Von der Kabeltrommel zum Künstlichen Gehirn: Die Geschichte der Fernlenkdrohne als Spiegel technischer und ethischer Entwicklungen

Sie sind aus dem modernen Kriegsbild nicht mehr wegzudenken, segeln durch den Marsstaub und liefern Pakete bis vor die Haustür – Drohnen. Doch die unbemannten Fluggeräte sind weit mehr als ein Phänomen des 21. Jahrhunderts. Ihre Geschichte ist eine Erzählung menschlichen Erfindergeistes, militärischer Notwendigkeiten und ständig wiederkehrender ethischer Debatten. Ein Blick zurück auf die Ursprünge der Fernlenktechnik zeigt: Die Prinzipien, die heute hochkomplexe Systeme steuern, wurden bereits vor über hundert Jahren entwickelt. Die Reise führt von den rauen Gewässern Flanderns im Ersten Weltkrieg über die menschengeführten Sprengboote des Zweiten Weltkriegs bis hin zu den allgegenwärtigen, autonomen Systemen unserer Gegenwart.

Einleitung: Die Geburt einer Idee im Zeitalter der Industrialisierung

Die Vorstellung, eine Waffe oder ein Werkzeug aus der Ferne zu steuern, ist alt. Sie entspringt dem Wunsch, Gefahr von sich zu weisen und gleichzeitig effektiv zu handeln. Im Zeitalter der Industrialisierung, als Elektrizität und Funktechnik die Welt zu verändern begannen, wurde dieser Traum greifbar. Die Geburtsstunde dessen, was wir heute als Drohne bezeichnen, schlug jedoch nicht in den Laboren der Neuzeit, sondern in den Köpfen von Ingenieuren und Militärstrategen kurz nach der Jahrhundertwende.

Bevor es Flugzeuge gab, die ohne Piloten flogen, stand das Wasser im Fokus. Der Begriff „Drohne“ ist eng mit dem englischen Wort für „Drohne“ (männliche Biene) verbunden, das auf das summende Geräusch früher ferngelenkter Ziele verweist. Doch die ersten erfolgreichen Einsätze fanden auf See statt, und sie knüpften an eine jahrhundertealte maritime Taktik an: den Brander.

Bereits in der Antike, so dokumentiert in der chinesischen Geschichte um die Schlacht von Red Rock (208/209 n. Chr.), wurden mit brennbaren Stoffen beladene Schiffe genutzt, um die Flotten des Gegners in Brand zu setzen . Diese frühen „See-Drohnen“ waren jedoch alles andere als ferngelenkt. Sie waren Einwegwaffen, die auf Wind, Strömung und den Opfermut ihrer Besatzungen angewiesen waren. Die Idee, das Schiff selbst zur Waffe zu machen, war geboren, aber die Kontrolle musste noch an Bord bleiben. Der entscheidende Schritt hin zur Fernlenkung gelang erst mit der Beherrschung von Elektrizität und Funk.

Im-Rueckspiegel: Techarchaeologie – Die drahtgebundenen Pioniere des Ersten Weltkriegs

Es ist eine oft vergessene Tatsache, dass der Erste Weltkrieg, bekannt für seine verheerenden Materialschlachten, auch eine Wiege der Hightech-Waffensysteme war. Angesichts der Pattsituation an der Front suchten die Militärs nach neuen Wegen, den Gegner zu überraschen. In Deutschland traten bereits im Herbst 1914 namhafte Firmen wie Siemens & Halske, die Firma With und andere an das Kriegsministerium heran, um ihre Patente und Ideen für eine fernbare Zukunft zur Verfügung zu stellen. Unter der Schirmherrschaft von Ferdinand Graf von Zeppelin wurde eine Kommission ins Leben gerufen, die verschiedene Fernlenkprojekte vorantreiben sollte .

Das vielversprechendste Ergebnis war das Fernlenkboot (FL-Boot) . Die von Siemens-Schuckertwerke gebauten Boote waren eine technische Meisterleistung ihrer Zeit. Sie maßen etwa 17 Meter, verdrängten sechs Tonnen und wurden von zwei Maybach-Motoren mit je 210 PS angetrieben, die ihnen eine für damalige Verhältnisse beeindruckende Geschwindigkeit von bis zu 30 Knoten (ca. 56 km/h) verliehen. Ihr Sprengkopf wog 700 Kilogramm . Das Herzstück war jedoch nicht der Antrieb, sondern die Steuerung.

Die Ingenieure standen vor einem gewaltigen Problem: Die Funktechnik war noch zu unzuverlässig und anfällig für Störungen. Zudem waren die damaligen Empfangsanlagen zu groß und zu schwer für ein kleines Boot. Die Lösung war ein Rückgriff auf eine scheinbar veraltete, aber robuste Technologie: das Kabel. Bis zu 20 Kilometer dünnes Kabel wickelte sich von einer schweren Trommel an Bord des Bootes ab, während es von einem Leitstand an der Küste oder von einem speziellen Leitboot aus gesteuert wurde. Die Steuerbefehle wurden über dieses Kabel gesendet. Der Historiker und Forumsnutzer „Suebe“ weist im „Forum für Geschichte“ darauf hin, dass im Siemens-Archiv in München noch stapelweise Dokumente zu diesen Versuchen lagern, die belegen, wie intensiv an dieser Zukunftstechnologie geforscht wurde . Später wurden sogar Luftschiffe als Kommandozentralen in Betracht gezogen, die aus einer Höhe von 5000 Metern und mit auf 50 Kilometer verlängerten Kabeln die Boote lenken sollten .

Die Erfolgsbilanz der FL-Boote blieb jedoch bescheiden. Die Verzögerung bei der Signalübertragung und die begrenzte Sicht des Bedieners machten ein präzises Zielen auf bewegliche Schiffe fast unmöglich. Zwei Treffer sind dokumentiert: Am 28. Oktober 1917 gelang es einem FL-Boot, den britischen Monitor HMS Erebus zu treffen. Das Schiff wurde jedoch nur leicht beschädigt, verlor etwa 15 Meter ihres Torpedowulstes . Ein anderes Boot lief am 1. März 1917 gegen die Mole von Nieuwpoort . Militärisch blieben die FL-Boote ein kaum wirksames Experiment, technisch waren sie jedoch der unmittelbare Vorfahre aller modernen Marinedrohnen. Sie waren die ersten unbemannten Systeme, die nicht mehr auf Wind und Wellen angewiesen waren, sondern durch den menschlichen Willen aus der Ferne gesteuert wurden – wenn auch an einer langen Leine.

Im-Kopf: Denkwerkzeuge – Zwischen Kabel und Kamikaze

Die Idee der Fernlenkung starb nach 1918 nicht, sie schlummerte. Die technologischen Fortschritte in der Funktechnik und Fernsehtechnik in den Zwischenkriegsjahren ließen neue Möglichkeiten erahnen. Doch im Zweiten Weltkrieg schlugen viele Nationen unterschiedliche Wege ein, um das Problem der präzisen Lenkung zu lösen. Es ist eine faszinierende Studie darüber, wie technologische und kulturelle „Denkwerkzeuge“ zu völlig unterschiedlichen Lösungen führen können.

Die italienische Variante: MTM-Boote

Italien entwickelte mit den Motoscafo da Turismo Modificato (MTM) , auch Barchino genannt, ein kleines, schnelles Sprengboot. Anstatt auf komplexe Fernlenktechnik zu setzen, verließ man sich auf den Menschen. Der Fahrer steuerte das mit 330 kg Sprengstoff beladene Boot auf das Ziel zu, aktivierte kurz vor dem Aufprall eine Art Katapult, das ihn aus dem Boot schleuderte, und verwandelte seinen Sitz in ein kleines Rettungsfloß. Der Einschlag zündete eine Hilfsladung, die das Boot zum Sinken brachte, und ein Hydrostat zündete dann in etwa einem Meter Tiefe die Hauptladung, um die maximale Schadenswirkung unter der Wasserlinie zu erzielen . Der bekannteste Erfolg dieser Taktik war der Angriff auf die Souda-Bucht auf Kreta im März 1941, bei dem der britische Schwere Kreuzer HMS York schwer beschädigt und auf Grund gesetzt werden musste . Die Italiener umgingen das technische Problem der Fernsteuerung, indem sie den Menschen als zuverlässigsten „Sensor“ und „Steuercomputer“ im Loop beließen – ein System, das zwar extrem gefährlich für den Piloten war, aber eine Überlebenschance bot.

Die japanische Konsequenz: Kaiten

Japan ging in seiner militärischen Doktrin einen radikaleren Weg. Auch hier setzte man auf den Menschen als Lenksystem, aber ohne die Möglichkeit der Rettung. Die Kaiten („Himmelswende“), bemannte Torpedos, waren der konsequente Ausdruck des Kamikaze-Gedankens. Sie waren keine ferngelenkten Waffen im eigentlichen Sinne, sondern von einem Piloten gesteuerte Einwegwaffen. Diese Entwicklung zeigt eine düstere Alternative zur technischen Herausforderung der Fernlenkung: Wenn die Technik nicht in der Lage ist, den menschlichen Verstand zu ersetzen, dann muss der Mensch mit in die Waffe gehen. Diese Entscheidung ist nicht nur eine militärische, sondern zutiefst ethisch und kulturell geprägt.

Parallel zu diesen bemannten Systemen arbeitete Deutschland fieberhaft an der Perfektionierung der Funkfernlenkung. Waffen wie die Fritz X oder die Hs 293 waren gleitbomben, die vom Flugzeug aus per Funk gesteuert wurden und gegen Schiffe äußerst effektiv waren. Sie waren die ersten präzisionsgelenkten Munitionen der Geschichte und zeigten, wohin die Reise gehen würde – zurück zur Fernlenkung, aber nun mit drahtloser, hochfrequenter Steuerung.

Digitalkultur und Ethik und Gewissen: Die Geburt der modernen Drohne

Nach 1945 wurde die Technologie der Fernlenkung von den Siegermächten übernommen und weiterentwickelt. Der Kalte Krieg mit seinem Wettrüsten und der Notwendigkeit der Aufklärung über feindlichem Gebiet gab der Drohnenentwicklung einen gewaltigen Schub. Die Ryan Firebee, entwickelt aus einem Zielsystem, wurde zum ersten Serienmodell einer Aufklärungsdrohne. Über Nordvietnam, China und der Sowjetunion sammelten diese unbemannten Flugzeuge wichtige Informationen, ohne dass ein Pilot abgeschossen und gefangen genommen werden konnte. Hier trat ein weiterer, entscheidender Vorteil der Drohne zutage: die Risikominimierung für das eigene Personal.

Die eigentliche Revolution fand jedoch an einem anderen Ort statt: im Cockpit. Die Steuerung per Joystick und die Übertragung von Echtzeit-Videobildern über Satelliten machten die Drohne zu dem, was sie heute ist: ein fliegender Computer, gesteuert von einem Piloten, der tausende Kilometer entfernt in einem Container sitzt. Dieser Pilot ist kein Kämpfer mehr, der dem Feind direkt gegenübersteht, sondern ein Techniker, der auf einen Bildschirm starrt.

Mit dieser räumlichen und psychologischen Distanz trat eine neue, bis heute ungelöste ethische Dimension in den Vordergrund. Die Drohne wurde zur Ikone eines „asymmetrischen Krieges“, in dem eine Seite nahezu risikofrei zuschlagen kann. Die Debatte um die gezielten Tötungen durch US-Drohnen in Pakistan, Jemen oder Somalia zeigt die ganze Ambivalenz dieser Technologie. Befürworter preisen ihre Präzision an, die „Kollateralschäden“ minimieren soll. Kritiker verweisen auf die traumatische Wirkung der ständig surrenden Drohnen über den Köpfen der Zivilbevölkerung, auf Fehlentscheidungen aufgrund mangelhafter Aufklärung und auf die Schwelle, einen Krieg zu beginnen, der den Soldaten der einen Seite nichts mehr kostet.

Die Geschichte lehrt uns: Jede technische Lösung schafft neue ethische Probleme. Das Kabel des FL-Boots war eine technische Krücke, die den Bediener zwang, nah am Geschehen zu bleiben. Die Funksteuerung der Hs 293 erlaubte dem Piloten, sein Ziel aus der Ferne zu sehen, aber er war noch im selben Luftraum. Der Satellitenlink des Predator-Piloten in Nevada entfernt ihn nicht nur räumlich, sondern auch emotional von der Schlacht. Er wird zum „Operator“, der nach der Tötung eines Menschen nach Hause fährt und mit seinen Kindern Abendbrot isst. Diese Entkopplung von Handlung und unmittelbarer Erfahrung ihrer Konsequenz ist eines der großen ungelösten Probleme unserer digitalen Kriegskultur.

Ausblick: Autonomie als nächster Schritt

Die Entwicklung bleibt nicht stehen. Die neueste Generation von Drohnen ist nicht mehr nur ferngelenkt, sondern zunehmend autonom. Systeme der Künstlichen Intelligenz übernehmen die Navigation, die Zielerkennung und im Falle von „Loitering Munitions“ (auch bekannt als Kamikaze-Drohnen) sogar die finale Entscheidung zum Angriff. Während der Mensch bei modernen westlichen Systemen meist noch den „letzten Schuss“ bestätigen muss („human in the loop“), zeichnet sich ab, dass zukünftige Schwarmdrohnen in der Lage sein werden, Ziele selbstständig zu identifizieren und zu bekämpfen („human on the loop“ oder gar „out of the loop“).

Damit schließt sich der Kreis auf eine beunruhigende Weise. Die ersten Fernlenkboote waren willenlose Werkzeuge am Ende eines Kabels. Die neuen autonomen Drohnen sind es technisch gesehen auch, aber sie treffen ihre Entscheidungen auf Basis von Algorithmen. Der Mensch gibt den Befehl zum Start und definiert das Zielgebiet, die Maschine entscheidet dann, was eine Bedrohung darstellt. Der Traum der Ingenieure von 1914, die Gefahr vom Menschen fernzuhalten, ist wahr geworden – aber um den Preis, dass die Maschine nun die Entscheidung über Leben und Tod trifft. Die Geschichte der Fernlenkdrohne ist somit noch lange nicht zu Ende. Sie ist eine Geschichte der zunehmenden Entkopplung von Aktion und Konsequenz, von technischer Faszination und ethischer Verantwortung, die uns alle angeht. Die Brander von Red Rock und die Kabelboote von Siemens sind die fernen Urahnen einer Technologie, die heute das Potenzial hat, die Natur von Krieg und Konflikt für immer zu verändern.


Quellen

 Forum für Geschichte, Diskussionsbeiträge zu „Fernlenkboote die ‚Drohnen‘ des 1. WK“, 2013-2017. (Verweis auf Siemens Archiv München und Wikipedia-Artikel zu Fernlenkbooten)

 Mezha.net / Defense Express, „Naval strike drones: from ancient brigands to modern times“, 11. August 2023.

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