{"id":845,"date":"2026-03-04T10:09:24","date_gmt":"2026-03-04T09:09:24","guid":{"rendered":"https:\/\/iobseu-xejul.wordpress.com\/?p=845"},"modified":"2026-03-04T10:09:24","modified_gmt":"2026-03-04T09:09:24","slug":"der-mann-mit-der-stange","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/technodidact.de\/en\/der-mann-mit-der-stange\/","title":{"rendered":"Der Mann mit der Stange"},"content":{"rendered":"<h2 class=\"wp-block-heading\">Vom Verschwinden eines stillen Berufs und dem Licht, das blieb<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Wien, 9. Bezirk, Porzellangasse 7. Ein verregneter Oktoberabend im Jahr 1924.<\/strong>&nbsp;Das Kopfsteinpflaster gl\u00e4nzt nass, der Wind jagt das letzte Laub die Stra\u00dfe entlang. Hinter einem Fenster im ersten Stock steht ein Kind und dr\u00fcckt die Nase an der kalten Scheibe platt. Es wartet. Dann, endlich, l\u00f6st sich aus dem Schatten der Kastanien eine Gestalt. Ein kleiner Mann in einem hellen, fast leuchtenden Mantel, der im D\u00e4mmerlicht wie ein Geist wirkt. Er tr\u00e4gt eine lange Stange aus Bambus, d\u00fcnn und federnd, an deren Ende ein winziges Licht flackert, gesch\u00fctzt vor dem Wind von einer kleinen Kappe.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er geht von Laterne zu Laterne, lehnt seine Stange an, und mit einem kurzen, metallischen Klicken&nbsp;<strong>\u2013 klicks \u2013<\/strong>&nbsp;erwacht ein neuer Lichtkreis zum Leben, vertreibt die Dunkelheit und macht aus der nassen Stra\u00dfe f\u00fcr ein paar Stunden einen Ort der Geborgenheit&nbsp;<a href=\"https:\/\/magazin.wienmuseum.at\/ilse-helbichs-wien-der-zwischenkriegszeit-teil-7\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>. Das Kind hinter der Scheibe f\u00fchlt sich \u201eheimelig und besch\u00fctzt im milden Schein von drau\u00dfen\u201c. Es wei\u00df nicht, dass es Zeuge des letzten Akts eines uralten Schauspiels ist. Der Mann dort unten, der Laternenanz\u00fcnder, ist ein Auslaufmodell. Und sein Job ist weit mehr, als nur eine Flamme zu entfachen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">1. Der Prolog \u2013 Die Szene<\/h3>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">2. Der Mensch \u2013 Der Schattenmann und seine Ausr\u00fcstung<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dieser Mann war kein Tr\u00e4umer, sondern ein Bediensteter der Gemeinde, ein Facharbeiter mit einem genau definierten Revier. In Wien trafen sich seine Kollegen jahrzehntelang genau hier, vor dem Haus des Apothekers Georg Pfendler in der Porzellangasse, um dann in ihre Bezirke auszuschw\u00e4rmen&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.geschichtewiki.wien.gv.at\/Laternenanz%C3%BCnder\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>. Seine Werkzeuge waren einfach, aber zweckm\u00e4\u00dfig: das Herzst\u00fcck war die&nbsp;<strong>\u00fcber zwei Meter lange Bambusstange<\/strong>. Fr\u00fcher, so liest man in den Akten des Wiener Stadtarchivs, kletterten seine Vorg\u00e4nger noch mit Leitern die Masten hoch. Das endete oft blutig, wenn eine Kutsche im Dunkeln die Leiter rammte. Ein Erlass von 1775 verbot das schlie\u00dflich \u2013 die Stange war die Rettung&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.geschichtewiki.wien.gv.at\/Laternenanz%C3%BCnder\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">An ihrem oberen Ende befand sich ein D\u00f6schen mit einem winzigen, stets brennenden Licht \u2013 gespeist von einem der&nbsp;<strong>blechernen \u00d6lfl\u00e4schchen<\/strong>, die er an einem G\u00fcrtel trug. Doch damit nicht genug: In seiner Tasche klirrten Putzh\u00e4kchen, eine Putzschere f\u00fcr den Docht, Ersatzdochte aus Baumwolle und ein Wischlappen&nbsp;<a href=\"https:\/\/berufe-dieser-welt.de\/die-laternenanzuender\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>. Denn der Laternenanz\u00fcnder war mehr als ein Anz\u00fcnder. Er war der&nbsp;<strong>Lampenw\u00e4rter, der Lampenputzer<\/strong>. Er war der Hausmeister des Lichts.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sein Tag begann nicht erst bei Sonnenuntergang. Tags\u00fcber, wenn die Laternen kalt und stumm waren, ging er bereits seine Runde. Er putzte die verru\u00dften Glasscheiben, denn Ru\u00df fra\u00df das Licht. Er f\u00fcllte \u00d6l nach oder kontrollierte die komplizierten Ventile der neuen Gaslaternen, die ab Mitte des 19. Jahrhunderts die \u00d6llampen abl\u00f6sten. Er wechselte die Dochte, die er nach genauen Vorgaben selbst anfertigen musste&nbsp;<a href=\"https:\/\/berufe-dieser-welt.de\/die-laternenanzuender\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>. Und er musste darauf achten, dass die Flamme nicht ru\u00dfte \u2013 das \u00d6l wurde ihm vom Oberaufseher ausgeh\u00e4ndigt, billiges Zeug war nicht erlaubt&nbsp;<a href=\"https:\/\/berufe-dieser-welt.de\/die-laternenanzuender\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und dann war da noch der kleine, blecherne&nbsp;<strong>Spiritus<\/strong>. Im Winter, wenn der Feuchtigkeit im Stadtgas gefror und die schmalen D\u00fcsen der Laternen vereisten, brauchte es den Alkohol, um das Eis zu l\u00f6sen. Die M\u00e4nner wussten das. Und weil der Mensch so ist, wie er ist, geschah es wohl nicht selten, dass nicht nur die Laterne, sondern auch der Laternenanz\u00fcnder eine innere W\u00e4rme brauchte. Eine alte Verordnung, die ich in einem antiquarischen Buch \u00fcber das Gaswerkswesen fand, sprach von strengen Strafen, wenn die Lampen zu sp\u00e4t angez\u00fcndet wurden. Sie erw\u00e4hnte auch, dass das Enteisen mit Spiritus streng \u00fcberwacht wurde. In den Kneipen rund um die Laternen-Sammelpl\u00e4tze pr\u00e4gte man daf\u00fcr einen Spruch:&nbsp;<strong>\u201eEinen auf die Lampe gie\u00dfen\u201c<\/strong>&nbsp;<a href=\"https:\/\/gaswerk-augsburg.de\/wissen\/hand-und-fernzuendung\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>. Der sitzt bis heute.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">3. Das Problem \u2013 Licht in die Finsternis bringen<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Man muss sich das vorstellen: Vor der Gaslaterne und dem Laternenanz\u00fcnder war die Stadt bei Nacht ein gef\u00e4hrliches Loch. Wer nach Sonnenuntergang vor die T\u00fcr musste, nahm eine eigene Laterne mit oder wurde von einem Fackeltr\u00e4ger begleitet. R\u00e4uber und Dunkelheit waren Partner.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die erste Idee war die \u00d6llaterne. Aber die war eine Diva. Sie mu\u00dfte nicht nur entz\u00fcndet, sondern auch st\u00e4ndig gepflegt werden. Im&nbsp;<strong>Dresdner Stadtrecht<\/strong>&nbsp;des 18. Jahrhunderts fand ich einen Vermerk, dass die sogenannten \u201eLampenknechte\u201c die Lampen bereits tags\u00fcber mit \u00d6l f\u00fcllen und die Dochte einstecken mussten, damit es abends schnell ging. Und wehe, das \u00d6l war schlecht \u2013 dann qualmte die Lampe nur vor sich hin und fra\u00df mehr Licht, als sie gab, als dass sie welches spendete&nbsp;<a href=\"https:\/\/berufe-dieser-welt.de\/die-laternenanzuender\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dann kam das Gas. Ab etwa 1820 eroberte es die St\u00e4dte. Die Gaslaterne war heller, sauberer, aber sie machte den Beruf des Anz\u00fcnders nicht \u00fcberfl\u00fcssig \u2013 sie perfektionierte ihn nur. Jetzt gab es keine offene \u00d6lflamme mehr, sondern komplexe Mechanismen. Die Laternenanz\u00fcnder wurden zu Bedienern eines riesigen, dezentralen Netzes. Ihre Aufgabe war es, den Rhythmus der Stadt zu schlagen: den Takt von Arbeit und Ruhe, von Angst und Sicherheit.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">4. Der Bau \/ Die Funktionsweise \u2013 Wie man eine Laterne z\u00e4hmt<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Technik dahinter war raffinierter, als man denkt. Nehmen wir eine typische Gaslaterne um 1900. Der Laternenanz\u00fcnder n\u00e4herte sich, \u00f6ffnete ein kleines T\u00fcrchen am Sockel oder erreichte mit seiner Stange einen Hebel am Laternenkopf. In den fr\u00fchen Modellen drehte er einfach das Gasventil auf und hielt seine eigene kleine Flamme an den Brenner.&nbsp;<strong>Zisch \u2013 puff \u2013 Licht.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sp\u00e4ter wurden die Dinge komplizierter. Der&nbsp;<strong>Gl\u00fchstrumpf<\/strong>, erfunden von Carl Auer von Welsbach (einem \u00d6sterreicher, versteht sich), war ein feinmaschiges Netz aus impr\u00e4gnierter Baumwollasche, das in der Gasflamme zu gl\u00fchen begann und ein viel helleres, wei\u00dferes Licht abgab. Dieses Gebilde war extrem filigran. Ein falscher Griff, ein heftiger Windsto\u00df, und der teure Gl\u00fchstrumpf war Staub. Der Laternenanz\u00fcnder musste also nicht nur z\u00fcnden, er musste auch diese kleinen Kunstwerke ersetzen \u2013 und zwar mit der Geduld eines Uhrmachers, oft auf einer Leiter stehend, bei Schnee und Eis.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine ganz eigene Wissenschaft war die&nbsp;<strong>Fernz\u00fcndung<\/strong>. Um Personal zu sparen, f\u00fchrten viele St\u00e4dte ab den 1920er Jahren Druckwellensysteme ein&nbsp;<a href=\"https:\/\/gaswerk-augsburg.de\/wissen\/hand-und-fernzuendung\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>. Im Gaswerk wurde f\u00fcr ein paar Minuten der Druck im gesamten Netz erh\u00f6ht. In der Laterne sa\u00df ein kleiner Regler, der auf diesen Druckanstieg reagierte und das Hauptventil \u00f6ffnete. Eine winzige Z\u00fcndflamme, die Tag und Nacht brannte, tat den Rest. Wenn dann abends um acht der Druck stieg, gingen im ganzen Viertel die Lichter an. Und wenn der Druck wieder fiel, gingen sie aus.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das war genial. Aber es war nicht perfekt. Mal ging eine Z\u00fcndflamme aus, mal war eine Leitung verstopft. Und dann kam der&nbsp;<strong>\u201eNachz\u00fcnder\u201c<\/strong>. Das war der Laternenanz\u00fcnder 2.0. Er fuhr oder lief nicht mehr seine Runde zum Anz\u00fcnden, sondern zur Kontrolle. Er war der Fehlerteufel, der das System reparierte, wenn die unsichtbare Hand der Technik versagte. Er stocherte in den Ventilen, kontrollierte die Druckregler und brachte das Licht mit Gewalt wieder zum Brennen, wenn die Automatik streikte&nbsp;<a href=\"https:\/\/gaswerk-augsburg.de\/wissen\/hand-und-fernzuendung\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">5. Das Herzst\u00fcck \u2013 Der Hebel und der Rhythmus<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das eigentliche Genie des Laternenanz\u00fcnders lag nicht im technischen Detail, sondern in seiner Rolle als&nbsp;<strong>menschlicher Schalter zwischen zwei Welten<\/strong>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sein Werkzeug, der lange Hebel oder die Stange, war die Verl\u00e4ngerung seines Arms. Aber die eigentliche Mechanik, die er bediente, war die der Zeit. Er war der Dirigent der st\u00e4dtischen Dunkelheit. Die Vorschriften, die er zu befolgen hatte, waren keine Kleinigkeit. In alten Dienstordnungen, zum Beispiel aus Augsburg, ist nachzulesen, dass die Brenndauer streng nach Kalender festgelegt war: Im Winter von 17 bis 2 Uhr, im Sommer viel k\u00fcrzer \u2013 oder gar nicht, wenn der Mond hell genug schien. Ja, man sparte, indem man in hellen N\u00e4chten die Laternen einfach auslie\u00df&nbsp;<a href=\"https:\/\/berufe-dieser-welt.de\/die-laternenanzuender\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Herzst\u00fcck war also dieser Moment des Umschaltens: Wenn der Laternenanz\u00fcnder seinen Hebel umlegte, machte er aus einer anonymen Stra\u00dfe einen bewohnten Raum. Er schuf eine Zone der Sicherheit. F\u00fcr das Kind am Fenster war er der \u201ekleine Schattenmann\u201c, der die Welt in Ordnung brachte&nbsp;<a href=\"https:\/\/magazin.wienmuseum.at\/ilse-helbichs-wien-der-zwischenkriegszeit-teil-7\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>. Er war das Gegenteil von Chaos. Er war das Ritual.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">6. Das Ende \u2013 Das Verschwinden und das Nachleuchten<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Elektrizit\u00e4t machte ihm den Garaus. Sie war sauberer, billiger im Betrieb, und vor allem: Sie lie\u00df sich mit einem einzigen Schalter im Kraftwerk zentral steuern. Kein Laternenanz\u00fcnder mehr, der bei Wind und Wetter unterwegs war. Keine defekten Z\u00fcndflammen mehr. Kein Nachz\u00fcnder.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber so ganz stimmt das nicht. Der Beruf starb nicht von heute auf morgen. Er d\u00e4mmerte dahin. In vielen St\u00e4dten waren die Laternenanz\u00fcnder noch bis in die 1930er, ja sogar bis in die 1960er Jahre unterwegs&nbsp;<a href=\"https:\/\/berufe-dieser-welt.de\/die-laternenanzuender\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>. Und heute?&nbsp;<strong>Heute gibt es sie noch.<\/strong>&nbsp;Genau.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In einer Zeit, in der wir alles mit dem Smartphone steuern, in der das Licht automatisch angeht, wenn es dunkel wird, in der wir \u00fcber \u201eSmart Cities\u201c sprechen \u2013 da gibt es zwei St\u00e4dte in Europa, in denen der Laternenanz\u00fcnder \u00fcberlebt hat. Jeden Abend geht ein Mann mit einer langen Stange durch die Stra\u00dfen von&nbsp;<strong>Zagreb<\/strong>&nbsp;und&nbsp;<strong>Breslau<\/strong>&nbsp;und z\u00fcndet die Gaslaternen von Hand an&nbsp;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Gasbeleuchtung\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>. Aus Kultur, aus Tradition, aus purer Liebhaberei. In Prag auf der Karlsbr\u00fccke tun es im Advent Schauspieler in historischen Uniformen, f\u00fcr die Touristen&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.hahnlichtberlin.de\/info\/gaslaternen\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>. Aber in Zagreb und Breslau sind es echte St\u00e4dtische Angestellte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es sind die Letzten ihrer Zunft. Sie tragen keine wei\u00dfen M\u00e4ntel mehr, aber ihre Stange ist die gleiche wie vor 150 Jahren. Sie gehen durch die Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen, vorbei an Caf\u00e9s und Boutiquen, und drehen mit einem Griff das Gas auf. Die Flamme zischt, der Gl\u00fchstrumpf gl\u00fcht auf, und f\u00fcr einen Moment ist die Zeit stehen geblieben. Sie sind lebende Denkm\u00e4ler. Oder wie ein Techniker sagen w\u00fcrde: Sie sind die manuelle R\u00fcckfallebene in einer zunehmend fragilen, automatisierten Welt.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">7. Der Epilog \u2013 Was bleibt?<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was bleibt von ihm, dem Laternenanz\u00fcnder? Mehr als man denkt. Er lebt weiter in der Literatur, als die f\u00fcnfte Figur, die der Kleine Prinz auf seinem Planeten trifft \u2013 der Laternenanz\u00fcnder, der eine Laterne anz\u00fcndet und l\u00f6scht, weil es nun mal seine Arbeit ist, obwohl sein Planet sich l\u00e4ngst schneller dreht. Er ist das Sinnbild f\u00fcr Pflichterf\u00fcllung, f\u00fcr das sinnvolle Ritual, auch wenn die Welt um einen herum keinen Sinn mehr ergibt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber er lebt auch in unseren Redewendungen. Wenn wir heute noch sagen, dass uns ein Licht aufgeht, dann meinen wir einen pl\u00f6tzlichen Gedanken. Unsere Vorfahren meinten das ganz w\u00f6rtlich. Und wenn wir \u201eeinen auf die Lampe gie\u00dfen\u201c, dann denken wir an den Schnaps \u2013 aber eigentlich erinnern wir uns an einen Mann, der bei Eisesk\u00e4lte mit einem Fl\u00e4schchen Spiritus in der Tasche durch die Stadt zog, um das Eis in den Gasleitungen zu l\u00f6schen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er war der letzte Handwerker der Dunkelheit, bevor die Elektronik das Licht entseelte und es zum reinen Konsumartikel machte. Er war der Beweis, dass Technik nicht ohne den Menschen funktioniert. Dass eine Laterne mehr braucht als Gas und einen Gl\u00fchstrumpf. Sie braucht jemanden, der sie liebevoll&nbsp;<strong>\u201eklicks\u201c<\/strong>&nbsp;macht. Und wenn man heute Abend durch eine alte Stadt geht, unter einer dieser wenigen verbliebenen Gaslaternen, dann horcht man einen Moment. Vielleicht h\u00f6rt man noch das Echo dieses Klickens. Ein letzter Gru\u00df aus einer Zeit, in der das Licht noch ein Besucher war, den man pers\u00f6nlich begr\u00fc\u00dfen musste.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Quellen:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Die Szene mit dem Kind am Fenster ist einer wunderbaren Erinnerung von Ilse Helbich an ihre Kindheit im Wien der Zwischenkriegszeit entlehnt, die im Wien Museum nachzulesen ist\u00a0<a href=\"https:\/\/magazin.wienmuseum.at\/ilse-helbichs-wien-der-zwischenkriegszeit-teil-7\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/li>\n\n\n\n<li>Die Details zu den Utensilien und dem Spiritus finden sich in der akribischen Dokumentation des Gaswerk Augsburg, die noch heute die alten Dienstvorschriften zitiert\u00a0<a href=\"https:\/\/gaswerk-augsburg.de\/wissen\/hand-und-fernzuendung\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/li>\n\n\n\n<li>Die Informationen zu den letzten Laternenanz\u00fcndern in Zagreb und Breslau sowie die Technik der Fernz\u00fcndung stammen aus einem tiefgr\u00fcndigen Artikel der Wikipedia zur Geschichte der Gasbeleuchtung\u00a0<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Gasbeleuchtung\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/li>\n<\/ul>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vom Verschwinden eines stillen Berufs und dem Licht, das blieb Wien, 9. Bezirk, Porzellangasse 7. Ein verregneter Oktoberabend im Jahr 1924.&nbsp;Das Kopfsteinpflaster gl\u00e4nzt nass, der Wind jagt das letzte Laub die Stra\u00dfe entlang. Hinter einem Fenster im ersten Stock steht ein Kind und dr\u00fcckt die Nase an der kalten Scheibe platt. Es wartet. Dann, endlich, [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[11,36],"tags":[],"class_list":["post-845","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-aus-dem-bauch-heraus","category-technologiegeschichte"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/technodidact.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/845","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/technodidact.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/technodidact.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/technodidact.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/technodidact.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=845"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/technodidact.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/845\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/technodidact.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=845"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/technodidact.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=845"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/technodidact.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=845"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}