Das unsichtbare Eckbüro – eine Reise in die Abgründe der Arbeitswelt
Von DerSchneider
Einleitung
Es ist ein Szenario, das viele Büroangestellte aus tiefster Seele kennen: der Wunsch nach einem Rückzugsort, einer stillen Kammer, in der die lärmende, sinnentleerte Arbeitswelt für einen Moment suspendiert wird. Corner Office (2022), die schwarze Komödie des dänischen Regisseurs Joachim Back, nimmt diese Sehnsucht und treibt sie auf die Spitze. Der Film, der auf dem Roman Das Zimmer (Rummet) des schwedischen Autors Jonas Karlsson basiert, erzählt von einem Mann, der in den sterilen Fluren eines Konzerns ein Büro entdeckt – ein Büro, das für alle anderen unsichtbar ist.
Was wie eine skurrile Fantasy beginnt, entpuppt sich als scharfe Sozialstudie über die psychischen Zumutungen des modernen Arbeitslebens, über Narzissmus, Konformitätsdruck und die fragile Grenze zwischen produktiver Eigenbrötlerei und krankhafter Isolation. Der Film feierte im Juni 2022 auf dem Tribeca Film Festival Premiere und kam am 4. August 2023 in die deutschen Kinos. Die Reaktionen der Kritik fielen geteilt aus – ein Umstand, der den Film vielleicht sogar interessanter macht, als es eine einhellige Zustimmung vermocht hätte.
Die Handlung – oder: Was wir sehen, wenn wir Orsons Augen folgen
Orson (Jon Hamm) tritt seine neue Stelle bei der undurchschaubaren Behörde „Authority Inc.“ an. Er ist ein pedantischer, von sich selbst überzeugter Einzelgänger, der sofort mit seinen Kollegen hadert – beleidigt von deren lässiger Arbeitsmoral, schlampiger Kleidung und sogar der mangelnden Glaubwürdigkeit einer Kinderzeichnung auf einem Schreibtisch. Die Firma, untergebracht in einem monolithischen brutalistischen Hochhaus, ist das, was man sich unter „kafkaesk“ vorstellt. Welche Dienstleistungen die Mitarbeiter erbringen, bleibt völlig rätselhaft.
Auf der Suche nach Büromaterial stößt Orson auf ein scheinbar ungenutztes Eckbüro. Es ist das genaue Gegenteil des sterilen, weiß leuchtenden Großraumbüros: holzvertäfelte Wände, ein großer Schreibtisch, eine Plattensammlung – ein Rückzugsort von geradezu sinnlicher Wärme. Das Problem: Keiner seiner Kollegen kann diesen Raum sehen.
Orson nutzt das Büro immer häufiger. Die Arbeit darin versetzt ihn in einen Zustand innerer Ruhe und steigert seine Produktivität enorm. Er erledigt die Arbeit seiner Kollegen und erntet dafür Lob von seinen Vorgesetzten, was den Neid seiner Kollegen weiter schürt. Als er schließlich die Empfangsdame Alyssa (Sarah Gadon) in sein Refugium einlädt, eskaliert die Situation. Die Frage, ob der Raum real ist oder nur in Orsons Kopf existiert, wird zum zentralen Spannungsmoment des Films.
Zwischen Don Draper und Büroklammer – Jon Hamms ambivalente Hauptfigur
Die Besetzung von Jon Hamm in der Hauptrolle ist ein genialer Schachzug. Hamm, bekannt geworden als der omnipotente Werbemanager Don Draper in Mad Men, spielt hier dessen exaktes Gegenteil. Außerhalb des geheimen Büros ist Orson ein schluffiger, unsicherer Kleinkarierter – mit engem Kragen und buschigem Schnurrbart, der an die heruntergekommenen Büroangestellten aus absurden Fabeln erinnert. Sobald er jedoch die Schwelle zu seinem Refugium überschreitet, verwandelt er sich in eine übertriebene Parodie auf Don Draper: mühelos elegant, selbstbewusst und autoritär.
Diese meta-fiktionale Spannung zwischen dem unbeholfenen Hamm und dem, den wir aus Mad Men kennen, treibt einen Großteil des Humors des Films an. Gleichzeitig macht sie Orson zu einer zutiefst ambivalenten Figur. Ist er ein genialer Individualist, der sich gegen die Gleichmacherei des Konzerns behauptet? Oder ist er ein narzisstischer Größenwahnsinniger, dessen Realitätsverlust besorgniserregende Züge annimmt? Der Film lässt diese Frage bewusst offen.
Hamm liefert eine Performance, die perfekt auf die Prämisse des Films abgestimmt ist. Sein monotones Voice-over, das den gesamten Film begleitet, ist dabei sowohl Stärke als auch Schwäche. Es verleiht Orson eine Stimme, die an Patrick Bateman in American Psycho erinnert – trocken, unempathisch und von einer erschreckenden sozialen Distanz geprägt. Doch diese Voice-overs werden im Laufe des Films von einer komödiantischen Stütze zur dramaturgischen Krücke.
Die Ästhetik der Leere – wie der Film die Bürohölle ins Bild setzt
Corner Office ist ein Film, der stark von seiner visuellen Sprache lebt. Die Ästhetik ist bewusst dystopisch. Das Gebäude von „The Authority“ ist ein isolierter brutalistischer Hochhauskomplex, umgeben von einem verschneiten Parkplatz, der mit identischen Autos gefüllt ist. Diese Kälte ist mehr als nur Kulisse – sie ist ein Kommentar.
Der Kontrast zwischen dem sterilen Großraumbüro – mit seinen Krankenhaus-blauen Überschuhen, die die Mitarbeiter zum Schutz des Bodens tragen müssen – und der warmen, holzvertäfelten Ästhetik des Eckbüros könnte nicht größer sein. Der eine Raum steht für Entfremdung, der andere für Geborgenheit. Der eine für Konformität, der andere für Individualität.
Diese Bildsprache erinnert an andere Werke, die sich mit der Absurdität des Arbeitslebens auseinandersetzen. Kritiker zogen Vergleiche zur Serie Severance und zum Kultfilm Office Space. Die brutale Architektur des Gebäudes weckte bei einigen sogar Assoziationen zum Videospiel Control. Corner Office fügt sich damit in eine Tradition ein, die die Arbeitswelt nicht als Ort der Erfüllung, sondern als Schauplatz existenzieller Leere begreift.
Die Rezeption – ein Film zwischen Geniestreich und Rohrkrepierer
Die Kritiken zu Corner Office sind ein Lehrstück in puncto gespaltene Meinungen. Der Film hält auf Rotten Tomatoes eine Bewertung von 26 % basierend auf 19 Kritiken, mit einem Durchschnitt von 5,4/10. Auf Metacritic kommt er auf einen Metascore von 47 – „mixed or average“. Die Nutzerbewertungen auf IMDb fallen mit 6,1/10 aus über 6.700 Bewertungen etwas milder aus.
| Plattform | Bewertung | Anmerkung |
|---|---|---|
| Rotten Tomatoes (Critics) | 26 % | basierend auf 19 Kritiken |
| Metacritic | 47 | „mixed or average“ |
| IMDb | 6,1/10 | über 6.700 Nutzerbewertungen |
Die positiven Stimmen heben vor allem Jon Hamms Performance und die stimmungsvolle, surreale Atmosphäre hervor. Das Slant Magazine vergab 75 von 100 Punkten und befand, der Film zeige, dass Humanismus und Absurdismus oft zwei Ausdrucksformen desselben Gesichts seien.
Die kritischen Stimmen sind jedoch lauter. RogerEbert.com (63/100) urteilte, der Film sei eine „manchmal lustige Satire, vollgestopft mit kapitalistischer Lebensüberdrüssigkeit, aber sie beißt mit stumpfen Zähnen“. Variety (40/100) zog ein vernichtendes Fazit: „Wie der weltfremde Orson stellt sich auch Backs Regiedebüt mehr vor, als andere sehen können“. Besonders das Ende des Films wird häufig als unbefriedigend kritisiert. Viele Zuschauer empfinden die Hauptfigur als zu unsympathisch, um mit ihr mitzufühlen.
Das unsichtbare Büro als Metapher – was der Film wirklich erzählen will
Unabhängig von der ästhetischen oder dramaturgischen Qualität des Films ist seine zentrale Metapher von beachtlicher Tiefe. Das Eckbüro ist mehr als ein Raum – es ist ein psychologischer Zustand. Es steht für die Sehnsucht nach einem Ort, an dem man wirklich man selbst sein kann, fernab von den Zumutungen der sozialen Interaktion und der sinnentleerten Routine.
Gleichzeitig ist es aber auch ein Gefängnis. Die Macht, sich von der Welt zu isolieren, ist auch die Macht, die Kontrolle über die eigene Wahrnehmung zu verlieren. Orsons Eckbüro wird zum Symbol für Eskapismus, Individualität und vielleicht sogar Wahnsinn. Die Frage, die der Film aufwirft, ist existentiell: Ist konforme Gleichförmigkeit wirklich schlimmer als delusionaler Individualismus?
In dieser Hinsicht ist Corner Office weniger ein Film über ein mysteriöses Büro als vielmehr ein Film über die Einsamkeit des modernen Arbeitnehmers. Die Monotonie des Arbeitsplatzes wird hier nicht nur beschrieben, sondern regelrecht zelebriert – was dem Film den unfreiwilligen Charakter eines Testaments für den durch die Pandemie entstandenen Trend des Homeoffice verleiht.
Fazit und Ausblick
Corner Office ist kein Film für jeden Geschmack. Er ist sperrig, uneindeutig und stellt seine Zuschauer vor die Herausforderung, sich auf eine zutiefst ambivalente Hauptfigur einzulassen. Wer jedoch bereit ist, sich auf diese Reise einzulassen, wird mit einer schwarzen Komödie belohnt, die weit über die übliche Bürosatire hinausgeht.
Der Film wirft Fragen auf, die in Zeiten von Homeoffice, Digitalisierung und zunehmender Entfremdung von der Arbeit aktueller sind denn je: Wo finden wir unseren Rückzugsort? Was passiert mit uns, wenn wir ihn verlieren? Und was, wenn dieser Rückzugsort nur in unserem Kopf existiert?
Die gemischte Resonanz auf den Film ist vielleicht weniger ein Zeichen für sein Scheitern als vielmehr ein Indiz für seine Unbequemlichkeit. Corner Office weigert sich, einfache Antworten zu geben – und genau das macht ihn zu einem bemerkenswerten Beitrag zum Genre der Arbeitsweltsatire.
Quellen
- Wikipedia: Corner Office (deutsche Version)
- Slant Magazine: Corner Office Review: (Not) Being Don Draper
- RogerEbert.com: Corner Office movie review & film summary
- IndieWire: ‘Corner Office’ Review: Jon Hamm Plays the Anti-Don Draper in a Surreal Workplace Satire
- Metacritic: Corner Office critic reviews
- Grokipedia: Corner Office (film)
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