Sonntagsfahrverbot und Resilienz: Von Schmidts Strategie zur heutigen Zerreißprobe
Einleitung
Es war ein Sonntag, der in die Geschichte einging. Der 25. November 1973: Deutschlands Autobahnen lagen leer, Familien spazierten über den Asphalt, Kinder fuhren Rollschuh auf der A7, und in Kiel zogen Pferdekutschen durch die Innenstadt . Die vier autofreien Sonntage im November und Dezember 1973 waren die sichtbarste Maßnahme der Bundesregierung unter Willy Brandt, um der Ölkrise zu begegnen. Was heute wie eine kuriose Fußnote der deutschen Zeitgeschichte wirkt, war seinerzeit ein ernster Weckruf: Die Bundesrepublik erkannte mit Schrecken ihre erdölpolitische Verwundbarkeit.
Doch während das Sonntagsfahrverbot als Symbolpolitik in Erinnerung blieb, leitete die Regierung unter Bundeskanzler Helmut Schmidt eine grundlegende Neuausrichtung der Energiepolitik ein. Ziel war es, durch strukturelle Maßnahmen Resilienz gegen künftige Ölkrisen aufzubauen. Der Ausbau der Kernenergie und die Erschließung russischer Erdgaslieferungen sollten Deutschlands Abhängigkeit von Ölimporten aus dem Nahen Osten reduzieren. Ein strategischer Doppelpfad, der das Land für Jahrzehnte prägen sollte.
Fünfzig Jahre später ist diese einst mühsam aufgebaute Resilienz weitgehend erodiert. Der Atomausstieg ist vollzogen, die energiepolitischen Weichen wurden neu gestellt. Und nun, in Zeiten neuer geopolitischer Spannungen, stellt sich die Frage: Stehen wir erneut vor dem Szenario eines Sonntagsfahrverbots – oder gar vor einem Versorgungsnotstand? Dieser Artikel beleuchtet die historische Entwicklung von Schmidts Resilienzstrategie, analysiert deren strukturellen Abbau in den letzten Jahren und fragt nach den Konsequenzen für die Versorgungssicherheit heute.
I. Die Geburtsstunde der deutschen Resilienz: Die Ölkrise von 1973
1.1 Der Auslöser: Das Ölembargo
Die Ursache der Krise lag im Nahen Osten. Nach dem Jom-Kippur-Krieg im Oktober 1973 beschlossen die arabischen Mitglieder der Organisation erdölexportierender Länder (OPEC) eine Drosselung der Förderung und ein Embargo gegen Länder, die Israel unterstützten . Die Folge: Der Ölpreis vervierfachte sich, Tankstellen wurden zu Schauplätzen von Hamsterkäufen, und der abschließbare Tankdeckel hielt Einzug als notwendige Schutzmaßnahme .
1.2 Die unmittelbare Reaktion: Das Energiesicherungsgesetz
Am 9. November 1973 verabschiedete der Bundestag das Energiesicherungsgesetz. Es sah vor:
- Tempolimits: 100 km/h auf Autobahnen, 80 km/h auf Landstraßen
- Sonntagsfahrverbote: An vier aufeinanderfolgenden Sonntagen (25. November, 2., 9. und 16. Dezember) blieben private Pkw in der Garage
- Ausnahmen: Nur für Feuerwehr, Polizei, Rettungsdienste, Ärzte, Taxifahrer und Frischwaren-Lieferanten
1.3 Wirkung und Symbolik
Die Einsparungen waren begrenzt. Allein am ersten Sonntag wurden zwar etwa 60 Millionen Liter Kraftstoff eingespart , doch insgesamt hatte die Maßnahme laut Experten „praktisch keinen Einspareffekt“ . Die Deutsche Umwelthilfe bezeichnete sie später als reine „Symbolpolitik“ .
Dennoch hatte das Fahrverbot eine wichtige psychologische Wirkung. Wie Finanzminister Helmut Schmidt später einräumte, ging es eigentlich darum, „den Menschen klarzumachen, wie ernst die Lage war“ . Und dies gelang: Das öffentliche Bewusstsein für Energiesparen und Nachhaltigkeit wurde nachhaltig geschärft.
II. Helmut Schmidts strategische Wende: Resilienz durch Diversifizierung
2.1 Die Erkenntnis: Strukturelle Verwundbarkeit
Die eigentliche Lehre aus der Ölkrise zog Schmidt, der 1974 das Kanzleramt übernahm. Die akuten Notfallmaßnahmen wie Tempolimit und Fahrverbote adressierten nur die Symptome, nicht die Ursache. Das Grundproblem war die einseitige Abhängigkeit von Erdöl, insbesondere aus politisch instabilen Regionen.
Schmidt erkannte: Echte Resilienz – die Fähigkeit eines Systems, Krisen zu widerstehen und nach einem Schock schnell wieder funktionsfähig zu sein – erfordert strukturelle Diversifizierung. Zwei Pfeiler sollten diese Resilienz tragen.
2.2 Der erste Pfeiler: Kernenergie
Der Ausbau der Kernenergie wurde als strategische Antwort auf die Ölabhängigkeit forciert. Atomkraftwerke sollten:
- Eine von Ölimporten unabhängige Stromerzeugung ermöglichen
- Die Grundlastversorgung stabilisieren
- Deutschlands Energieversorgung breiter aufstellen
Bis 1980 wurden zahlreiche neue Kernkraftwerke in Betrieb genommen, und die Kernenergie entwickelte sich zu einem tragenden Pfeiler der deutschen Stromversorgung.
2.3 Der zweite Pfeiler: Erdgas aus Russland
Parallel dazu setzte Schmidt auf den Ausbau der Erdgasversorgung. Das Prinzip war klar: Diversifizierung nicht nur bei den Energieträgern, sondern auch bei den Herkunftsländern. Erdgas aus der Sowjetunion (später Russland) sollte zusätzliche Versorgungssicherheit schaffen.
Das Kalkül war damals rational: Ein zweiter großer Lieferant neben den OPEC-Staaten würde Deutschlands Verhandlungsmacht stärken. Die deutsch-sowjetischen Gasverträge der 1970er Jahre legten den Grundstein für eine jahrzehntelange energiepolitische Partnerschaft.
2.4 Eine informative Denkweise
Diese strategische Ausrichtung zeigt eine spezifische „informative Denkweise“, die Schmidt prägte: Energiepolitik als Sicherheitspolitik zu begreifen. Es ging nicht nur um Kosten und Effizienz, sondern um die strategische Verwundbarkeit des Landes. Der Aufbau von Reserven, die Diversifizierung der Bezugsquellen und die Schaffung redundanter Versorgungsstrukturen waren die Kernprinzipien dieser Denkweise.
III. Die Erosion der Resilienz: Vom Ausbau zum Rückbau
3.1 Die energiepolitische Kehrtwende
Jahrzehntelang funktionierte das System. Die Kernkraftwerke lieferten verlässlich Strom, die Erdgasleitungen aus Russland flossen, und Deutschland genoss eine hohe Versorgungssicherheit. Doch ab den 2000er Jahren begann ein grundlegender Wandel.
Zwei Entwicklungen läuteten die Erosion der Schmidt’schen Resilienzstrategie ein:
Der Atomausstieg: Ausgelöst durch die Fukushima-Katastrophe 2011 beschloss die Bundesregierung den beschleunigten Ausstieg aus der Kernenergie. Bis 2023 wurden alle deutschen Kernkraftwerke abgeschaltet.
Der Ausbau der Gasabhängigkeit: Während der Atomausstieg voranschritt, stieg die Abhängigkeit von russischem Erdgas weiter an. 2021 kamen mehr als die Hälfte der deutschen Gasimporte aus Russland.
3.2 Das Resilienz-Dilemma
Dieser Prozess führte in ein strukturelles Dilemma. Zwei einst zentrale Pfeiler der Versorgungssicherheit wurden systematisch abgebaut, ohne dass eine äquivalente Resilienz aufgebaut wurde. Die Konzentration auf erneuerbare Energien – so notwendig sie aus Klimaschutzperspektive ist – schuf neue Herausforderungen: Fluktuierende Einspeisung, fehlende Grundlastfähigkeit und anhaltende Abhängigkeit von fossilen Importen.
Der Bundesverband Erneuerbare Energie (BEE) betont zwar, dass dezentral erzeugter Strom aus Millionen individueller Anlagen zur energetischen Unabhängigkeit beiträgt . Doch die systemische Resilienz – also die Fähigkeit, großflächige Versorgungsstörungen zu überstehen – blieb auf der Strecke.
3.3 Aktuelle Herausforderungen: Versorgungssicherheit und Kosten
Die gegenwärtige Debatte um Versorgungssicherheit zeigt die Folgen. Die Bundesnetzagentur warnt bereits: Ab 2035 droht eine erhebliche Lücke bei der Stromversorgung – je nach Szenario zwischen 22,4 und 35,5 Gigawatt zusätzlicher steuerbarer Kapazitäten .
Die wirtschaftlichen Implikationen sind massiv. Eine unveröffentlichte DIHK-Studie beziffert die Kosten für den Ausbau der Strom- und Gasnetze in den kommenden zwei Jahrzehnten auf rund 1,2 Billionen Euro . Die Hälfte davon soll bereits im nächsten Jahrzehnt fällig werden – Investitionen, die letztlich von Wirtschaft und Verbrauchern getragen werden müssen.
Tabelle: Vergleich der Resilienzstrategien – Schmidt-Ära vs. Gegenwart
IV. Der aktuelle Diskurs: Notstand, Fahrverbot oder Neustart?
4.1 Wiederkehr der alten Debatte
In den letzten Jahren flammte die Diskussion um autofreie Sonntage erneut auf. Auslöser waren der Ukraine-Krieg, explodierende Energiepreise und die Sorge vor Gasknappheit . Greenpeace brachte 2022 die Idee zweier autofreier Sonntage pro Monat ins Spiel, mit der Begründung: „Jede Tankfüllung spült Geld in die Kriegskasse Putins“ .
Die Reaktionen der Verbände fielen jedoch überwiegend skeptisch aus. Die Deutsche Umwelthilfe warnte vor „Symbolpolitik“ und wies auf den erheblichen bürokratischen Aufwand hin . Der ADAC betonte die praktischen Probleme: Wer prüft, wer wirklich aufs Auto angewiesen ist? . Stattdessen forderten viele Experten ein dauerhaftes Tempolimit – eine Maßnahme, die jährlich 3,7 Milliarden Liter Sprit einsparen könnte .
4.2 Die Versorgungssicherheitsfrage
Wichtiger als die Frage nach Fahrverboten ist jedoch die nach der grundlegenden Versorgungssicherheit. Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) hat mit dem KRITIS-Dachgesetz die Weichen für einen ganzheitlichen Schutz kritischer Infrastrukturen gestellt . Energieversorgung, Transportwesen und Gesundheitsversorgung werden sektorenübergreifend betrachtet. Ziel ist es, die Widerstandsfähigkeit gegen Sabotage, Terroranschläge und Naturkatastrophen zu erhöhen .
Doch während der Schutz bestehender Infrastrukturen gestärkt wird, bleiben die strukturellen Probleme der Energieversorgung ungelöst. Wirtschaftsministerin Reiche hat im September 2025 ein Energiewende-Monitoring und einen 10-Punkte-Plan vorgelegt, der eine Neuausrichtung verspricht . Kernpunkte:
- Technologieoffener Kapazitätsmarkt für regelbare Kraftwerke
- Markt- und systemdienliche Förderung Erneuerbarer
- Flexiblere Anpassung der Wasserstoff-Strategie an die tatsächliche Nachfrage
4.3 Das absurde Paradoxon
Der Nutzer beschreibt die aktuelle Situation als „ins Absurde geführte“ Schmidt’sche Informationsdenkweise. Dies lässt sich konkretisieren: Schmidt baute Resilienz durch Diversifizierung auf – zwei robuste, unabhängige Säulen (Kernenergie, Gas). Heute wird versucht, Resilienz durch Konzentration auf eine einzige Technologie (Erneuerbare) zu erreichen, die per Definition volatil ist. Und wo Schmidt auf Redundanz setzte, setzt man heute auf Effizienz – mit dem Risiko, dass bei Ausfall einer Komponente das gesamte System gefährdet ist.
Das Paradoxe: Die heutige Strategie versucht, mit weniger struktureller Resilienz auszukommen und gleichzeitig ein höheres Maß an Versorgungssicherheit zu garantieren. Ob dies gelingen kann, ist fraglich. Die Warnungen der Bundesnetzagentur und die explodierenden Kosten für den Netzausbau deuten auf tiefgreifende Probleme hin.
V. Fazit: Was bleibt von Schmidts Vermächtnis?
Helmut Schmidts energiepolitische Antwort auf die Ölkrise war ein Musterbeispiel strategischen Denkens. Er erkannte, dass Symbolpolitik wie Sonntagsfahrverbote nicht ausreichen, um strukturelle Verwundbarkeit zu beheben. Der Aufbau von Kernenergie und Erdgas als zwei tragende Säulen schuf eine Resilienz, die Deutschland über Jahrzehnte vor Versorgungskrisen bewahrte.
Diese Resilienz wurde in den letzten Jahren systematisch abgebaut – bewusst oder aus politischer Notwendigkeit heraus. Der Atomausstieg ist vollzogen, die Gasabhängigkeit blieb lange bestehen. Und nun steht Deutschland vor der paradoxen Situation, dass die Gefahr eines Versorgungsnotstands realer erscheint als zu Schmidts Zeiten, während die strukturellen Reserven geringer sind.
Die Frage nach dem Sonntagsfahrverbot ist nur die sichtbare Spitze eines Eisbergs. Sie symbolisiert die tieferliegende Verunsicherung: Sind wir noch krisenfest? Oder haben wir die Lehren der Geschichte verlernt? Die aktuellen politischen Weichenstellungen – das KRITIS-Dachgesetz, der 10-Punkte-Plan für die Energiewende – zeigen, dass die Problemerkenntnis da ist. Ob sie in eine neue, zeitgemäße Resilienzstrategie münden, bleibt abzuwarten.
Eines ist gewiss: Wenn heute die Diskussion um autofreie Sonntage wieder aufflammt, ist dies nicht nur ein nostalgischer Rückblick auf die 70er Jahre. Es ist ein Alarmzeichen dafür, dass die einst mühsam aufgebaute strukturelle Widerstandsfähigkeit erodiert ist – und wir nun erneut über die gleichen Symptome debattieren, die Schmidt einst zu überwinden suchte.
Quellen
- Bundesverband Solarwirtschaft: „Erneuerbare als Resilienzfaktor berücksichtigen!“ (28. Januar 2026)
- HNA: „Geschichte könnte sich wiederholen: Droht das Sonntags-Fahrverbot für alle deutschen Autofahrer?“ (26. März 2026)
- datenschutz notizen: „KRITIS-Dachgesetz: Bundeskabinett beschließt Gesetzesentwurf“ (September 2025)
- RP Online: „Hohe Sprit- und Gaspreise: Kommt der autofreie Sonntag wieder?“ (15. März 2022)
- NWZonline: „Sprit so teuer wie nie: Kommt der autofreie Sonntag wieder?“ (17. Januar 2023)
- AfD-Fraktion im Deutschen Bundestag: „DIHK-Studie zeigt, die deutsche Energiepolitik ist planwirtschaftliches Himmelfahrtskommando“ (3. September 2025)
- WDR: „25. November 2008 – Vor 35 Jahren: Erster autofreier Sonntag in Deutschland“ (25. November 2008)
- AfD-Fraktion im Deutschen Bundestag: „AfD-Fraktion fordert realistische Energiepolitik, um Versorgungssicherheit zu gewährleisten“ (5. September 2025)
- Stadt Wesel: „Stichtag: 25. November 1973 – Der erste autofreie Sonntag in Wesel“ (31. Oktober 2023)
- Bundesverband der Deutschen Industrie e.V.: „Eine Neuausrichtung der deutschen Energiepolitik? Wirtschaftsministerin Reiche legt Energiewende-Monitoring und 10-Punkte-Plan vor“ (23. September 2025)
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