Die Entmaterialisierung der Infrastruktur: Network as a Service und die Neuerfindung des Internets

Von DerSchneider


Einleitung

Es gibt Momente in der Technikgeschichte, in denen eine Erfindung nicht nur verbessert, sondern ihr Wesen grundlegend transformiert wird. Als Alexander Graham Bell 1876 das erste Telefongespräch führte, konnte niemand ahnen, dass Sprache einmal durch Lichtwellenleiter rasen würde. Als Vinton Cerf und Robert Kahn in den 1970er Jahren das TCP/IP-Protokoll entwickelten, legten sie den Grundstein für ein Netzwerk, das die Welt verändern sollte. Doch die eigentliche Revolution findet manchmal nicht in der Erfindung selbst statt, sondern in ihrer Neuinterpretation.

Network as a Service (NaaS) ist eine solche Neuinterpretation. Es ist die konsequente Fortführung eines Gedankens, der mit dem Cloud Computing begann: die Entkopplung von Funktion und physischem Träger. Wer heute NaaS sagt, meint nicht einfach nur gemietete Router oder geleaste Glasfaserkabel. Es geht um etwas Fundamentaleres: die Transformation von Hardware in Dienstleistung, von Besitz in Zugang, von statischer Infrastruktur in fließende Kapazität.

Dieser Artikel unternimmt den Versuch, NaaS nicht nur als technisches Produkt zu erklären, sondern als kulturelles und wirtschaftliches Phänomen zu verstehen. Wir werden die historischen Wurzeln freilegen, die gegenwärtigen Dynamiken analysieren und einen Blick in eine Zukunft wagen, in der Netzwerke vielleicht gar nicht mehr als solche erkennbar sein werden.


I. Die Vorgeschichte: Als Netzwerke noch aus Kupfer und Beton waren

Um zu verstehen, was NaaS bedeutet, muss man verstehen, was es ersetzt. Die Geschichte der Telekommunikation ist eine Geschichte der Materialität. Die ersten Telegrafenleitungen waren aus Eisen, später aus Kupfer. Sie wurden auf Masten gezogen, die in Handarbeit in den Boden gerammt wurden. Telefonvermittlungen waren Gebäude voller klappernder Relais, besetzt mit menschlichen Vermittlerinnen, die Stecker in Klinkenbuchsen steckten.

Als in den 1980er und 1990er Jahren die ersten Unternehmensnetzwerke entstanden, geschah dies nach dem gleichen Prinzip: Man kaufte Hardware, man mietete Standleitungen von der Post, man baute einen eigenen Raum mit klimatisierten Schränken voller Geräte. Ein Netzwerk war ein Ort. Es war der Keller, in dem die Server standen. Es war der Verteilerkasten am Ende des Flurs. Es war das Kabel, das unter der Büroetage verschwand.

Dieses Modell hatte eine tiefe innere Logik: Wer die Hardware besaß, kontrollierte das Netzwerk. Und wer das Netzwerk kontrollierte, kontrollierte die Kommunikation. In einer Zeit, in der Unternehmenskommunikation noch weitgehend intern stattfand, mochte das sinnvoll erscheinen. Doch es schuf auch Abhängigkeiten: von Lieferanten, von Installateuren, von eigenem Fachpersonal.

Die erste leise Revolution kam mit der Virtualisierung. Als VMware in den frühen 2000er Jahren zeigte, dass man einen Server in viele virtuelle Maschinen aufteilen konnte, begann ein Umdenken. Wenn Rechenleistung nicht mehr an eine bestimmte Maschine gebunden sein musste, warum dann Netzwerkfunktionen an bestimmte Kabel?


II. Die Anatomie von NaaS: Was es ist und was es nicht ist

Network as a Service ist schwer zu fassen, weil der Begriff heute für vieles steht. Im Kern bezeichnet er ein Geschäftsmodell: Ein Anbieter stellt Netzwerkfunktionen als Dienstleistung bereit, der Kunde bezahlt nutzungsabhängig oder im Abonnement. Doch das ist nur die Oberfläche.

In der Tiefe bedeutet NaaS etwas anderes: die Abstraktion von Netzwerkfunktionen von der zugrundeliegenden Hardware. Wer NaaS nutzt, bestellt keine Router mehr, keine Switches, keine Firewalls. Er bestellt Konnektivität, Sicherheit, Performance. Wie diese zustande kommen, bleibt unsichtbar. Der Anbieter kümmert sich um die Physik, der Kunde um die Logik.

Das erinnert an ein älteres Konzept: Als wir begannen, Strom nicht mehr selbst zu erzeugen, sondern aus der Steckdose zu beziehen, geschah genau diese Transformation. Wir hörten auf, über Spannung und Frequenz nachzudenken, und begannen, über Geräte und Anwendungen zu sprechen. NaaS tut für Netzwerke, was das Stromnetz für Elektrizität tat: Es macht die Infrastruktur unsichtbar.

Praktisch bedeutet das: Ein Unternehmen kann heute bei einem Anbieter wie Megaport, VMware (mit seinem VeloCloud-Angebot) oder Cisco (mit seinen Meraki- und SD-WAN-Lösungen) ein virtuelles Netzwerk bestellen, das mehrere Standorte verbindet, Sicherheitsrichtlinien durchsetzt und bestimmte Bandbreiten garantiert – alles ohne eigene Hardware vor Ort, gesteuert über ein Webportal.

Doch Vorsicht: Nicht alles, was sich NaaS nennt, ist tatsächlich eines. Viele Anbieter verkaufen schlicht gemietete Hardware mit Fernwartung. Das ist kein Service, das ist Ratenzahlung. Echter NaaS bedeutet, dass der Kunde die Hardware weder besitzt noch berührt. Sie existiert irgendwo im Rechenzentrum des Anbieters, und der Kunde mietet lediglich ihre Funktion.


III. Die historische Linie: Vom SD-WAN zur universellen Abstraktion

Die Entwicklung zu NaaS verlief nicht linear, aber sie lässt sich nachzeichnen. Ein wichtiger Zwischenschritt war SD-WAN (Software-Defined Wide Area Network). In den 2010er Jahren begannen Unternehmen, ihre Standorte nicht mehr über teure MPLS-Leitungen (Multiprotocol Label Switching) zu verbinden, sondern normales Breitband-Internet zu nutzen. SD-WAN-Software bündelte diese Verbindungen, verschlüsselte den Verkehr und priorisierte wichtige Anwendungen.

Das war die Geburtsstunde der Entkopplung: Zum ersten Mal war das logische Netzwerk unabhängig vom physischen Transport. Ein Paket konnte mal über DSL, mal über LTE, mal über Glasfaser reisen – das Netzwerk merkte es nicht.

Parallel dazu entwickelte sich die Cloud weiter. AWS, Microsoft Azure und Google Cloud zeigten, dass man nicht nur Rechenleistung, sondern ganze Infrastrukturen virtualisieren konnte. Virtuelle Netzwerke in der Cloud waren der nächste logische Schritt. Heute kann man bei AWS ein „Virtual Private Cloud“-Netzwerk aufspannen, das sich über mehrere Kontinente erstreckt, ohne jemals ein Kabel in der Hand gehalten zu haben.

NaaS ist gewissermaßen die Synthese aus SD-WAN und Cloud-Netzwerken: Es bringt die Flexibilität der Cloud in die Verbindung zwischen Unternehmen und ihren Standorten, zwischen Rechenzentren und Endgeräten.


IV. Die Gegenwart: Akteure, Modelle und Versprechen

Der Markt für NaaS ist heute unübersichtlich, was typisch für eine Technologie in der Konsolidierungsphase ist. Große Player haben unterschiedliche Strategien:

Cisco, der traditionelle Hardware-Riese, bietet mit Meraki eine verwaltete Netzwerklösung an, die oft als NaaS bezeichnet wird. Tatsächlich ist Meraki aber eher Hardware-as-a-Service: Der Kunde erhält Geräte, die über die Cloud verwaltet werden. Die Hardware bleibt physisch vor Ort, die Steuerung ist virtualisiert.

VMware (mittlerweile Teil von Broadcom) verfolgt mit VeloCloud einen SD-WAN-Ansatz, der sich nahtlos in die VMware-Umgebungen vieler Unternehmen integriert. Hier wird die Abstraktion schon weiter getrieben.

Reine NaaS-Anbieter wie Megaport oder PacketFabric bieten tatsächlich Hardware-unabhängige Konnektivität an. Sie betreiben eigene Rechenzentren und Glasfasernetze, verkaufen aber nicht Leitungen, sondern Verbindungen – elastisch, nach Bedarf, in Echtzeit konfigurierbar.

Die großen Cloud-Anbieter AWS, Azure und Google drängen ebenfalls in diesen Markt. Mit Diensten wie AWS Direct Connect oder Azure ExpressRoute können Unternehmen ihre Rechenzentren direkt mit der Cloud verbinden – auch das ist im weiteren Sinne NaaS.

Die Versprechen dieser Anbieter ähneln sich: Flexibilität, Skalierbarkeit, Kostentransparenz. Statt hoher Investitionen in Hardware (CapEx) sollen Unternehmen variable Betriebskosten (OpEx) haben. Statt monatelanger Planung und Beschaffung sollen Netzwerke in Minuten bereitstehen. Statt statischer Bandbreiten soll sich die Kapazität dem Bedarf anpassen.

Doch wie bei allen Versprechen der Tech-Industrie lohnt ein genauer Blick.


V. Die verborgenen Kosten: Wo NaaS an seine Grenzen stößt

Es wäre unredlich, NaaS nur als Heilsbringer zu zeichnen. Die Realität ist komplexer, und die Erfahrungen der ersten Anwender zeigen Schattenseiten.

Die Abhängigkeit vom Anbieter ist die offensichtlichste. Wer seine gesamte Netzwerkinfrastruktur einem externen Dienstleister überlässt, gibt Kontrolle ab. Nicht nur technische Kontrolle, sondern auch strategische. Ein Anbieterwechsel wird zum Kraftakt, denn die Netzwerkkonfiguration ist oft eng an die Plattform gebunden. Vendor Lock-in ist kein Mythos, sondern eine reale Gefahr.

Die Kostenprognose ist schwieriger als gedacht. Variable Kosten klingen verlockend, können aber in der Praxis explodieren. Wer seine Bandbreitennutzung nicht genau kennt, kann böse Überraschungen erleben. Manche Unternehmen berichten von Kosten, die deutlich über den früheren Festpreisen lagen – weil die einfache Skalierbarkeit zu sorgloser Nutzung verleitete.

Die Sicherheitsfrage ist komplex. Einerseits können spezialisierte Anbieter oft bessere Sicherheit bieten als ein durchschnittliches Unternehmen. Andererseits entstehen neue Angriffsflächen. Wenn das Netzwerk nicht mehr im eigenen Keller endet, sondern sich über die Infrastruktur eines Drittanbieters erstreckt, wird die Angriffsfläche größer. Die jüngsten Ausfälle bei großen Cloud-Anbietern zeigen, dass auch die Besten verwundbar sind.

Die regulatorische Dimension wird oft unterschätzt. In Europa, aber auch in Ländern wie China oder Russland, unterliegt Datenverkehr strengen Regeln. Wer sein Netzwerk als Service bezieht, muss sicherstellen, dass der Anbieter diese Regeln einhält – und das ist schwerer zu kontrollieren als im eigenen Rechenzentrum.

Schließlich gibt es kulturelle Widerstände. Netzwerkadministratoren, die jahrelang gelernt haben, Kabel zu crimpen und Router per Kommandozeile zu konfigurieren, sehen ihre Identität bedroht. NaaS entwertet handwerkliches Wissen. Das ist kein technisches, sondern ein soziales Problem, das Unternehmen ernst nehmen müssen.


VI. Die Kontroversen: Debatten um Souveränität und Kontrolle

In der Fachcommunity wird heftig gestritten. Die einen sehen in NaaS die logische Weiterentwicklung einer Entwicklung, die mit der Cloud begann. Die anderen warnen vor einem Kontrollverlust, der Unternehmen verwundbar macht.

Besonders in Deutschland, wo Datenschutz und Datensouveränität traditionell hochgehalten werden, ist die Skepsis groß. Der Begriff der „digitalen Souveränität“ fällt oft. Kritiker fragen: Kann ein Unternehmen wirklich souverän handeln, wenn seine gesamte Kommunikation über die Infrastruktur eines US-Konzerns läuft? Was passiert, wenn politischer Druck auf diesen Konzern ausgeübt wird? Die Snowden-Enthüllungen haben gezeigt, dass diese Fragen nicht theoretisch sind.

Befürworter kontern mit einem pragmatischen Argument: Die wenigsten Unternehmen können heute noch die Sicherheit bieten, die spezialisierte Anbieter garantieren. Ein Mittelständler mit zwei IT-Mitarbeitern wird niemals ein Netzwerk betreiben können, das den Angriffen staatlicher Hacker standhält. In dieser Lesart ist NaaS nicht Kontrollverlust, sondern Sicherheitsgewinn.

Die Wahrheit liegt, wie so oft, dazwischen. Es wird keine Einheitslösung geben. Manche Unternehmen werden weiterhin auf eigene Infrastruktur setzen, andere werden hybrid agieren, wieder andere werden vollständig in die Cloud gehen. Die Kunst wird sein, den richtigen Mix zu finden.


VII. Ein Blick in die Zukunft: Wohin die Reise geht

Was kommt nach NaaS? Die Entwicklung steht nicht still, und wer heute glaubt, den Endpunkt erreicht zu haben, wird in fünf Jahren überholt sein.

Die Verschmelzung von Netzwerk und Anwendung zeichnet sich ab. Schon heute optimieren Anwendungen wie Videokonferenzsysteme ihren Datenverkehr selbstständig. Morgen könnten sie Netzwerkressourcen direkt bei Anbietern anfordern – ohne Zutun des Benutzers. Das Netzwerk wird zur unsichtbaren Dienstleistung im Hintergrund.

KI-gesteuerte Netzwerke sind kein Zukunftsszenario mehr. Erste Systeme können Engpässe vorhersagen, Sicherheitsbedrohungen erkennen und Konfigurationen optimieren. Der Netzwerkadministrator der Zukunft wird nicht mehr eingreifen, sondern nur noch überwachen.

Die Integration von Edge Computing wird NaaS erweitern. Wenn Rechenleistung näher an den Endnutzer rückt, müssen auch Netzwerke neu gedacht werden. NaaS-Anbieter werden nicht nur Verbindungen, sondern komplette Edge-Infrastrukturen als Dienstleistung anbieten.

Die Frage der Nachhaltigkeit wird drängender. Rechenzentren und Netzwerke verbrauchen enorme Energiemengen. NaaS könnte hier helfen, indem es Ressourcen effizienter nutzt. Aber es könnte auch schaden, indem es den Datenverkehr weiter steigert. Die Branche wird sich dieser Verantwortung stellen müssen.


VIII. Fazit: Die Entmaterialisierung schreitet voran

Network as a Service ist mehr als ein weiteres Akronym in der langen Liste der Tech-Begriffe. Es ist Ausdruck eines tiefgreifenden Wandels, der alle Bereiche der Informationstechnologie erfasst: die Loslösung von Funktion und Materie.

Was mit der Virtualisierung von Servern begann, setzt sich bei Netzwerken fort und wird bei Anwendungen enden. In einer vollständig virtualisierten Welt wird niemand mehr fragen, wo eine bestimmte Rechenleistung erbracht wird oder über welche Leitungen Daten fließen. Es wird nur noch die Frage geben, ob der Dienst verfügbar ist.

Ob das gut ist oder schlecht, wird die Geschichte zeigen. Technikhistoriker wissen: Jede Abstraktion bringt Gewinne an Effizienz, aber auch Verluste an Verständnis. Wer nicht mehr weiß, wie ein Netzwerk funktioniert, kann es auch nicht mehr kontrollieren.

Die Aufgabe der nächsten Jahre wird sein, diese Abstraktion so zu gestalten, dass sie nicht in Undurchschaubarkeit umschlägt. Transparenz, Offenheit und echte Wahlfreiheit müssen die Leitplanken sein, innerhalb derer sich NaaS entwickeln darf. Sonst tauschen wir nur die alten Abhängigkeiten gegen neue.

Die Entmaterialisierung der Infrastruktur schreitet voran. Ob sie uns befreit oder fesselt, liegt in unserer Hand.


Quellen

  • Cisco Systems, Inc. (2023). „What Is Network as a Service? Definition and Benefits.“ Cisco.com
  • VMware, Inc. (2024). „SD-WAN und NaaS: Die Zukunft der Unternehmensvernetzung.“ VMware.com
  • Gartner, Inc. (2023). „Market Guide for Network as a Service.“ Gartner Research
  • Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) (2023). „Cloud Computing: Grundlagen, Chancen und Risiken.“ BSI.bund.de
  • Europäische Union Agentur für Cybersicherheit (ENISA) (2024). „Cloud Security and Network Virtualization.“ ENISA.europa.eu
  • The Register (2024). „NaaS: The Good, the Bad and the Ugly.“ theregister.com
  • heise online (2023). „Network as a Service: Fluch oder Segen für Unternehmen?“ heise.de
  • Mattausch, Daniel (2022). „Digitale Souveränität: Warum Deutschland seine Cloud-Strategie überdenken muss.“ In: c’t Magazin, Heft 15/2022

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