{"id":856,"date":"2026-03-04T10:09:23","date_gmt":"2026-03-04T09:09:23","guid":{"rendered":"https:\/\/iobseu-xejul.wordpress.com\/?p=856"},"modified":"2026-03-04T10:09:23","modified_gmt":"2026-03-04T09:09:23","slug":"der-mann-der-baume-baute-antoni-gaudi-und-die-geometrie-des-lebendigen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/technodidact.de\/en\/der-mann-der-baume-baute-antoni-gaudi-und-die-geometrie-des-lebendigen\/","title":{"rendered":"Der Mann, der B\u00e4ume baute: Antoni Gaud\u00ed und die Geometrie des Lebendigen"},"content":{"rendered":"<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Barcelona, 1926. Eine Trambahn der Linie 30 rumpelt durch die Carrer de Bail\u00e8n. Es ist sp\u00e4ter Nachmittag, der Verkehr ist dicht. Ein \u00e4lterer Herr in abgetragener Kleidung, das Gesicht wettergegerbt, die Augen seltsam abwesend, \u00fcberquert die Stra\u00dfe. Er achtet nicht auf die Bahn. Der Zusammenprall ist heftig, der Mann bleibt bewusstlos auf dem Pflaster liegen. Die Passanten eilen herbei, aber niemand erkennt ihn. Der Taxifahrer, der ihn schlie\u00dflich in das Hospital de la Santa Creu bringt, nimmt kein Geld \u2013 es ist das Armenhospital. Der Mann hat keine Papiere, keine Adresse. In seinen Taschen findet sich nur ein wenig Kleingeld und ein zerlesenes Neues Testament. Drei Tage sp\u00e4ter stirbt er. Als der Kaplan der Sagrada Fam\u00edlia die Nachricht h\u00f6rt und ins Krankenhaus eilt, ist es fast zu sp\u00e4t. Der alte, verwahrloste Mann war Antoni Gaud\u00ed, der ber\u00fchmteste Architekt Barcelonas, der Sch\u00f6pfer jener Kathedrale, die er nie fertig sehen w\u00fcrde. Er starb, wie er die letzten Jahre gelebt hatte: als Unbekannter, als Bettler fast, im Dienst einer einzigen Idee&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.casabatllo.es\/en\/antoni-gaudi\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">1. Der Prolog \u2013 Der Geruch von Kupfer und Erde<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch der Anfang dieser Geschichte riecht nicht nach Karbol und Armut. Er riecht nach gl\u00fchendem Metall und nach feuchter Erde. Um das zu verstehen, m\u00fcssen wir gut f\u00fcnfzig Jahre zur\u00fcck, in ein kleines Dorf namens Riudoms, unweit von Reus in Katalonien. Hier, im Schatten der Olivenb\u00e4ume, verbringt der kleine Antoni seine Kindheit. Er ist kr\u00e4nklich, leidet an rheumatischen Schmerzen. W\u00e4hrend andere Kinder toben, sitzt er im Gras. Er beobachtet. Eine Schnecke, deren Haus in einer perfekten Spirale w\u00e4chst. Das geaderte Netz eines Blattes. Die Art, wie sich eine rankende Pflanze um einen Ast windet. Sein Vater und sein Gro\u00dfvater sind Kupferschmiede, Kesselschmiede. In ihrer Werkstatt riecht es nach L\u00f6tzinn und S\u00e4ure. Der junge Gaud\u00ed lernt hier, wie man ein flaches St\u00fcck Metall in einen dreidimensionalen K\u00f6rper zwingt, wie sich Volumen aus der Ebene treiben l\u00e4sst. Er begreift fr\u00fch: Materie ist formbar, wenn man ihr Gesetz versteht. Diese zwei Erfahrungen \u2013 die unendliche Formenlehre der Natur und das handwerkliche Wissen des Vaters \u2013 werden sp\u00e4ter eine unschlagbare Einheit eingehen&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.casabatllo.es\/en\/antoni-gaudi\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a><a href=\"https:\/\/www.ad-magazin.de\/artikel\/antoni-gaudi-architekt-portraet\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">2. Der Mensch \u2013 Vom Dandy zum Asketen<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als Gaud\u00ed 1878 sein Architekturstudium in Barcelona abschlie\u00dft, \u00fcberreicht ihm der Direktor der Schule, Elies Rogent, das Diplom mit einem Satz, der wie ein Orakel klingt: &#8222;Ich wei\u00df nicht, ob wir diesen Titel einem Verr\u00fcckten oder einem Genie \u00fcberreichen. Die Zeit wird es zeigen.&#8220;&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.casabatllo.es\/en\/antoni-gaudi\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a><a href=\"https:\/\/www.ad-magazin.de\/artikel\/antoni-gaudi-architekt-portraet\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>. Der junge Mann, der da die B\u00fchne betritt, ist ein scharfer Gegensatz zu dem verwitterten Greis von 1926. Er ist ein Dandy. Er kleidet sich elegant, besucht Theater und Konzerte, liebt gutes Essen. Seine Auftraggeber sind reiche Industrielle und die aufstrebende Bourgeoisie Barcelonas. M\u00e4nner wie Eusebi G\u00fcell, ein Textilfabrikant mit feinem Gesp\u00fcr f\u00fcr Kunst, der in Gaud\u00ed sofort das Au\u00dfergew\u00f6hnliche erkennt und ihn sein Leben lang f\u00f6rdern wird. Aus dieser Freundschaft entstehen Meisterwerke: der Palau G\u00fcell, der Park G\u00fcell, die Krypta der Col\u00f2nia G\u00fcell&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.ad-magazin.de\/artikel\/antoni-gaudi-architekt-portraet\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a><a href=\"https:\/\/www.casabatllo.es\/en\/antoni-gaudi\/works\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>. Gaud\u00ed ist kein weltfremder Tr\u00e4umer. Er ist ein gefragter Mann, der die Gesetze des Marktes kennt. Aber er hat eine radikale \u00dcberzeugung: Er weigert sich, die Natur zu kopieren. Er will ihre Bauprinzipien verstehen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">3. Das Problem \u2013 Die Krise des Steins<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Um zu begreifen, wie radikal Gaud\u00ed dachte, muss man sich die Architektur seiner Zeit ansehen. Das 19. Jahrhundert war ein gro\u00dfer Zitierkasten. Man baute gotisch, romanisch, byzantinisch, maurisch \u2013 alles schon mal dagewesen. Die Ingenieure experimentierten mit Eisen und Glas, aber die Architekten bekleisterten die neuen Strukturen oft nur mit historistischem Dekor. Das Problem war fundamental: Seit der Gotik hatte sich an der Statik eines Steingeb\u00e4udes wenig ge\u00e4ndert. Man stapelte Steine aufeinander, leitete die Lasten \u00fcber Pfeiler und Strebewerke nach au\u00dfen ab. Das Ergebnis waren oft wuchtige, dunkle R\u00e4ume, die sich gegen die Schwerkraft zu stemmen schienen. Gaud\u00ed fand das unehrlich. Ein Geb\u00e4ude, dachte er, sollte nicht k\u00e4mpfen, es sollte schweben. Es sollte so selbstverst\u00e4ndlich dastehen wie ein Baum.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und hier beginnt die eigentliche technische Geschichte. Gaud\u00ed schaut nicht auf Kathedralen, er schaut auf einen Olivenbaum. Dessen Stamm tr\u00e4gt die Last der \u00c4ste, die \u00c4ste verteilen die Last immer feiner, bis hin zum kleinsten Zweig, der das Licht sucht. Kein Strebepfeiler, kein \u00e4u\u00dferes Ger\u00fcst. Alles ist eins. Der \u00dcbergang ist flie\u00dfend. &#8222;Originalit\u00e4t besteht darin, zum Ursprung zur\u00fcckzukehren&#8220;, soll er gesagt haben&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.casabatllo.es\/en\/antoni-gaudi\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>. Und der Ursprung aller Baukunst ist f\u00fcr ihn die Natur. Seine lebenslange Aufgabe lautete: Wie \u00fcberf\u00fchre ich die organische Statik eines Baumes in Stein?<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">4. Der Bau \/ Die Funktionsweise \u2013 Das Labor des Genies<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gaud\u00ed war kein Rei\u00dfbrett-Architekt. Seine Ideen entsprangen nicht nur dem Kopf, sie wurden erfahren, gewogen, modelliert. Er war Handwerker genug, um zu wissen, dass die Linie auf dem Papier l\u00fcgt, wenn die Schwerkraft nicht mitzeichnet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sein wichtigstes Werkzeug war daher das Modell. Aber nicht aus Pappe, sondern aus Schn\u00fcren und kleinen Bleis\u00e4ckchen. F\u00fcr die Kirche der Col\u00f2nia G\u00fcell entwickelte er ein verr\u00fccktes Verfahren: Er baute ein filigranes, kopf\u00fcber h\u00e4ngendes Modell. An einem Brett befestigte er F\u00e4den, an deren Enden kleine Gewichte hingen \u2013 genau dort, wo sp\u00e4ter die schweren Steingew\u00f6lbe lasten w\u00fcrden. Die F\u00e4den spannten sich, die Schwerkraft zog daran, und das System fand von selbst die ideale, reine Biegeform \u2013 eine umgekehrte Kettenlinie. Dann fotografierte er das Chaos aus F\u00e4den, drehte das Bild um \u2013 und hatte die perfekte, statisch optimierte Form seiner Pfeiler und B\u00f6gen vor sich&nbsp;<a href=\"https:\/\/pablolunastudio.com\/es\/gaudi-el-genio-de-trasladar-la-naturaleza-a-la-arquitectura\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>. Die Natur berechnete ihm die Statik. Er musste sie nur ablesen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In der&nbsp;<strong>Casa Mil\u00e0<\/strong>&nbsp;(auch La Pedrera genannt, der Steinbruch) sehen wir das Ergebnis. Die Fassade ist keine Wand mehr, sie ist eine wogende Steinmasse, die an vom Meer glattgeschliffene Felsen erinnert. Es gibt keine geraden Linien. Die Balkone aus Schmiedeeisen sind wie angeschwemmtes Tangleder, wild und organisch. Im Inneren verzichtet Gaud\u00ed auf tragende W\u00e4nde. Das Geb\u00e4ude wird von einem Ger\u00fcst aus steinernen S\u00e4ulen getragen, \u00e4hnlich einem Skelett. Dadurch k\u00f6nnen die Grundrisse frei flie\u00dfen, die W\u00e4nde sind verschiebbar&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.ad-magazin.de\/artikel\/antoni-gaudi-architekt-portraet\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>. Auf dem Dach aber zeigt sich sein Genie am deutlichsten: Die Treppenaufg\u00e4nge und L\u00fcftungssch\u00e4chte sind als bizarre Skulpturen getarnt, die wie pr\u00e4historische Krieger oder die Chim\u00e4ren einer anderen Welt aussehen. Auch hier wieder die Natur: Sie sind so geformt, dass sie den Wind perfekt ableiten, genau wie ein von der Erosion geformter Felsen. Sie sind funktional, aber sie schreien es nicht heraus&nbsp;<a href=\"https:\/\/pablolunastudio.com\/es\/gaudi-el-genio-de-trasladar-la-naturaleza-a-la-arquitectura\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In der&nbsp;<strong>Casa Batll\u00f3<\/strong>&nbsp;geht er noch weiter. Die Fassade schimmert in tausend Blaut\u00f6nen, wie die Oberfl\u00e4che des Meeres. Die Balkone erinnern an die Masken venezianischen Karnevals, aber auch an die Sch\u00e4del von Tieren. Die S\u00e4ulen im Erdgeschoss sind wie Knochen. Die Katalanen nennen das Haus deshalb auch &#8222;Casa dels Ossos&#8220; \u2013 Haus der Knochen. Auch das ist organische Architektur: Ein Skelett ist die perfekte Verbindung von Leichtigkeit und Stabilit\u00e4t. Gaud\u00ed nahm der Architektur ihre Schwere, indem er ihr die Struktur des Lebens gab.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">5. Das Herzst\u00fcck \u2013 Der Wald, der zur Kirche wurde<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch all das war nur Vorbereitung. Das eigentliche Labor, das Herzst\u00fcck seines Schaffens, ist und bleibt die&nbsp;<strong>Sagrada Fam\u00edlia<\/strong>. Als Gaud\u00ed 1883 den Auftrag \u00fcbernahm, war erst die Krypta des Vorg\u00e4ngerarchitekten Francisco de Paula del Villar fertig. Villar hatte eine ganz normale neugotische Kirche geplant. Gaud\u00ed riss den Plan ein \u2013 im \u00fcbertragenen Sinne. Er machte weiter, aber anders&nbsp;<a href=\"https:\/\/sagradafamilia.org\/en\/history-of-the-temple\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a><a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Sagrada_Fam%C3%ADlia\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Stellt euch vor, ihr betretet heute die fertigen Teile des Innenraums. Ihr steht da, und der erste Gedanke ist nicht &#8222;Kirche&#8220;. Der erste Gedanke ist: &#8222;Wald&#8220;. Riesige, schr\u00e4g stehende S\u00e4ulen wie Baumst\u00e4mme, die sich in der H\u00f6he verzweigen, um das Gew\u00f6lbe zu tragen. Aus dem dicken Stamm werden d\u00fcnnere \u00c4ste. Das Licht f\u00e4llt nicht durch bunte Fenster wie in einer gotischen Kathedrale, sondern es str\u00f6mt von oben durch \u00d6ffnungen, die so angeordnet sind, wie das Sonnenlicht durch das Bl\u00e4tterdach eines Waldes f\u00e4llt&nbsp;<a href=\"https:\/\/pablolunastudio.com\/es\/gaudi-el-genio-de-trasladar-la-naturaleza-a-la-arquitectura\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das ist der geniale Kern, die eine Idee, die alles ver\u00e4ndert. Gaud\u00ed erfand den &#8222;verzweigten Pfeiler&#8220;. Ein gotischer Pfeiler ist ein massives B\u00fcndel aus Stein, das die Last senkrecht in den Boden leitet. Gaud\u00eds Pfeiler hingegen sind hyperbolische Strukturen, deren Querschnitt sich mit der H\u00f6he ver\u00e4ndert. Sie sind darauf ausgelegt, die Kr\u00e4fte nicht nur zu leiten, sondern sie dynamisch zu verteilen. Die oberen Verzweigungen fangen die Last des Gew\u00f6lbes auf, b\u00fcndeln sie und geben sie an den Stamm weiter. Die Schwerkraft wird nicht mehr erduldet, sie wird inszeniert. Die S\u00e4ulen sind nach den Tierkreiszeichen benannt und aus verschiedenen Gesteinsarten gefertigt \u2013 Basalt, Granit, Porphyr \u2013, je nachdem, welche Druckfestigkeit an dieser Stelle gebraucht wird&nbsp;<a href=\"https:\/\/pablolunastudio.com\/es\/gaudi-el-genio-de-trasladar-la-naturaleza-a-la-arquitectura\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gaud\u00ed wusste, dass er sterben w\u00fcrde, bevor das Werk vollendet w\u00e4re. Als ihn jemand nach den langen Bauzeiten fragte, soll er gel\u00e4chelt und gesagt haben: &#8222;Mein Auftraggeber hat es nicht eilig.&#8220;&nbsp;<a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Sagrada_Fam%C3%ADlia\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>&nbsp;Er meinte Gott. Aber er meinte auch die Natur. Ein Wald w\u00e4chst langsam.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">6. Das Ende \u2013 Triumph und Trag\u00f6die<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">1926, als die Tram ihn niederstreckte, war die Sagrada Fam\u00edlia zu nicht einmal einem Viertel fertig. Die Krypta, die Apsis, ein Teil der Geburtsfassade und einer der T\u00fcrme standen. Gaud\u00ed wusste, dass er nur den Samen gelegt hatte. Sein Begr\u00e4bnis war eine der gr\u00f6\u00dften Trauerfeiern, die Barcelona je gesehen hatte. Nun erkannten sie ihn alle, den alten Mann aus dem Armenhospital. Er wurde in der Krypta seiner unvollendeten Kathedrale beigesetzt \u2013 genau dort, wo alles begonnen hatte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dann kam der Schock. 1936, w\u00e4hrend des Spanischen B\u00fcrgerkriegs, w\u00fcteten anarchistische Milizen in Barcelona. Sie drangen in die Krypta ein, zerschlugen Gaud\u00eds Atelier und verbrannten die Gipsmodelle, die Pl\u00e4ne, die Fotografien. Jahrelange Arbeit, unersetzliche Bauanleitungen f\u00fcr kommende Generationen, gingen in Rauch auf&nbsp;<a href=\"https:\/\/sagradafamilia.org\/en\/history-of-the-temple\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a><a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Sagrada_Fam%C3%ADlia\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>. Die Sagrada Fam\u00edlia war nicht nur unvollendet, sie war kopflos. Die Nachwelt stand vor den Tr\u00fcmmern und musste sich aus Fragmenten, ver\u00f6ffentlichten Fotos und verstreuten Skizzen m\u00fchsam reimen, was der Meister eigentlich wollte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und dennoch: Der Bau ging weiter. Generationen von Architekten \u2013 Francesc Quintana, Isidre Puig Boada, Llu\u00eds Bonet i Gar\u00ed, Jordi Bonet, und heute Jordi Faul\u00ed \u2013 haben sich als \u00dcbersetzer von Gaud\u00eds Geist verstanden&nbsp;<a href=\"https:\/\/sagradafamilia.org\/en\/history-of-the-temple\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>. Sie haben aus dem Chaos rekonstruiert, was zu rekonstruieren war. Seit den 1980er Jahren hilft der Computer, die komplexen Geometrien zu berechnen, die Gaud\u00ed einst mit Schn\u00fcren und Gewichten erforschte. Die Steine werden heute in einer Fabrik mit CNC-Maschinen gefr\u00e4st, angeliefert und wie ein riesiger Baukasten vor Ort zusammengesetzt. Es ist paradox: Erst die modernste Technologie macht es m\u00f6glich, Gaud\u00eds organische Vision ma\u00dfstabsgetreu zu vollenden&nbsp;<a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Sagrada_Fam%C3%ADlia\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">7. Der Epilog \u2013 Was bleibt?<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und jetzt, im Jahr 2026 \u2013 genau ein Jahrhundert nach Gaud\u00eds Tod \u2013 ist es endlich so weit. Erst vor wenigen Tagen, am 20. Februar 2026, wurde das letzte Teilst\u00fcck des Kreuzes auf dem Turm Jesu Christi aufgesetzt. Mit 172,5 Metern ist die Sagrada Fam\u00edlia nun das h\u00f6chste Kirchengeb\u00e4ude der Welt, knapp vor dem Ulmer M\u00fcnster&nbsp;<a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Sagrada_Fam%C3%ADlia\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>. Das \u00e4u\u00dfere Ger\u00fcst ist gefallen. Das Monstrum, der Traum, der nie endende Bau ist \u2013 zumindest in seiner Grundstruktur \u2013 fertig.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn man heute durch diese steinerne Waldlichtung geht, dieses Wunder aus Hyperboloiden und Paraboloiden, diesem raumgewordenen Gebet, dann muss man an den alten Mann mit dem zerlesenen Neuen Testament denken. Und an den kleinen Jungen, der im Gras von Riudoms sa\u00df und eine Schnecke beobachtete. Gaud\u00ed hat die Natur nicht nachgeahmt. Er hat ihr Bauprinzip entschl\u00fcsselt. Er hat gelernt, dass ein Baum nicht aus einzelnen, \u00fcbereinander gestapelten \u00c4sten besteht, sondern aus einem einzigen, flie\u00dfenden Organismus. Dass Stabilit\u00e4t nicht aus Masse entsteht, sondern aus der intelligenten Verteilung von Kr\u00e4ften. Dass das Sch\u00f6ne immer auch das Funktionale ist, wenn man es nur richtig versteht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sein Verm\u00e4chtnis ist nicht nur eine Ansammlung von Touristenmagneten. Sein Verm\u00e4chtnis ist eine Haltung. Dass man gegen den Strom schwimmen darf. Dass Handwerk und Hightech keine Gegens\u00e4tze sein m\u00fcssen. Dass ein Ingenieur auch ein Dichter sein kann. Dass die Frage nicht lautet &#8222;Was kann ich bauen?&#8220;, sondern &#8222;Was will die Natur hier bauen?&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er starb als Unbekannter. Aber er hinterlie\u00df einen Wald aus Stein, in dem die Menschen noch in tausend Jahren werden staunen k\u00f6nnen. Und wenn man genau hinh\u00f6rt, zwischen dem L\u00e4rm der Stadt und dem Raunen der Besucher, kann man vielleicht noch das leise Klicken der Bleis\u00e4ckchen an den Schn\u00fcren h\u00f6ren, mit denen ein verr\u00fcckter Genie der Schwerkraft ein Schnippchen schlug.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Barcelona, 1926. Eine Trambahn der Linie 30 rumpelt durch die Carrer de Bail\u00e8n. Es ist sp\u00e4ter Nachmittag, der Verkehr ist dicht. Ein \u00e4lterer Herr in abgetragener Kleidung, das Gesicht wettergegerbt, die Augen seltsam abwesend, \u00fcberquert die Stra\u00dfe. Er achtet nicht auf die Bahn. 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