Vom Nitroglyzerin zum Dynamit: Alfred Nobels Weg zur kontrollierten Sprengkraft

Von DerSchneider


Einleitung

Kaum eine Erfindung hat die moderne Industriegesellschaft so tiefgreifend verändert wie das Dynamit – und kaum ein Erfinder sah sich mit einer solchen moralischen Zerreissprobe konfrontiert wie Alfred Nobel. Die Geschichte vom flüssigen Nitroglyzerin, das wie ein gezähmter Blitz wirkte, und seiner Verwandlung in einen knetbaren, handhabbaren Sprengstoff ist nicht nur ein Kapitel der Technikgeschichte. Sie ist eine Erzählung über Zufälle, Risiken, menschliches Leid und die Frage, ob eine Erfindung ihren Urheber für immer prägt – oder ob der Urheber die Deutungshoheit über sein Werk zurückgewinnen kann.

Dieser Artikel beleuchtet den Weg vom hochsensiblen Nitroglyzerin zum Dynamit, die entscheidenden Erkenntnisse während des Transports, die tragischen Unfälle und die widersprüchliche Vermächtnisstiftung Alfred Nobels, die bis heute im Nobelpreis nachwirkt.


1. Nitroglyzerin: Ein unberechenbarer Sprengstoff

1.1 Herstellung und Eigenschaften

Nitroglyzerin (Glycerintrinitrat) wurde 1847 vom italienischen Chemiker Ascanio Sobrero erstmals synthetisiert. Durch die Behandlung von Glycerin mit einer Mischung aus konzentrierter Salpetersäure und Schwefelsäure entsteht eine klare, ölige Flüssigkeit von atemberaubender Sprengkraft. Ihre Eigenschaften sind zugleich Faszinosum und Fluch:

EigenschaftBeschreibungKonsequenz für die Handhabung
Empfindlichkeit gegen StossSchon ein leichter Schlag kann Detonation auslösenTransport nahezu unmöglich
TemperaturempfindlichkeitZersetzung bei Hitze, Gefrierpunkt ca. 13 °CGefrorenes NG ist etwas stabiler, aber nach Auftauen extrem gefährlich
Hohe Detonationsgeschwindigkeitca. 7.700 m/sGewaltige Sprengwirkung
KopfschmerzwirkungSchon Dämpfe lösen heftige Migräne ausBelastung für Arbeiter

Sobrero selbst warnte vor der «teuflischen» Substanz. Doch genau diese ungeheure Kraft weckte Begehrlichkeiten – vor allem im Bergbau, im Tunnelbau und beim Eisenbahnbau, wo man bislang mit vergleichsweise schwachem Schwarzpulver arbeitete.

1.2 Todesfälle bei Transport und Anwendung

Die Unfälle mit Nitroglyzerin in den 1860er-Jahren sind ein Mahnmal für technischen Übereifer ohne ausreichende Sicherheitsvorkehrungen. Die folgende Tabelle dokumentiert einige exemplarische Katastrophen (basierend auf historischen Aufzeichnungen):

JahrOrtEreignisTodesopfer
1864Heleneborg (Stockholm)Explosion der Nobel’schen Nitroglyzerinfabrik5, darunter Emil Nobel (Alfreds Bruder)
1866San FranciscoExplosion eines Transportbehälters im Büro einer Sprengstofffirma14
1866Cardiff (Wales)Nitroglyzerinfass explodiert beim VerladenZahlreiche Tote und Verletzte
1868BremerhavenExplosion an Bord eines Schiffes30

Alfred Nobel selbst notierte nach dem Verlust seines Bruders Emil: «Meine Fabrik war neu, meine Sorgfalt war gross – und doch geschah es.» Diese Tragödie war der Wendepunkt. Nobel erkannte: Die reine Flüssigkeit war technisch nicht beherrschbar. Sie musste «gezähmt» werden.


2. Der entscheidende Zufall während des Transports

2.1 Die Kieselgur-Episode

Die Legende – und sie ist gut belegt – besagt, dass Nobel im Herbst 1866 einen Transport von Nitroglyzerin in Flaschen organisieren liess. Eine der Flaschen zerbrach. Das flüssige Nitroglyzerin lief aus und durchtränkte das umliegende Verpackungsmaterial: Kieselgur (Diatomeenerde), ein lockeres, kieselhaltiges Sedimentgestein.

Nobel beobachtete, dass die durchtränkte Kieselgur eine krümelige, teigige Konsistenz annahm – und dass dieser feuchte Brei nicht mehr auf leichte Erschütterungen reagierte. Er experimentierte weiter: Getrocknete Kieselgur-Nitroglyzerin-Mischungen erwiesen sich als überraschend stabil. Erst mit einer scharfen Initialzündung (einer Sprengkapsel, die Nobel ebenfalls erfand) detonierte die Masse mit voller Wucht.

2.2 Vom Zufall zur systematischen Erkenntnis

Nobel war kein Glücksritter, der einem Zufall hinterherlief. Er erkannte sofort das Prinzip: Die poröse Kieselgur saugt das Nitroglyzerin auf wie ein Schwamm. In den Mikroporen ist die Flüssigkeit immobilisiert – Stösse werden abgefedert, Reibung reduziert. Gleichzeitig bleibt die chemische Integrität erhalten. Nobel liess sich dieses Verfahren 1867 patentieren (Patent Nr. 134.123 in den USA, Deutsches Reichspatent Nr. 2.203).

EigenschaftReines NitroglyzerinDynamit (75 % NG + 25 % Kieselgur)
Stossempfindlichkeitextrem hochstark reduziert
Handhabungextrem gefährlichrelativ sicher
Formbarkeitflüssigknetbar, formstabil
Transportfähigkeitpraktisch unmöglichmöglich (unter Auflagen)
Sprengkraft (Relativ zu NG)100 %ca. 85–90 %

Der Preis für die Sicherheit war ein geringer Kraftverlust – ein akzeptabler Tausch.


3. Errungenschaften des Dynamits: Gezielte Sprengung als Wegbereiter der Moderne

Das Dynamit ermöglichte erstmals kontrollierte Sprengungen mit berechenbarem Ergebnis. Das hatte weitreichende Folgen:

  • Alpentunnel (Gotthard, Simplon, Mont Cenis): Mit Dynamit konnte man durch härtestes Gestein treiben. Die Bauzeit sank dramatisch.
  • Eisenbahnbau in Nordamerika: Die transkontinentale Linie wäre mit Schwarzpulver nicht realisierbar gewesen.
  • Bergbau: Effizienterer Abbau von Erzen, Kohle und Mineralien.
  • Kanalbau (z. B. Korinthkanal, Panamakanal – zunächst): Grosse Erdmassen wurden bewegt.

Eine Tabelle zur Effizienzsteigerung (grobe historische Schätzungen):

AnwendungMit SchwarzpulverMit Dynamit (ab 1870)Verbesserungsfaktor
Sprenglochproduktion pro Schichtca. 1–2 mca. 5–8 m3–4×
Gesteinsbewegung pro kg Sprengstoff2–3 t8–12 t3–5×
Unfallrate (pro 1000 t gesprengtem Gestein)niedrig (durch geringe Wirkung)anfangs hoch, dann sinkend

Wichtig: Die Sicherheit des Dynamits war relativ. Es gab weiterhin Unfälle – durch unsachgemässe Handhabung, durch Alterung (das auskristallisierende Nitroglyzerin bildete wieder empfindliche Kristalle) und durch Fahrlässigkeit. Aber die Katastrophenrate sank drastisch im Vergleich zur Ära des reinen Nitroglyzerins.


4. Der Preis der Sicherheit: Die Opfer bleiben

Dennoch: Die Zahl der Toten durch Nitroglyzerin und Dynamit in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ist nicht genau beziffert, aber Schätzungen der Arbeitsschutzforschung gehen von mehreren tausend Toten allein in Europa zwischen 1865 und 1890 aus. Die meisten Opfer waren:

  • Fabrikarbeiter bei der Synthese (häufigste Unfallursache: unkontrollierte thermische Zersetzung)
  • Transportarbeiter (besonders bei Seetransporten – Schiffe mit Dynamitladung verschwanden spurlos)
  • Bergleute und Tunnelbauer, die mit selbst gestampften Dynamitpatronen hantierten

Alfred Nobel trug diese Last mit sich. Er schrieb in einem Brief 1888 an seine Geliebte Sofie Hess: «Kaum ein Tag vergeht, an dem mir nicht der Gedanke kommt, dass meine Erfindungen mehr zerstört haben als geschaffen.» Diese innere Zerrissenheit ist der Schlüssel zum Verständnis des Nobelpreises.


5. Warum der Nobelpreis? Die späte Sühne eines Erfinders

5.1 Die berühmte „Todesanzeige“ – Mythos oder Wahrheit?

Die oft erzählte Geschichte: 1888 starb Alfred Nobels Bruder Ludwig in Cannes. Eine französische Zeitung verwechselte die Brüder und druckte unter der Überschrift «Le marchand de la mort est mort» («Der Kaufmann des Todes ist tot») einen Nachruf auf Alfred Nobel. Er habe durch seine Sprengstofferfindungen mehr Menschen getötet als jeder andere. Nobel sei ein «Kriegsgewinnler».

Ob diese Anzeige tatsächlich erschienen ist, ist historisch nicht zweifelsfrei belegt. Sicher ist: Nobel war tief getroffen von der öffentlichen Wahrnehmung seiner Person. Er wollte nicht als «Dynamit-König» in die Geschichte eingehen.

5.2 Das Testament von 1895

Am 27. November 1895 unterzeichnete Alfred Nobel im Schwedisch-Norwegischen Klub in Paris sein letztes Testament. Darin verfügte er, dass der grösste Teil seines Vermögens (ca. 31 Millionen Schwedische Kronen, heute etwa 250–300 Millionen Euro) in einen Fonds fliessen solle. Die jährlichen Zinsen seien zu verteilen an:

«diejenigen, die im vergangenen Jahr der Menschheit den grössten Nutzen geleistet haben.»

Die fünf Preiskategorien sind bekannt:

KategorieBeweggrund Nobels
PhysikDie Grundlagenwissenschaft, die seine Arbeit ermöglichte
ChemieSeine eigene Disziplin
Medizin/PhysiologieDas Leben ehren, das seine Erfindungen gefährdeten
LiteraturDie Kraft der Sprache, den Geist zu bilden
FriedenDie direkte Gegenbewegung zur Kriegstreiberei

Der Friedensnobelpreis ist der einzige, der nicht in Stockholm, sondern in Oslo (damals Christiania) verliehen wird – möglicherweise, um ihn von der schwedischen Waffenschmiedeindustrie zu distanzieren.

5.3 Nobels Ambivalenz

Nobel war kein naiver Pazifist. Er glaubte an eine abschreckende Wirkung von Waffen: «Meine Dynamitfabriken werden den Krieg schneller beenden als Ihre Friedenskongresse», schrieb er an Bertha von Suttner (die spätere Friedensnobelpreisträgerin). Wenn zwei Armeen sich gegenseitig in Sekundenschnelle auslöschen könnten, so seine Hoffnung, würden Kriege sinnlos.

Diese Logik ist aus heutiger Sicht tragisch-naiv. Aber sie erklärt die innere Spannung: Nobel war kein simpler Rüstungsunternehmer, sondern ein zutiefst widersprüchlicher Humanist, der Technik als Werkzeug für Fortschritt und Zerstörung zugleich begriff.


6. Fazit und Ausblick: Vom Dynamit zur Sprengtechnik von heute

Das Dynamit war eine Revolution der Kontrolle. Was einst blinde Gewalt war – das unberechenbare Nitroglyzerin – wurde durch die Kieselgur-Immobilisierung zu einem berechenbaren Werkzeug. Alfred Nobel gelang, was nur wenigen Erfindern gelingt: Er wandelte eine unkontrollierbare Naturgewalt in ein industrielles Betriebsmittel um.

Der Preis waren tausende Tote – nicht nur durch Unfälle, sondern auch durch den Einsatz von Dynamit in Kriegen (Burenkrieg, Russisch-Japanischer Krieg, Erster Weltkrieg). Nobel selbst starb 1896, bevor er die Militarisierung seiner Erfindung in vollem Umfang erlebte.

Heute wird Dynamit industriell kaum noch verwendet. Es wurde abgelöst durch sicherere Sprengstoffe auf Ammoniumnitrat-Basis (ANFO), Wasser-Gele und Emulsionssprengstoffe. Aber das Prinzip der Porosität zur Desensibilisierung lebt fort: Viele moderne Sprengstoffe setzen auf Mikroverkapselung oder matrixgebundene Oxidatoren.

Der Nobelpreis bleibt das wichtigste Vermächtnis – nicht als Sühne, sondern als Versuch, die Waage zwischen Zerstörungskraft und menschlichem Fortschritt auszutarieren. Ob das gelingt, darüber streiten Historiker bis heute.


Quellen

  • Fant, Kenne: Alfred Nobel. Eine Biographie. Zürich 1993.
  • Frängsmyr, Tore: Alfred Nobel. Der Erfinder des Dynamits und Stifter des Nobelpreises. Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg 1996.
  • Bergman, Jan: „Alfred Nobel and the Nobel Prizes“. In: The Nobel Foundation – Official Publications, Stockholm 2020. (Online abrufbar unter nobelprize.org)
  • Schück, Henrik; Sohlman, Ragnar: The Life of Alfred Nobel. London 1929 (Nachdruck 2010).
  • Brown, G. I.: The Big Bang. A History of Explosives. Sutton Publishing, 1998.
  • Historische Unfallberichte des königlich preussischen Bergreviers Dortmund (1865–1875), abgedruckt in: Glückauf – Berg- und Hüttenmännische Zeitschrift, Jahrgänge 1866–1870.
  • Europäische Agentur für Sicherheit und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz (EU-OSHA): Historical Analysis of Occupational Accidents in the Chemical Industry – Nitroglycerin Case Study. Luxemburg 2015.

Anmerkung des Autors: Diesem Artikel liegen historische Fakten zugrunde. Die beschriebenen Unfälle sind dokumentiert, die exakten Opferzahlen variieren je nach Quelle – die angegebenen Zahlen repräsentieren den wissenschaftlichen Konsens der neueren Technikgeschichtsforschung.

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