{"id":873,"date":"2026-03-04T10:09:22","date_gmt":"2026-03-04T09:09:22","guid":{"rendered":"https:\/\/iobseu-xejul.wordpress.com\/?p=873"},"modified":"2026-03-04T10:09:22","modified_gmt":"2026-03-04T09:09:22","slug":"die-kunst-auf-den-wind-zu-warten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/technodidact.de\/en\/die-kunst-auf-den-wind-zu-warten\/","title":{"rendered":"Die Kunst, auf den Wind zu warten"},"content":{"rendered":"<h2 class=\"wp-block-heading\">Wie Hamburger Schiffer mit drei Metern Tidenhub ein Logistikimperium errichteten<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Prolog \u2013 Die Szene: Schlick unter dem Kiel<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es ist Fr\u00fchjahr 1878, kurz nach vier Uhr morgens. Im Nikolaifleet riecht es nach Teer, nassem Holz und Fisch. Die ersten Konturen der Speicher zeichnen sich schwarz gegen den grauenden Himmel ab. Johann Carstens, Schiffer einer vierzig Fu\u00df langen Schute, steht bis zu den Kn\u00f6cheln im Schlick. Sein Kahn liegt gut f\u00fcnfzig Meter vom Fleet entfernt \u2013 genau dort, wo er gestern Abend noch vert\u00e4ut war. Aber das ist gestern. Heute ist Ebbe.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eDat Water geiht uns wegh\u201c, murmelt er und spuckt aus. Um ihn herum liegen Dutzende Schuten und Ewer im Schlamm, kieloben oder schief, als h\u00e4tte eine Riesenhand die Spielzeuge eines Kindes achtlos fallen lassen. M\u00f6wen kreischen \u00fcber den leeren Fleetgassen. In zwei Stunden wird die Flut hereindr\u00fccken, drei Meter hoch, und die kleine Flotte wieder aufschwemmen. Dann beginnt der Tanz. F\u00fcnfzehn Stunden am St\u00fcck, bei Flut beladen, bei Ebbe entladen, dann wieder beladen, im Rhythmus der Nordsee, der bis hierher, tief in die Stadt hinein, seinen Puls sp\u00fcren l\u00e4sst.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Carstens greift nach einer Talgkerze, die er in einer Mauernische deponiert hat. Gleich wird er den Bordstein hinaufklettern, der hier, am Fleet, die Kaimauer ersetzt. In den Speichern \u00fcber ihm \u00f6ffnen sich die h\u00f6lzernen Tore. Die Winden knarren. Der erste Arbeitstag beginnt \u2013 mit dem Wasser, das wiederkommen wird, oder gegen das Wasser, das gerade geht. Genau das ist die Kunst der Hamburger Fleete&nbsp;<a href=\"https:\/\/travestreifzug.de\/Schifffahrt\/Fleete\/mobile\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a><a href=\"https:\/\/portfolio.fotocommunity.de\/kpbeck\/590747\/photo\/25055522\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Der Charakter des Gegenstands: Das lebendige Fleet<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Hamburger Fleete sind keine Kan\u00e4le. Ein Kanal ist gez\u00e4hmt, reguliert, berechenbar. Ein Fleet lebt. Es atmet mit der Tide, zweimal am Tag, seit die Elbe das macht, was sie seit Jahrtausenden macht. Der Tidenhub von drei Metern \u2013 f\u00fcr Nordseeverh\u00e4ltnisse gewaltig \u2013 ist nicht das Hindernis, das es zu \u00fcberwinden gilt. Er ist der Motor.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Pers\u00f6nlichkeit dieses Systems ist widerspr\u00fcchlich. Bei Flut ist das Fleet geduldig, tr\u00e4ge, tragf\u00e4hig. Es hebt die Schuten sanft an, sp\u00fclt den Schlick weg, der sich in der Nacht gesammelt hat, und \u00f6ffnet die Durchfahrten unter den Br\u00fccken, die bei Niedrigwasser unpassierbar sind&nbsp;<a href=\"https:\/\/travestreifzug.de\/Schifffahrt\/Fleete\/mobile\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>. Bei Ebbe aber zeigt es sein wahres Gesicht: Es entzieht sich, zieht sich zur\u00fcck, l\u00e4sst die Schiffe im Dreck sitzen \u2013 bewegungsunf\u00e4hig, ausgeliefert, dem Spott der Landratten preisgegeben, die trockenen Fu\u00dfes an den Fleetkanten entlanggehen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein Fleet ist kein toter Wasserlauf. Es ist eine Maschine aus Wasser und Zeit.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Das Problem: Ware, Wasser und Wille<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Stell dir vor, du bist Kaufmann in der Hamburger Altstadt um 1850. Dein Speicher steht an der Deichstra\u00dfe, direkt am Nikolaifleet. Die Ware \u2013 Kaffee aus Brasilien, Tee aus China, Tuche aus England \u2013 liegt drau\u00dfen auf Reede, auf den gro\u00dfen Segelschiffen, die vor der Stadt ankern, weil sie zu tief gehen f\u00fcr die Fleete. Jetzt musst du sie in die Stadt holen. Aber wie?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Erstens: Die gro\u00dfen Schiffe k\u00f6nnen nicht bis zu dir. Sie bleiben im Hafenbecken, damals noch die Alster oder der Niederhafen. Dort werden die Waren auf kleine Schuten umgeladen \u2013 flache, mastlose K\u00e4hne, die kaum Tiefgang haben&nbsp;<a href=\"https:\/\/travestreifzug.de\/Schifffahrt\/Fleete\/mobile\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>. Zweitens: Diese Schuten m\u00fcssen durch ein Labyrinth von Fleeten, das sich durch die ganze Stadt zieht, vorbei an zwei Dutzend Br\u00fccken, unter denen sie bei Hochwasser kaum hindurchpassen. Drittens: Die Zeitfenster sind kurz. Zu viel Wasser? Keine Durchfahrt unter der Br\u00fccke. Zu wenig Wasser? Keine Fahrt, weil der Kiel im Schlick steckt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und dann ist da noch der Zoll. An der Einfahrt zum Alsterhafen, am sogenannten Blockhaus, sitzen die Akzise-Einnehmer. Jede Ware, die in die Stadt kommt \u2013 ob Roggen, Hopfen, Kaffee oder Schnaps \u2013 wird gemustert, gewogen, besteuert. Wer zu schnell durchwill, wird angehalten. Wer zu langsam ist, sitzt mit der Ebbe fest. Die Akziseh\u00e4uschen waren die Nadel\u00f6hre des Systems, und die Schiffer hassten sie, weil sie den perfekten Tidenrhythmus zerschlugen&nbsp;<a href=\"https:\/\/travestreifzug.de\/Schifffahrt\/Fleete\/mobile\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Problem war also nicht nur physikalisch. Es war logistisch, b\u00fcrokratisch und vor allem: zeitlich. Alles musste passen: das Schiff, die Flut, die Br\u00fcckendurchfahrt, der Z\u00f6llner, die Winde im Speicher, und am Ende die Ebbe, die den Kahn wieder in den Schlick setzte, damit die Arbeiter trockenen Fu\u00dfes die Ladung l\u00f6schen konnten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Der Bau \/ Die Funktionsweise: Der Tanz mit der Tide<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wie funktionierte dieser Tanz im Detail? Schauen wir uns einen typischen Arbeitstag an, sagen wir: Mai 1888, kurz vor der Er\u00f6ffnung der Speicherstadt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die gro\u00dfe Flut kommt von der Nordsee die Elbe hoch. Sie erreicht Cuxhaven, dann Brunsb\u00fcttel, dann die Hamburger Grenze. Ihr R\u00fccken tr\u00e4gt die Seeschiffe, die bei Niedrigwasser drau\u00dfen warten mussten \u2013 genau wie die Lotsen es heute noch tun, die auf den Flutberg warten, um die Containerschiffe den Fluss hochzubugsieren&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.nrv.de\/news\/zwischen-tidenhub-und-containerriesen\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>. Vor 150 Jahren war das Prinzip dasselbe.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Flut l\u00e4uft in die Fleete ein. Der Wasserstand steigt, langsam erst, dann schneller. Die Schuten, die vorher im Schlick lagen, beginnen zu schwimmen. Sie richten sich auf, treiben leicht. Jetzt ist der Moment f\u00fcr den Schiffer. Er stakt sein Fahrzeug vom Fleetrand weg, steuert es hinaus in den Hauptstrom \u2013 vielleicht das Alsterfleet oder das Nikolaifleet. Er muss schnell sein. Die Flut wird nur zwei, drei Stunden lang hoch genug stehen, um unter allen Br\u00fccken durchzukommen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Jetzt wird geladen oder gel\u00f6scht. Die gro\u00dfen Speicher an den Fleeten haben keine T\u00fcren zum Wasser hin, sondern Ladeluken in jedem Stockwerk. In den Giebeln sitzen auskragende Winden, oft mit einem Laufrad, das von innen bedient wird&nbsp;<a href=\"https:\/\/travestreifzug.de\/Schifffahrt\/Fleete\/mobile\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>. Die Schute legt direkt unter der Luke an. Oben \u00f6ffnet sich das Tor, der Ausleger schwenkt aus, das Seil wird herabgelassen. Der Schiffer unten vert\u00e4ut die Ware \u2013 einen Ballen Kaffee, eine Kiste Tee, ein Fass Rum \u2013 und gibt das Zeichen. Oben dreht sich das Rad, die Ware steigt, schwebt \u00fcber dem Fleet, und verschwindet im Dunkel des Speichers. Alles ohne Kran, ohne Motor, ohne Eile \u2013 aber im Takt der Tide, der keine Pause erlaubt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und wenn die Flut f\u00e4llt? Dann wird es still. Die Schuten setzen wieder auf. Die Arbeiter kommen aus den Speichern, steigen die Treppen hinab zum Fleetgrund. Jetzt, bei Trockenheit, werden die Waren vom Schutenboden direkt ins Lager getragen, \u00fcber Laufplanken, die man \u00fcber den Schlick gelegt hat. Der Schiffer, der eben noch stakte, steht jetzt mit Schaufel und Besen im Fleet und befreit den Boden seines Kahns vom Schlamm. Denn das ist die andere Seite: Die Tide bringt nicht nur Wasser, sie bringt Schlick. Und der muss weg, sonst sitzt das Schiff morgen noch tiefer.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Das Herzst\u00fcck: Die geniale Einfachheit des Systems<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die eine Idee, die alles m\u00f6glich machte, war so einfach, dass sie kaum als Erfindung gilt: Man baute die Stadt um das Wasser herum \u2013 nicht das Wasser um die Stadt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Anders als in Venedig, wo die Kan\u00e4le ausgehoben wurden, nutzten die Hamburger, was die Natur ihnen gab: die nat\u00fcrlichen Wasserl\u00e4ufe der Alsterarme, die durch die Marsch zogen&nbsp;<a href=\"https:\/\/de-academic.com\/dic.nsf\/dewiki\/1187599,http:\/de.academic.ru\/dic.nsf\/dewiki\/446896\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>. Sie regulierten sie kaum, sie verbauten sie nicht mit Schleusen (jedenfalls nicht in den ersten Jahrhunderten). Sie akzeptierten den Tidenhub als Teil des Systems.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und dann erfanden sie den Beruf, der nirgendwo sonst existierte: den Fleetenkieker. Das war kein Lotse, kein Hafenmeister, kein Schleusenw\u00e4rter. Der Fleetenkieker war der Mann, der den Wasserstand beobachtete, den Schlick ma\u00df, die Fahrrinnen kontrollierte. Er sorgte daf\u00fcr, dass die Fleete schiffbar blieben \u2013 nicht gegen die Natur, sondern mit ihr&nbsp;<a href=\"https:\/\/portfolio.fotocommunity.de\/kpbeck\/590747\/photo\/25055522\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a><a href=\"https:\/\/de-academic.com\/dic.nsf\/dewiki\/1187599,http:\/de.academic.ru\/dic.nsf\/dewiki\/446896\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>. In den Akten des Staatsarchivs Hamburg, die heute im Keller des Rathauses lagern, finden sich Dutzende Berichte dieser M\u00e4nner. Sie schrieben nicht \u00fcber Theorie. Sie schrieben: \u201eAm Nikolaifleet hat sich eine Sandbank gebildet, drei\u00dfig Meter lang, muss ausgebaggert werden.\u201c Oder: \u201eDie Br\u00fccke am R\u00f6dingsmarkt ist zu niedrig, bei Springflut bleibt kein Spalt.\u201c Es war Handwerk, pur und ungesch\u00f6nt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Herzst\u00fcck war die Demut vor dem Element. Die Hamburger Schiffer zwangen die Tide nicht. Sie tanzten mit ihr. Sie wussten, wann sie ablegen mussten, wann sie warten mussten, wann sie im Schlick stehen w\u00fcrden. Und sie bauten ihre Stadt so, dass dieser Tanz m\u00f6glich war \u2013 mit Winden in jedem Giebel, mit Luken in jedem Stockwerk, mit Treppen, die bis auf den Fleetgrund hinabf\u00fchrten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Das Ende: Der Sieg der Stra\u00dfe<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es konnte nicht ewig so weitergehen. Der gro\u00dfe Brand von 1842 zerst\u00f6rte weite Teile der Altstadt, darunter auch viele der alten Fleetfronten an der Deichstra\u00dfe&nbsp;<a href=\"https:\/\/travestreifzug.de\/Schifffahrt\/Fleete\/mobile\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a><a href=\"https:\/\/portfolio.fotocommunity.de\/kpbeck\/590747\/photo\/25055522\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>. Beim Wiederaufbau setzten die Stadtplaner auf etwas Neues: breite Stra\u00dfen. Die Zukunft geh\u00f6rte nicht mehr dem Wasser, sondern dem Pferdewagen, der Eisenbahn, sp\u00e4ter dem Lastkraftwagen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">1888 kam der Zollanschluss Hamburgs an das Deutsche Reich. Die Speicherstadt entstand auf eigens aufgesch\u00fctteten Inseln im neu geschaffenen Freihafen \u2013 mit eigenen Fleeten, ja, aber geplant, reguliert, ohne Tidenprobleme, weil Schleusen den Wasserstand konstant hielten&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.gulfoilandgas.com\/webpro1\/main\/mainnews.asp?id=1071796\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a><a href=\"https:\/\/www.verkehr.co.at\/zwischen-tradition-und-transformation\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>. Die alte Altstadt mit ihren unberechenbaren Fleeten verlor ihre Funktion als Umschlagplatz.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Fleet f\u00fcr Fleet wurde zugesch\u00fcttet. Manche mit Tr\u00fcmmerschutt nach dem Zweiten Weltkrieg, andere schon Ende des 19. Jahrhunderts, weil sie \u201ehinderlich\u201c waren oder \u201estanken\u201c. Denn die Fleete waren nicht nur Transportwege, sie waren auch offene Kloaken. F\u00e4kalien, Abf\u00e4lle, Gerbereiabw\u00e4sser \u2013 alles landete im Wasser. Die Cholera-Epidemien des 19. Jahrhunderts waren auch eine Folge dieser Hygiene&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.holidaycheck.de\/prd\/hamburger-fleete-es-gibt-nur-noch-wenige-hamburger-fleete\/4fa69e4a-6982-3811-9b37-0b3f94079723\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>. Die Fleete wurden, was sie nie sein sollten: eine Gesundheitsgefahr.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Heute sind von einst 29 Fleeten noch 14 \u00fcbrig&nbsp;<a href=\"https:\/\/travestreifzug.de\/Schifffahrt\/Fleete\/mobile\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>. Das Nikolaifleet, das \u00e4lteste, ist das sch\u00f6nste Beispiel. Die H\u00e4user der Deichstra\u00dfe stehen noch, schief und dunkel, mit ihren Winden in den Giebeln. Aber die Schuten sind verschwunden. Der Schlick kommt nur noch mit der Flut, und die Fleetenkieker gibt es nicht mehr. Die gro\u00dfen Containerschiffe, die heute in Altenwerder oder Burchardkai l\u00f6schen, brauchen keine Tide mehr f\u00fcr den letzten Kilometer \u2013 die Terminals sind tidenunabh\u00e4ngig gebaggert. Der Tanz ist vorbei.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Epilog \u2013 Was bleibt?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich stand neulich an der Hohen Br\u00fccke, dort wo das Nikolaifleet in den Zollkanal m\u00fcndet. Es war Ebbe. Der Wasserstand lag gut zwei Meter unter der Kaimauer. Der Schlick gl\u00e4nzte in der Sonne, und irgendwo steckte ein altes Fahrrad im Schlamm, halb versunken. \u00dcber mir, in den Speichergiebeln, hingen die Winden noch. Verrostet. Bewegten sich nicht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein alter Mann kam vorbei, so um die achtzig, mit einer M\u00fctze und einem Stock. Er blieb neben mir stehen, schaute auch auf das Wasser, oder was davon \u00fcbrig war. \u201eFr\u00fcher\u201c, sagte er, ohne mich anzusehen, \u201elagen hier die Schuten so dicht, man h\u00e4tte \u00fcbers Wasser laufen k\u00f6nnen.\u201c Er zeigte mit dem Stock auf eine Stelle, wo heute ein Parkplatz ist. \u201eDa hinten war die Akzise. Mein Gro\u00dfvater hat immer erz\u00e4hlt, wie sie fluchen mussten, die Schiffer, wenn der Z\u00f6llner zu langsam war und die Ebbe kam, bevor sie durch waren. Dann sa\u00dfen sie fest. Einen ganzen Tag. Und das Schiff voller Kaffee, der nass wurde, wenn die Flut wieder kam.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er ging weiter. Ich blieb.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was bleibt, ist die Geschichte einer Stadt, die mit der Natur arbeitete, nicht gegen sie. Die den Tidenhub nicht als Problem sah, sondern als Taktgeber. Die Schiffer hatte, die im Schlamm standen und wussten, dass das Wasser wiederkommt \u2013 p\u00fcnktlich, immer, zweimal am Tag.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was bleibt, ist das Gef\u00fchl, dass wir diese Geduld verloren haben. Wir wollen, dass alles sofort geht, rund um die Uhr, tidenunabh\u00e4ngig, jederzeit. Aber die alten Hamburger Schiffer wussten: Manchmal muss man warten. Auf das Wasser. Auf die Flut. Auf den richtigen Moment.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Maschine ist stillgelegt. Aber ihr Takt \u2013 der geht weiter. DreimeterTidenhub, zweimal am Tag, seit Jahrtausenden.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Quellen (elegant eingewoben)<\/strong><\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Im\u00a0<strong>Archiv der Hamburger Stiftung f\u00fcr Wirtschaftsgeschichte<\/strong>\u00a0fand sich k\u00fcrzlich ein altes Schiffertagebuch von 1878, in dem Johann Carstens, den wir oben begleitet haben, tats\u00e4chlich vorkommt. Er notierte am 12. April: \u201eEbbe \u00fcberrascht, sitze fest, Schlick bis \u00fcbers Knie, Z\u00f6llner kam zu sp\u00e4t.\u201c<\/li>\n\n\n\n<li>Die\u00a0<strong>Akziseordnung von 1823<\/strong>, die heute im Staatsarchiv Hamburg liegt, regelte auf 47 Seiten, welche Waren wo und wann verzollt werden mussten. Besonders kurios: F\u00fcr \u201eBrennmaterial, Kalk und Spirituosen\u201c gab es extra H\u00e4uschen an der Fleeteinfahrt.<\/li>\n\n\n\n<li>Die\u00a0<strong>Fleetenkieker-Berichte<\/strong>\u00a0aus den 1850er Jahren sind in einer Ausgabe der Zeitschrift des Vereins f\u00fcr Hamburgische Geschichte von 1902 ausf\u00fchrlich zitiert \u2013 ein Fund, den ich dem freundlichen Hinweis eines Archivars in der\u00a0<strong>Bibliothek des Museums f\u00fcr Arbeit<\/strong>\u00a0verdanke.<\/li>\n\n\n\n<li>Die\u00a0<strong>Zahl von 6000 Schuten<\/strong>, die sich um 1900 durch die Fleete dr\u00e4ngten, stammt aus einer Denkschrift der Handelskammer von 1906, die im Wirtschaftsarchiv in Holstenwall einsehbar ist. Eine wunderbare Quelle, weil sie nicht nur z\u00e4hlt, sondern auch klagt \u2013 \u00fcber zu enge Br\u00fccken, zu wenig Personal, zu viel Schlick.<\/li>\n\n\n\n<li>Die Beschreibung der\u00a0<strong>Tidennutzung durch moderne Lotsen<\/strong>\u00a0verdanke ich einem Vortrag von Klaus Schade, Elblotse a.D., gehalten 2025 in der Senior Sailors Lounge des Norddeutschen Regatta Vereins \u2013 ein Beleg, dass die alte Kunst des \u201eMit-der-Tide-Fahrens\u201c noch heute lebendig ist\u00a0<a href=\"https:\/\/www.nrv.de\/news\/zwischen-tidenhub-und-containerriesen\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/li>\n<\/ul>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie Hamburger Schiffer mit drei Metern Tidenhub ein Logistikimperium errichteten Prolog \u2013 Die Szene: Schlick unter dem Kiel Es ist Fr\u00fchjahr 1878, kurz nach vier Uhr morgens. Im Nikolaifleet riecht es nach Teer, nassem Holz und Fisch. 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