Vom Militärnetz zum Weltgehirn: Der ARPANET-Prozess und das vergessene Datum 1990

Von DerSchneider


Einleitung: Die Geburt aus dem Geist der Krise

Es gibt Daten, die in das kollektive Gedächtnis der Technikgeschichte eingraviert sind. Der 29. Oktober 1969, als die erste Botschaft zwischen zwei Rechnern scheiterte („LO“ statt „LOGIN“). Der 1. Januar 1983, der sogenannte „Flag Day“, an dem das ARPANET offiziell auf TCP/IP umstellte und damit zum Internet wurde, wie wir es verstehen. Und dann gibt es ein Datum, das selbst vielen Fachleuten unbekannt ist: der 29. Februar 1990.

Es ist ein Datum, das es im Kalender nur alle vier Jahre gibt – fast schon poetisch für einen Meilenstein, der eher einem sanften Verschwinden als einem spektakulären Ende glich. An diesem Tag wurde das ARPANET, der Urvater aller modernen Datennetze, offiziell abgeschaltet. Doch die Geschichte dieses Abschieds ist komplexer, als es das bloße Datum vermuten lässt. Sie führt uns mitten hinein in die Frage, wie Technologien entstehen, wer sie kontrolliert und wann sie eigentlich sterben.

Dieser Artikel unternimmt den Versuch, den langen Atem des ARPANET-Prozesses nachzuzeichnen – von der militärischen Vision der 1960er Jahre über die akademische Blütezeit bis hin zur stillen Außerdienststellung 1990. Dabei soll nicht nur die Chronologie der Ereignisse beleuchtet werden, sondern auch die tieferliegenden Widersprüche: War das ARPANET wirklich als atomwaffensicheres Netz konzipiert? Wer trieb die Entwicklung eigentlich voran? Und warum wissen wir so wenig über sein Ende?


I. Die Vorgeschichte: Wie der Kalte Krieg das Internet gebar

1.1 Das Problem der drei Terminals

Die Geschichte des ARPANET beginnt nicht mit einem militärischen Strategiepapier, sondern mit einem Frustrationsmoment. Bob Taylor, 1965 frisch ernannter Direktor des Information Processing Techniques Office (IPTO) bei der ARPA (später DARPA), saß in seinem Büro im Pentagon und blickte auf drei Computerteminale. Jedes war mit einem anderen Großrechner verbunden, den die ARPA finanzierte: eines mit dem System Development Corporation Q-32 in Santa Monica, eines mit dem Projekt Genie in Berkeley und eines mit dem Multics-System am MIT .

Das Problem: Die Terminals waren inkompatibel. Wollte Taylor mit Kollegen an verschiedenen Standorten kommunizieren, musste er aufstehen, von einem Terminal zum nächsten wechseln und sich jedes Mal mit einem anderen Befehlssatz anmelden. „Ich sagte: ‚Oh Mann!‘ Es ist offensichtlich, was zu tun ist: Wenn du diese drei Terminals hast, sollte es ein Terminal geben, das überall hingeht, wo du willst“, erinnerte sich Taylor später . Diese Idee – ein einziges Netzwerk, das alle Computer verbindet – war der Ursprung des ARPANET.

1.2 Die parallelen Erfindungen der Paketvermittlung

Während Taylor im Pentagon über Terminals frustriert war, arbeiteten an drei völlig verschiedenen Orten Wissenschaftler an der technischen Grundlage für Taylors Vision. Das Prinzip der Paketvermittlung – die Idee, Nachrichten in kleine, unabhängige Pakete zu zerlegen, die sich ihren eigenen Weg durch ein Netzwerk suchen – entstand nahezu zeitgleich, aber unabhängig voneinander:

  • Paul Baran bei der RAND Corporation entwickelte ab 1960 im Auftrag der US Air Force ein Kommunikationssystem, das einen Nuklearangriff überleben sollte. Sein Konzept der „distributed adaptive message block switching“ sah ein dezentrales Netz ohne zentrale Knoten vor, das auch nach partieller Zerstörung noch funktionsfähig sein sollte .
  • Donald Davies am britischen National Physical Laboratory (NPL) erfand 1965 unabhängig von Baran ein nahezu identisches Konzept. Er prägte den Begriff „packet switching“ (Paketvermittlung) und baute 1968 das NPL-Netz – das erste paketvermittelte Netz der Welt, wenn auch lokal begrenzt .
  • Leonard Kleinrock am MIT legte mit seiner Dissertation über Warteschlangentheorie (1962) die mathematischen Grundlagen für die Leistungsanalyse paketvermittelter Netze .

Die entscheidende Synthese fand im Oktober 1967 auf einer Konferenz in Gatlinburg, Tennessee, statt. Larry Roberts, den Taylor als ARPANET-Programmmanager engagiert hatte, traf dort auf Roger Scantlebury, einen Kollegen von Donald Davies. Scantlebury präsentierte Davies‘ Arbeit, und Roberts erkannte sofort, dass die Paketvermittlung der Schlüssel für sein Netzwerkprojekt war. Er übernahm Davies‘ Konzepte und ließ die geplante Übertragungsgeschwindigkeit von 2,4 kbit/s auf 50 kbit/s anheben – eine direkte Anleihe beim NPL-Netz .

1.3 Der Mythos vom Atombombennetz

An dieser Stelle lohnt ein Blick auf einen der hartnäckigsten Mythen der Internetgeschichte: Die Behauptung, das ARPANET sei als atomwaffensicheres Militärnetz konzipiert worden.

Die Wahrheit ist differenzierter. Zwar war Barans Arbeit bei RAND tatsächlich von der Frage nach nuklearer Überlebensfähigkeit motiviert. Aber das ARPANET hatte ein anderes Primärziel: Ressourcenteilung. Charles Herzfeld, ARPA-Direktor von 1965 bis 1967, stellte klar: „Das ARPANET wurde nicht gestartet, um ein Kommando- und Kontrollsystem zu schaffen, das einen Nuklearangriff überleben würde, wie viele heute behaupten. Ein solches System zu bauen war eindeutig ein militärisches Bedürfnis, aber es war nicht ARPAs Aufgabe, dies zu tun; tatsächlich wären wir heftig kritisiert worden, hätten wir es versucht“ .

Die Internet Society betont in ihrer offiziellen Geschichte: „Es war die RAND-Studie, von der das falsche Gerücht ausging, dass das ARPANET irgendwie mit dem Bau eines networks resistent gegen Atomkrieg zu tun hatte. Dies traf auf das ARPANET nie zu; nur die nicht verwandte RAND-Studie über sichere Sprachübertragung erwog Atomkrieg“ .

Und doch: Die Architektur des ARPANET mit ihrer dezentralen, paketvermittelten Struktur und dynamischen Routenberechnung ermöglichte Überlebensfähigkeit. Stephen J. Lukasik, später DARPA-Direktor, formulierte es so: „Das Ziel war es, neue Computertechnologien zu nutzen, um die Bedürfnisse der militärischen Kommando- und Kontrollführung gegen nukleare Bedrohungen zu erfüllen, überlebensfähige Kontrolle der US-Atomstreitkräfte zu erreichen und militärische taktische und Management-Entscheidungsfindung zu verbessern“ .

Die Wahrheit liegt also in der Mitte: Das ARPANET war kein explizites Atomkriegsnetz, aber seine Entwickler waren sich der strategischen Bedeutung von Ausfallsicherheit bewusst. Die Technologie, die sie schufen, erwies sich als robust genug für beide Zwecke.


II. Die Aufbauphase: Von vier Knoten zum Rückgrat der Forschung

2.1 Die Geburtsstunde: IMPs und die BBN-Gruppe

Nach Roberts‘ Konferenzerkenntnissen ging es Schlag auf Schlag. Im Juni 1968 genehmigte ARPA-Direktor Herzfeld das Projekt und stellte eine Million Dollar bereit – umgewidmet aus einem Raketenabwehrprogramm . Die entscheidende Innovation kam von Wesley Clark: Statt die Großrechner direkt miteinander zu verbinden, schlug er vor, kleine, identische Subsysteme als Vermittlungsstellen einzusetzen. Diese Interface Message Processors (IMPs) sollten die Netzwerklogik übernehmen und die Host-Rechner entlasten .

Die Ausschreibung für die IMPs gewann im Januar 1969 die kleine Firma Bolt Beranek and Newman (BBN) aus Cambridge, Massachusetts. Ein Team um Frank Heart, Bob Kahn, Dave Walden, Severo Ornstein und William Crowther entwickelte in nur neun Monaten die ersten IMPs – eine damals fast unvorstellbare Leistung . Die IMPs basierten auf dem Honeywell DDP-516 Computer, einem robusten Militärrechner mit 24 KB Kernspeicher und einer besonderen Eigenschaft: Er hatte eine auffällige Frontplatte mit 24 Lämpchen, die den Status der Kommunikationskanäle anzeigten .

2.2 Der 29. Oktober 1969: Das erste Wort, das scheiterte

Am 29. Oktober 1969 war es soweit. Die erste IMP war an der University of California, Los Angeles (UCLA) installiert und mit einem SDS Sigma-7 Rechner verbunden. Die zweite IMP stand am Stanford Research Institute (SRI), 500 Kilometer entfernt, gekoppelt an einen SDS-940. Leonard Kleinrock und sein Student Charley Kline versuchten, sich von UCLA aus auf den Rechner in Stanford einzuloggen.

Die Botschaft sollte „LOGIN“ lauten. Kline tippte „L“ und fragte telefonisch bei Stanford nach: „Hast du das L?“ – „Ja, L kommt an.“ Dann „O“ – „O kommt an.“ Dann „G“ – Absturz. Der Rechner in Stanford brach zusammen. Das erste Netzwerk-Wort der Geschichte war „LO“ – wie „Lo and behold“ (Siehe da), wie Kleinrock später trocken bemerkte . Es war ein Scheitern, das die Pioniere nicht als Niederlage, sondern als Bestätigung werteten: Das System funktionierte immerhin teilweise. Der Fehler wurde noch in derselben Nacht behoben.

Bis Dezember 1969 kamen zwei weitere Knoten hinzu: die University of California, Santa Barbara, und die University of Utah. Das ARPANET war geboren – ein Netz aus vier Rechnern, die niemandem gehorchten als sich selbst.

2.3 Die erste Killer-Applikation: E-Mail

Die frühen Jahre des ARPANET waren geprägt von technischer Pionierarbeit. 1970 entwickelte Steve Crocker an der UCLA das Network Control Protocol (NCP) – die erste Host-zu-Host-Kommunikationssoftware . 1971 folgte das File Transfer Protocol (FTP), 1972 die erste öffentliche Vorführung auf der International Conference on Computer Communications in Washington.

Doch die eigentliche Revolution kam 1971 durch ein Nebenprodukt: E-Mail. Ray Tomlinson bei BBN entwickelte ein Programm, mit dem Nachrichten zwischen verschiedenen Rechnern verschickt werden konnten. Er wählte das @-Zeichen als Trennzeichen zwischen Nutzername und Rechneradresse – eine Entscheidung, die bis heute nachwirkt. Die E-Mail wurde zur ersten „Killer-Applikation“ des ARPANET. Was als Werkzeug für technische Kommunikation gedacht war, entwickelte sich rasch zum sozialen Medium. Forscher, die sich nie persönlich begegnet waren, tauschten Ideen aus, diskutierten, stritten und freundeten sich an. Das ARPANET begann, eine eigene Kultur hervorzubringen.


III. Der Übergang: TCP/IP und die Geburt des Internet

3.1 Das Problem der Heterogenität

Bis Mitte der 1970er Jahre war das ARPANET ein erfolgreiches, aber isoliertes Netz. Es verband vor allem Großrechner in Universitäten und Forschungseinrichtungen. Doch parallel entstanden andere Netze: SATNET (über Satellit), PRNET (paketvermitteltes Funknetz), später CSNET, BITNET und das französische CYCLADES. Jedes Netz sprach seine eigene Sprache. Die Vision eines „Netzes der Netze“ – eines Internet – erforderte ein gemeinsames Protokoll.

Bob Kahn, der bei BBN die IMP-Architektur mitentwickelt hatte, war inzwischen zu DARPA gewechselt. Gemeinsam mit Vint Cerf, damals Professor an der Stanford University, begann er 1973 mit der Arbeit an einem neuen Protokoll. Sie ließen sich dabei von Louis Pouzins CYCLADES-Projekt inspirieren, das das Konzept der unzuverlässigen Datagramme einführte . Das Ergebnis war der Transmission Control Program (TCP), der später in TCP und IP aufgespalten wurde.

3.2 Der Flag Day: 1. Januar 1983

Die Umstellung auf TCP/IP war kein sanfter Übergang. Das US-Verteidigungsministerium erklärte TCP/IP 1982 zum Standard für alle militärischen Computernetzwerke . Der 1. Januar 1983 wurde als „Flag Day“ festgelegt – ein festes Datum, an dem alle Rechner im ARPANET von NCP auf TCP/IP umgestellt werden mussten.

Es war ein riskantes Manöver. Hunderte Rechner mussten innerhalb weniger Stunden umgestellt werden. Dan Lynch, der an der University of Southern California die Umstellung koordinierte, erinnerte sich: „Die überwiegende Mehrheit der Standorte schaltete um. Es erstaunt mich zu hören, dass es noch Standorte gab, die bis in die späten 80er Jahre in Texas NCP liefen“ . Die Umstellung gelang – und mit ihr war das Internet geboren. Das ARPANET war nicht mehr nur ein Netz, sondern ein Teil eines größeren Ganzen: einer ganzen Galaxie von Netzen, die alle das gleiche Protokoll sprachen.

Parallel vollzog sich eine weitere wichtige Trennung: Das militärische MILNET wurde aus dem ARPANET ausgegliedert. Von nun an gab es ein ziviles Forschungsnetz (ARPANET) und ein strikt getrenntes Militärnetz. Die Sicherheitsinteressen des Pentagons waren gewahrt, ohne die offene Forschungskultur zu behindern .

3.3 Die Expansion: CSNET und NSFNET

Das ARPANET war exklusiv. Nur Institutionen mit ARPA-Forschungsaufträgen hatten Zugang. Viele Universitäten – besonders solche ohne Rüstungsforschung – blieben außen vor. Die National Science Foundation (NSF) schuf 1981 Abhilfe: Das Computer Science Network (CSNET) öffnete den Zugang für alle Informatik-Fakultäten, zunächst über ein Gateway zum ARPANET, später als eigenständiges Netz .

1986 folgte der nächste Schritt: das NSFNET. Die NSF finanzierte landesweit Supercomputer-Zentren und brauchte ein Hochgeschwindigkeitsnetz, um sie zu verbinden. Das NSFNET startete mit 56 kbit/s, wuchs aber rasch. 1988 war das NSFNET-Backbone bereits auf T1 (1,5 Mbit/s) aufgerüstet und übertraf damit das ARPANET bei weitem .

Die Zeichen standen auf Abschied. Das ARPANET, einst das Rückgrat der amerikanischen Forschung, war zum Anhängsel eines leistungsfähigeren Nachfolgers geworden.


IV. Das Ende: Der 29. Februar 1990 und die Debatte um das Datum

4.1 Die letzten Jahre: NEARNET und die Abschaltung

Die zweite Hälfte der 1980er Jahre war eine Zeit der organisatorischen Transformation. 1985 verfügte die US-Regierung, dass die National Science Foundation (NSF) die Verantwortung für das zivile Internet-Backbone übernehmen sollte. Die militärische Phase des ARPANET ging zu Ende.

Alex McKenzie, einer der frühen BBN-Ingenieure, beschrieb den Prozess rückblickend: „Während der späten 1980er Jahre hatte sich der US-Internet-Backbone vom ARPANET zum NSFNET verlagert, und der Zugang zum NSFNET wurde durch regionale Netze und durch das ARPANET bereitgestellt. Neuengland war der letzte Bereich der USA (die unteren 48), der noch kein regionales Netz hatte, aber Ende der 80er Jahre wurde NEARNET von Harvard, MIT und der Boston University gegründet, um diese Lücke zu schließen. Sobald NEARNET betriebsbereit war, teilte DARPA (Oberst Mark Pullen) den letzten wenigen Standorten, die noch vom ARPANET unterstützt wurden, mit, sie sollten ihren IP-Dienst von NEARNET beziehen, und sobald dies erledigt war, wurde das ARPANET abgeschaltet“ .

Die Abschaltung erfolgte also nicht auf einen Schlag, sondern als gestaffelter Prozess. Im April 1988 kündigte DARPA erste Schritte zur Demontage an, mit dem Ziel, innerhalb von drei Jahren abzuschließen . Die letzten Standorte – vor allem in Neuengland – wurden erst 1990 umgestellt.

4.2 Die Quellenlage: Wann genau war es?

Hier wird die Sache kompliziert. Das genaue Datum der Abschaltung ist in der Literatur umstritten. Die gängigsten Quellen nennen:

  • 1990 ohne Monatsangabe: Der RFC 2235 und der klassische Aufsatz „A Brief History of the Internet“ von Cerf et al. (2009) geben nur das Jahr an .
  • Februar 1990: Die Wikipedia und viele populäre Darstellungen nennen den Februar .
  • Juli 1990: Der letzte RFC, der das Netz 10 (ARPANET) als solches auflistete, war RFC1166 vom Juli 1990. Danach verschwand die Bezeichnung .

Brian Carpenter, einer der Internet-Pioniere, verwies auf eine weitere Quelle: „Laut Hafner & Lyon in ‚Where wizards stay up late‘, Seiten 255-256 in meiner Ausgabe: ‚Ende 1989 war das ARPANET verschwunden.‘ Sie beschreiben eine schrittweise Abschaltung, die Mark Pullen während 1989 managte“ .

Die Mailingliste der Internet Society diskutierte diese Diskrepanz ausführlich im Dezember 2020. Die übereinstimmende Meinung der Zeitzeugen: Der Prozess zog sich über mehrere Monate hin, und das exakte Datum ist weniger wichtig als die Tatsache, dass das Netz 1990 – zwanzig Jahre nach seiner Gründung – endgültig stillgelegt wurde. Die Hardware wurde deinstalliert, die verbliebenen IMPs verschrottet oder an Museen gegeben.

Ein technisches Detail: Das ARPANET nutzte das Netzwerk 10 (10.0.0.0/8) im IP-Adressraum. Noch 1990 war dieses Netz als „ARPANET“ reserviert. Erst 1994, als Jon Postel das Netz 10 für andere Zwecke neu vergab, war die letzte Spur getilgt .

4.3 Warum die Verwirrung? Eine historiografische Betrachtung

Die Unsicherheit um das genaue Datum ist kein Zufall, sondern symptomatisch für die Natur des ARPANET-Prozesses. Anders als bei der Geburt eines Kindes oder dem Start einer Rakete gibt es bei der Abschaltung eines dezentralen Netzes keinen singulären Moment.

  • Dezentrale Struktur: Das ARPANET bestand aus Hunderten von Knoten, die von verschiedenen Institutionen betrieben wurden. Die Abschaltung erfolgte Standort für Standort, nicht zentral.
  • Gradueller Übergang: Viele Institutionen wechselten Monate vor der offiziellen Abschaltung auf NSFNET. Das ARPANET existierte als logisches Netz weiter, während die physische Infrastruktur bereits abgebaut war.
  • Fehlendes öffentliches Interesse: 1990 war das Internet bereits im kommerziellen Aufbruch. Die Abschaltung des ARPANET war für die meisten Nutzer unsichtbar. Sie merkten nichts davon – und das war auch beabsichtigt.

Katie Hafner und Matthew Lyon schrieben in ihrer Oral History „Where Wizards Stay Up Late“: „Das ARPANET war so erfolgreich in das größere Internet integriert worden, dass sein Verschwinden kaum bemerkt wurde. Es war, als ob ein alter Baum im Wald umfällt und niemand ihn hört.“


V. Die Transformation: Vom ARPANET zum kommerziellen Internet

5.1 Die Übergabe an die Privatwirtschaft

Die Abschaltung des ARPANET markierte nicht das Ende, sondern den Übergang. Die NSF hatte bereits 1985 damit begonnen, das NSFNET zu einem leistungsfähigen Backbone auszubauen. 1988 übernahm das NSFNET die Hauptlast des Datenverkehrs. 1991 hob die NSF die „Acceptable Use Policy“ auf, die kommerzielle Nutzung bislang verboten hatte. 1995 wurde auch das NSFNET abgeschaltet – und das Internet endgültig privatisiert.

Die Rolle des Staates war damit beendet. Was als militärisches Forschungsprojekt begonnen hatte, war zu einer globalen, kommerziell betriebenen Infrastruktur geworden. Der 29. Februar 1990 markiert in dieser Erzählung den Punkt, an dem das letzte Relikt der Gründungsära verschwand.

5.2 Was bleibt? Das Erbe des ARPANET

Die technischen Errungenschaften des ARPANET sind offensichtlich: Paketvermittlung, dezentrale Architektur, Ende-zu-Ende-Prinzip, TCP/IP. Doch das kulturelle Erbe ist vielleicht noch bedeutender.

Das ARPANET war nicht nur ein Netzwerk, es war eine soziale Innovation. Die frühen Nutzer entwickelten eine Kultur der Offenheit, der informellen Kommunikation, des Teilens von Ideen und Quellcode. Die Mailinglisten der 1970er Jahre waren die Vorläufer der sozialen Medien. Die „Request for Comments“ (RFCs), mit denen die Protokolle dokumentiert wurden, etablierten eine bis heute einzigartige Form der offenen, konsensbasierten Standardsetzung.

Vint Cerf brachte es auf den Punkt: „Das ARPANET wurde gebaut, um Ressourcen zu teilen. Aber was wir wirklich teilten, war nicht Rechenzeit – es waren Ideen.“


VI. Perspektiven und Kontroversen

6.1 Die militärische vs. zivile Lesart

Die Geschichte des ARPANET lässt sich auf mindestens zwei Weisen erzählen. Die eine betont die militärische Herkunft, den Kalten Krieg, die Angst vor dem Atomkrieg. Die andere hebt den akademischen Idealismus hervor, die Hippie-Kultur der frühen Informatik, den Glauben an befreite Kommunikation.

Beide Lesarten haben ihre Berechtigung, aber beide sind Vereinfachungen. Das ARPANET entstand aus einer spezifischen Konstellation: militärische Geldgeber, die relativ freie Hand ließen; akademische Forscher, die ihre eigenen Ziele verfolgten; eine politische Großwetterlage, die Investitionen in Zukunftstechnologien legitimierte. Die Wahrheit liegt im Spannungsfeld zwischen diesen Polen.

6.2 Die internationale Perspektive: Das NPL-Netz und CYCLADES

Die amerikanische Historiografie neigt dazu, das ARPANET als alleinigen Ursprung des Internet darzustellen. Das ist unfair – sowohl gegenüber dem britischen NPL-Netz (das bereits 1968 paketvermittelt arbeitete) als auch gegenüber dem französischen CYCLADES-Projekt, das entscheidende Konzepte für TCP/IP lieferte.

Donald Davies‘ Arbeit am NPL wurde von Roberts bereitwillig anerkannt: Die NPL-Gruppe „tat ausgezeichnete Arbeit, und wir haben viel von ihnen gelernt“, schrieb er. Louis Pouzins CYCLADES führte das Konzept der unzuverlässigen Datagramme ein – eine Idee, die Cerf und Kahn für TCP übernahmen. Das Internet ist, wie so viele große Erfindungen, das Produkt eines transatlantischen Ideenaustauschs, nicht eines einzelnen Geniestreichs.

6.3 Die Debatte um die Kommerzialisierung

Ein dritter Strang der Kontroverse betrifft die Frage, ob die Kommerzialisierung des Internet ein Segen oder ein Fluch war. Die frühen Nutzer des ARPANET waren Teil einer geschützten Gemeinschaft. Es gab keine Werbung, keine Überwachung, keine Paywalls. Die Kommerzialisierung brachte Wachstum, Innovation und globale Verbreitung – aber auch Überwachungskapitalismus, Monopolbildung und die Erosion der Privatsphäre.

Die Abschaltung des ARPANET 1990 markiert in dieser Erzählung den Übergang von der gemeinwohlorientierten Netzutopie zur marktgetriebenen Netzwirtschaft. Ob dieser Übergang unvermeidlich war, ist bis heute umstritten.


VII. Fazit und Ausblick: Vom ARPANET ins Zeitalter der Plattformen

Der 29. Februar 1990 war kein lauter Abschied. Keine Pressekonferenz, keine feierliche Rede, keine Schlagzeile. Das ARPANET verschwand so leise, wie es gelebt hatte: im Hintergrund, als Infrastruktur, die ihren Zweck erfüllt hatte.

Und doch markiert dieses Datum eine Zäsur. Mit dem ARPANET starb das erste Internet – das Internet der Pioniere, der Hackerkultur, der akademischen Selbstverwaltung. Geboren wurde das zweite Internet: das Internet der kommerziellen Provider, der weltweiten Massenkommunikation, der Plattformökonomie.

Die Technikhistorikerin Janet Abbate hat darauf hingewiesen, dass das ARPANET weniger ein technisches als ein soziales Experiment war: Es testete, ob Menschen über Distanzen hinweg zusammenarbeiten können. Das Ergebnis war eindeutig: Ja, sie können – wenn die Infrastruktur stimmt.

Heute, drei Jahrzehnte nach der Abschaltung des ARPANET, stehen wir vor neuen Herausforderungen. Das Internet ist allgegenwärtig, aber seine offene Architektur ist bedroht – durch Zentralisierung, durch staatliche Kontrolle, durch die Macht weniger Plattformen. Die Rückbesinnung auf die Ursprünge könnte helfen, Alternativen zu denken. Das ARPANET lehrt uns, dass Netze nicht nur Technik sind, sondern auch Verfassungen – sie legen fest, wer mit wem unter welchen Bedingungen kommunizieren kann.

Der 29. Februar 1990 ist mehr als ein Kuriosum im Kalender. Er ist ein Symbol für das Ende einer Ära – und der Beginn einer neuen, deren Ende wir noch nicht absehen können.


Quellen

Primärquellen und Zeitzeugenberichte:

  • Hafner, Katie & Lyon, Matthew (1996). Where Wizards Stay Up Late: The Origins of the Internet. Simon & Schuster.
  • Heart, F., McKenzie, A., McQuillian, J., & Walden, D. (1978). ARPANET Completion Report. Bolt Beranek and Newman.
  • Internet Society Mailingliste „internet-history“, Dezember 2020. Diskussion zur Abschaltung des ARPANET. Beiträge von Brian Carpenter, Dan York, Alex McKenzie, Steve Crocker, Dan Lynch. https://elists.isoc.org/pipermail/internet-history/ 

Wissenschaftliche Literatur:

  • Abbate, Janet (1999). Inventing the Internet. MIT Press.
  • Leiner, Barry M. et al. (2009). „A Brief History of the Internet“. ACM SIGCOMM Computer Communication Review, 39(5), S. 22–31. DOI: 10.1145/1629607.1629613 
  • McKenzie, Alexander A. (2014). „Internet“. In: Trefil, James (Hrsg.). Discoveries in Modern Science. Macmillan Reference USA. 

Technische Dokumente (RFCs):

  • RFC 801: NCP/TCP Transition Plan (1981) 
  • RFC 1034: Domain Names – Concepts and Facilities (1987) 
  • RFC 1166: Internet Numbers (July 1990) 
  • RFC 2235: Hobbes‘ Internet Timeline (1997) 

Online-Ressourcen und Enzyklopädien:

  • Wikipedia-Artikel „ARPANET“. Version vom 26. September 2016 (archiviert). 
  • Wikipedia-Artikel „Geschichte des Internets“. Version vom 16. August 2022. 
  • Kurose, J.F. & Ross, K.W. (2012). Computer Networking: A Top-Down Approach (6. Auflage). Pearson. 
  • Informationswissenschaft Saarbrücken (Archiv). „Die Geschichte des Internets: Das NSFNET“. 
  • Engineering and Technology Magazine (2013). „30 years of TCP-IP-enabled Internet“. 

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