Der NeXTcube: Als Steve Jobs die Zukunft erfand und an der Gegenwart scheiterte

Von DerSchneider


Einleitung

Es gibt Momente in der Technikgeschichte, die erst Jahrzehnte später ihre wahre Bedeutung offenbaren. Der 12. Oktober 1988 war ein solcher Moment. An diesem Tag enthüllte Steve Jobs im Louise M. Davies Symphony Hall in San Francisco einen Computer, der seiner Zeit derart voraus war, dass die Welt nicht wusste, was sie mit ihm anfangen sollte: Den NeXTcube.

Die Geschichte des NeXTcube ist eine Geschichte der Widersprüche. Es ist die Geschichte eines visionären Produkts, das kommerziell scheiterte und doch die digitale Welt nachhaltiger prägte als die meisten Erfolgsprodukte seiner Zeit. Es ist die Geschichte von Steve Jobs in der Wüste – zwischen seiner erzwungenen Demission bei Apple 1985 und seiner triumphalen Rückkehr 1997. Und es ist die Geschichte einer Maschine, die nicht nur die Serverarchitektur des frühen World Wide Web trug, sondern auf der auch Tim Berners-Lee den ersten Webbrowser der Geschichte entwickelte.

Um den NeXTcube zu verstehen, müssen wir ihn in seiner ganzen technologischen Kühnheit und kaufmännischen Naivität betrachten. Wir müssen fragen: Warum scheiterte dieser Computer auf dem Markt? Und wieso wurde er dennoch zu einem der einflussreichsten Rechner aller Zeiten?


Die Geburt einer Utopie: Jobs‘ zweiter Akt

Nach seinem erzwungenen Rückzug von Apple im September 1985 war Steve Jobs ein Getriebener. Mit 100 Millionen Dollar eigenen Geldes gründete er NeXT Inc. – ein Unternehmen, das zunächst nichts Geringeres vorhatte, als den „perfekten“ Computer für die akademische Welt zu bauen. Die Zielformulierung war ebenso einfach wie anmaßend: den persönlichen Computer neu zu erfinden.

Jobs umgab sich mit den besten Köpfen, die er finden konnte. Viele kamen von Apple, andere von Hochkarätern wie Stanford oder Carnegie Mellon. Das Entwicklungsteam arbeitete unter Bedingungen absoluter Geheimhaltung und mit einem Budget, das Analysten später auf über 200 Millionen Dollar schätzten. Was dabei entstand, war technisch atemberaubend.


Das Meisterstück: Technische Innovationen im Detail

Der NeXTcube war kein Computer – er war eine Materialschlacht der Ingenieurskunst. Das Herzstück bildete ein schwarzes, magentafarbenes Magnesiumgehäuse, das exakt einen Kubikfuß (30,48 cm) maß. Jobs, bekannt für seinen Perfektionismus, hatte darauf bestanden, dass das Gehäuse aus einem massiven Block gefräst wurde – ein Fertigungsprozess, der monatelange Verzögerungen verursachte und die Produktionskosten in die Höhe trieb.

Das Betriebssystem: NeXTSTEP

Die eigentliche Revolution fand jedoch im Inneren statt. Das Betriebssystem NeXTSTEP war eine Offenbarung. Es basierte auf dem Mach-Kernel (entwickelt an der Carnegie Mellon University) und BSD-Unix – und kombinierte damit erstmals die Stabilität und Netzwerkfähigkeit von Unix mit einer grafischen Oberfläche, die der des Macintosh in nichts nachstand.

Doch NeXTSTEP ging weiter. Es führte drei Konzepte ein, ohne die moderne Computersysteme heute undenkbar wären:

Display PostScript: Statt Pixel für Pixel zu zeichnen, nutzte NeXTSTEP die Seitenbeschreibungssprache PostScript von Adobe direkt auf dem Bildschirm. Dies ermöglichte eine Druckqualität auf dem Monitor, die ihresgleichen suchte – und legte den Grundstein für das späere PDF und das „What You See Is What You Get“-Prinzip.

Objective-C und AppKit: Die Programmiersprache Objective-C, eine Erweiterung von C um Smalltalk-ähnliche Objektorientierung, bildete zusammen mit den fertigen Softwarebausteinen (AppKit) die Grundlage für die rasche Entwicklung komplexer Anwendungen. Hier entstand das Konzept der „Softwarekomponenten“, das Entwickler Jahre später unter dem Schlagwort „Cocoa“ bei macOS wiederentdecken sollten.

Die erste optische Platte: Der NeXTcube verzichtete auf Diskettenlaufwerke – eine damals geradezu ketzerische Entscheidung. Stattdessen setzte Jobs auf ein magneto-optisches Laufwerk von Canon mit 256 Megabyte Kapazität. Die Idee: Die optische Platte sollte sowohl Datenträger als auch bootfähiges Medium sein. Technisch brillant, praktisch eine Katastrophe – die Laufwerke waren langsam und die Medien teuer.


Der Preis der Perfektion: Kommerzielles Scheitern

Als Steve Jobs den NeXTcube am 12. Oktober 1988 der Öffentlichkeit vorstellte, war die Fachwelt elektrisiert. Die Zeitschriften „Byte“ und „Macworld“ überschlugen sich mit Lobeshymnen. Doch dann kam die Ernüchterung.

Jobs hatte ursprünglich einen Preis von 3000 Dollar pro Gerät angepeilt. Als der NeXTcube schließlich auf den Markt kam, kostete das Basismodell 6500 Dollar – ohne Monitor. Voll ausgestattet kletterte der Preis auf über 10.000 Dollar. Die Zielgruppe der Studenten, für die der Rechner eigentlich gedacht war, konnte sich das schlicht nicht leisten.

Hinzu kam die Inkompatibilität. In einer Welt, die von DOS und Macintosh beherrscht wurde, war der NeXTcube eine Insel. Wer ihn kaufte, musste bereit sein, seine gesamte Softwarelandschaft neu zu denken. Das taten nur wenige. Universitäten wie Stanford, Carnegie Mellon oder das MIT bestellten zwar kleinere Stückzahlen, aber die erhoffte Massenakzeptanz blieb aus.

Zwischen 1988 und 1993 verkaufte NeXT gerade einmal 50.000 Einheiten. Zum Vergleich: Apple verkaufte allein 1990 über zwei Millionen Macintosh-Computer. 1993 stellte NeXT die Hardwareproduktion ein und konzentrierte sich auf Software – ein stilles Eingeständnis des Scheiterns.


Der unsterbliche Einfluss: Wie NeXT die Welt veränderte

Doch das Ende der NeXT-Hardware war nicht das Ende der Geschichte. Im Gegenteil: Die Ideen des NeXTcube entfalteten ihre Wirkung erst in den folgenden Jahrzehnten.

Das World Wide Web wird geboren

Die wohl bedeutendste Nutzung eines NeXTcube fand 1990 am CERN in Genf statt. Dort suchte der britische Ingenieur Tim Berners-Lee nach einer Möglichkeit, Informationen über das Internet zu verwalten und abzurufen. Er hatte Zugang zu einem NeXTcube – und war begeistert von dessen Entwicklungsumgebung.

In wenigen Monaten programmierte Berners-Lee auf diesem Rechner die drei fundamentalen Technologien des World Wide Web: HTML (Hypertext Markup Language), HTTP (Hypertext Transfer Protocol) und URL (Uniform Resource Locator). Auf demselben NeXTcube lief der erste Webserver der Geschichte („info.cern.ch„) und der erste Browser, der sowohl Editor als auch Betrachter war.

Der originale NeXTcube von Tim Berners-Lee steht heute im Science Museum in London – ein Exponat, das die Bedeutung dieser Maschine für die digitale Zivilisation dokumentiert.

Die Rückkehr zu Apple

1996 stand Apple kurz vor der Pleite. Das Betriebssystem „Copland“ war gescheitert, und man suchte händeringend nach einem modernen Betriebssystem, das den Mac in die Zukunft führen könnte. Die Wahl fiel auf NeXTSTEP – und damit auf NeXT. Apple kaufte das Unternehmen für 429 Millionen Dollar, und Steve Jobs kehrte als Berater zurück – der Rest ist Geschichte.

Die DNA des NeXTcube lebt bis heute in jedem Mac, iPhone und iPad fort. macOS ist direkter Nachkomme von NeXTSTEP, iOS wiederum basiert auf macOS. Die Entwicklungsumgebung Xcode, die Programmiersprache Swift, die gesamte Architektur von Apples Ökosystem – all das wurzelt in dem schwarzen Magnesiumwürfel von 1988.


Kontroversen und Bewertung

Die historische Bewertung des NeXTcube ist zwiespältig. Für die einen ist er das schönste Beispiel für Jobs‘ Diktum, dass „Design nicht nur ist, wie etwas aussieht, sondern wie es funktioniert“. Für andere ist er der Inbegriff technokratischer Hybris – ein Produkt, das so perfekt sein wollte, dass es vergaß, erschwinglich und anschlussfähig zu sein.

Tatsächlich lassen sich beide Lesarten vertreten. Der NeXTcube war ein elitärer Computer für eine Elite, die es in dieser Form gar nicht gab. Aber er war auch ein Labor der Zukunft, in dem Konzepte erprobt wurden, die erst Jahre später ihre volle Wirkung entfalten konnten.

Die Frage, ob Steve Jobs mit einer anderen Preis- und Vertriebsstrategie hätte erfolgreich sein können, bleibt spekulativ. Sicher ist: Der NeXTcube war seiner Zeit zu weit voraus. Er fiel in eine Nische zwischen den etablierten PCs und den aufkommenden Workstations von Sun oder Silicon Graphics – und konnte sich gegen keine der beiden Fronten durchsetzen.


Fazit und Ausblick

Der NeXTcube ist mehr als eine Fußnote der Technikgeschichte. Er ist ein Lehrstück über das Verhältnis von Innovation und Markterfolg, von Vision und Realität. Er zeigt, dass technische Überlegenheit allein nicht ausreicht – und dass gescheiterte Produkte dennoch die Welt verändern können.

Wer heute ein iPhone in der Hand hält, hält im übertragenen Sinne auch ein Stück NeXTcube in der Hand. Die Ideen, die in diesem schwarzen Würfel Gestalt annahmen, sind nicht verschwunden – sie sind allgegenwärtig geworden. Das World Wide Web, objektorientierte Programmierung für die Massen, hochauflösende Bildschirmdarstellung – all das waren NeXT-Ideen, bevor sie zum Standard wurden.

Der NeXTcube lehrt uns, dass technischer Fortschritt selten linear verläuft. Manchmal muss eine Idee erst scheitern, um später umso nachhaltiger zu wirken. In diesem Sinne war der NeXTcube der wichtigste gescheiterte Computer aller Zeiten.


Quellen

  • Isaacson, Walter: Steve Jobs. C. Bertelsmann Verlag, München 2011.
  • Linzmayer, Owen W.: Apple Confidential 2.0. No Starch Press, San Francisco 2004.
  • Malone, Michael S.: The Infinite Loop. Currency/Doubleday, New York 1999.
  • Berners-Lee, Tim: Weaving the Web. HarperCollins, New York 1999.
  • Singh, Amit: Mac OS X Internals. Addison-Wesley, Boston 2006.
  • Byte Magazine, November 1988: „NeXT – An Operating System for the 1990s“.
  • Stanford University Libraries, NeXT Collection (Archivmaterial).
  • CERN-Dokumentation: „The Birth of the Web“ (online).

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