Der Kabelkrieg ist vorbei: Wie sieben Tech-Giganten vor 30 Jahren den USB erfanden und warum der Sieg so schwer war
Von DerSchneider
Die Geschichte der Technik ist voller Pfade, die nicht gegangen wurden. Voll von Steckern, die in keine Buchse passten, und Netzteilen, die nur mit einem bestimmten Gerät arbeiten wollten. Wer heute ein Smartphone, einen Drucker oder eine externe Festplatte kauft, nimmt es als selbstverständlich hin, dass sich alles mit einem einzigen Kabel verbinden lässt. Diese Selbstverständlichkeit erkämpften sieben Unternehmen, die sich im Herzen der Computerindustrie trafen – und doch brauchte es Jahre, bis aus ihrer Vision Realität wurde. Die Geburt des USB war eine schwierige, und der Weg dahin war gepflastert mit Fehlschlägen, Bugs und einer gehörigen Portion Ironie.
I. Das Chaos vor der Einheit
Um zu verstehen, was für eine Tat die Vorstellung des USB 1.0 am 15. Januar 1996 war, muss man sich in die Computerwelt der frühen 1990er Jahre zurückversetzen . Ein PC war damals ein gefährliches Terrain für Laien. Auf der Rückseite klaffte ein schier unüberschaubares Dickicht aus unterschiedlichsten Anschlüssen: Der Drucker wollte an den massiven 25-poligen Parallelport (IEEE 1284), die Maus und die Tastatur in runde, farblich kodierte PS/2-Buchsen (oder noch ältere, serielle Anschlüsse), das Modem an die 9- oder 25-polige RS-232-Schnittstelle. Für Scanner und erste externe Speicher gab es wieder andere, teure und langsame Lösungen wie SCSI .
Jeder dieser Anschlüsse hatte seine eigene Persönlichkeit, seine eigenen Treiber, seine eigenen Interrupts (IRQs), die der Anwender händisch zuweisen musste – ein gefürchtetes Ritual, das oft mit Systemabstürzen endete. Das war nicht nur unästhetisch, es war eine echte Hürde für die weitere Verbreitung des PCs. Die Industrie wusste: So konnte es nicht weitergehen. Der Traum von einer universellen, einfach zu bedienenden Schnittstelle lag in der Luft.
II. Das Treffen der Giganten und die Geburt einer Idee
Es war im Frühjahr 1994, als sich eine Gruppe von sieben Schwergewichten der Technologiebranche zusammenfand, um diesen Traum Wirklichkeit werden zu lassen. Compaq, DEC, IBM, Intel, Microsoft, NEC und Nortel – das waren die Gründungsmitglieder der Initiative, die später im USB Implementers Forum (USB-IF) aufging . Intel, so wird heute oft kolportiert, übernahm die technische Federführung, allen voran der Intel-Fellow Ajay Bhatt, der später vom IEEE als einer der Väter des USB geehrt wurde .
Die Idee war ebenso einfach wie radikal: Ein einziger, standardisierter Port sollte alle Peripheriegeräte verbinden. Der Bus sollte „seriell“ sein, also Daten Bit für Bit übertragen – ein scheinbarer Rückschritt gegenüber parallelen Schnittstellen, die mehrere Bits gleichzeitig schickten. Doch durch höhere Taktraten ließ sich dieser Nachteil mehr als wettmachen. Die großen Versprechen hießen: Hot-Plugging (Geräte im laufenden Betrieb anschließen und trennen), Plug-and-Play (automatische Erkennung und Konfiguration) und eine einheitliche Stromversorgung über das Kabel. Kein Neustart mehr, keine verwirrenden Schalter und Jumper, keine IRQ-Konflikte .
Am 15. Januar 1996 war es dann so weit: Das USB-IF veröffentlichte die finale Spezifikation 1.0 . Die Theorie war perfekt. Die Praxis sah anders aus.
III. Fehlstart mit Ansage: Die Murks-Premiere des USB 1.0
Der Start des Universal Serial Bus war, um es milde auszudrücken, verkorkst. Intel hatte zwar 1996 die Southbridge PIIX3 mit integriertem USB-Controller im Programm, doch die Hardware war fehlerhaft . Die ersten Mainboards mit USB-Buchsen kamen auf den Markt, doch sie waren wie ein Kropf – nutzlos, wie ein c’t-Redakteur damals sarkastisch anmerkte . Er übersetzte USB treffend als „Useless Serial Bus“ .
Das Problem lag nicht allein in der Hardware. Die Treiber für Windows 95, dem dominierenden Betriebssystem, waren „sehr wackelig“, wie es Fachblätter damals beschrieben . Es gab kaum Peripherie, die diesen neuen Anschluss überhaupt nutzte. Erste USB-Tastaturen scheiterten kläglich, weil die PCs nicht mehr booteten, wenn man sie anschloss – das BIOS erkannte sie schlicht nicht . Die versprochene Zukunft ließ auf sich warten.
Die entscheidende Wende brachte das Jahr 1998. Im August wurde die leicht überarbeitete Spezifikation USB 1.1 veröffentlicht, die vor allem Fehler beseitigte und Unklarheiten in der Kommunikation ausräumte . Doch der wahre Gamechanger war ein quietschbunter Computer aus Cupertino: der iMac. Steve Jobs‘ Maschine war radikal. Sie verzichtete auf das Diskettenlaufwerk und, für die damalige Zeit ebenso kühn, auf alle alten Schnittstellen. Tastatur und Maus wurden per USB angeschlossen .
Das war die Ironie der Geschichte: Apple, das mit seinem eigenen FireWire (IEEE 1394) einen technisch weit überlegenen, aber teureren Standard im Portfolio hatte, wurde zum Geburtshelfer des Konkurrenten USB. Apple gehörte nicht einmal zu den Gründungsmitgliedern des USB-IF . Doch mit der schieren Masse an iMacs, die in die Haushalte strömten, entstand schlagartig ein Markt für USB-Geräte. Zusammen mit Windows 98, das nun stabile Treiber mitbrachte, begann der Siegeszug .
IV. Von 1,5 MBit/s bis 80 GBit/s: Der permanente Evolutionsdruck
Was 1996 mit mickrigen 1,5 Megabit pro Sekunde (Low-Speed) für Maus und Tastatur und maximal 12 MBit/s (Full-Speed) für Drucker begann, entwickelte sich unter dem permanenten Druck der Anwendungen rasant weiter .
- USB 2.0 (2000): Die erste große Revolution. Mit 480 MBit/s (Hi-Speed) war der Bus nun endlich schnell genug für externe Festplatten und CD-Brenner . Allerdings war die Implementierung komplex, und viele frühe Geräte erreichten die Höchstgeschwindigkeit nicht.
- USB 3.0 (2008): Der nächste Quantensprung. Durch die Hinzunahme von vier zusätzlichen Leitungen wurde der Bus nun vollduplexfähig – er konnte gleichzeitig senden und empfangen. Die Geschwindigkeit explodierte auf 5 GBit/s (SuperSpeed) . Gleichzeitig stieg der Strom auf bis zu 900 mA, was den Betrieb leistungshungrigerer Geräte ermöglichte.
- USB 3.1 & 3.2 (2013/2017): Die Verdopplung auf 10 GBit/s und später 20 GBit/s folgte im gewohnten Rhythmus, doch mit diesen Versionen begann das Chaos, das uns bis heute verfolgt .
Die Tabelle verdeutlicht den rasanten Anstieg der Übertragungsraten:
| Schnittstelle | Jahr | Maximale Brutto-Datenrate | Maximale Leistung |
|---|---|---|---|
| USB 1.0 / 1.1 | 1996 / 1998 | 12 MBit/s | 2,5 W (0,5 A bei 5 V) |
| USB 2.0 | 2000 | 480 MBit/s | 2,5 W (0,5 A bei 5 V) |
| USB 3.0 | 2008 | 5 GBit/s | 4,5 W (0,9 A bei 5 V) |
| USB 3.1 / 3.2 | 2013 / 2017 | 10 / 20 GBit/s | 15 W (3 A bei 5 V) |
| USB4 | 2019 | 40 GBit/s | 100 W (USB-PD) |
| USB4 Version 2.0 | 2025 | 80 GBit/s (asymmetr. 120 GBit/s) | 240 W (USB-PD EPR) |
V. Der neue Stecker und das alte Leid: Die Tyrannei der Nomenklatur
Mit USB 3.1 hielt 2014 ein neuer Stecker Einzug, der als die endgültige Lösung aller Kabelprobleme gefeiert wurde: USB-C . Klein, wendbar, beidseitig einsteckbar – das war der Stecker, von dem wir immer geträumt hatten. Er konnte nicht nur Daten rasend schnell transportieren, sondern auch Strom für ganze Laptops liefern (USB Power Delivery) und Bildsignale für Monitore (Alternate Modes wie DisplayPort) .
Doch der Segen wurde schnell zum Fluch. Denn USB-C beschreibt nur die Form des Steckers, nicht aber die Technik, die dahintersteckt. Ein Kabel mit USB-C-Stecker kann auf USB-2.0-Niveau darben oder hochmodernes USB4 mit 40 GBit/s beherrschen. Es kann 60 Watt laden oder 240. Diese Unschärfe hat das USB-IF durch ein hanebüchenes System von Versionierungs- und Umbenennungen noch befeuert.
Um die Jahrtausendwende wusste man: USB 2.0 ist schnell. Punkt. Mit der Einführung von USB 3.1 begann das Desaster. USB 3.0 (5 GBit/s) wurde kurzerhand in USB 3.1 Gen 1 umgetauft. Das neue, doppelt so schnelle USB 3.1 (10 GBit/s) hieß dann USB 3.1 Gen 2 . Als wäre das nicht genug, wiederholte sich die Farce mit USB 3.2: Plötzlich hieß USB 3.1 Gen 1 nun USB 3.2 Gen 1, USB 3.1 Gen 2 wurde zu USB 3.2 Gen 2 und das neue 20-GBit/s-Flaggschiff bekam den kaum noch verständlichen Namen USB 3.2 Gen 2×2 . Selbst Fachleute brauchten Beistelltische, um diese Nomenklatur zu entwirren. Das USB-IF hatte die Kontrolle über die eigene Marke verloren.
VI. Versöhnung der Giganten: Die Assimilation von Thunderbolt
In all den Jahren lauerte im Hintergrund eine technisch überlegene Schnittstelle: Thunderbolt, entwickelt von Intel und Apple, erstmals 2011 auf den Markt gebracht . Thunderbolt kombinierte PCI-Express- und DisplayPort-Daten in einem Kabel und war von Beginn an doppelt so schnell wie USB. Doch es blieb ein Nischenprodukt für Profis – zu teuer, zu komplex, die Kabel mit aktiven Chips zu kostspielig.
Mit Thunderbolt 3 vollzog Intel 2015 einen genialen Schachzug: Man übernahm den jungen USB-C-Stecker . Nun passte ein Thunderbolt-3-Kabel in jede USB-C-Buchse, aber nicht jedes USB-C-Gerät konnte mit der Thunderbolt-Geschwindigkeit umgehen. Es war der erste Schritt zur Annäherung.
2019 gab Intel schließlich nach: Es übergab die Thunderbolt-Protokollspezifikation an das USB-IF. Die Hochzeit der beiden Standards war vollzogen. USB4, im September 2019 veröffentlicht, basiert im Kern auf Thunderbolt 3 . Es vereint die Geschwindigkeit von Thunderbolt (40 GBit/s) mit der Flexibilität von USB (Unterstützung von Hubs, mehrere Protokolle gleichzeitig). Der jahrelange Konkurrenzkampf, der mit der Gründung des USB-IF begann, endete in einer technologischen Symbiose. Ironischerweise war es wieder Intel, die sowohl die Wiege des USB als auch den Sargnagel von Thunderbolt als eigenständigen Standard gezimmert hatte.
VII. Fazit: Der Turmbau zu Babel ist nicht ganz abgeschlossen
Dreißig Jahre nach der ersten Spezifikation ist der Universal Serial Bus ein Triumph der Standardisierung. Die sieben Giganten von damals haben das Chaos beendet und eine Ära der Interoperabilität eingeläutet, ohne die die heutige digitale Welt nicht denkbar wäre. Der USB ist mehr als ein Kabel; er ist ein Symbol dafür, dass Kooperation möglich ist.
Doch der Kampf ist nie ganz vorbei. Das Benennungschaos der letzten Jahre hat gezeigt, dass technischer Fortschritt ohne klare Kommunikation wertlos ist. Der Verbraucher steht ratlos im Elektronikmarkt und fragt sich, ob dieses USB-C-Kabel nun sein Handy schnell laden und seinen Monitor betreiben kann oder nicht. Das USB-IF arbeitet an Lösungen, doch die Narben der „Gen-2×2“-Ära sind tief.
Blickt man zurück, so bleibt die Erkenntnis: Technikgeschichte ist keine reine Erfolgsgeschichte. Sie ist eine Geschichte von Holzwegen, von Bugs, von Marketing-Gauken und davon, dass manchmal der beste Weg der ist, die Mächtigen an einen Tisch zu bringen. Das Treffen der sieben Giganten war ein solcher Moment. Dass daraus ein neues Chaos erwachsen würde, konnten sie damals nicht ahnen.
Quellen
- heise online, „30 Jahre USB 1.0: Der Anschluss für (fast) alles“, 14. Januar 2026.
- Storage-Insider, „Was ist das USB Implementers Forum (USB-IF)?“, Dezember 2021.
- BayernCollab, „Übertragungsgeschwindigkeiten“, Februar 2026.
- Swiss IT Magazine, „USB, die Vierte“, November 2019.
- 电子产品世界 (EEPW), „细说USB的演化史“, Dezember 2016.
- ChipEstimate.com, „Evatronix and LeCroy Announce Partnership for SuperSpeed USB 3.0 Development Solutions“, November 2010.
- teltarif.de, „USB: Das universelle Datenübertragungssystem“, April 2024.
- heise online / c’t, „Useless Serial Bus?“, September 2023.
- Wikipedia (Luxemburgisch), „Universal Serial Bus: Ënnerscheed tëscht de Versiounen“, Oktober 2014.
- IT-Administrator Magazin, „USB-IF | Lexikon“.
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