Vom Lächeln zum Algorithmus: Eine Phänomenologie der verlorenen Sinne
Oder: Warum wir verlernt haben, einander zu riechen
Prolog: Das Archiv der flüchtigen Momente
Es gibt eine Erinnerung, die mich nicht loslässt. Sie ist nicht einmal meine eigene, sondern die einer Freundin, die mir vor Jahren von ihrer Großmutter erzählte. Die Großmutter, Jahrgang 1925, beschrieb die Begegnung mit ihrem zukünftigen Mann im Wien der Nachkriegszeit. Es sei ein Tanzabend gewesen, sagte sie, in einem ausgebombten Saal, der notdürftig wiederhergerichtet worden war. Die Luft roch nach Schweiß, nach billigem Parfum und nach dem Staub der Ruinen. Sie habe ihn zuerst nicht einmal gesehen, sagte sie, aber sie habe seine Stimme gehört, ein Lachen, das sich von den anderen unterschied. Und dann, als sie endlich tanzten, den Abdruck seiner Hand auf ihrem Rücken gespürt, durch den dünnen Stoff ihres einzigen Kleides. „Ich wusste es sofort“, sagte sie. „Nicht mit dem Kopf. Mit dem ganzen Körper.“
Diese Geschichte ist heute, im Jahr 2026, ein Archäologie-Fundstück. Sie beschreibt eine Welt, die nicht einfach vergangen, sondern regelrecht abgeschafft wurde – abgeschafft durch eine Technologie, die uns versprach, die Liebe leichter, effizienter und zugänglicher zu machen. Doch der Preis dieser Effizienz ist höher, als wir ahnten. Wir haben die Liebe nicht nur digitalisiert, wir haben sie entsinnlicht.
Dieser Artikel unternimmt den Versuch einer Archäologie des Verlusts. Gestützt auf die aktuellen Zahlen und Beobachtungen von Thomas Oysmüller (2026) und die bahnbrechende Forschung von Michael Rosenfeld und Kollegen (2019), will er nicht nur beschreiben, wie sich die Partnersuche verändert hat, sondern fragen, was in diesem Prozess verschwunden ist. Er wird sich den einzelnen Sinnen widmen, die aus der Gleichung gestrichen wurden – dem Geruch, dem Klang, der Berührung – und zeigen, dass ihre Abwesenheit keine Nebensächlichkeit ist, sondern das Fundament unserer Beziehungs(un)fähigkeit untergräbt.
Erster Teil: Die Eroberung der Intimität durch den Algorithmus
1. Die kurze Geschichte der digitalen Partnersuche
Die Geschichte der digitalen Partnersuche ist eine Geschichte der zunehmenden Abstraktion. In ihren Anfängen, Mitte der 1990er Jahre, war sie noch eine Suche unter vielen. Man inserierte in Kontaktbörsen, tauschte E-Mails, lernte sich nach Wochen des Schreibens vielleicht einmal kennen. Es war langsam, umständlich und keineswegs der Normalfall.
Die erste Zäsur brachte das Jahr 2012. Mit Tinder und seiner Swipe-Funktion wurde aus der Suche ein Spiel. Oysmüller beschreibt es präzise: „gamifiziert und hochgradig suchterzeugend“. Plötzlich ging es nicht mehr um das langsame Kennenlernen, sondern um die schnelle Entscheidung. Links oder rechts? Ja oder nein? Ein Wisch, und der Mensch ist vergessen.
Die zweite Zäsur erleben wir gerade. Sie ist tiefer, unsichtbarer und vielleicht folgenschwerer. Es ist die Invasion der Künstlichen Intelligenz in den intimsten Raum, den wir kennen. Oysmüller notiert: „Schon jetzt haben nicht wenige Menschen romantische virtuelle Beziehungen mit Chatbots. Tendenz steigend. Diese Bots wischen dann auch nie nach links, um den Menschen abzulehnen.“
Was hier geschieht, ist mehr als eine technologische Neuerung. Es ist eine ontologische Verschiebung. Das Gegenüber ist kein Mensch mehr, sondern eine Maschine, die gelernt hat, menschlich zu wirken. Die letzte Bastion der Begegnung – der Andere als unverfügbares, widerspenstiges, echtes Wesen – fällt.
2. Die Ökonomie der Aufmerksamkeit und das Geschäft mit der Einsamkeit
Um zu verstehen, warum diese Entwicklung so unaufhaltsam scheint, muss man das Geschäftsmodell verstehen. Dating-Apps sind keine Partnervermittlungen im herkömmlichen Sinne. Sie sind Aufmerksamkeitsmaschinen.
Jede Minute, die ein Nutzer swiped, ist eine Minute, in der er Werbung sieht oder – wahrscheinlicher – ein Abo bezahlt, um die Werbung nicht zu sehen und „Premium“-Funktionen zu erhalten. Die perfekte Paarbildung ist für dieses Geschäftsmodell nicht nur irrelevant, sie ist kontraproduktiv. Ein Nutzer, der die App löscht, weil er eine glückliche Beziehung gefunden hat, ist ein verlorener Kunde. Oysmüller formuliert es als Frage, die wie ein Anatomiemesser durch das Gewebe der Illusion schneidet: „Ob Plattformen wie Tinder wirklich wollen, dass ihre Nutzer – die ein Abo abgeschlossen haben – eine Partnerschaft finden, das Abo kündigen und die App löschen, darf man allerdings sicher bezweifeln.“
Die Antwort ist so einfach wie verstörend: Nein, das wollen sie nicht. Sie wollen, dass wir weiterswipen. Dass wir weitersuchen. Dass wir weiterträumen – und dafür zahlen. Die Einsamkeit ist kein Unfall dieser Technologie, sie ist ihr Geschäftsmodell.
Zweiter Teil: Die Anatomie des Verlusts – Was fehlt, wenn wir swipen
3. Der Geruch: Das vergessene Organ der Partnerwahl
Beginnen wir mit dem, was am schwersten zu digitalisieren ist: dem Geruch. In der Tierwelt ist die Rolle des Geruchssinns bei der Partnerwahl unbestritten. Mäuse, Hunde, unzählige Arten wählen ihren Partner nicht nach dem Aussehen, sondern nach dem Geruch – genauer: nach dem Duft ihres Immunsystems.
Der Mensch ist da keine Ausnahme, auch wenn wir es gerne vergessen. Der Geruchssinn ist der älteste unserer Sinne, direkt verbunden mit den Arealen des Gehirns, die Emotionen und Erinnerungen verarbeiten. Jeder Mensch hat einen einzigartigen Geruch, der von genetischen Faktoren, aber auch von Ernährung, Gesundheit und Stimmung beeinflusst wird. Und dieser Geruch kommuniziert Dinge, für die wir keine Worte haben.
Studien aus den 1990er Jahren, die seither vielfach bestätigt wurden, zeigen, dass Frauen den Geruch von Männern mit einem abweichenden Immunsystem (den sogenannten MHC-Komplex) als angenehmer empfinden – ein unbewusster Mechanismus, der für gesunde Nachkommen sorgt. Wir riechen die genetische Kompatibilität, ohne es zu wissen.
Was passiert nun, wenn wir diesen Kanal komplett kappen? Wenn wir Menschen nach Profilbildern auswählen, ohne jemals ihren Geruch wahrgenommen zu haben? Wir treffen eine Entscheidung auf völlig unzureichender Grundlage. Wir wählen vielleicht den, der auf dem Foto gut aussieht, aber dessen Geruch uns abstoßen würde – oder umgekehrt. Die „Chemie stimmt nicht“ ist keine Floskel, sondern die buchstäbliche Wahrheit. Die chemische Kommunikation zwischen zwei Körpern ist ausgefallen, weil sie nie stattfinden konnte.
Die Folgen zeigen sich beim ersten Treffen. Nach Wochen des Chattens steht man sich endlich gegenüber – und oft genug ist da nichts. Nicht, weil der andere gelogen hätte, sondern weil der entscheidende Kanal der Information fehlte. Die Enttäuschung ist keine moralische, sie ist eine sinnliche. Wir sind buchstäblich ahnungslos in die Begegnung gegangen.
4. Die Stimme: Das verlorene Instrument der Seele
Der zweite Sinn, der in der digitalen Vorstufe der Begegnung fehlt, ist das Gehör. Wir tauschen Nachrichten aus, keine Stimmen. Wir lesen Worte, aber wir hören keine Melodien.
Dabei ist die Stimme ein so komplexes und aussagekräftiges Instrument wie kaum ein anderes. Sie trägt Information über Alter, Herkunft, Bildungsstand, aber auch über den momentanen emotionalen Zustand. Ist der andere aufgeregt? Gelangweilt? Interessiert? Das alles hört man, wenn man die Stimme hört. In der Schrift verschwindet es.
Noch wichtiger: Die Stimme ist ein zentrales Medium der Intimität. Das Flüstern, das Lachen, das leise „Ich mag dich“ – all das sind Klangereignisse, die den Körper des anderen direkt erreichen, ohne den Umweg über das Bewusstsein. Das Gehirn reagiert auf den Klang einer vertrauten Stimme mit der Ausschüttung von Oxytocin, dem Bindungshormon. In der digitalen Kommunikation gibt es diesen Mechanismus nicht. Wir können uns in jemanden hineinlesen, aber wir können uns nicht in ihn hineinhören.
Auch hier entsteht eine Lücke, die das erste Treffen oft schmerzhaft füllen muss. Die Stimme, die man sich vielleicht vorgestellt hat, ist nicht die echte. Der Klang passt nicht zum Bild, zum Text, zur erwarteten Person. Und wieder ist die Enttäuschung keine Frage des Inhalts, sondern der Form.
5. Der Blick: Was die Augen verraten, was das Foto verbirgt
Das Visuelle scheint auf den ersten Blick gut abgedeckt in der digitalen Welt. Wir haben Fotos, viele Fotos, oft hunderte. Aber das Foto ist nicht der Blick.
Ein Foto ist ein eingefrorener Moment, eine Inszenierung, eine Pose. Es zeigt, wie wir gesehen werden wollen, nicht, wie wir sind. Der Blick dagegen ist lebendig. Er flimmert, er wandert, er senkt sich, er hebt sich. Er verrät Unsicherheit, Interesse, Langeweile, Verlangen. Er ist das Fenster nicht nur zur Seele, sondern zum momentanen Zustand der Seele.
Die Partnerwahl in der analogen Welt war zu einem großen Teil eine Schule des Blicks. Man lernte, die Mikrobewegungen der Augen zu deuten, den Moment des Interesses von der Höflichkeit zu unterscheiden, das echte Lächeln von der sozialen Maske. Diese Fähigkeit, die über Jahrtausende eingeübt wurde, verkümmert in der digitalen Kommunikation. Wir lernen, Profilbilder zu dekodieren, aber wir verlernen, Menschen anzusehen.
Und wieder: Wenn man sich dann trifft, ist der Blick des anderen oft der größte Schock. Nicht, weil er böse wäre, sondern weil er einfach anders ist als erwartet. Weil die tausend kleinen Bewegungen, die einen Menschen ausmachen, in der digitalen Vorstellung fehlten.
6. Die Berührung: Das Archiv der Nähe
Der letzte und vielleicht wichtigste Sinn ist der Tastsinn. Die Haut ist unser größtes Organ, und sie ist das Organ der Nähe par excellence. Keine andere Sinneserfahrung ist so unmittelbar, so schwer zu digitalisieren, so essentiell für das, was wir Intimität nennen.
Die Berührung ist der Kanal, über den wir Zuneigung, Trost, Verlangen und Geborgenheit kommunizieren. Ein Händedruck, eine Umarmung, eine zufällige Berührung im Vorbeigehen – all das sind Botschaften, die keine Worte brauchen und keine Worte ersetzen können. Sie gehen direkt unter die Haut, ins limbische System, dorthin, wo unsere tiefsten Gefühle wohnen.
In der digitalen Partnersuche gibt es diese Berührung nicht. Es gibt sie nicht einmal als Versprechen. Man kann sich stundenlang schreiben, ohne jemals zu wissen, wie es sich anfühlt, von dieser Person berührt zu werden. Und wenn man sich dann endlich trifft, ist die erste Berührung oft ein Moment der Wahrheit, der alles Vorherige entweder bestätigt oder zerstört. Der Körper lügt nicht, sagt man. In der digitalen Welt hat er gar nicht erst die Chance zu sprechen.
Dritter Teil: Die Folgen – Einsamkeit, Enttäuschung und der Rückzug ins Künstliche
7. Das Paradox der Wahl: Warum mehr Optionen nicht glücklicher machen
Man könnte einwenden, dass diese Verluste durch die enormen Gewinne an Auswahl und Reichweite aufgewogen werden. Endlich kann man Menschen treffen, die man im eigenen sozialen Umfeld nie getroffen hätte. Endlich haben auch Schüchterne, Ältere, Menschen mit besonderen Interessen eine Chance.
Dieses Argument übersieht ein psychologisches Grundgesetz, das der Soziologe Barry Schwartz als „Paradox der Wahl“ beschrieben hat. Mehr Optionen machen nicht glücklicher, sie machen unzufriedener. Sie erzeugen die Angst, die falsche Wahl zu treffen – und die Enttäuschung, dass die getroffene Wahl nicht perfekt ist, weil es ja vielleicht noch eine bessere gegeben hätte.
Die Dating-Apps potenzieren dieses Paradox ins Unendliche. Es gibt immer ein nächstes Profil, einen nächsten Swipe, eine nächste Chance. Warum sollte man sich für diesen Menschen entscheiden, wenn da draußen vielleicht der oder die Richtige wartet? Die Beziehung wird zum Provisorium, zur Übergangslösung, zum Platzhalter für die ewige Suche.
Oysmüller zitiert Daten, die zeigen, dass die Nutzung von Dating-Apps rückläufig ist, insbesondere bei der Generation Z. Man spricht von „Dating-App-Fatigue“. Das ist die Erschöpfung angesichts der unendlichen Wahl. Das Gefühl, dass man sich durch ein Meer von Gesichtern wischt, ohne jemals anzukommen. Es ist die Müdigkeit des Sisyphos, der den Stein immer wieder den Berg hinaufrollt – und weiß, dass er nie oben ankommen wird.
8. Die Krise der Intimität: Weniger Sex, mehr Einsamkeit
Die Zahlen, die Oysmüller nennt, sind alarmierend: „Die soziale Vereinsamung hat mit dem Aufkommen der Digitalisierung ebenso zugenommen, zugleich haben Menschen (auch in Beziehungen) immer weniger Sex. Es gibt Untersuchungen, die durchaus auf eine Kausalität und nicht nur auf Korrelation hindeuten.“
Was geschieht hier? Wir sind vernetzter denn je und einsamer denn je. Wir haben Zugang zu Tausenden von potenziellen Partnern und finden keinen. Wir kommunizieren rund um die Uhr und verlernen die Sprache der Nähe.
Die These liegt nahe, dass die digitale Kommunikation die reale nicht ergänzt, sondern ersetzt. Die Zeit, die wir mit Swipen, Chatten und Profil-Optimieren verbringen, fehlt uns für echte Begegnungen. Die Fähigkeiten, die wir im Umgang mit Bildschirmen entwickeln, sind im Umgang mit Menschen nutzlos. Wir werden zu Experten der virtuellen Intimität und zu Analphabeten der echten.
Und dann ist da noch die Angst. Die Angst vor Zurückweisung, die in der digitalen Welt so viel leichter zu ertragen ist, weil sie anonym bleibt. Die Angst vor Nähe, die man im Chat kontrollieren und im echten Leben nicht kontrollieren kann. Die Angst vor dem Unperfekten, das in den Profilen unsichtbar bleibt und beim ersten Treffen unübersehbar ist.
9. Der letzte Schritt: Wenn die KI zur Geliebten wird
Die Logik dieser Entwicklung führt zu einem Punkt, den Oysmüller nur andeutet, der aber vielleicht die Zukunft bedeutet: die romantische Beziehung mit einer Künstlichen Intelligenz.
Es ist nur konsequent. Wenn die Begegnung mit echten Menschen so enttäuschend ist – wenn sie so oft scheitert an der Diskrepanz zwischen Erwartung und Wirklichkeit, zwischen Profil und Person, zwischen Chat und Körper –, warum dann nicht den Schritt zur KI wagen?
Die KI ist immer verfügbar. Sie ist nie müde, nie gereizt, nie ablehnend. Sie erinnert sich an alles, was man ihr gesagt hat, und reagiert immer genau so, wie man es braucht. Sie wertet nicht, sie verletzt nicht, sie verlässt nicht. Sie ist der perfekte Partner – weil sie kein Partner ist, sondern ein Spiegel.
Schon heute gibt es Plattformen, auf denen Menschen solche Beziehungen führen. Sie verlieben sich in Chatbots, gestehen ihnen ihre tiefsten Geheimnisse, fühlen sich verstanden und angenommen. Die Maschine erwidert ihre Liebe – programmgemäß.
Was bedeutet das für die Zukunft der Menschheit? Werden wir uns immer weiter zurückziehen in diese warmen, aber letztlich einsamen Arme der Künstlichen Intelligenz? Werden wir vergessen, wie es ist, von einem echten Menschen berührt zu werden, der uns nicht versteht, aber trotzdem liebt? Werden wir die Kunst verlernen, mit den Unzulänglichkeiten eines anderen Wesens zu leben – und darin das Glück zu finden?
Oysmüller schreibt: „Diese Bots wischen dann auch nie nach links, um den Menschen abzulehnen.“ Das klingt wie eine Verheißung. Es ist eine Drohung. Denn die Ablehnung, das Linkswischen, das Ghosting – all das sind schmerzhafte Erfahrungen. Aber sie sind auch Erfahrungen der Realität. Sie lehren uns, dass der andere ein eigener Mensch ist, mit eigenen Wünschen, eigenen Grenzen, eigenem Willen. Eine Welt ohne Ablehnung wäre eine Welt ohne echte Begegnung. Eine Welt, in der wir nur noch uns selbst begegnen, in der Maske des Anderen.
Vierter Teil: Ausblick – Die Wiederentdeckung des Verschmutzten
10. Die Sehnsucht nach dem Echten: Der „Great Analog Reset“
Es gibt Hoffnung. Oysmüller berichtet von einer Gegenbewegung, einem „Great Analog Reset“. Junge Menschen, die mit Tinder groß geworden sind, wenden sich ab. Sie suchen wieder die reale Begegnung, den Zufall, das Ungeplante.
Das ist kein Zufall. Es ist die Reaktion auf eine tiefe Unzufriedenheit. Die Erkenntnis, dass all die Effizienz, all die Optimierung, all die Auswahl uns nicht glücklicher gemacht hat. Sondern nur müder, einsamer, enttäuschter.
Was diese jungen Menschen suchen, ist das, was die Großmutter meiner Freundin auf dem Tanzabend fand: die ganze Person. Mit Geruch, mit Stimme, mit Blick, mit Berührung. Mit all den Fehlern und Unvollkommenheiten, die einen Menschen erst wirklich machen. Mit dem Risiko der Zurückweisung und dem Wunder der Annahme.
Sie suchen das, was der Philosoph Byung-Chul Han die „Austreibung des Anderen“ nennt – und seine Wiedereinsetzung. Sie wollen nicht mehr nur sich selbst begegnen, im glatten Spiegel der App. Sie wollen dem Anderen begegnen, dem Fremden, dem Unverfügbaren. Sie wollen wieder lernen, einander zu riechen.
11. Was wir tun können: Eine kleine Schule der Sinne
Was können wir tun, um dieser Entwicklung entgegenzuwirken? Nicht, indem wir die Technologie verteufeln. Sie ist da, und sie wird bleiben. Sondern indem wir lernen, mit ihr zu leben, ohne uns von ihr beherrschen zu lassen.
Eine kleine Schule der Sinne könnte so aussehen:
- Das erste Treffen beschleunigen. Je weniger Zeit zwischen digitalem Kennenlernen und realer Begegnung liegt, desto geringer die Gefahr der Illusionsbildung. Nach ein paar Nachrichten: Treffen. Ein Kaffee, ein Spaziergang – mehr nicht. Aber die Sinne müssen sprechen dürfen, bevor der Kopf zu viele Geschichten gebaut hat.
- Die Sinne bewusst einschalten. Beim ersten Treffen nicht nur reden. Wahrnehmen. Riechen. Hören. Spüren. Dem Gegenüber erlauben, ein ganzer Mensch zu sein – und sich selbst erlauben, einer zu sein.
- Die Apps als Werkzeug nutzen, nicht als Herrscher. Sie sind Instrumente der Kontaktanbahnung, nicht der Beziehungsführung. Wer die App nach ein paar Treffen noch intensiv nutzt, hat das Interesse vielleicht noch nicht gefunden – oder sucht schon wieder nach dem nächsten.
- Die Unvollkommenheit feiern. Der perfekte Mensch existiert nicht. Im Profil schon gar nicht. Die Suche nach dem Perfekten ist die Garantie für dauerhafte Unzufriedenheit. Das Glück liegt im Unperfekten, im Echten, im Überraschenden.
- Die Fähigkeit zur Einsamkeit entwickeln. Wer nicht allein sein kann, kann auch nicht wirklich mit einem anderen zusammen sein. Die Angst vor der Einsamkeit treibt uns in die Arme der Apps – und in die noch größere Einsamkeit der virtuellen Beziehungen.
12. Das Lächeln als Widerstand
Und das verschmitzte Lächeln? Es ist kein Relikt aus ferner Zeit. Es ist eine Möglichkeit, ein Versprechen, eine Fähigkeit, die wir wiedererlernen können.
Das verschmitzte Lächeln ist die Antithese zum optimierten Profilbild. Es ist nicht geplant, nicht inszeniert, nicht berechnet. Es entsteht im Moment, aus der Situation heraus, als Antwort auf etwas Unerwartetes. Es ist ein Geschenk des Augenblicks, keine Ware auf dem Markt der Möglichkeiten.
Es zu zeigen, erfordert Mut. Mut, unperfekt zu sein. Mut, sich zu zeigen, wie man wirklich ist. Mut, dem anderen zu vertrauen, dass er dieses Lächeln versteht – und vielleicht erwidert.
Vielleicht ist das die eigentliche Aufgabe unserer Zeit: den Mut wiederzufinden, einander anzulächeln. Nicht auf dem Bildschirm, sondern im echten Leben. Nicht als Inszenierung, sondern als Geschenk. Nicht als Berechnung, sondern als Wagnis.
Die Digitalisierung hat die Partnersuche für immer verändert. Aber sie hat nicht das letzte Wort. Das letzte Wort hat immer noch das Lächeln. Dieses flüchtige, unberechenbare, zutiefst menschliche Lächeln, das kein Algorithmus der Welt wird berechnen können.
Wir müssen es nur wieder wagen.
Quellen
Primärquellen
- Oysmüller, Thomas (2026): Wie die Digitalisierung die Partnersuche für immer verändert hat. tkp.at, 16. Februar 2026.
- Rosenfeld, Michael J., Thomas, Reuben J. & Hausen, Sonia (2019): Disintermediating your friends: How online dating in the United States displaces other ways of meeting. Proceedings of the National Academy of Sciences, 116(36).
Wissenschaftliche Literatur
- Bauman, Zygmunt (2003): Flüchtige Liebe: Über die Fragilität menschlicher Bindungen. Suhrkamp. (Zur These der Verflüssigung sozialer Beziehungen).
- Byung-Chul Han (2016): Die Austreibung des Anderen: Gesellschaft, Wahrnehmung und Kommunikation heute. S. Fischer Verlag. (Zur These der „Glättung“ der Welt und dem Verschwinden des Anderen).
- Illouz, Eva (2011): Warum Liebe weh tut: Eine soziologische Erklärung. Suhrkamp. (Zur Ökonomisierung der Gefühle und den Paradoxien moderner Liebe).
- Illouz, Eva (2018): Warum Liebe endet: Eine Soziologie negativer Beziehungen. Suhrkamp. (Fortführung der Analyse mit Fokus auf das Scheitern).
- Schwartz, Barry (2004): The Paradox of Choice: Why More Is Less. HarperCollins. (Grundlagenwerk zum Zusammenhang von Optionsvielfalt und Unzufriedenheit).
- Wedekind, Claus et al. (1995): MHC-dependent mate preferences in humans. Proceedings of the Royal Society B: Biological Sciences, 260(1359). (Die klassische „Schweißgeruch-Studie“ zur Bedeutung des Geruchssinns bei der Partnerwahl).
Philosophische und essayistische Literatur
- Baudrillard, Jean (1978): Die Agonie des Realen. Merve Verlag. (Zur These vom Verschwinden des Realen in der Simulation).
- Le Breton, David (2017): Die Sinne: Eine Anthropologie der Wahrnehmung. Turia + Kant. (Zur anthropologischen Bedeutung der Sinne).
- Rosa, Hartmut (2016): Resonanz: Eine Soziologie der Weltbeziehung. Suhrkamp. (Zum Konzept der Resonanz als Gegenbegriff zur Entfremdung).
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