Prüfung und Fehlervermeidung: Qualitätssicherung in der Schweißtechnik

Einleitung: Vertrauen durch Prüfung

Eine Schweißnaht ist mehr als eine Verbindung – sie ist ein Sicherheitsversprechen. Ob im Brückenbau, im Druckbehälter, in der Rohrleitung oder im Fahrwerk eines Flugzeugs: Die Integrität der Schweißverbindung entscheidet über Leben und Tod. Doch wie lässt sich sicherstellen, dass eine Naht hält, was sie verspricht? Wie erkennt man Fehler, bevor sie zum Versagen führen? Und wie lassen sich Fehler überhaupt vermeiden?

Die Antwort liegt in der Qualitätssicherung – einem System aus vorbeugenden Maßnahmen, begleitenden Prüfungen und zerstörungsfreien Prüfverfahren, das den gesamten Fertigungsprozess begleitet. Dieser Artikel beleuchtet die typischen Schweißfehler, ihre Ursachen und Vermeidungsstrategien sowie die zerstörungsfreien und zerstörenden Prüfverfahren, die sicherstellen, dass eine Schweißnaht den Anforderungen genügt.

Historische Entwicklung: Aus Katastrophen gelernt

Die Entwicklung der Schweißprüfung ist eng mit schweren Unfällen verbunden. Die Brückenkatastrophen der 1930er und 1940er Jahre (u.a. der Einsturz der Brücke über den Albertkanal in Belgien 1938) zeigten, dass Schweißverbindungen ohne systematische Prüfung ein unkalkulierbares Risiko darstellen. Die Liberty-Frachter des Zweiten Weltkriegs, von denen mehrere Dutzend durch Sprödbrüche auseinanderbrachen, führten zur systematischen Erforschung der Rißausbreitung und der Entwicklung von Bruchmechanik-Konzepten [1].

Die 1950er und 1960er Jahre brachten die Entwicklung der zerstörungsfreien Prüfverfahren (ZfP) : die Ultraschallprüfung, die Röntgenprüfung und die Magnetpulverprüfung wurden industrie- und normenreif. In den 1970er Jahren etablierte sich die Qualitätssicherung als eigenständige Disziplin mit systematischen Prüfplänen, zertifizierten Prüfern und dokumentierten Prozessen.

Heute ist die Schweißprüfung ein hochspezialisiertes Feld mit einer Vielzahl von Verfahren, die von hochqualifiziertem Personal durchgeführt werden. Die Digitalisierung und automatisierte Prüfsysteme haben die Prüfung in den letzten Jahren revolutioniert [2].

Schweißfehler: Typologie und Ursachen

Schweißfehler sind Unregelmäßigkeiten in der Schweißnaht, die die Funktion der Verbindung beeinträchtigen können. Sie werden nach ihrer Form, Lage und Ursache klassifiziert.

FehlertypBeschreibungTypische UrsachenVermeidung
RisseTrennungen im Gefüge; können heiß oder kalt auftreten.Heißrisse: zu hohe Schweißgeschwindigkeit, falsche Zusatzwerkstoffe. Kalte Risse: Wasserstoff, zu schnelle Abkühlung, Spannungsspitzen.Vorwärmen, Zwischenlagentemperatur kontrollieren, getrocknete Zusatzwerkstoffe, angepasste Schweißfolge.
PorenGasblasen im Schweißgut; einzeln oder in Gruppen.Feuchtigkeit, verschmutzte Oberflächen, unzureichende Gasabdeckung, zu hohe Lichtbogenlänge.Saubere Oberflächen, trockene Zusatzwerkstoffe, richtige Schutzgaseinstellung.
SchlackeeinschlüsseEingeschlossene Schlacke im Schweißgut.Unzureichende Reinigung zwischen den Lagen, falsche Elektrodenführung, zu niedriger Schweißstrom.Sorgfältige Zwischenreinigung, richtige Brennerführung, ausreichende Wärmeeinbringung.
BindefehlerMangelhafte Verschmelzung zwischen Schweißgut und Grundmaterial.Zu niedriger Schweißstrom, falsche Brennerwinkel, unzureichende Nahtvorbereitung.Optimierte Parameter, korrekte Brennerführung, saubere Nahtflanken.
DurchschweißmängelUnvollständige Durchschweißung (Wurzelfehler) oder Durchbrennen.Zu geringer Schweißstrom, falsche Nahtvorbereitung (zu große Stegbreite) oder zu hohe Wärmeeinbringung.Optimierte Nahtvorbereitung, angepasste Parameter, Wurzelunterstützung.
EinbrandkerbenEinkerbungen an der Nahtoberfläche oder am Nahtübergang.Zu hoher Schweißstrom, zu geringe Schweißgeschwindigkeit, falscher Brennerwinkel.Optimierte Parameter, ruhige Brennerführung.
SpritzerAnhaftende Metalltropfen außerhalb der Naht.Zu hoher Schweißstrom, falsche Lichtbogenart, unzureichende Schutzgasabdeckung.Optimierte Parameter, Schutzgas nach Norm, Spritzerschutzmittel.
ÜbermaßÜberhöhte Naht oder ungleichmäßige Nahtform.Zu geringe Schweißgeschwindigkeit, falsche Brennerführung.Optimierte Parameter, gleichmäßige Brennerführung.

Die Normen: Bewertung von Unregelmäßigkeiten

Die Bewertung von Schweißfehlern erfolgt nach festgelegten Normen, die je nach Anwendungsbereich unterschiedliche Anforderungen stellen. Die wichtigsten:

  • DIN EN ISO 5817: Schweißen – Schmelzschweißverbindungen an Stählen, Nickel, Titan und deren Legierungen (ohne Strahlschweißen) – Bewertungsgruppen von Unregelmäßigkeiten. Definiert die Grenzwerte für Fehler in drei Bewertungsgruppen:
    • B (hohe Anforderungen): Höchste Qualität; für sicherheitskritische Bauteile (Druckbehälter, Luftfahrt, Nukleartechnik).
    • C (mittlere Anforderungen): Standard im Stahl- und Behälterbau.
    • D (geringe Anforderungen): Für unkritische Konstruktionen, bei denen keine dynamischen Beanspruchungen auftreten.
  • DIN EN ISO 13919-1: Schweißen – Elektronen- und Laserstrahlschweißen – Bewertungsgruppen von Unregelmäßigkeiten. Spezifische Grenzwerte für Strahlschweißverfahren.
  • DIN EN ISO 23277: Zerstörungsfreie Prüfung von Schweißverbindungen – Durchstrahlungsprüfung von Schweißverbindungen – Akzeptanzniveaus. Für Röntgenprüfungen.
  • DIN EN ISO 23278: Zerstörungsfreie Prüfung von Schweißverbindungen – Magnetpulverprüfung – Akzeptanzniveaus.
  • DIN EN ISO 11666: Zerstörungsfreie Prüfung von Schweißverbindungen – Ultraschallprüfung – Akzeptanzniveaus.

Zerstörungsfreie Prüfverfahren (ZfP)

Die zerstörungsfreie Prüfung (ZfP) ist das Rückgrat der Schweißqualitätssicherung. Sie ermöglicht die Prüfung von Bauteilen ohne Beeinträchtigung ihrer Funktion.

VerfahrenPrinzipNachweisbare FehlerAnwendungVorteile / Nachteile
Sichtprüfung (VT)Optische Inspektion mit bloßem Auge oder Vergrößerungsgeräten.Oberflächenfehler (Risse, Poren, Einbrandkerben, Übermaß, Spritzer).100 %-Prüfung jeder Naht; erste und einfachste Prüfung.Kostengünstig; schnell; erfordert erfahrenen Prüfer. Nur Oberfläche.
Farbeindringprüfung (PT)Eindringen eines Farbstoffes in Oberflächenfehler; sichtbarmachen durch Entwickler.Oberflächenrisse, Poren, Bindefehler (nur oberflächenoffen).Nichtmagnetische Werkstoffe (Edelstahl, Aluminium, Titan); sicherheitskritische Bereiche.Einfach; kostengünstig; gute Kontraste. Nur Oberfläche; Vorbereitung aufwendig.
Magnetpulverprüfung (MT)Magnetisierung des Bauteils; Fehler stören das Magnetfeld und ziehen Magnetpulver an.Oberflächennahe Risse, Bindefehler, Poren (nur ferromagnetische Werkstoffe).Stahlbau, Behälterbau, Schweißnähte an ferromagnetischen Stählen.Schnell; auch auf rauen Oberflächen; gute Fehlererkennung. Nur ferromagnetisch; Entmagnetisierung erforderlich.
Ultraschallprüfung (UT)Einsenden von Ultraschallwellen; Reflexionen an Fehlern oder der gegenüberliegenden Wand.Innenliegende Fehler (Poren, Schlacke, Risse, Bindefehler); Wanddickenmessung.Standard für dickwandige Nähte (Behälter, Rohrleitungen, Schiffbau).Tiefenwirkung; gute Fehlerlokalisierung; auch bei dicken Blechen. Erfordert erfahrenen Prüfer; kalibrierungsaufwendig.
Röntgenprüfung (RT)Durchstrahlung des Bauteils mit Röntgen- oder Gammastrahlung; Abbildung auf Film oder digitalem Detektor.Innenliegende Fehler (Poren, Schlacke, Risse, Bindefehler); dokumentierbar.Druckbehälter, Rohrleitungen, Luftfahrt, Nukleartechnik; sicherheitskritische Anwendungen.Dokumentierbar; gute Fehlererkennung; auch bei komplexen Geometrien. Strahlenschutz erforderlich; kostenintensiv; zeitaufwendig.
Wirbelstromprüfung (ET)Induktion von Wirbelströmen; Fehler stören das elektromagnetische Feld.Oberflächennahe Risse; Schichtdickenmessung; Materialtrennung.Rohre, Wärmetauscher, beschichtete Bauteile.Schnell; automatisierbar; auch unter Beschichtungen. Begrenzte Eindringtiefe; referenzaufwendig.
Durchstrahlungsprüfung (RT-D)Digitale Radiographie mit flächigen Detektoren; schneller als Filmradiographie.Wie RT; zusätzlich Echtzeitprüfung möglich.Automatisierte Prüfung; Großserien; In-Prozess-Kontrolle.Echtzeitfähig; digital dokumentierbar; geringere Strahlenbelastung. Höhere Investitionskosten.

Zerstörende Prüfverfahren

Die zerstörende Prüfung wird an Proben oder an aus der Serie entnommenen Prüfstücken durchgeführt. Sie liefert quantitative Daten über die mechanischen Eigenschaften der Schweißverbindung.

VerfahrenPrüfgrößeAussageNorm
ZugversuchZugfestigkeit, Streckgrenze, BruchdehnungFestigkeit der Verbindung; Lage des Bruches (Grundmaterial, WEZ, Naht).DIN EN ISO 4136
Kerbschlagbiegeversuch (Charpy-V)Schlagarbeit bei definierter TemperaturZähigkeit; Übergangstemperatur duktil-spröde; Rissbeständigkeit.DIN EN ISO 9016
HärteprüfungHärteverlauf über Naht, WEZ und GrundmaterialAufhärtung; Anlassverhalten; Eignung für Wasserstoff- und Kaltrissthemen.DIN EN ISO 9015-1
BiegeversuchBiegefähigkeit; VerformungsvermögenDuktilität; Rissbeständigkeit unter Biegebeanspruchung.DIN EN ISO 5173
MakroschliffLichtmikroskopische Aufnahme des NahtquerschnittsEinbrand; Durchschweißung; Lage von Poren, Schlacke, Rissen; Nahtgeometrie.DIN EN ISO 17639
MikroschliffGefügeanalyse unter dem MikroskopGefügeausbildung in Naht und WEZ; Korngröße; Ausscheidungen.DIN EN ISO 17639
Schälprobe (Punktschweißen)Zugscherfestigkeit; SchälfestigkeitQualität von Widerstandspunktschweißungen.DIN EN ISO 10447

Qualitätssicherungssysteme: Vom Prozess zur Dokumentation

Die Qualitätssicherung beim Schweißen ist mehr als die Summe der Prüfungen. Sie umfasst den gesamten Prozess von der Konstruktion bis zur Endprüfung:

  1. Qualifiziertes Personal:
    • Schweißerprüfung nach DIN EN ISO 9606: Schweißer müssen ihre Fähigkeiten an Prüfstücken nachweisen; die Zertifizierung ist zeitlich befristet.
    • Prüferqualifikation nach DIN EN ISO 9712: Personal für zerstörungsfreie Prüfungen muss zertifiziert sein (Level 1, 2, 3).
    • Schweißaufsicht nach DIN EN ISO 14731: Verantwortliche Person für die Schweißtechnik (Schweißfachingenieur, -techniker, -fachmann).
  2. Qualifizierte Verfahren:
    • Schweißverfahrensprüfung nach DIN EN ISO 15614: Für jede Werkstoffkombination und Schweißverfahren muss die Eignung durch eine Verfahrensprüfung nachgewiesen werden.
    • Arbeitsanweisungen (WPS – Welding Procedure Specification): Dokumentierte Vorgaben für die Ausführung der Schweißung (Parameter, Nahtvorbereitung, Schweißfolge).
  3. Prüfplanung:
    • Festlegung der Prüfumfänge (100 %-Prüfung, stichprobenartige Prüfung, Prüfintervalle) nach Risikoklasse.
    • Festlegung der Prüfverfahren und Akzeptanzkriterien.
    • Definition von Prüfmerkmalen und Dokumentationsanforderungen.
  4. Rückverfolgbarkeit:
    • Jede Schweißnaht (insbesondere in sicherheitskritischen Bereichen) muss rückverfolgbar sein: Schweißer, verwendete Zusatzwerkstoffe, Schweißparameter, Prüfergebnisse.
    • Digitale Dokumentationssysteme ersetzen zunehmend die manuelle Erfassung.

Fehlervermeidung: Prävention statt Reparatur

Die beste Prüfung ist die, die keine Fehler findet. Die Fehlervermeidung beginnt lange vor dem Schweißen:

  • Konstruktion: Schweißgerechte Gestaltung (vermeidung von Kerben, ausreichende Zugänglichkeit, Minimierung der Nahtmenge).
  • Material: Werkstoffprüfung (Zeugnis nach DIN EN 10204), Prüfung auf Schweißbarkeit, Vermeidung von Fehlchargen.
  • Lagerung: Trockene Lagerung von Zusatzwerkstoffen; Tempern von Fülldrähten und Elektroden.
  • Nahtvorbereitung: Saubere, fettfreie Oberflächen; richtige Nahtgeometrie; Vermeidung von Zunder und Trennmitteln.
  • Schweißprozess: Qualifizierte Schweißer; geprüfte Verfahren; kontrollierte Parameter; regelmäßige Wartung der Anlagen.
  • Umgebungsbedingungen: Schutz vor Wind, Feuchtigkeit, Kälte; Vorwärmen bei kaltem Grundmaterial.

Ausblick: Automatisierte Prüfung und KI

Die Zukunft der Schweißprüfung liegt in der Automatisierung und Digitalisierung:

  1. Automatisierte Ultraschallprüfung (AUT): Phased-Array-Ultraschall mit mehreren Schallköpfen und automatischer Auswertung ersetzt zunehmend die manuelle UT. Die Prüfgeschwindigkeit ist höher, die Dokumentation lückenlos.
  2. In-Prozess-Überwachung: Moderne Schweißanlagen überwachen den Prozess in Echtzeit (Strom, Spannung, Lichtbogen, Kamera) und erkennen Fehler bereits während des Schweißens. Die Closed-Loop-Control kann Parameter in Echtzeit nachregeln [3].
  3. KI-gestützte Bildauswertung: Künstliche Intelligenz (insbesondere Convolutional Neural Networks) wird zunehmend zur automatischen Auswertung von Röntgenbildern und Ultraschallsignalen eingesetzt. Die Erkennungsrate von Fehlern übertrifft in vielen Fällen die des menschlichen Prüfers [4].
  4. Digitaler Zwilling der Schweißung: Jede Schweißung erhält einen digitalen Zwilling, der alle Prozessdaten, Prüfergebnisse und Simulationsergebnisse umfasst. Im Schadensfall kann der gesamte Lebenszyklus der Naht nachvollzogen werden.
  5. Predictive Quality: Aus den Daten vergangener Schweißungen werden Modelle trainiert, die vorhersagen, unter welchen Bedingungen es zu Fehlern kommt – und die Prozessparameter entsprechend anpassen.

Die Schweißprüfung ist keine lästige Pflicht, sondern ein unverzichtbarer Bestandteil der Qualitätssicherung. Sie schafft Vertrauen in die Sicherheit von Bauwerken, Fahrzeugen und Anlagen – und sie rettet Leben.


Quellen:

[1] DVS – Deutscher Verband für Schweißen und verwandte Verfahren e.V.: Merkblatt DVS 0908: Qualitätssicherung in der Schweißtechnik. DVS Media GmbH, Düsseldorf, 2021.

[2] DIN EN ISO 9712: Zerstörungsfreie Prüfung – Qualifizierung und Zertifizierung von Personal. Beuth Verlag, Berlin, aktuellste Fassung.

[3] DIN EN ISO 5817: Schweißen – Schmelzschweißverbindungen an Stählen, Nickel, Titan und deren Legierungen (ohne Strahlschweißen) – Bewertungsgruppen von Unregelmäßigkeiten. Beuth Verlag, Berlin, aktuellste Fassung.

[4] American Welding Society (AWS): Welding Inspection Handbook. AWS, Miami, 2020.

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