Reihe: Industrial IoT – Die smarte Fabrik verstehen (Teil 13)
Mensch vs. Maschine? Wie IIoT die Arbeitsplätze und Qualifikationen in der Industrie verändert.
Von DerSchneider
Wir haben uns in den letzten Artikeln intensiv mit der Technologie des IIoT beschäftigt – mit Sensoren, Netzwerken, Datenplattformen und Sicherheitsarchitekturen. Es ist verlockend, in dieser Erzählung die Maschinen zu den Hauptdarstellern zu machen. Sie sind es, die „kommunizieren“, „sich selbst optimieren“ und „intelligent“ werden.
Doch das wäre ein gefährlicher Trugschluss. Im Zentrum jeder Fabrik, auch der smartesten der Zukunft, steht immer noch der Mensch. Die Frage ist nur: Was für eine Rolle spielt er? Wird er zum überflüssigen Anhängsel einer sich selbst organisierenden Produktion? Oder bekommt er mächtige Werkzeuge an die Hand, die ihn von lästiger Routine befreien und seine Arbeit erfüllender machen?
Dieser Artikel widmet sich der soziotechnischen Dimension des IIoT. Wir blicken auf die Veränderungen der Arbeitsplätze, die neuen Qualifikationen, die gefragt sein werden, und die Ängste, die mit dieser Transformation einhergehen.
Die Angst vor der „menschenleeren Fabrik“
Seit den ersten Industrierobotern geistert das Schreckgespenst der „menschenleeren Fabrik“ durch die Köpfe. Das IIoT mit seiner Fähigkeit, Maschinen nicht nur zu automatisieren, sondern ihnen eine Art „Bewusstsein“ zu verleihen, scheint dieses Gespenst näher denn je an die Realität heranzurücken.
Die Sorge ist nicht ganz unbegründet. Einfache, repetitive Tätigkeiten – das Bestücken von Maschinen, das Ablesen von Analoganzeigen, das manuelle Führen von Protokollen – werden mit hoher Wahrscheinlichkeit von Maschinen und Algorithmen übernommen. Ein Sensor, der seinen eigenen Füllstand misst und automatisch Nachschub bestellt, macht den Mitarbeiter, der einst stündlich mit einem Zollstock den Tank kontrollierte, überflüssig – für genau diese eine Tätigkeit.
Doch die Geschichte der industriellen Revolutionen lehrt uns, dass Technologie vor allem eines tut: Sie verändert die Art der Arbeit, sie vernichtet alte und schafft neue Berufsbilder. Die Dampfmaschine hat unzählige Arbeitsplätze in der Landwirtschaft vernichtet und gleichzeitig die Fabrikarbeit und unzählige neue Berufe in der Industrie geschaffen. Das IIoT wird keine Ausnahme sein.
Neue Rollen, neue Berufsbilder in der IIoT-Fabrik
Welche Aufgaben werden in der smarten Fabrik der Zukunft auf den Menschen warten? Es zeichnen sich bereits heute klare neue Rollen ab:
1. Der Datenanalyst für Produktionsdaten
- Alte Rolle: Ein Meister, der aufgrund seiner jahrelangen Erfahrung „hörte“, wenn eine Maschine komisch klang.
- Neue Rolle: Ein Mitarbeiter, der die Datenströme aus den Sensoren analysiert, Muster in den Vibrationsspektren erkennt und die Algorithmen der prädiktiven Wartung trainiert und überwacht. Er versteht nicht nur die Maschine, sondern auch die Mathematik hinter den Daten.
2. Der „Digital Twin“-Ingenieur
- Alte Rolle: Ein Konstrukteur, der Maschinen am Reißbrett (oder CAD) entwarf.
- Neue Rolle: Ein Ingenieur, der den Digitalen Zwilling einer ganzen Produktionslinie erstellt, simuliert und mit den Echtzeitdaten aus der Fabrik füttert. Er spielt „Was-wäre-wenn“-Szenarien durch, um die Produktion zu optimieren, und überführt die Ergebnisse zurück in die reale Welt.
3. Der OT-Sicherheitsspezialist
- Alte Rolle: Ein Elektriker oder Automatisierungstechniker, der sich um die SPS-Programmierung kümmerte.
- Neue Rolle: Ein Spezialist, der die Sicherheit des Produktionsnetzwerks überwacht, Firewalls für OT-Umgebungen konfiguriert und Angriffsmuster in den Maschinendaten erkennt. Eine Mischung aus tiefem OT-Verständnis und IT-Sicherheits-Know-how – einer der gefragtesten Berufe der Zukunft.
4. Der IIoT-Integrator / „Brownfield“-Spezialist
- Alte Rolle: Ein Schaltschrankbauer oder Elektroinstallateur.
- Neue Rolle: Ein Techniker, der alte Maschinen („Brownfield“) nachträglich mit Sensoren ausstattet, sie an Gateways anschließt und in die IIoT-Welt integriert. Er muss verstehen, wie man einen Vibrationssensor an einer Maschine aus den 80ern anbringt, ohne ihre Funktion zu beeinträchtigen, und wie man die Daten dann per MQTT in die Cloud schickt.
Diese neuen Rollen haben eines gemeinsam: Sie verlangen ein höheres Maß an Abstraktionsvermögen, Systemverständnis und interdisziplinärem Denken. Der reine „Maschinenbediener“, der nur seinen Knopf drückt, wird seltener. Der „Wissensarbeiter in der Produktion“ wird zur Normalität.
Assistenzsysteme: Der Mensch als Dirigent
Eine der wichtigsten Funktionen des IIoT wird es sein, den Menschen zu unterstützen, anstatt ihn zu ersetzen. Assistenzsysteme werden den Mitarbeiter in der Produktion mit genau den Informationen versorgen, die er im jeweiligen Moment braucht.
- Augmented Reality (AR)-Brillen: Ein Wartungstechniker sieht durch seine Brille genau, welches Bauteil an der Maschine defekt ist, bekommt die Reparaturanleitung eingeblendet und kann sich per Video mit einem erfahrenen Kollegen verbinden, der tausende Kilometer entfernt sitzt.
- Mobile Dashboards: Der Schichtleiter hat auf seinem Tablet oder Smartphone einen live aktualisierten Überblick über den Zustand aller Maschinen, die aktuelle Auslastung und erste Hinweise auf drohende Probleme. Er kann eingreifen, bevor ein Stillstand droht, anstatt nur auf Fehler zu reagieren.
- Kontextbezogene Informationen: Ein Mitarbeiter, der sich einer Maschine nähert, erhält automatisch auf seinem Display alle relevanten Informationen zu ihrem aktuellen Zustand, den letzten Wartungen und den nächsten anstehenden Aufgaben.
Diese Systeme machen den Menschen zum Dirigenten eines Orchesters, anstatt ihn zum reinen Erfüllungsgehilfen einer starren Maschine zu degradieren. Sie nutzen seine einzigartigen Fähigkeiten – Kreativität, Erfahrung, Flexibilität – und befreien ihn von den Aufgaben, die Maschinen besser können: dem monotonen Überwachen und Dokumentieren.
Die große Herausforderung: Qualifizierung und Kulturwandel
Der Wandel hin zu dieser neuen Arbeitswelt ist technisch machbar, aber kulturell und bildungspolitisch eine Herkulesaufgabe.
- Weiterbildungsoffensive: Unternehmen müssen massiv in die Qualifizierung ihrer Mitarbeiter investieren. Ein Elektriker von heute muss die Chance bekommen, zum OT-Sicherheitsspezialisten von morgen zu werden. Das erfordert Zeit, Geld und vor allem eine neue Lernkultur im Unternehmen.
- Berufsbilder neu denken: Die Ausbildung zum Industriemechaniker oder Elektroniker für Automatisierungstechnik muss um Inhalte wie Sensorik, Datenanalyse und Grundlagen der IT-Sicherheit erweitert werden. Duale Studiengänge, die Elektrotechnik mit Informatik verbinden, werden immer wichtiger.
- Ängste ernst nehmen: Die Belegschaft hat oft Angst vor dem Unbekannten. „Macht mich das System überflüssig?“ Diese Sorge muss ernst genommen und durch transparente Kommunikation und echte Partizipation an der Gestaltung der Veränderung adressiert werden.
Das IIoT ist kein Jobkiller. Es ist ein Jobveränderer – und zwar ein radikaler. Es verlangt von Unternehmen, von Bildungseinrichtungen und von jedem Einzelnen, sich neu zu erfinden. Die Belohnung ist eine Industrie, die nicht nur effizienter, sondern auch menschlicher sein kann, weil sie den Menschen von der Maschine befreit und ihn dort einsetzt, wo er wirklich gebraucht wird: als kreativen, entscheidenden und verantwortlichen Gestalter.
Im nächsten Artikel wird es wieder konkret und praktisch. Nach all der Theorie, den Konzepten und den Zukunftsbildern fragen wir: Wie fängt man eigentlich an? Wir entwickeln eine Schritt-für-Schritt-Anleitung für das erste eigene IIoT-Projekt im Unternehmen.
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