Von der Vision zur Wirklichkeit: David Johnson-Davies bricht eine technische Barriere mit dem ESP32-P4-Feather

Von DerSchneider


Die Nachricht verbreitete sich Ende Februar 2026 in den spezialisierten Ecken des Internets wie ein Lauffeuer. Nicht über X (ehemals Twitter), nicht über LinkedIn, sondern dort, wo die eigentliche Arbeit gemacht wird: in einem Forumsbeitrag auf der Seite von uLisp, einer Lisp-Interpretersprache für Mikrocontroller . David Johnson-Davies, der britische Embedded-Experte hinter dem Blog Technoblogy, hatte etwas geschafft, das viele für unmöglich oder zumindest für unpraktikabel hielten. Er hatte einen der modernsten und leistungsfähigsten Mikrocontroller von Espressif, den ESP32-P4, auf ein handtellergroßes Feather-Board gebracht – und das im Selbstbau.

Auf den ersten Blick ist es nur ein weiteres Hobbyprojekt eines erfahrenen Bastlers. Auf den zweiten Blick offenbart sich jedoch eine tiefere Bedeutung. Es ist ein Triumph des „Weil es geht“, ein Beweis für die Reife der RISC-V-Architektur und eine Meisterleistung der modernen Tech-Archäologie – denn um diesen Chip zum Laufen zu bringen, musste Johnson-Davies tief in die Werkzeugkiste der Hardwareentwicklung greifen.

Dieser Artikel zeichnet die Reise nach: vom disruptiven Erbe des ESP8266 über die technischen Hürden des ESP32-P4 bis hin zur konkreten Umsetzung auf einem 104-Pin-QFN-Package. Es ist die Geschichte eines Mannes, der zeigt, dass der Geist der frühen Maker-Bewegung auch im Zeitalter hochkomplexer, industrieller SoCs nicht verloren gegangen ist.


1. Im Rückspiegel: Die Espressif-Revolution und der Geist des Selbermachens

Um die Leistung von Johnson-Davies zu würdigen, müssen wir verstehen, was den ESP32-P4 so besonders macht – und warum er eigentlich gar nicht für das Feather-Format gedacht war.

1.1 Vom ESP8266 zum RISC-V-Rausch

Die Geschichte von Espressif ist eine Geschichte der kontinuierlichen Eskalation. Der ESP8266, der um 2014 die Welt der Maker im Sturm eroberte, war ein glücklicher Unfall: Ein günstiger Chip mit WLAN, der sich zweckentfremden ließ. Ihm folgte der ESP32 mit Bluetooth und zwei Kernen, der zum Arbeitstier des IoT wurde. Mit den ESP32-S– und -C-Serien diversifizierte das Unternehmen das Portfolio und wagte erste Schritte in Richtung eigener RISC-V-Kerne .

Doch der ESP32-P4, der im Januar 2023 offiziell vorgestellt wurde, ist eine völlig neue Kategorie . Er ist Espressifs erste Waffe im Kampf um die Mitte des Marktes: Er soll die Lücke zwischen leistungsfähigen Mikrocontrollern und den deutlich komplexeren Linux-fähigen Einplatinencomputern (wie einem Raspberry Pi) schließen . Ausgestattet mit einem dual-core RISC-V-Prozessor, der mit bis zu 400 MHz taktet, einem separaten Ultra-Low-Power-Kern, einer integrierten Grafikeinheit und Unterstützung für MIPI-DSI (Displays) und MIPI-CSI (Kameras), ist der P4 ein echtes Schwergewicht . Er ist für anspruchsvolle Mensch-Maschine-Schnittstellen, Edge-Computing und Bildverarbeitung ausgelegt – Aufgaben, die bisher oft einen teureren und komplexeren Anwendungsprozessor erforderten.

1.2 Das Feather-Format: Ein Standard der Community

Genau hier liegt der Konflikt. Das Feather-Format, entwickelt von Adafruit, ist ein Standard für Einfachheit. Es definiert eine kompakte Grundfläche (2.0″ x 0.9″) und eine standardisierte Pinbelegung, die es ermöglicht, verschiedene „Wings“ (Erweiterungsplatinen) einfach aufzustecken. Es ist das Ökosystem des schnellen Prototypings, der Breadboard-freundlichen Experimente.

Ein Chip im 104-Pin-QFN-Gehäuse (Quad Flat No-leads) mit einer Größe von gerade einmal 10×10 mm ist das Gegenteil von einfach . Diese Gehäuseform ist für die maschinelle Bestückung in der Industrie optimiert. Die Pins sind feine Anschlussflächen am Boden des Chips, die sich von Hand kaum löten lassen. Ein QFN-104-Package ist eine technologische Hürde, die den Hobbyanwender normalerweise ausschließt.


2. Im Herzen der Maschine: Die technische Meisterleistung des Technoblogy-Boards

David Johnson-Davies‘ Projekt ist daher mehr als nur das Zusammenstecken von Modulen. Es ist ein Akt der Übersetzung: Er übersetzt ein hochkomplexes, industrielles Bauteil in die Sprache der Maker.

2.1 Der Chip: Ein Blick auf den ESP32-P4

Bevor wir uns dem Board widmen, lohnt ein genauer Blick auf das, was Johnson-Davies hier bändigt. Der ESP32-P4, den er verwendet, ist ein Monster an Leistung. Er verfügt über:

  • Zwei Hochleistungs-RISC-V-Kerne: Mit bis zu 400 MHz Takt und Erweiterungen für Fließkomma- und KI-Berechnungen (Vektorinstruktionen) .
  • Einen stromsparenden Kern: Für Aufgaben im Hintergrund, während die großen Kerne schlafen – eine „Big-Little“-Architektur, wie man sie von modernen Smartphone-Prozessoren kennt .
  • Großzügigen Speicher: 768 KB internes SRAM, 32 MB eingebettetes PSRAM (Pseudo-Static RAM) und Unterstützung für externen Flash . Johnson-Davies bemerkt trocken, dass der Chip den Tak-Benchmark (ein Maß für Rekursionsgeschwindigkeit) in etwa 1,5 Sekunden durchläuft – auf seinem Board .
  • Moderne Schnittstellen: MIPI-DSI für Displays, MIPI-CSI für Kameras, USB 2.0 OTG, Ethernet und SDIO – all das ist an Bord .

2.2 Die Herausforderung: 104 Pins bändigen

Die Krux ist das QFN-104-Gehäuse. Um diesen Chip auf ein Feather-Board zu bringen, ist ein mehrschichtiges PCB (Leiterplatte) mit präzisem Layout zwingend erforderlich. Jede einzelne der 104 Verbindungen muss korrekt kontaktiert werden. Johnson-Davies musste nicht nur den Chip selbst verlöten (was spezielles Equipment wie eine Heißluft-Lötstation oder einen Reflow-Ofen erfordert), sondern auch all die umliegende Beschaltung – Quarze, Kondensatoren, Spannungsregler – auf engstem Raum unterbringen.

Dass er dies nicht nur getan hat, sondern das Projekt auch noch als Open Source veröffentlicht hat, ist der eigentliche Clou. Auf seinem Blog und im uLisp-Forum teilt er die Schaltpläne und Layout-Daten, sodass andere Enthusiasten mit entsprechendem Geschick sein Projekt nachbauen können . Er demokratisiert damit eine Technologie, die eigentlich für die industrielle Elite reserviert schien.


3. Kontroversen und Perspektiven: Wem nützt das?

So bewundernswert die technische Leistung ist, sie wirft auch Fragen auf. Ist dieses Board ein Nischenprodukt für ein paar Dutzend Hardcore-Bastler, oder zeigt es einen Weg in die Zukunft?

3.1 Die Perspektive des Entwicklers: Espressifs eigener Ansatz

Espressif selbst verfolgt einen anderen Weg. Das Unternehmen bietet für den ESP32-P4 das offizielle „ESP32-P4-Function-EV-Board“ an, das für etwa 65 Euro verkauft wird . Dieses Board ist eine voll ausgestattete Entwicklungsplattform. Es kommt mit zusätzlichem ESP32-C6 für Funk (WLAN, Bluetooth, Thread/Matter), Ethernet, Audio-Codec, Mikrofon, SD-Kartensteckplatz und einer Vielzahl von Anschlüssen. Es ist ein All-In-One-Paket für den professionellen Entwickler, der testen will, was der Chip kann.

Johnson-Davies‘ Feather-Board ist das genaue Gegenteil: puristisch, reduziert auf das Wesentliche und auf maximale Kompatibilität mit einem bestehenden Ökosystem ausgelegt.

3.2 Die Perspektive des Anwenders: Für wen ist das gedacht?

Hier offenbart sich die eigentliche Kontroverse. Für den durchschnittlichen Arduino-Bastler, der eine LED blinken lassen will, ist der ESP32-P4 maßlos überdimensioniert. Für den professionellen Entwickler, der ein Produkt entwickeln will, ist das offizielle EV-Board die naheliegendere Wahl.

Die Zielgruppe des Technoblogy-Boards ist eine andere, eine fast schon philosophische. Es sind die „Power-Maker“, die Technik nicht nur anwenden, sondern verstehen wollen. Es sind die Menschen, die sich nicht mit vorgefertigten Modulen zufriedengeben, sondern die Herausforderung suchen, etwas Komplexes selbst zu bezwingen. Es ist ein Board für diejenigen, die uLisp laufen lassen wollen – eine Sprache, die Abstraktion und Kontrolle über die Hardware gleichermaßen liebt .

3.3 Die Zukunftsimplikation: Wohin steuert die Maker-Szene?

Das Projekt wirft ein Schlaglicht auf eine tiefgreifende Veränderung in der Welt der Hardware-Enthusiasten. Die Zeiten, in denen man mit einem 8-Bit-AVR und ein paar Kabeln alles erreichen konnte, sind lange vorbei. Die Chips werden komplexer, die Gehäuse kleiner, die Anforderungen an das Leiterplatten-Design steigen exponentiell.

Ist das das Ende der „Jedermanns“-Bastelei? Nicht unbedingt. Projekte wie dieses zeigen, dass die Community mitwächst. Es entsteht eine neue Elite von Hobbyisten, die über profundes Wissen in Hochfrequenzdesign und Signalintegrität verfügen. Johnson-Davies fungiert hier als Brückenbauer und Übersetzer. Er nimmt die komplexe Industrie-Technologie und macht sie für eine gebildete und engagierte Community zugänglich.


4. Fazit und Ausblick: Mehr als nur ein weiteres Board

Das ESP32-P4-Feather von Technoblogy ist auf den ersten Blick ein weiteres selbstgebautes Entwicklerboard. Auf den zweiten Blick ist es ein Manifest. Es ist die Manifestation des unbeugsamen Willens der Maker-Bewegung, sich den Raum zurückzuerobern, den die Industrie mit immer komplexeren Komponenten zu vereinnahmen droht.

David Johnson-Davies hat mit seinem Projekt gezeigt, dass der Geist der Tech-Archäologie – das Ausgraben und Verstehen von Technologien – auch im Zeitalter von RISC-V und hochintegrierten SoCs lebendig ist. Er hat einen Chip, der in einem QFN-104-Gehäuse verborgen ist, befreit und in ein offenes, verständliches und erweiterbares Format überführt.

Die Zukunft wird zeigen, ob dieser Ansatz Schule macht. Vielleicht werden wir in einigen Jahren eine neue Generation von „Community-Ports“ sehen, bei denen engagierte Bastler die neuesten Industrie-Chips auf Maker-freundliche Platinen bringen. Das Technoblogy-Projekt ist in jedem Fall ein Leuchtturm – ein Beweis dafür, dass Technikgeschichte nicht nur geschrieben, sondern auch aktiv gestaltet wird, ein Lötkolben und eine Open-Source-Datei nach der anderen.


Quellen

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