POCO: Die Entwicklung vom „Flagship-Killer“ zur globalen Tech-Marke

Einleitung

Während Redmagic die Nische der Hardcore-Gamer bedient, hat sich eine andere Marke einem breiteren, aber nicht minder anspruchsvollen Publikum verschrieben: POCO. In der Welt der Smartphones ist der Begriff „Flagship-Killer“ untrennbar mit dem Namen POCO verbunden. Es ist eine Geschichte, die 2018 begann und die Vorstellung davon, was ein Smartphone für unter 300 Euro leisten kann, für immer veränderte.

Dieser Artikel zeichnet den kompletten Werdegang von POCO nach. Wir beleuchten die Ursprünge als geheimes Projekt innerhalb von Xiaomi, den schwierigen Übergang zur eigenständigen Marke und die strategischen Entscheidungen, die POCO heute zu einem der interessantesten Player im globalen Smartphone-Markt machen. Von der Unternehmensstruktur und den Köpfen hinter der Marke über das vielfältige Produktportfolio bis hin zu den neuesten Innovationen und der spezifischen Marktstrategie in Ländern wie Indien und Deutschland – dieser Artikel bietet einen detaillierten Einblick in die Welt von POCO.

Wer ist POCO? – Definition und Positionierung

POCO (eigene Schreibweise: POCO) ist eine globale Technologiemarke, die sich auf die Entwicklung und den Vertrieb von Smartphones und in jüngster Zeit auch Tablets spezialisiert hat . Die Marke hat sich eine treue Anhängerschaft aufgebaut, indem sie ein klares und einfaches Versprechen verfolgt: Höchste Leistung zu einem unschlagbaren Preis .

Anders als Nischenmarken wie Redmagic zielt POCO auf ein breiteres Publikum ab – „junge Tech-Enthusiasten“, wie das Unternehmen selbst sagt . Das sind Nutzer, die das Beste aus ihrem Gerät herausholen wollen, sei es für mobiles Gaming, Produktivität oder Content Creation, aber nicht bereit sind, den Premium-Preis von etablierten Flagships zu zahlen. Diese Philosophie des „extremen Preis-Leistungs-Verhältnisses“ ist das Fundament der Markenidentität. Auch als POCO nun offiziell in das Premium-Segment vorstößt, bleibt dieses Versprechen der Kern der Marke: „high-quality and high-value products that are within everyone’s reach“ .

Ursprung und Unternehmensstruktur

Die Geburtsstunde: Ein Geheimprojekt bei Xiaomi

Die Geschichte von POCO beginnt nicht in einem eigenen Büro, sondern als streng geheimes Projekt innerhalb des chinesischen Technologiegiganten Xiaomi . Im Jahr 2018 stellte eine kleine Gruppe von Produktmanagern und Ingenieuren, angeführt von Jai Mani (einem ehemaligen Google-Produktmanager) und Alvin Tse, die Vision eines Smartphones vor, das in puncto Leistung mit den Flaggschiffen von Samsung und OnePlus mithalten, aber nur einen Bruchteil kosten sollte .

Das Ergebnis war der POCO F1 (Pocophone F1) , der im August 2018 vorgestellt wurde. Das Gerät war eine Sensation: Es kombinierte den damals aktuellsten Snapdragon 845 Prozessor mit einem riesigen 4000 mAh Akku und einem erschwinglichen Preis, der die Konkurrenz alt aussehen ließ. Offiziell wurde POCO als eine neue Produktreihe von Xiaomi gelauncht, ähnlich wie Redmi damals .

Der Schritt in die Eigenständigkeit

Nach dem überwältigenden Erfolg des F1 wurde es 2019 überraschend still um POCO. Es gab Gerüchte, dass Xiaomi die Marke wieder einstellen könnte, da sie mit dem neu aufgestellten, ebenfalls auf Preis-Leistung fokussierten Redmi-Brand kollidierte . Doch das Gegenteil war der Fall.

Im Januar 2020 gab Xiaomi bekannt, dass POCO als unabhängiges Unternehmen ausgegliedert wird . Dies war ein strategisch wichtiger Schritt. Manu Kumar Jain, damals Vizepräsident von Xiaomi, begründete dies damit, dass POCO sich in kurzer Zeit einen eigenen Ruf aufgebaut habe und nun eigenständig agieren solle . Seitdem operiert POCO mit einem eigenen Management und einer eigenen Strategie, auch wenn es weiterhin eng mit der Muttergesellschaft verbunden ist und deren Ressourcen nutzt.

Hauptsitz, Führung und Belegschaft

Als Teil der Xiaomi-Gruppe ist der technologische und strategische Hauptsitz von POCO in Peking, China, verankert. Da POCO jedoch eine globale Marke ohne Heimatmarkt in China ist, liegt ein enormer Fokus auf den internationalen Märkten .

Die Führungsstruktur spiegelt diese globale Ausrichtung wider:

  • Globale Führung: Eine Schlüsselfigur ist Angus Ng, der als Head of Product Marketing bei POCO Global maßgeblich an der Positionierung der Produkte beteiligt ist . Bei globalen Launch-Events tritt oft Kang Lou, Senior Product Marketing Manager und Sprecher von POCO Global, als öffentliches Gesicht der Marke auf .
  • Regionale Führung: In den wichtigsten Märkten gibt es eigene Führungsteams. So leitet in Indien, dem mit Abstand größten Markt für POCO, Himanshu Tandon (auch bekannt als „Tandon“) das Unternehmen als Country Head. Für das Marketing in Indien ist Ken Sekhar verantwortlich, der zuvor für Marken wie Lenovo und Motorola tätig war .

Die genaue Mitarbeiterzahl ist nicht öffentlich, aber zum Zeitpunkt der Unabhängigkeit im Jahr 2020 wurde von etwa 300 Mitarbeitern gesprochen, die für POCO tätig waren . Heute ist das Team mit Sicherheit gewachsen, um die Expansion in über 50 Märkte weltweit zu bewältigen.

Die Beziehung zu Xiaomi und Redmi

Diese Beziehung ist komplex, aber entscheidend für das Verständnis von POCO. Da POCO keinen eigenen Heimatmarkt in China hat, betreibt es dort keine eigene Hardware-Entwicklung. Stattdessen fungiert es als eine Art globaler Arm, der die leistungsstärkste Technologie aus dem Xiaomi-Universum auf die internationale Bühne bringt. Oder wie es Ken Sekhar, Marketing-Chef von POCO Indien, ausdrückt: „The hardware R&D inevitably flows from the parent company‘s massive domestic engine—Redmi“ .

Das bedeutet in der Praxis, dass viele POCO-Smartphones technisch auf Redmi-Modellen basieren, die in China entwickelt wurden (z. B. basiert das POCO F8 Ultra auf dem Redmi K90 Ultra) . POCO veredelt diese Basis dann mit einer eigenen Software-Optimierung, einem eigenen Design-Ethos und einer maßgeschneiderten Marketing-Strategie für die internationalen Verbraucher. Dies ist keine einfache „Umbenennung“, sondern eine strategische Nutzung von Synergien, um schnell und effizient globale Produkte auf den Markt zu bringen.

Das Produktportfolio: Vom Smartphone zum erweiterten Ökosystem

Lange Zeit war POCO eine reine Smartphone-Marke. Mit der Einführung der ersten Tablets Ende 2025 hat das Unternehmen jedoch begonnen, sein Portfolio zu einem umfassenderen Technologie-Ökosystem auszubauen .

1. Smartphones (Das Kerngeschäft)

Die Smartphones von POCO sind in vier klare Serien unterteilt, die unterschiedliche Preisklassen und Zielgruppen abdecken. Die Krönung der Entwicklung ist seit 2025 die F-Serie mit dem „Ultra“-Zusatz, die den offiziellen Eintritt in das Premium-Segment markiert .

SerieZielgruppe / PositionierungAktuelles Vorzeigemodell (Stand 2025/26)Kerninnovationen des Modells
F Series (Ultra/Pro)Performance-Flaggschiffe für Enthusiasten und GamerPOCO F8 Ultra Snapdragon 8 Elite Gen 5, dedizierter VisionBoost D8 Grafikchip, Sound by Bose Triple-Speaker-System, 6.500 mAh Akku, IP68
X SeriesMittelklasse mit starkem Preis-Leistungs-VerhältnisPOCO X7 Pro Ausgewogene Leistung für den Alltag und gelegentliches Gaming zu einem attraktiven Preis
M SeriesSolide Allrounder für den Massenmarkt(div. Modelle)Fokus auf zuverlässige Akkulaufzeit und solide Grundleistung
C SeriesEinstiegsgeräte für preisbewusste Nutzer(div. Modelle)Grundlegende Smartphone-Funktionen zum absoluten Minimalpreis

2. Tablets (Das wachsende Ökosystem)

Ende 2025 hat POCO mit der POCO Pad Serie seinen ersten großen Schritt über die Smartphone-Kategorie hinaus gewagt .

  • POCO Pad X1 (2025): Das leistungsorientierte Tablet für Gaming und Produktivität. Es wird vom Snapdragon 7+ Gen 3 angetrieben und bietet ein 11,2-Zoll 3.2K Display mit 144 Hz .
  • POCO Pad M1 (2025): Das Unterhaltungstablet für die breite Masse. Es punktet mit einem riesigen 12,1-Zoll 2.5K Display und einem noch größeren 12.000 mAh Akku für stundenlanges Streaming .

3. Zubehör und Wearables

Obwohl POCO Indien im Jahr 2025 eine „Smartphone-only“-Strategie für den lokalen Markt ausgab , bietet die Marke global weiterhin Zubehör an, um das Ökosystem abzurunden:

  • Audio: POCO Buds (verschiedene Generationen) als kabellose Begleiter.
  • Wearables: Die POCO Watch, eine Smartwatch für Fitness- und Alltagsnutzung .
  • Sonstiges: Tastaturen und weiteres Zubehör runden das Angebot ab.

Innovationen: Mehr als nur ein „Flagship-Killer“

POCOs größte Innovation war und ist sein Geschäftsmodell: die Demokratisierung von Spitzentechnologie. Darüber hinaus hat das Unternehmen in den letzten Jahren aber auch spezifische Technologien vorangetrieben, die besonders in der F8 Ultra-Generation sichtbar werden.

Das Dual-Chipset-Architektur (VisionBoost)

Mit der F7 Ultra führte POCO erstmals einen dedizierten Grafikchip ein, den VisionBoost D7 . In der F8 Ultra wurde dieser zum VisionBoost D8 weiterentwickelt . Dieser Chip arbeitet neben dem Hauptprozessor (SoC) und ist speziell für Gaming-Aufgaben optimiert. Er ermöglicht Funktionen wie Smart Frame Rate (stabilisierung der Bildwiederholrate), Super Resolution (Hochskalieren der Grafik) und Game HDR, um Spiele flüssiger und detailreicher darzustellen, ohne den Hauptprozessor übermäßig zu belasten .

Revolution der Smartphone-Audio (Sound by Bose)

Ein Meilenstein für POCO ist die strategische Partnerschaft mit dem Audio-Spezialisten Bose . Für das POCO F8 Ultra hat Bose ein spezielles 2.1-Kanal Triple-Speaker-System entwickelt, das die physikalischen Grenzen eines Smartphones überwindet und erstmals einen satten Bass und eine beeindruckende Klangbühne ermöglicht. Nutzer können zwischen zwei Soundprofilen („Dynamisch“ und „Ausgewogen“) wählen, um das Klangerlebnis an ihre Vorlieben anzupassen .

POCO HyperRGB Display

Das Display des F8 Ultra, das sogenannte POCO HyperRGB Display, verwendet eine neuartige Subpixel-Struktur. Im Gegensatz zu herkömmlichen OLEDs, bei denen Subpixel oft gemeinsam genutzt werden, werden hier alle roten, grünen und blauen Subpixel vollständig angesteuert. Dies führt zu einer um 19,5 % geringeren Leistungsaufnahme bei einer Bildqualität, die mit 2K-Auflösung vergleichbar ist .

KI-gestützte Fotografie (AISP)

POCO hat massiv in die Kamera-Technologie investiert, um einen der größten Kritikpunkte der Vergangenheit auszuräumen. Die POCO AISP (AI Large Model Computational Photography Platform) nutzt KI, um CPU, GPU, NPU und ISP-Ressourcen zu bündeln und die Bildverarbeitung massiv zu beschleunigen . Dies ermöglicht Funktionen wie UltraSnap (schnellster Serienbildmodus) und deutlich verbesserte Aufnahmen bei schlechtem Licht.

Marktpräsenz und Strategie

Indien: Der wichtigste Markt mit einer eigenen Strategie

Indien ist der absolute Kernmarkt für POCO. Hier hat die Marke ihre größte Fangemeinde, aber auch ihre größten Herausforderungen. Die Marktanteile sind unter Druck, da das Budget-Segment schrumpft . Aus diesem Grund verfolgt POCO Indien eine eigenständige, vorsichtige Strategie. Das Land ist der Hauptgrund, warum das hochmoderne POCO F8 Ultra nicht überall auf der Welt erhältlich ist. Ken Sekhar von POCO Indien erklärte, dass der Markt für ein Gerät dieser Preisklasse (über 700 US-Dollar) noch nicht bereit sei und man die Marke nicht überstürzt im Premium-Segment positionieren wolle . Stattdessen fokussiert man sich in Indien weiterhin stark auf das Kerngeschäft Smartphones, während das Ökosystem mit Tablets vorerst vernachlässigt wird .

Deutschland und Europa: Der Online-Spieler

In Deutschland und Europa verfolgt POCO eine reine Online-Strategie. Die Geräte werden exklusiv über den eigenen Shop und große E-Commerce-Plattformen wie Amazon vertrieben. Dies hält die Vertriebskosten niedrig und ermöglicht die aggressiven Preise. Ein Nachteil ist jedoch, dass Funktionen wie NFC (für mobiles Bezahlen) oder die für Deutschland wichtigen FeliCa-Chip nicht immer in allen Modellen verbaut sind . Nichtsdestotrotz ist POCO dank seiner Überzeugung, in Online-Kanäle zu investieren, zu einer festen Größe für preisbewusste Technikfans in Deutschland geworden.

Kritische Würdigung

  • Stärken: Unschlagbares Preis-Leistungs-Verhältnis, innovative Technologien (Dual-Chip, Bose-Audio) werden schnell in erschwingliche Geräte integriert, starke und engagierte Community, klare Produktstrategie.
  • Schwächen: Die starke Abhängigkeit von Redmi als Technologielieferant führt zu Kritik an mangelnder eigener Hardware-Identität . Die Software-Updates und die langfristige Update-Politik sind nicht immer mit Premium-Marken vergleichbar. Die Verfügbarkeit von Funktionen (wie NFC) ist je nach Modell und Markt inkonsistent . Die Marke ist in den Köpfen vieler Verbraucher immer noch im Budget-Segment verhaftet, was den Verkauf teurerer Modelle erschwert .

Quellenverzeichnis

Für die Erstellung dieses Artikels wurden folgende Quellen herangezogen:

  1. technology.inquirer.net. (2025, November 25). POCO launches POCO F8 Series, entering the premium era with bold flagship breakthroughs. Abgerufen am 3. März 2026 .
  2. mb.com.ph. (2025, November 27). POCO launches the POCO F8 Series. Abgerufen am 3. März 2026 .
  3. tech.yahoo.com. (2025, Dezember 3). Here‘s why the POCO F8 Ultra isn’t coming to India. Abgerufen am 3. März 2026 .
  4. businessmirror.com.ph. (2025, März 28). POCO goes Ultra, marks entry into true flagship territory with F7 series. Abgerufen am 3. März 2026 .
  5. businessworld.in. (2025, Dezember 2). Poco’s New Gambit: Ken Shekar On Why The F8 Ultra Is Skipping India. Abgerufen am 3. März 2026 .
  6. genk.vn. (2021, November 10). Xiaomi tách POCO ra thành một công ty độc lập. Abgerufen am 3. März 2026 .
  7. news.infoseek.co.jp. (2025, September 3). 佐野正弘のケータイ業界情報局 第156回. Abgerufen am 3. März 2026 .
  8. Wikipedia. (2023). POCO. Abgerufen am 3. März 2026 von https://zh.wikipedia.org/wiki/POCO .

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