{"id":7811,"date":"2026-10-30T06:38:12","date_gmt":"2026-10-30T06:38:12","guid":{"rendered":"https:\/\/technodidact.de\/?p=7811"},"modified":"2026-10-30T06:38:12","modified_gmt":"2026-10-30T06:38:12","slug":"einfuehrung-in-die-spieltheorie-teil-1-was-ist-ein-spiel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/technodidact.de\/en\/einfuehrung-in-die-spieltheorie-teil-1-was-ist-ein-spiel\/","title":{"rendered":"Einf\u00fchrung in die Spieltheorie (Teil 1): Was ist ein Spiel?"},"content":{"rendered":"<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Von DerSchneider<\/strong><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Einstieg: Zwei Menschen, eine Entscheidung, ein Dilemma<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Stellen Sie sich folgende Situation vor: Zwei Personen werden verd\u00e4chtigt, gemeinsam eine Straftat begangen zu haben. Die Staatsanwaltschaft verf\u00fcgt jedoch nur \u00fcber schwache Beweise. Man bringt die beiden in getrennte Zellen und stellt jedem dieselbe Wahl: Gestehen oder schweigen. Wenn beide schweigen, k\u00f6nnen sie nur wegen eines minderen Delikts f\u00fcr kurze Zeit eingesperrt werden. Wenn einer gesteht und den anderen belastet, kommt der Gest\u00e4ndige frei, w\u00e4hrend der andere eine lange Strafe erh\u00e4lt. Wenn beide gestehen, erhalten beide eine mittlere Strafe.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was w\u00fcrden Sie tun? Und \u2013 was noch wichtiger ist \u2013 was w\u00fcrden Sie tun, wenn Sie w\u00fcssten, dass der andere genau dieselbe \u00dcberlegung anstellt? Dies ist keine philosophische Spielerei. Es ist die Grundsituation der Spieltheorie: eine Situation, in der mein Ergebnis nicht nur von meiner eigenen Entscheidung abh\u00e4ngt, sondern auch von der Entscheidung eines anderen, der ebenfalls ein Ziel verfolgt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Spieltheorie ist die Disziplin, die solche Situationen systematisch analysiert. Sie wurde von John von Neumann und Oskar Morgenstern als eine normative Theorie dar\u00fcber begr\u00fcndet, wie sich rationale, nutzenmaximierende Akteure in Situationen strategischer Interaktion verhalten sollten . Ihr Anwendungsbereich reicht von Wirtschaft und Politik bis zu Alltagsentscheidungen. Der vorliegende erste Teil dieser Serie kl\u00e4rt, was ein \u201eSpiel&#8220; im spieltheoretischen Sinne ist, welche Elemente es konstituieren und warum das Gefangenendilemma zum paradigmatischen Beispiel geworden ist.<a href=\"https:\/\/www.degruyterbrill.com\/de\/document\/doi\/10.1524\/9783486827286.1\/html?_x_output_type_b6db407c4_=embedded_pdf#1#1#1\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><\/a><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Was ein Spiel ist \u2013 und was nicht<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Alltag verbindet man mit \u201eSpiel&#8220; Zerstreuung, Gl\u00fcck, vielleicht auch Geschicklichkeit. In der Spieltheorie bedeutet der Begriff etwas anderes: ein mathematisches Modell zur Beschreibung von Vorg\u00e4ngen, in denen mehrere Akteure durch ihre Entscheidungen gegenseitig die Ergebnisse beeinflussen . Entscheidend ist die <strong>strategische Interaktion<\/strong>: Mindestens zwei Entscheider sind beteiligt, und das Ergebnis f\u00fcr jeden h\u00e4ngt von der Kombination aller Entscheidungen ab. Einpersonenspiele \u2013 etwa die Entscheidung, ob man einen Regenschirm mitnimmt \u2013 sind keine Spiele im Sinne der Spieltheorie, weil kein anderer Akteur durch seine Wahl das Ergebnis beeinflusst .<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese Definition ist weiter, als der Name vermuten l\u00e4sst. Ein Funkfrequenz-Koordinationsproblem bei einem Rettungseinsatz ist ebenso ein Spiel wie ein Kartell, ein Verhandlung oder ein Elfmeterschie\u00dfen. Was all diese Situationen eint: Es gibt mehrere Spieler, jeder hat Handlungsoptionen, und die Auszahlungen sind wechselseitig voneinander abh\u00e4ngig.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Die drei Grundbausteine<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Formal l\u00e4sst sich ein Spiel in strategischer Form durch drei Angaben hinreichend beschreiben: die Menge der Spieler, die Menge der Strategien jedes Spielers und die Auszahlungsfunktionen .<a href=\"https:\/\/itp.uni-frankfurt.de\/~hanauske\/VPSOC\/T1\/I-1-1.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Erstens: die Spieler.<\/strong> Die Menge <math xmlns=\"http:\/\/www.w3.org\/1998\/Math\/MathML\"><semantics><mrow><mi>I<\/mi><mo>=<\/mo><mo stretchy=\"false\">{<\/mo><mn>1<\/mn><mo separator=\"true\">,<\/mo><mn>2<\/mn><mo separator=\"true\">,<\/mo><mo>\u2026<\/mo><mo separator=\"true\">,<\/mo><mi>N<\/mi><mo stretchy=\"false\">}<\/mo><\/mrow><\/semantics><\/math><em>I<\/em>={1,2,\u2026,<em>N<\/em>} umfasst alle Entscheider. Im Gefangenendilemma sind es zwei; in einem Oligopol mit drei Anbietern sind es drei; in einer Wahl mit Millionen W\u00e4hlern sind es Millionen. Die Anzahl der Spieler bestimmt die Komplexit\u00e4t der Analyse, nicht aber das Grundprinzip.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Zweitens: die Strategien.<\/strong> Jeder Spieler verf\u00fcgt \u00fcber eine Menge reiner Strategien <math xmlns=\"http:\/\/www.w3.org\/1998\/Math\/MathML\"><semantics><mrow><msub><mi>S<\/mi><mi>i<\/mi><\/msub><mo>=<\/mo><mo stretchy=\"false\">{<\/mo><msub><mi>s<\/mi><mrow><mi>i<\/mi><mn>1<\/mn><\/mrow><\/msub><mo separator=\"true\">,<\/mo><msub><mi>s<\/mi><mrow><mi>i<\/mi><mn>2<\/mn><\/mrow><\/msub><mo separator=\"true\">,<\/mo><mo>\u2026<\/mo><mtext>\u2009<\/mtext><mo stretchy=\"false\">}<\/mo><\/mrow><\/semantics><\/math><em>S<\/em><em>i<\/em>\u200b={<em>s<\/em><em>i<\/em>1\u200b,<em>s<\/em><em>i<\/em>2\u200b,\u2026}. Eine reine Strategie ist eine vollst\u00e4ndige Handlungsanweisung: Sie legt fest, was der Spieler in jeder denkbaren Situation tun w\u00fcrde, die im Spielverlauf eintreten kann . Im Gefangenendilemma hat jeder Spieler zwei reine Strategien: \u201egestehen&#8220; und \u201eschweigen&#8220;. Bei Schere-Stein-Papier sind es drei. Bei einer Verhandlung \u00fcber einen Preis sind es potenziell unendlich viele.<a href=\"https:\/\/www.degruyterbrill.com\/de\/unauthorizedDownload\/10.1515\/9783486830682.159?action=Downloading+PDF&amp;countDenial=true&amp;download=true&amp;_x_output_type_b6db407c4_=embedded_pdf#1#1#1\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><\/a><a href=\"https:\/\/www.degruyter.com\/document\/doi\/10.1515\/9783486792867-021\/html#1#1#1\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Strategiebegriff ist strenger, als er im Alltag verwendet wird. Wer im Schach \u201eintuitiv&#8220; zieht, verfolgt keine Strategie im spieltheoretischen Sinne; eine Strategie w\u00e4re ein vollst\u00e4ndiger Plan, der f\u00fcr jeden m\u00f6glichen Zug des Gegners eine Antwort festlegt . F\u00fcr die Analyse ist diese Strenge n\u00fctzlich, weil sie das Spiel vollst\u00e4ndig beschreibbar macht.<a href=\"https:\/\/www.degruyter.com\/document\/doi\/10.1515\/9783486792867-021\/html#1#1#1\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Drittens: die Auszahlungen.<\/strong> Die Auszahlungsfunktion <math xmlns=\"http:\/\/www.w3.org\/1998\/Math\/MathML\"><semantics><mrow><msub><mi>u<\/mi><mi>i<\/mi><\/msub><\/mrow><\/semantics><\/math><em>u<\/em><em>i<\/em>\u200b ordnet jeder m\u00f6glichen Strategiekombination einen Wert f\u00fcr Spieler <math xmlns=\"http:\/\/www.w3.org\/1998\/Math\/MathML\"><semantics><mrow><mi>i<\/mi><\/mrow><\/semantics><\/math><em>i<\/em> zu . Auszahlungen sind nicht notwendig Geldbetr\u00e4ge. Sie k\u00f6nnen Nutzenwerte, Gef\u00e4ngnisjahre (negativ), Punkte oder alles sein, was der Spieler als w\u00fcnschenswert oder unerw\u00fcnscht bewertet. Entscheidend ist allein die <strong>Ordnung<\/strong> der Auszahlungen: Der Spieler zieht eine h\u00f6here einer niedrigeren vor. Ob die Differenz zwischen 4 und 3 denselben \u201eAbstand&#8220; hat wie zwischen 2 und 1, ist f\u00fcr die reine Gleichgewichtsanalyse zun\u00e4chst unerheblich \u2013 f\u00fcr die Interpretation der Ergebnisse allerdings nicht.<a href=\"https:\/\/www.degruyterbrill.com\/de\/unauthorizedDownload\/10.1515\/9783486830682.159?action=Downloading+PDF&amp;countDenial=true&amp;download=true&amp;_x_output_type_b6db407c4_=embedded_pdf#1#1#1\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><\/a><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Die Matrix: Ein Spiel sichtbar machen<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcr Spiele mit zwei Spielern und endlich vielen Strategien bietet sich die <strong>Auszahlungsmatrix<\/strong> (auch Bimatrix) an. Die Zeilen entsprechen den Strategien des einen Spielers, die Spalten denen des anderen. In jedem Feld steht das Auszahlungspaar f\u00fcr die jeweilige Strategiekombination.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das klassische Gefangenendilemma l\u00e4sst sich so darstellen. Die Zahlen seien Gef\u00e4ngnisjahre, negativ ausgedr\u00fcckt, damit \u201eh\u00f6her&#8220; besser ist:<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-table\"><table class=\"has-fixed-layout\"><thead><tr><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\"><\/th><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Spieler B: schweigen<\/th><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Spieler B: gestehen<\/th><\/tr><\/thead><tbody><tr><td><strong>Spieler A: schweigen<\/strong><\/td><td>(\u22121, \u22121)<\/td><td>(\u22129, 0)<\/td><\/tr><tr><td><strong>Spieler A: gestehen<\/strong><\/td><td>(0, \u22129)<\/td><td>(\u22126, \u22126)<\/td><\/tr><\/tbody><\/table><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Lesart: Schweigen beide, erhalten beide ein Jahr (das mindere Delikt). Gesteht A und B schweigt, kommt A frei (0) und B erh\u00e4lt neun Jahre. Gestehen beide, erhalten beide sechs Jahre.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Matrix macht die strategische Struktur auf einen Blick sichtbar. Man erkennt sofort: Was f\u00fcr A optimal ist, h\u00e4ngt davon ab, was B tut. Und umgekehrt. Genau das ist die Definition von Interdependenz.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Das Gefangenendilemma: Warum es das Leitbeispiel ist<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Gefangenendilemma ist nicht irgendein Beispiel. Es ist das Paradebeispiel der Spieltheorie, weil es einen Grundkonflikt kristallisiert, der in unz\u00e4hligen sozialen und wirtschaftlichen Situationen wiederkehrt: <strong>Individuelle Rationalit\u00e4t f\u00fchrt zu kollektiver Irrationalit\u00e4t.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Analyse verl\u00e4uft in zwei Schritten. Betrachten wir Spieler A. Wenn B schweigt: A kann schweigen und erh\u00e4lt \u22121, oder gestehen und erh\u00e4lt 0. Gestehen ist besser. Wenn B gesteht: A kann schweigen und erh\u00e4lt \u22129, oder gestehen und erh\u00e4lt \u22126. Gestehen ist wieder besser. \u201eGestehen&#8220; ist also f\u00fcr A unabh\u00e4ngig von Bs Wahl die bessere Option \u2013 eine <strong>dominante Strategie<\/strong> . F\u00fcr B gilt exakt dieselbe Logik. Beide gestehen, beide erhalten \u22126.<a href=\"https:\/\/itp.uni-frankfurt.de\/~hanauske\/VPSOC\/T1\/I-Spiele.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Ergebnis ist stabil: Keiner kann sich durch einseitige \u00c4nderung seiner Wahl verbessern. G\u00e4be A zu, B schwiege, h\u00e4tte A 0 statt \u22126 \u2013 aber B wird nicht schweigen, weil Schweigen f\u00fcr B schlechter ist, egal was A tut. Das Gleichgewicht (\u201ebeide gestehen&#8220;) ist ein <strong>Nash-Gleichgewicht<\/strong>: eine Kombination, bei der kein Spieler durch einseitiges Abweichen besser gestellt wird .<a href=\"https:\/\/www.degruyterbrill.com\/de\/document\/doi\/10.1524\/9783486827286.1\/html?_x_output_type_b6db407c4_=embedded_pdf#1#1#1\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><\/a><a href=\"https:\/\/itp.uni-frankfurt.de\/~hanauske\/VPSOC\/T1\/I-Spiele.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und dennoch: Beide w\u00e4ren besser dran, wenn beide schwiegen. (\u22121, \u22121) ist pareto-superior gegen\u00fcber (\u22126, \u22126). Der Widerspruch zwischen individueller und kollektiver Rationalit\u00e4t ist der Kern des Dilemmas. Die Mathematik zeigt, dass man egoistisch handeln \u201esollte&#8220;, weil Kooperation kostspielig und unsicher ist . Aber die Logik f\u00fchrt zu einem Ergebnis, das alle schlechter stellt als eine nicht erreichbare Kooperation.<a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/wissen\/gesundheit\/psychologie-gefangenendilemma-100.html?at_medium=mastodon&amp;at_campaign=tagesschau.de#1\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dieser Widerspruch ist nicht auf Gef\u00e4ngniszellen beschr\u00e4nkt. Zwei Firmen, die \u00fcber Preise konkurrieren, stehen vor derselben Struktur: Beide h\u00e4tten einen Anreiz, den Preis zu senken, unabh\u00e4ngig vom Verhalten der anderen; beide verlieren, wenn beide senken . Zwei L\u00e4nder bei der Klimapolitik: Jedes hat einen Anreiz, weniger zu tun, wenn das andere investiert; beide verlieren, wenn beide abwarten. Das Gefangenendilemma ist so etwas wie der Doppelspaltversuch der Spieltheorie \u2013 ein minimales Modell mit maximaler Reichweite .<a href=\"https:\/\/www.degruyterbrill.com\/de\/document\/doi\/10.1515\/dmvm-2024-3204\/html#7\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><\/a><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Was das Gefangenendilemma nicht ist<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine wichtige Kl\u00e4rung: Das Gefangenendilemma ist <strong>kein Argument gegen Kooperation<\/strong>. Es ist eine Beschreibung einer Struktur, in der Kooperation unter bestimmten Bedingungen (einmalige Interaktion, keine bindenden Vereinbarungen, keine M\u00f6glichkeit der Bestrafung) nicht stabil ist. Sobald diese Bedingungen sich \u00e4ndern \u2013 wenn die Interaktion wiederholt wird, wenn Reputation eine Rolle spielt, wenn Vertr\u00e4ge durchsetzbar sind \u2013, \u00e4ndert sich die Analyse. Davon wird in Teil 6 dieser Serie ausf\u00fchrlich die Rede sein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ebenso wenig ist das Dilemma ein Beweis f\u00fcr die Richtigkeit des Egoismus. Es zeigt, dass unter bestimmten institutionellen Bedingungen egoistisches Verhalten individuell rational ist. Die ethische Frage \u2013 ob man sich dennoch kooperativ verhalten sollte \u2013 ist von der spieltheoretischen Analyse zu unterscheiden. Die Spieltheorie beschreibt, was unter gegebenen Annahmen folgt; sie schreibt nicht vor, was man tun soll.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Vom Beispiel zur Methode<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was leistet die spieltheoretische Analyse des Gefangenendilemmas? Sie macht zun\u00e4chst einen oft \u00fcbersehenen Punkt bewusst: Dass ein Ergebnis, das alle schlechter stellt, dennoch stabil sein kann. Wer das nicht sieht, sucht die L\u00f6sung an der falschen Stelle \u2013 bei den Individuen statt bei den Regeln. Die Spieltheorie lenkt den Blick auf die <strong>Struktur der Situation<\/strong>: Welche Handlungsoptionen gibt es? Wie sind die Auszahlungen verteilt? Wer wei\u00df was, und wann?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese Fragen sind der Kern dessen, was in den folgenden Teilen entfaltet wird. Teil 2 vertieft die formale Darstellung von Spielen \u2013 Normalform, Extensivform, Spielbaum \u2013 und zeigt, wie man komplexere Situationen als Zwei-Mal-Zwei-Spiele abbildet. Teil 3 f\u00fchrt das Nash-Gleichgewicht als allgemeines L\u00f6sungskonzept ein und diskutiert seine Grenzen. Teil 4 behandelt gemischte Strategien und die Rationalit\u00e4t des Zufalls.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcr den Moment bleibt eine Einsicht, die \u00fcber die Spieltheorie hinausreicht: Wer verstehen will, warum Menschen in bestimmten Situationen kollektiv scheitern, muss nicht nach Schuldigen suchen. Oft reicht es, die Matrix zu betrachten.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Quellen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Von Neumann, John \/ Morgenstern, Oskar: <em>Theory of Games and Economic Behavior<\/em>. Princeton: Princeton University Press, 1944. (Grundlegung der Spieltheorie; zitiert nach der Einleitung in .)<a href=\"https:\/\/www.degruyterbrill.com\/de\/document\/doi\/10.1524\/9783486827286.1\/html?_x_output_type_b6db407c4_=embedded_pdf#1#1#1\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><\/a><\/li>\n\n\n\n<li>Rieck, Christian: <em>Spieltheorie: Eine Einf\u00fchrung<\/em>. 17. Auflage. Eschborn: Christian Rieck Verlag, 2021. (Kapitel 2: \u201eWas ist Spieltheorie?&#8220;, Abschnitte 2.1\u20132.2.)<\/li>\n\n\n\n<li>Wikipedia: \u201eSpiel (Spieltheorie)&#8220;. Online: <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Spiel_(Spieltheorie)\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">de.wikipedia.org\/wiki\/Spiel_(Spieltheorie)<\/a> (abgerufen am 30.10.2026). Definition, Normalform, reine und gemischte Strategien .<\/li>\n\n\n\n<li>Goethe-Universit\u00e4t Frankfurt: \u201eI.1.1 Definition eines Spiels&#8220;. Online: <a href=\"https:\/\/itp.uni-frankfurt.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">itp.uni-frankfurt.de<\/a> (abgerufen am 30.10.2026). Formale Definition des Spiels in strategischer Form, Auszahlungsmatrix, Gefangenendilemma .<a href=\"https:\/\/itp.uni-frankfurt.de\/~hanauske\/VPSOC\/T1\/I-1-1.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><\/a><\/li>\n\n\n\n<li>Goethe-Universit\u00e4t Frankfurt: \u201eBestantwort-Pfeile am Beispiel des Gefangenendilemma&#8220;. Online: <a href=\"https:\/\/itp.uni-frankfurt.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">itp.uni-frankfurt.de<\/a> (abgerufen am 30.10.2026). Analyse der dominanten Strategie und des Nash-Gleichgewichts im Gefangenendilemma .<a href=\"https:\/\/itp.uni-frankfurt.de\/~hanauske\/VPSOC\/T1\/I-Spiele.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><\/a><\/li>\n\n\n\n<li>B\u00fclow, Ralf: \u201eDas Gefangenendilemma \u2013 ein Neubeginn&#8220;. In: <em>De Gruyter Mathematik<\/em> 32(4), 2024, S. 223\u2013. DOI: 10.1515\/dmvm-2024-0075. Zur Geschichte und Struktur des Dilemmas .<a href=\"https:\/\/www.degruyterbrill.com\/de\/document\/doi\/10.1515\/dmvm-2024-3204\/html#7\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><\/a><\/li>\n\n\n\n<li>Tagesschau: \u201eKooperation oder Konkurrenz \u2013 was ist besser?&#8220; 19.01.2025. Online: <a href=\"https:\/\/tagesschau.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">tagesschau.de<\/a>. Zur aktuellen Forschung zum Gefangenendilemma und zur Frage der Rationalit\u00e4t .<a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/wissen\/gesundheit\/psychologie-gefangenendilemma-100.html?at_medium=mastodon&amp;at_campaign=tagesschau.de#1\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><\/a><\/li>\n<\/ul>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von DerSchneider Einstieg: Zwei Menschen, eine Entscheidung, ein Dilemma Stellen Sie sich folgende Situation vor: Zwei Personen werden verd\u00e4chtigt, gemeinsam eine Straftat begangen zu haben. Die Staatsanwaltschaft verf\u00fcgt jedoch nur \u00fcber schwache Beweise. Man bringt die beiden in getrennte Zellen und stellt jedem dieselbe Wahl: Gestehen oder schweigen. 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