Reddy Kilowatt: Der vergessene Diener, der Amerika das Licht brachte

Von DerSchneider

Es war einmal ein kleines Männchen mit einem Glühbirnenkopf, Blitzen als Armen und Steckdosen als Ohren. Sein Name war Reddy Kilowatt, und über sechs Jahrzehnte war er das bekannteste Gesicht der amerikanischen Elektrizitätswirtschaft – ein Werbe-Star, der es mit Mickey Mouse aufnehmen konnte. Doch Reddy war weit mehr als eine niedliche Zeichentrickfigur. Er war der Vorreiter einer Marketingrevolution, ein ideologischer Kämpfer im Kalten Krieg und schließlich das Opfer ebenjener Energiekrise, die er einst mitverhindern half. Seine Geschichte ist ein Lehrstück über die Macht der Bilder, den Wandel gesellschaftlicher Werte und den Versuch, einer unsichtbaren Technologie ein Gesicht zu geben.

Die Geburt einer Idee: Vom Blitz zur Marke

Die Geschichte von Reddy Kilowatt beginnt nicht in einer Werbeagentur, sondern in einem Gewitter. Der Ort: Alabama, Mitte der 1920er-Jahre. Ashton B. Collins Sr., der 40-jährige kaufmännische Leiter der Alabama Power Company, beobachtete fasziniert, wie Blitze in den Boden einschlugen. In ihren zuckenden Ästen glaubte er, die Gliedmaßen eines kraftvollen Wesens zu erkennen – eines Wesens, das man zähmen und in den Dienst der Menschen stellen könnte .

Diese fast mythische Gründungsgeschichte mag später ausgeschmückt worden sein, doch sie verweist auf ein reales Problem: Elektrizität war damals für die meisten Menschen unsichtbar, unverständlich und nicht selten unheimlich. Zwar waren die Städte Nordamerikas um 1925 weitgehend elektrifiziert, aber die ländlichen Regionen blieben unterversorgt. 1930 hatten noch fast 90 Prozent der amerikanischen Bauernhöfe keinen Stromanschluss . Die Versorgungsunternehmen standen vor einem Vermarktungsproblem: Wie überzeugt man sparsame Farmer und skeptische Kleinunternehmer davon, eine unsichtbare und potenziell gefährliche Energiequelle ins Haus zu holen?

Collins‘ geniale Einsicht war, dass das Produkt ein Gesicht brauchte. Er wandte sich an einen Kollegen, den Ingenieur Dan Clinton, der die ersten Skizzen anfertigte. Am 6. März 1926 ließ die Alabama Power Company die Figur urheberrechtlich schützen, am 14. März 1926 erschien Reddy Kilowatt erstmals in einer ganzseitigen Anzeige der Birmingham News und wenig später auf der Alabama Electrical Exposition .

Das Design war von bestechender Logik: Der Körper aus Blitzen symbolisierte die Energie, der Glühbirnenkopf und die Steckdosennasen das Endprodukt, die isolierenden Handschuhe und Schuhe die Sicherheit. Reddy war ein wandelndes Firmenversprechen – und das erste Mal, dass eine Industrie ihre Technologie derart konsequent personifizierte.

Der Aufbau eines Imperiums: Lizenzen statt Eigenproduktion

Die Weltwirtschaftskrise ab 1929 hätte das Projekt leicht beenden können. Statt die Nachfrage zu steigern, kämpften die Menschen ums nackte Überleben. Doch Collins erkannte die Chance. 1933 verließ er Alabama Power, um dem neu gegründeten Edison Electric Institute beizutreten, einem Verband der privaten (investoreneigenen) Versorgungsunternehmen. Entscheidend war: Alabama Power überließ ihm die Rechte an der Figur .

Damit begann ein bemerkenswertes Geschäftsmodell. Collins gründete die Reddy Kilowatt, Inc. und lizenzierte die Figur an andere Stromversorger. Das Prinzip war einfach: Gegen eine Gebühr erhielt ein Unternehmen das Recht, Reddy Kilowatt in seiner Werbung, auf seinen Lastwagen und in der Öffentlichkeitsarbeit zu nutzen. Im Gegenzug verpflichtete sich der Lizenznehmer vertraglich, Reddy stets als „liebenswürdig, sympathisch, wohlerzogen und ausgeglichen“ darzustellen .

Der Kern des Angebots war das „Reddy Kilowatt Art Service Reproduction Proofs Book“, ein dicker Katalog mit tausenden von Vorlagen, aus dem die Unternehmen Werbeanzeigen, Broschüren und Layouts zusammenstellen konnten . Es war ein Franchise-System für Werbefiguren, lange bevor es diesen Begriff gab. Der erste Lizenznehmer war im Januar 1934 die Philadelphia Electric Company . Es folgten Ohio EdisonDuke Power und viele andere. Bis 1957 nutzten weltweit 222 Unternehmen die Figur, Ende der 1960er-Jahre war die Zahl auf etwa 300 angewachsen . Duke Power selbst setzte Reddy von 1935 bis in die 1980er-Jahre ein .

Collins sicherte die Marke früh international: Kanada (1934), Argentinien (1937), Großbritannien (1938) und Mexiko (1938) folgten . In Brasilien wurde aus Reddy „Zet Kilowatt“, in Portugal „Faisca“ (Sparky) .

Der Diener im Haus: Marketing für die Massen

Reddy Kilowatt war allgegenwärtig. Er prangte auf Streichholzschachteln, Anstecknadeln, Schürzen, Luftballons, Puzzles, Kühlschrankmagneten und sogar auf Manschettenknöpfen . Besonders originell war sein Auftritt auf der Stromrechnung. Dort stand er als „Lohnempfänger“ – seine Gage entsprach stets exakt dem Rechnungsbetrag . Die abstrakte Größe Kilowattstunde wurde so in „Dienstbotenstunden“ übersetzt.

In den 1940er-Jahren wurde Reddy zum Filmstar. Nachdem eine Anfrage bei Walt Disney 1943 aufgrund von Kriegsverpflichtungen gescheitert war, wandte sich Collins an Walter Lantz, den Schöpfer von Woody Woodpecker. Lantz‘ Studio produzierte 1946 den Zeichentrickfilm „Reddy Made Magic“ . Regie führte Dick Lundy, ein ehemaliger Disney-Animator. Die Stimme sprach Walter Tetley, ein gefragter Synchronsprecher, der später auch Sherman in „Mr. Peabody“ seine Stimme lieh .

Lantz‘ Team verfeinerte Reddys Erscheinungsbild entscheidend: Die Figur wurde gedrungener, proportionierter, bekam die berühmten vierfingerigen weißen Handschuhe und einen breiteren Mund mit leuchtenden Augen. Der dazugehörige Song, geschrieben von Del Porter und Darrell Calker, wurde zum Ohrwurm:

„I wash and dry your clothes, play your radios, I can heat your coffee pot, I am always there, with lots of power to spare, ’cause I’m REDDY KILOWATT!“ 

1958 folgte mit „The Mighty Atom“ eine Aktualisierung für das Atomzeitalter .

Die Wirkung dieser Kampagnen war enorm. Zwischen 1946 und 1947 stieg die Nachfrage nach Strom um 14 Prozent, während die Kosten weiter sanken. Hatte eine Kilowattstunde in den 1920er-Jahren umgerechnet noch 55 Cent gekostet, waren es 1947 nur noch 19 Cent . Reddy Kilowatt wurde zur Leitfigur der Nachkriegsprosperität, zum Symbol eines Lebens im Überfluss.

Der ideologische Kämpfer: Reddys konservative Seele

Doch Reddy Kilowatt hatte eine dunklere, politische Seite. Ashton B. Collins Sr. war ein glühender Verfechter des Kapitalismus und ein erbitterter Gegner staatlicher Eingriffe in die Wirtschaft. Für ihn war Reddy nicht nur ein Verkäufer von Strom, sondern auch ein Botschafter für die Überlegenheit des privaten Unternehmertums. Er bestand darauf, dass Reddy nur an steuerzahlende, börsennotierte Versorgungsunternehmen lizenziert werden durfte – nicht an die genossenschaftlich organisierten „Rural Electric Cooperatives“ .

Nach dem Zweiten Weltkrieg, im beginnenden Kalten Krieg, verschärfte Collins den Ton. Die Reddy Kilowatt, Inc. produzierte Werbevorlagen, die genossenschaftliche oder staatliche Stromversorger pauschal als Sozialismus diffamierten. In einer Anzeige war ein schwitzender Reddy zu sehen, der warnte: „Sozialismus – der Zwillingsbruder des Kommunismus – und wir wollen keinen von beiden!“ . 1950 startete Collins den „Grass Roots Impact Plan“, um diese Botschaften noch gezielter zu platzieren .

Besonders wichtig war ihm die Beeinflussung der Jugend. Ab den späten 1940er-Jahren förderte er „Reddy Kilowatt Youth Clubs“, die spielerisch kapitalistische Werte vermitteln sollten . In den unruhigen 1960er-Jahren entwickelte er ein umfassendes Bildungsprogramm für Schulen. Eine Präsentation für Führungskräfte trug den bezeichnenden Titel „Fission, Fertility, and the Future“ (Kernspaltung, Fruchtbarkeit und die Zukunft) und betonte die Notwendigkeit, die Jugend in Zeiten des sozialen Umbruchs zu erreichen .

Diese Instrumentalisierung einer Kinderfigur für politische Zwecke zeigt die damalige Selbstverständlichkeit, mit der Wirtschaft und Antikommunismus verknüpft wurden. Sie führte auch zum einzigen nennenswerten Rechtsstreit in Reddys Karriere. 1952 hatte der Verband der Elektrizitätsgenossenschaften (NRECA) eine eigene Figur geschaffen: Willie Wiredhand, dessen Körper aus Kabeln und Füße aus Steckern bestanden. Collins verklagte die NRECA 1956 wegen Markenrechtsverletzung – und verlor. Das Gericht entschied am 7. Januar 1957, dass die Figuren sich ausreichend unterschieden .

Der Niedergang: Vom Verkäufer zum Mahner

In den 1960er-Jahren begann der gesellschaftliche Wind zu drehen. Rachel Carsons „Der stumme Frühling“ (1962) läutete die moderne Umweltbewegung ein. Als 1973 die OPEC ein Ölembargo verhängte und die Energiekrise ausbrach, war das Paradigma endgültig ausgewechselt: Aus der Förderung des Energieverbrauchs wurde die dringende Notwendigkeit der Energieeinsparung . Ein fröhliches Männchen, das zum Stromverbrauch animierte, passte nicht mehr ins Bild. „Energieerhaltung ersetzte Energieproduktion als nationales Ziel“, konstatiert die Encyclopädie nüchtern . Die Versorger begannen, sich von ihrem langjährigen Maskottchen zu trennen. Chris Hamrick, Unternehmensarchivar bei Duke Energy, erklärt den Vorgang: „Das Bild war so lange verwendet worden, dass immer mehr Versorger begannen, es fallenzulassen und auf eine individuellere Marken- und Marketingstrategie umzustellen“ .

Ashton B. Collins Sr. erlebte diesen Niedergang noch. Er starb am 16. Dezember 1976 im Alter von 91 Jahren . Sein Sohn, Ashton B. Collins Jr., führte das Unternehmen noch bis 1998 weiter. Dann verkaufte die Familie die Rechte an der Figur an die Northern States Power Company, die heute zu Xcel Energy gehört . Xcel Energy besitzt die Marke bis heute und lizenziert sie gelegentlich, aber der große Auftritt Reddys war vorbei. Ein Ableger namens „Reddy Flame“ für die Gaswirtschaft konnte nicht an den alten Erfolg anknüpfen .

Das Vermächtnis: Zwischen eBay und Smithsonian

Reddy Kilowatt ist heute vor allem ein Fall für Sammler und Historiker. Auf eBay werden noch immer Lampen, Uhren und Kriegsanleihen mit seinem Konterfei gehandelt . Das National Museum of American History der Smithsonian Institution bewahrt in seinen „Reddy Kilowatt Records“ den umfangreichen Nachlass der Figur auf – ein Archiv mit Briefen, Werbematerialien, Filmen und Fotos, das die Entwicklung von einer simplen Idee zu einem globalen Phänomen dokumentiert .

Eine abschließende Anmerkung zur Autorenschaft: Die Quellenlage zu den beteiligten Künstlern ist nicht ganz eindeutig. Während Dan Clinton und Dorothea Warren allgemein als die Urheber der frühen Designs gelten, behauptet ein Nachruf der Nachrichtenagentur UPI aus dem Jahr 1987, der Grafikdesigner William Gilchrist Meek habe die Figur in den 1940er-Jahren entworfen . Dies widerspricht der gut dokumentierten Chronologie von 1926. Wahrscheinlicher ist, dass Meek, der für seine Arbeiten für Random House und das amerikanische Collegiate Dictionary bekannt war, in den 1940er-Jahren eine bedeutende Überarbeitung des Designs vornahm – möglicherweise im Umfeld der Lantz-Filme – und daher im öffentlichen Gedächtnis fälschlich als „Schöpfer“ geführt wird.

Die wahre Geschichte von Reddy Kilowatt ist die Geschichte des 20. Jahrhunderts. Sie handelt von der Bezwingung der Natur, von Wirtschaftswunder und Konsumrausch, von ideologischer Aufladung und ökologischer Ernüchterung. Sie zeigt, wie eine unsichtbare Technologie durch eine brillante Marketing-Idee ein Gesicht bekam – und wie dieses Gesicht verschwinden musste, als die Rechnung für den verschwenderischen Umgang mit der Energie präsentiert wurde. Reddy Kilowatt war nie real, aber seine Karriere spiegelt unseren realen Umgang mit der Welt wider.


Quellen

  • Smithsonian Institution, Lemelson Center for the Study of Invention and Innovation: „Your Electric Servant“ 
  • Smithsonian Institution, National Museum of American History: „Reddy Kilowatt Records“ (Archival Collection NMAH.AC.0913) 
  • Wikipedia (Version vom 24. November 2024): „Reddy Kilowatt“ 
  • Wikipedia: „Ashton B. Collins Sr.“ 
  • Duke Energy | illumination (4. April 2017): „Whatever happened to Reddy Kilowatt?“ 
  • UPI Archives (22. Oktober 1987): „Graphic designer dies“ 

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