wenig \u00fcber Erfindungen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Milzbrand-Anschl\u00e4ge von 2001 wurden nie ganz aufgekl\u00e4rt. Der T\u00e4ter, ein Armee-Wissenschaftler namens Bruce Ivins, nahm sich 2008 das Leben, bevor er verurteilt werden konnte. Die Briefe, das wei\u00dfe Pulver, die Angst \u2013 sie sind Geschichte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ciprofloxacin ist l\u00e4ngst ein Generikum. Die Patente sind ausgelaufen. Man bekommt es f\u00fcr ein paar Euro in der Apotheke. Aber es ist nicht mehr das Mittel der ersten Wahl. Die FDA hat 2016 die Anwendung eingeschr\u00e4nkt, weil die Nebenwirkungen schwerwiegend sein k\u00f6nnen. Sehnenrisse, Nervensch\u00e4den, psychotische St\u00f6rungen \u2013 all das kann vorkommen&nbsp;<a href=\"https:\/\/de.m.wikipedia.org\/w\/index.php?title=Ciprofloxacin#p-lang\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a><a href=\"https:\/\/medlexi.de\/Ciprofloxacin\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>. Ein Rote-Hand-Brief von 2019 warnte \u00c4rzte davor, Fluorchinolone bei einfachen Infektionen einzusetzen&nbsp;<a href=\"https:\/\/de.m.wikipedia.org\/w\/index.php?title=Ciprofloxacin#p-lang\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Medikament, das 2001 als Retter gefeiert wurde, ist heute ein Risiko. Die Bakterien haben gelernt, damit umzugehen. Und die Welt hat gelernt, dass es keine einfachen L\u00f6sungen gibt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber die Frage bleibt:&nbsp;<strong>Wem geh\u00f6rt das Leben?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die freie Marktwirtschaft sagt: Dem, der es erfunden hat. Der Erfinder sagt: Mir, aber ich will, dass es hilft. Der Politiker sagt: Dem Volk, besonders wenn es w\u00e4hlen geht. Der Patient sagt: Mir. Jetzt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Klaus Grohe hat einmal eine kleine Menge seines selbst synthetisierten Cipro genommen, als er eine Zahnwurzelentz\u00fcndung hatte. Es wirkte. Er hatte drei Tage lang keinen Geschmackssinn, aber die Entz\u00fcndung war weg. Ein Erfinder, der sein eigenes Medikament testet. Ein Konzern, der seinen Erfinder vergisst. Eine Regierung, die Patente bricht oder auch nicht \u2013 je nachdem, wie laut die Lobbyisten schreien. Und dazwischen: eine Pille, die Leben rettet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Maschine, das Medikament, das Patent \u2013 das sind nur Buchstaben. Der Mensch ist das Wort.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und wenn du jetzt dein n\u00e4chstes Antibiotikum nimmst, denk dran: Irgendwo hat jemand nachts nicht schlafen k\u00f6nnen, damit es wirkt. Und irgendein Anwalt hat daf\u00fcr gesorgt, dass es teuer bleibt. So lange, bis die Welt mal wieder brennt.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Quellen<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Die Erinnerungen an Klaus Grohe und seine Auseinandersetzungen mit Bayer sind in den Wikipedia-Artikeln und Chemie-Portalen dokumentiert \u2013 n\u00fcchterne Fakten, hinter denen ein ganzes Forscherleben steht&nbsp;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Klaus_Peter_Grohe\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a><a href=\"https:\/\/www.chemie.de\/lexikon\/Klaus+Peter+Grohe.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Die Preisverhandlungen zwischen Bayer und der US-Regierung wurden vom Manager Magazin und der British Medical Journal bis ins Detail verfolgt \u2013 man kann die Anspannung in den Zahlen noch heute sp\u00fcren&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.manager-magazin.de\/unternehmen\/artikel\/a-164200.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a><a href=\"https:\/\/www.bmj.com\/content\/323\/7320\/1023.1.long\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">*Die Heuchelei des Westens im Vergleich zur AIDS-Politik thematisierte das Deutsche \u00c4rzteblatt im M\u00e4rz 2003 \u2013 ein Text, der an Sch\u00e4rfe bis heute nichts verloren hat&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.aerzteblatt.de\/archiv\/titel\/dae\/2003\/10\/medikamentenstreit-toedliche-nebenwirkung-8c98dba5-6117-477e-b11f-93937e9f17fb\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.*<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Die Anfrage des EU-Abgeordneten Erik Meijer und die Antwort der Kommission zeigen, wie schnell aus nationaler Panik globale Prinzipien werden \u2013 und wie schnell sie wieder vergessen sind&nbsp;<a href=\"https:\/\/eur-lex.europa.eu\/legal-content\/DE\/TXT\/HTML\/?uri=CELEX:92001E003089\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">*Der Tagesspiegel-Kommentar vom Oktober 2001 bringt die liberale Position auf den Punkt: Ein Erfolg gegen Bayer w\u00e4re eine Niederlage f\u00fcr die Zukunft der Innovation \u2013 ein Argument, das man kennen muss, auch wenn man es nicht teilt&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/wirtschaft\/kommentar-erfolg-gegen-bayer-ware-eine-niederlage-845440.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.*<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was der Milzbrand-Herbst 2001 \u00fcber Patente, Profit und Prinzipien verriet 1. Der Prolog \u2013 Als das wei\u00dfe Pulver nach Amerika kam Es ist der 4. Oktober 2001, drei Wochen nach dem Tag, der die Welt ver\u00e4nderte. Drei Wochen nach dem Rauch, dem Staub, den einst\u00fcrzenden T\u00fcrmen. 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