{"id":864,"date":"2026-03-04T10:09:23","date_gmt":"2026-03-04T09:09:23","guid":{"rendered":"https:\/\/iobseu-xejul.wordpress.com\/?p=864"},"modified":"2026-03-04T10:09:23","modified_gmt":"2026-03-04T09:09:23","slug":"der-mann-der-den-klang-der-seele-erfand-ernst-zacharias-und-das-wunder-des-clavinet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/technodidact.de\/en\/der-mann-der-den-klang-der-seele-erfand-ernst-zacharias-und-das-wunder-des-clavinet\/","title":{"rendered":"Der Mann, der den Klang der Seele erfand: Ernst Zacharias und das Wunder des Clavinet"},"content":{"rendered":"<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Hamburg, 2013. Ein Zweizimmer-Appartment in einer Seniorenresidenz. Drau\u00dfen der Verkehr der Gro\u00dfstadt, drinnen duftet es nach altem Holz, Kaffee und L\u00f6tkolben. An einem Tisch sitzt ein gebrechlicher Herr, weit \u00fcber achtzig, und bl\u00e4st konzentriert in ein seltsames Gebilde aus Rohren und Metall. Neben ihm, wie ein treuer Jagdhund, steht ein keilf\u00f6rmiges Instrument mit umgekehrter Tastatur \u2013 ein Clavinet L. Der Herr ist Ernst Zacharias, und er f\u00fchrt einem Besucher gerade seine neueste Erfindung vor: eine dynamische Orgel mit Durchschlagszungen. Die Pfeife in seiner Hand ist kein Museumsexponat. Sie ist der Beweis, dass der Geist des Erfinders niemals in Rente geht. Er sucht immer noch den einen Ton, den es so noch nicht gegeben hat&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.soundonsound.com\/people\/ernst-zacharias-hohner-clavinet?amp\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das war Ernst Zacharias. Kein Manager, kein Verkaufsstratege. Ein T\u00fcftler. Ein Akustiker. Ein Mann, der von einer Welt tr\u00e4umte, in der jeder sich den Klang eines Cembalos oder Clavichords nach Hause holen konnte \u2013 elektrisch, bezahlbar, und vor allem: mit einem Ton, der direkt ins Herz geht. Seine bekannteste Erfindung, das Hohner Clavinet, kennt jeder, der schon mal Stevie Wonder geh\u00f6rt hat. Dieses aggressive, zugleich aber singende, fast sprechende Growlen in &#8222;Superstition&#8220;? Das ist Zacharias. Das ist sein Geist. Aber die Geschichte, wie dieser Geist in das schwarze Geh\u00e4use fand, ist eine Reise durch Kriegstr\u00fcmmer, verstaubte Barocktradition und die unb\u00e4ndige Neugier eines jungen Mannes aus Norddeutschland.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">1. Der Prolog \u2013 Eine verrauchte Werkstatt in Neum\u00fcnster<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Stell dir vor: Neum\u00fcnster, 1948. Die Stadt ist noch grau vom Krieg, die Menschen frieren, es mangelt an allem. In einer kleinen Werkstatt, die eigentlich zum Wagenbau der Gro\u00dfeltern geh\u00f6rt, sitzt ein junger Mann mit verschmierten H\u00e4nden \u00fcber einem Haufen Elektronenr\u00f6hren. Es sind geheime Entwicklungen der Wehrmacht, die den Krieg \u00fcberlebt haben, ein letzter Schrei einer versunkenen Technologie. Neben ihm liegt kein Schaltplan f\u00fcr ein Radio, sondern eine Orgel-Tastatur, deren Tasten er selbst aus Holz geschnitzt hat. Er versucht, die R\u00f6hren dazu zu bringen, T\u00f6ne zu machen. Nicht einfach T\u00f6ne. T\u00f6ne wie von einer Barockorgel. Seine Mutter hat ihm die Liebe zu Bach mitgegeben, sein Vater die Begeisterung f\u00fcr die Technik der Moderne \u2013 das erste Auto, das erste Radio der Nachbarschaft. Jetzt, in dieser Werkstatt, die nach Holzstaub und L\u00f6tzinn riecht, zwingt Ernst Zacharias die \u00dcberreste der Zerst\u00f6rung dazu, die Musik der Vergangenheit zu spielen. Er baut sich seine erste Orgel. &#8222;Jede Taste selbst gebaut&#8220;, wird er Jahrzehnte sp\u00e4ter mit diesem speziellen Stolz des echten Machers sagen&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.soundonsound.com\/people\/ernst-zacharias-hohner-clavinet?amp\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">2. Der Mensch \u2013 Zwischen Bach und der Werkbank<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ernst Zacharias, 1924 in Neum\u00fcnster geboren, war eines von neun Kindern&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.soundonsound.com\/people\/ernst-zacharias-hohner-clavinet?amp\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>. In dieser Verbindung von musikalischer Gro\u00dffamilie und technikaffinem Vater lag der Keim f\u00fcr sein ganzes Leben. Er h\u00e4tte Konzertorganist werden sollen, aber er sa\u00df lieber an der Werkbank als auf der Orgelbank. Er studierte Elektrotechnik in Kiel und wurde Fernmeldeingenieur bei der Post \u2013 ein sicherer Job, der ihn aber nicht erf\u00fcllte. Die Musik lie\u00df ihn nicht los. Es war diese innere Unruhe des Erfinders, die Suche nach einer Synthese. Wie bringt man das, was in der Luft schwingt, in einen Draht?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sein Weg zu Hohner, dem gro\u00dfen Harmonika-Werk in Trossingen, ist eine wunderbare Schnurre, die zeigt, wie schmal der Grat zwischen Zufall und Berufung ist. Auf einer Studienfahrt zum Ford-Werk nach K\u00f6ln und zur Varta-Batteriefabrik nach Hagen riss er mit einem Kommilitonen, Siegfried Mager (Sohn eines verkannten Elektromusik-Pioniers), einfach aus. Die beiden fuhren durch den Schwarzwald bis nach Trossingen, um bei Hohner vorzusprechen&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.soundonsound.com\/people\/ernst-zacharias-hohner-clavinet?amp\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>. Sp\u00e4ter, nach einer Phase freier Mitarbeit, stand Zacharias vor dem damaligen Chefentwickler Dr. Paul Dorner. Er m\u00fcsse jetzt zur\u00fcck nach Norddeutschland zu Frau und Kind, sagte er. Ihm fehle das Geld f\u00fcr die R\u00fcckkehr. Daraufhin z\u00fcckte Dr. Dorner 100 D-Mark \u2013 eine damals erhebliche Summe \u2013 aus der Tasche. &#8222;Sie kommen aber auch wirklich wieder&#8220;, soll er gesagt haben&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.schwaebische.de\/regional\/tuttlingen\/trossingen\/daniel-duesentrieb-der-firma-hohner-ernst-zacharias-entwickelte-clavinet-2631358\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>. Zacharias kam wieder. 1954 zog die junge Familie nach Trossingen. Die 100 Mark waren die wohl kl\u00fcgste Investition in der Geschichte von Hohner.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">3. Das Problem \u2013 Die Vergangenheit zum Klingen bringen<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als Zacharias bei Hohner anfing, war die Firma ein Koloss. Tausende Arbeiter fertigten Mundharmonikas und Akkordeons, die in die ganze Welt gingen. Aber die Zeiten \u00e4nderten sich. Aus Amerika kamen die ersten elektrischen Gitarren und Verst\u00e4rker, der Rock &#8217;n&#8216; Roll k\u00fcndigte sich an. Das Problem von Hohner: Sie hatten keine Ahnung von Elektrizit\u00e4t. Ihr Gesch\u00e4ft war Mechanik, Luft, Stahl und Holz. Wie sollte ein schw\u00e4bisches Familienunternehmen, das gerade noch den Krieg mit der Fertigung von Z\u00fcndern \u00fcberstanden hatte, den Anschluss an diese neue, verzerrte Welt finden?&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.soundonsound.com\/people\/ernst-zacharias-hohner-clavinet?amp\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zacharias&#8216; Idee war radikal einfach und zugleich kulturkonservativ. Er wollte keine v\u00f6llig neue Klangmaschine bauen. Seine gro\u00dfe Liebe galt Johann Sebastian Bach. Er wollte die alten Barockinstrumente \u2013 Cembalo, Clavichord \u2013 wiederbeleben. Aber nicht als staubige Museumsst\u00fccke. Er wollte sie in die Gegenwart holen, ihnen einen elektrischen K\u00f6rper geben, damit sie im Zeitalter der Verst\u00e4rker nicht untergehen. Die Aufgabe war eine akustische und elektrotechnische Quadratur des Kreises: Wie erzeugt man den zarten, schnarrigen Klang eines Cembalo-Plektrums oder den intimen, metallischen Ton eines Clavichords, aber so laut, dass ihn eine ganze Band h\u00f6ren kann? Und wie macht man das bezahlbar und transportabel?<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">4. Der Bau \u2013 Eine Werkzeugkiste voller Ideen<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In den Entwicklungsabteilungen von Hohner begann Zacharias, eine ganze Familie von Instrumenten zu erschaffen. Es war eine beispiellose Zeit der Kreativit\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li><strong>Das Cembalet (1958):<\/strong>\u00a0Eine elektrisierte Version des Cembalos. Hier rupften kleine Plektren aus Leder oder Gummi an Metallzungen. Die Schwingungen wurden von Tonabnehmern \u2013 \u00e4hnlich wie bei einer E-Gitarre \u2013 aufgenommen\u00a0<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ernst_Zacharias\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Das Pianet (1962):<\/strong>\u00a0Eine Vereinfachung des Prinzips. Kleine Klebepad-D\u00e4mpfer zupften die Stimmzungen, sobald man die Taste loslie\u00df. Ein unglaublich warmer, weicher Sound, der sp\u00e4ter auf unz\u00e4hligen Beat- und Pop-Platten zu h\u00f6ren war\u00a0<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ernst_Zacharias\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Das Guitaret:<\/strong>\u00a0Eine kuriose, geniale Randerscheinung. Eine Art elektrische Kalimba (Mundharmonika), bei der man auf federgelagerte Tasten dr\u00fcckte und so Metallzungen anschliff\u00a0<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ernst_Zacharias\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">All diese Instrumente hatten ein gemeinsames Herzst\u00fcck: durchdachte Mechanik, kombiniert mit einfachen, aber effektiven elektromagnetischen Tonabnehmern. Sie waren geniale L\u00f6sungen f\u00fcr das Problem der Lautst\u00e4rke. Aber sie waren f\u00fcr Zacharias nur Vor\u00fcbungen. Sein Meisterst\u00fcck sollte ein anderes werden.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">5. Das Herzst\u00fcck \u2013 Die verkehrte Welt des Clavinet<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Clavichord ist eines der intimsten Tasteninstrumente \u00fcberhaupt. Wenn du eine Taste dr\u00fcckst, schl\u00e4gt ein kleines Metallst\u00fcck, die Tangente, von unten gegen die Saite und bringt sie zum Schwingen. Du kannst den Ton sogar in der Schwingung beeinflussen \u2013&nbsp;<em>Bebung<\/em>&nbsp;nennt sich das. Ein Fl\u00fcstern aus Holz und Messing. Wie macht man daraus einen B\u00fchnensound?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zacharias\u2018 erste Version, das&nbsp;<strong>Claviphon<\/strong>&nbsp;von 1961, funktionierte noch wie ein klassisches Clavichord: Die Saiten lagen \u00fcber der Tastatur, ein Hammer wurde nach oben gedr\u00fcckt. Aber Zacharias war selbst Pianist. Er wollte mehr Dynamik, mehr Durchsetzungskraft. Also drehte er das gesamte Prinzip um. Er baute die Welt des Clavichords auf den Kopf.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Beim&nbsp;<strong>Clavinet<\/strong>, das ab 1964 in Serie ging, liegen die Saiten&nbsp;<strong>unterhalb<\/strong>&nbsp;der Tastatur&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.soundonsound.com\/people\/ernst-zacharias-hohner-clavinet?amp\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>. Dr\u00fcckst du eine Taste, schnellt ein kleiner Hammer aus hartem Gummi nach unten und presst die Saite gegen einen feststehenden Amboss aus Metall. Peng \u2013 der Ton entsteht. Und zwar mit einer Wucht, einem Attack, das es so vorher nicht gab. Unter jedem dieser H\u00e4mmer sitzen zwei riesige, stangenf\u00f6rmige Tonabnehmer, die wie die E-Gitarren-Pickups unter den Saiten liegen. Das ist das ganze Geheimnis: Ein umgekehrtes Clavichord, das seinen Klang nicht sanft entfaltet, sondern ihn regelrecht heraushaut, damit die Spulen ihn packen und in Spannung verwandeln k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Saiten sind nicht einzeln gestimmt, sondern immer paarweise f\u00fcr einen Ton, was dem Klang seine typische F\u00fclle und leichte Schwebung gibt. Im Inneren eines Clavinets sieht es aus wie im Maschinenraum eines U-Boots \u2013 eine einzige, kompakte, geniale Konstruktion aus Metall, Gummi, Holz und Magneten. In den verschiedenen Patenten wird das Instrument immer wieder als &#8222;in der Art eines Clavichords&#8220; bezeichnet, aber es ist eine Verbesserung, eine Weiterentwicklung \u2013 ein Clavichord, das nach vorne geht und dir ins Gesicht sieht&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.soundonsound.com\/people\/ernst-zacharias-hohner-clavinet?amp\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">6. Das Ende \u2013 Triumph und Trag\u00f6die der Maschine<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Klassiker, f\u00fcr die Zacharias baute, winkten ab. Ein Clavichord, das sich wie ein Presslufthammer anh\u00f6rt? F\u00fcr Bach und Mozart ungeeignet, so die fr\u00fche Kritik&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.soundonsound.com\/people\/ernst-zacharias-hohner-clavinet?amp\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>. Aber irgendwo in den amerikanischen Gro\u00dfst\u00e4dten, in den schwarzen Clubs und den Hippie-Kommunen, h\u00f6rte jemand genauer hin. 1967 tauchte das Clavinet erstmals auf Platte auf \u2013 nicht in einer Klaviersonate, sondern auf einem Reggae-St\u00fcck und im Soundtrack zu einem James-Bond-Film&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.soundonsound.com\/people\/ernst-zacharias-hohner-clavinet?amp\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dann kam Stevie Wonder. 1968 nahm er &#8222;Shoo-Be-Doo-Be-Doo-Da-Day&#8220; auf, mit einem Clavinet. Und 1972, in den Record Plant Studios in Los Angeles, lie\u00df er das Ger\u00e4t in &#8222;Superstition&#8220; los. Dieser Riff, dieser universelle, dreckige, unverwechselbare Riff \u2013 das ist nicht nur Stevie Wonders Genie. Das ist die Seele der Zacharias&#8217;schen Konstruktion. Das Anpressen der Saite, das Schnarren des Gummis, das Kreischen der Tonabnehmer. Das Clavinet wurde zum Sound des Funk, des Soul, des Jazzrock. Es schrie, es fl\u00fcsterte, es wah-wah-te.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber es gibt auch eine Trag\u00f6die in dieser Geschichte. Zacharias\u2018 Instrumente waren technologisch fortschrittlich, aber manchmal zu fortschrittlich f\u00fcr ihre eigene Langlebigkeit. Sie nutzten moderne Kunststoffe und Klebstoffe, die in den beheizten Fabriken der 60er gut funktionierten. Jahrzehnte sp\u00e4ter, in den feuchten Kellern und verrauchten Clubs, begannen diese Materialien zu zerfallen. Der Schaumstoff in den D\u00e4mpfern vieler Pianets und Clavinets wurde zu einer klebrigen, teerschwarzen Pampe, die die Mechanik lahmlegte. Die Gummih\u00e4mmer verh\u00e4rteten sich oder zerbr\u00f6selten. Eine ganze Generation dieser wunderbaren Instrumente verstummte. Es brauchte eine globale Gemeinschaft von verr\u00fcckten Technikern und Liebhabern, die sich in den 2000er Jahren daranmachten, diese Konstruktionsfehler zu verstehen und die Teile nachzubauen&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.soundonsound.com\/people\/ernst-zacharias-hohner-clavinet?amp\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>. Sie retteten Zacharias&#8216; Werk vor dem M\u00fcll.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">7. Der Epilog \u2013 Was bleibt?<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Deutschen Harmonikamuseum in Trossingen steht heute ein Clavinet D6. Es ist spielbereit, ein Zeugnis einer vergangenen Epoche&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.schwaebische.de\/regional\/tuttlingen\/trossingen\/daniel-duesentrieb-der-firma-hohner-ernst-zacharias-entwickelte-clavinet-2631358\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>. Ernst Zacharias starb im Sommer 2020, kurz nach seinem 96. Geburtstag. Er hat \u00fcber 50 Patente hinterlassen, eine dynamische Orgel, die keiner kennt, und einen Sound, den jeder kennt&nbsp;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ernst_Zacharias\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a><a href=\"https:\/\/pt.wikipedia.org\/w\/index.php?title=Ernst_Zacharias&amp;printable=yes\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was bleibt von Ernst Zacharias? Sicherlich die Maschinen. Aber mehr noch die Haltung. Er war der Beweis daf\u00fcr, dass technische Innovation nicht immer nach vorne schauen muss. Manchmal liegt die Zukunft in der Vergangenheit. Er hat nicht versucht, die Welt mit einem v\u00f6llig neuen Klang zu erobern. Er hat versucht, einen alten Klang \u2013 den intimen, menschlichen Dialog mit einem Saiteninstrument \u2013 in eine laute Welt zu retten. Er hat daf\u00fcr die Sprache der Elektrotechnik, der Magnete und der Schaltungen gelernt und sie mit der Grammatik des Holzhandwerks und der Akustik verheiratet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn du heute &#8222;Superstition&#8220; h\u00f6rst, diesen unverw\u00fcstlichen Riff, dann h\u00f6rst du nicht nur Stevie Wonder. Du h\u00f6rst einen alten Mann in Hamburg, der bis zuletzt an einer selbstgebauten Orgelpfeife saugte. Du h\u00f6rst einen jungen Mann in Neum\u00fcnster, der Kriegsreste in Musik verwandelte. Du h\u00f6rst die 100 D-Mark, die ein Chef aus der Tasche zog, weil er ein Gesp\u00fcr f\u00fcr Genie hatte. Du h\u00f6rst den Klang einer Idee, die sich weigert, leise zu sein. Das ist das Verm\u00e4chtnis von Ernst Zacharias: die Erkenntnis, dass der menschliche Geist, sein Drang nach Ausdruck und Sch\u00f6nheit, st\u00e4rker ist als jeder Materialverschlei\u00df. Die Maschine kann zerfallen \u2013 der Funke, der in ihr steckt, brennt weiter.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hamburg, 2013. Ein Zweizimmer-Appartment in einer Seniorenresidenz. Drau\u00dfen der Verkehr der Gro\u00dfstadt, drinnen duftet es nach altem Holz, Kaffee und L\u00f6tkolben. An einem Tisch sitzt ein gebrechlicher Herr, weit \u00fcber achtzig, und bl\u00e4st konzentriert in ein seltsames Gebilde aus Rohren und Metall. 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