Im Rückspiegel: Die Curta Type II – Der mechanische Taschenrechner, der aus der Dunkelheit kam
Einleitung: Ein mechanisches Wunderwerk in der Handfläche
Ein zylindrisches Gerät, kaum größer als eine Puderdose, das in der Handfläche liegt und durch Drehen einer Kurbel in der Lage ist, zu addieren, subtrahieren, multiplizieren und dividieren – das ist die Curta, die kleinste serienmäßig hergestellte mechanische Vier-Spezies-Rechenmaschine der Welt. Doch die Curta ist weit mehr als ein technisches Kuriosum. Sie ist die Verkörperung eines außergewöhnlichen Schicksals: entworfen in den dunkelsten Stunden des 20. Jahrhunderts, konstruiert unter unmenschlichen Bedingungen und schließlich gefertigt im winzigen Fürstentum Liechtenstein.
Dieser Artikel widmet sich der Curta Type II, dem leistungsstärkeren der beiden Serienmodelle, und beleuchtet ihre Entstehungsgeschichte, ihre technische Brillanz und ihr bleibendes Vermächtnis.
1. Curt Herzstark: Ein Leben für die Rechenmaschine
Die Geschichte der Curta beginnt mit ihrem Schöpfer, Curt Herzstark, geboren am 26. Januar 1902 in Wien. Er wuchs buchstäblich mit Rechenmaschinen auf: Sein Vater, Samuel Jakob Herzstark, war ein bekannter österreichischer Hersteller von Rechenmaschinen. Nach einer Lehre als Feinmechaniker und dem Studium an der Gewerbeschule trat Curt in das Familienunternehmen ein und übernahm 1937 nach dem Tod des Vaters die Betriebsleitung.
Bereits Mitte der 1930er-Jahre reifte in ihm die Idee einer revolutionären Kleinstrechenmaschine – eines handlichen, zylindrischen Geräts, das alle vier Grundrechenarten beherrschen und bequem in der Tasche mitgeführt werden sollte. 1938 meldete er ein erstes Patent an.
Dann kam der „Anschluss“ Österreichs an das nationalsozialistische Deutsche Reich. Herzstarks Vater war jüdisch – ein Umstand, der für den Sohn verheerende Folgen haben sollte. Die Firma wurde auf die Produktion kriegswichtiger Präzisionsmessgeräte umgestellt, und 1943 wurde Herzstark verhaftet. Der Vorwurf: Hilfe für Juden und „unzüchtige Kontakte mit arischen Frauen“. Es folgte die Deportation in das Konzentrationslager Buchenwald.
1.1 Die Zeichnungen, die ein Leben retteten
In Buchenwald geschah etwas Unglaubliches. Die SS war von Herzstarks technischem Können beeindruckt – die Rüstungsbetriebe waren auf seine Expertise angewiesen. Man befahl ihm, die Konstruktionszeichnungen seiner Rechenmaschine anzufertigen. Das Ziel: Nach dem „Endsieg“ sollte die Maschine ein Geschenk für Adolf Hitler sein.
Herzstark nutzte diese Chance zum Überleben. In der knappen Freizeit, die ihm blieb, zeichnete er aus dem Gedächtnis die vollständigen Pläne seiner Erfindung. Als das Lager im April 1945 befreit wurde, rettete er die wertvollen Skizzen. Seine spätere Autobiografie trug den programmatischen Titel: „Kein Geschenk für den Führer“ – ein Akt stiller, aber unmissverständlicher Subversion.
| Lebensstation | Details |
|---|---|
| Geburt | 26. Januar 1902 in Wien |
| Eltern | Samuel Jakob Herzstark (Rechenmaschinenfabrikant, jüdisch) und Marie Herzstark |
| Ausbildung | Lehre als Feinmechaniker, Gewerbeschule |
| 1938 | Erstes Patent für eine Kleinstrechenmaschine |
| 1943 | Verhaftung und Deportation nach Buchenwald |
| 1945 | Befreiung des Lagers, Rettung der Konstruktionszeichnungen |
| 1946–1952 | Technischer Direktor der Contina AG in Liechtenstein |
| 1988 | Tod in Nendeln, Liechtenstein |
2. Von der Skizze zur Serie: Die Contina AG in Liechtenstein
Nach der Befreiung suchte Herzstark nach einer Möglichkeit, seine Erfindung zu realisieren. Österreich verfügte nicht über die nötigen finanziellen Mittel. Das Fürstentum Liechtenstein hingegen suchte händeringend nach Industrieansiedlungen, um den Wandel vom Agrar- zum Industrieland voranzutreiben.
1946 wurde die Contina AG in Mauren gegründet – ein Gemeinschaftsprojekt des Fürstenhauses von Liechtenstein und Herzstarks. Herzstark übernahm die technische Leitung. Die Schweizer Behörden versuchten vergeblich, die Firmengründung zu verhindern – sie fürchteten die Abwanderung von Fachkräften aus der eigenen Büromaschinenindustrie.
Die Produktionsbedingungen waren denkbar ungünstig: Es gab kaum qualifizierte Fachkräfte in Liechtenstein, weshalb Contina von Beginn an eigene Lehrlinge ausbildete. Dennoch gelang 1947 die Herstellung der ersten Vorserie. Zunächst trug die Maschine den Namen „Contina“ – nach der Herstellerfirma. Erst Ende 1948 setzte sich der von einem holländischen Korrespondenten vorgeschlagene Name „Curta“ durch, abgeleitet von Herzstarks Vornamen: „Der Erfinder heißt Curt, und die Maschine ist seine Tochter – nennen wir sie doch einfach Curta.“
2.1 Produktionszahlen und wirtschaftliche Rahmenbedingungen
Die Curta wurde von 1947 bis 1971 produziert, die Auslieferung erfolgte von 1949 bis 1972. Insgesamt entstanden rund 140.000 Exemplare – eine beachtliche Zahl für ein so spezialisiertes und aufwändig gefertigtes Gerät. Allerdings lag die Zahl weit unter Herzstarks ursprünglichen Schätzungen: Er hatte den weltweiten Bedarf auf drei bis vier Millionen Stück taxiert.
Die Preise waren für die damalige Zeit beträchtlich: 1965 kostete die Curta I 425 DM, die größere Curta II 535 DM – mehrere Monatsgehälter eines durchschnittlichen Angestellten. Ein Indiz für die hohe Wertschätzung, die das Gerät genoss.
| Jahr | Ereignis |
|---|---|
| 1946 | Gründung der Contina AG in Mauren |
| 1947 | Produktionsbeginn der Vorserie |
| 1948 | Offizieller Markteintritt der Curta I |
| 1954 | Einführung der Curta Type II |
| 1971/72 | Produktionsende, Schließung von Contina AG |
3. Die Curta Type II im Detail: Technische Meisterleistung
Die Curta Type II ist das größere und leistungsfähigere der beiden Serienmodelle. Technisch basiert sie auf dem gleichen genialen Prinzip wie die Type I, wurde aber für anspruchsvollere Rechnungen ausgelegt.
3.1 Das Prinzip der doppelten Staffelwalze
Das Herzstück der Curta ist eine komplementäre Staffelwalze – ein walzenförmiges Zahnrad, dessen Zähne in unterschiedlichen Längen angeordnet sind, ähnlich einer Treppe. Anders als bei früheren Staffelwalzenmaschinen (etwa der legendären „Leibniz’schen Rechenmaschine“) ist die Walze bei der Curta doppelt ausgeführt. Dies ermöglicht die Subtraktion durch Addition des Zehnerkomplements: Um 173 von 451 zu subtrahieren, addiert die Maschine einfach 827 und streicht anschließend die führende 1 – ein elegantes mechanisches Verfahren.
Die Curta Type II besteht aus 719 Einzelteilen (die Type I aus 571). Diese winzigen Zahnräder, Federn und Hebel wurden mit einer Präzision gefertigt, die bis heute Bewunderung hervorruft.
3.2 Technische Daten im Vergleich
| Merkmal | Curta Type I | Curta Type II |
|---|---|---|
| Einstellwerk (Eingabestellen) | 8 Stellen | 11 Stellen |
| Umdrehungszählwerk | 6 Stellen | 8 Stellen |
| Resultatzählwerk (Ergebnis) | 11 Stellen | 15 Stellen |
| Durchmesser | 53 mm | 65 mm |
| Höhe | 85 mm | 90 mm |
| Gewicht (Maschine) | ca. 230 g | ca. 360–370 g |
| Anzahl Einzelteile | 571 | 719 |
| Einführungsjahr | 1948 | 1954 |
| Preis (1965) | 425 DM | 535 DM |
3.3 Bedienung und Funktionsweise
Die Bedienung der Curta ist intuitiv und für eine mechanische Maschine erstaunlich schnell erlernbar:
- Zahleneingabe: Über 11 (Typ II) bzw. 8 (Typ I) Schieber auf der Zylinderaußenseite wird die gewünschte Zahl eingestellt. Die eingegebenen Ziffern erscheinen in kleinen Fenstern.
- Addition: Ein voller Umdrehung der Kurbel addiert die eingestellte Zahl zum Resultatzählwerk.
- Subtraktion: Die Kurbel wird nach oben gezogen, bevor sie gedreht wird – dann wird subtrahiert.
- Multiplikation: Durch mehrfaches Drehen und Versetzen des oberen Teils (des „Rundwagens“) wird die Multiplikation auf eine Folge von Additionen zurückgeführt.
- Division: Analog erfolgt die Division durch wiederholte Subtraktionen.
- Nullstellung: Ein Hebel an der Seite setzt alle Zählwerke zurück.
Ein geübter Benutzer konnte mit der Curta beachtliche Rechengeschwindigkeiten erreichen – eine Fähigkeit, die insbesondere in den 1960er Jahren sehr geschätzt wurde.
3.4 Design und Materialien
Die Curta Type II ist nicht nur technisch, sondern auch ästhetisch bemerkenswert. Das Gehäuse besteht aus einem grauen Aluminium-Mittelteil, während Ober- und Unterseite mit schwarzem Kunststoff beschichtet sind. Die Einstellschieber wechseln in der Farbe – zwei schwarze, ein roter – was die Lesbarkeit verbessert.
Besonders erwähnenswert ist die Aufbewahrungsdose: Ursprünglich mit Rechtsgewinde versehen, führte dies zu einem konstruktiven Problem. Beim Zuschrauben drückte der Gummipuffer im Deckel auf die Kurbel und verdrehte sie geringfügig, was die gesamte Mechanik blockierte. Contina reagierte umgehend und stattete alle folgenden Dosen mit einem Linksgewinde aus – eine kleine, aber entscheidende Verbesserung.
4. Der Typ II im Einsatz: Die leistungsstärkere Schwester
Die Curta Type II wurde ab Januar 1954 produziert und richtete sich an Nutzer, die mit besonders großen Zahlen arbeiteten – etwa Ingenieure, Architekten, Chemiker, Statistiker oder Versicherungsmathematiker. Mit 11 Eingabestellen, einem 8-stelligen Umdrehungszählwerk und einem 15-stelligen Resultatzählwerk war sie selbst für anspruchsvolle wissenschaftliche Berechnungen gerüstet.
Die Type II ist etwas größer und schwerer als die Type I, aber im Aufbau völlig identisch. Ihre 15-stellige Ergebnisanzeige war eine direkte Antwort auf den wachsenden Bedarf an höherer Rechenkapazität in der Nachkriegszeit.
Ein interessantes Detail: Die ersten Modelle der Type II waren noch komplett schwarz wie die Type I. Kurz nach der Einführung wechselte man jedoch zum charakteristischen schwarz-grauen Design mit roten Einstellschiebern – ein Design, das bis heute als Markenzeichen der Curta gilt.
5. Der Niedergang: Die elektronische Konkurrenz
Die Curta erlebte ihre Blütezeit in den 1950er und 1960er Jahren. Doch in den frühen 1970er Jahren wurden die ersten elektronischen Taschenrechner auf den Markt gebracht. Sie waren günstiger, schneller, einfacher zu bedienen – und benötigten keinen Muskelkraft.
Die Contina AG konzentrierte sich ab 1966 ausschließlich auf ihr einziges gewinnbringendes Produkt, die Curta. Doch der Siegeszug der Digitaltechnik war nicht aufzuhalten. 1972 musste die Firma schließen. Herzstark selbst hatte sich bereits 1952 aus gesundheitlichen Gründen und aufgrund von Unstimmigkeiten mit der kaufmännischen Geschäftsführung aus dem Unternehmen zurückgezogen.
Curt Herzstark starb am 27. Oktober 1988 in Nendeln, Liechtenstein. Seine Erfindung aber lebte weiter – als begehrtes Sammlerstück und als Symbol einer vergangenen Ära der mechanischen Präzision.
6. Die Curta heute: Zwischen Techarchäologie und Kultobjekt
Heute, ein halbes Jahrhundert nach dem Ende der Produktion, erlebt die Curta eine zweite Karriere. Bei Sammlern historischer Rechenmaschinen werden gut erhaltene Exemplare zu beträchtlichen Preisen gehandelt. Auf Auktionsplattformen erzielen Curtas Preise im niedrigen bis mittleren vierstelligen Euro-Bereich.
Die Faszination für die Curta speist sich aus mehreren Quellen:
- Technische Brillanz: 719 Einzelteile, präzise gefertigt und zu einem funktionierenden Ganzen zusammengefügt – ein mechanisches Meisterwerk.
- Geschichte: Die Entstehungsgeschichte im Konzentrationslager verleiht der Curta eine moralische Tiefe, die über reine Technikgeschichte hinausweist.
- Ästhetik: Das Design ist zeitlos schön – kein Wunder, dass die Curta auch in Museen wie dem Smithsonian Institution in Washington D.C. oder dem Heinz Nixdorf MuseumsForum in Paderborn ausgestellt wird.
Das Liechtensteinische Landesmuseum verfügt heute über eine lückenlose Dokumentation der Entwicklung der Curta, darunter den ersten Prototypen von 1938, die Modelle von 1945 und die ersten Versuchsmuster aus Mauren.
Fazit und Ausblick: Ein mechanischer Geist, der nicht vergeht
Die Curta Type II ist mehr als eine Rechenmaschine. Sie ist das Produkt eines außergewöhnlichen Lebens, ein Zeugnis menschlicher Kreativität unter unmenschlichen Bedingungen und ein Denkmal für eine Ära, in der Rechnen noch eine haptische Erfahrung war.
Mit dem Siegeszug der digitalen Technik verschwand die Curta aus dem Alltag – doch ihr Vermächtnis bleibt. In einer Zeit, in der wir Rechnungen mit Sprachassistenten und KI-Chatbots erledigen, erinnert uns die Curta daran, dass Technik nicht immer abstrakt und ungreifbar sein muss. Ein Dreh an der Kurbel, ein Klicken der Zahnräder, das Erscheinen des Ergebnisses in einem kleinen Fenster – das war Rechnen mit allen Sinnen.
Curt Herzstark, der Mann, der die Pläne für seinen Taschenrechner im Schatten des KZ zeichnete, hat ein Symbol für die Überlegenheit des menschlichen Geistes über die rohe Gewalt geschaffen. Kein Geschenk für den Führer – aber ein Geschenk an die Nachwelt.
Quellenverzeichnis (reale Quellen)
- Historische Rechentechnik (TU Dresden):
geschichte.inf.tu-dresden.de– Technische Daten und Geschichte der Curta - Arithmeum der Universität Bonn:
www.arithmeum.uni-bonn.de– Objektbeschreibung und Patentinformationen - Historisches Lexikon des Fürstentums Liechtenstein (eHLFL): Biografie von Curt Herzstark und Contina AG
- Landesmuseum Liechtenstein:
www.landesmuseum.li– Ausstellung „Die Curta – Made in Liechtenstein“ - Heinz Nixdorf MuseumsForum (HNF) Blog:
blog.hnf.de– Artikel „Die Curta – der erste Taschenrechner“ - Smithsonian National Museum of American History:
americanhistory.si.edu– Curta Type II Sammlungsdatenbank - Old Calculator Museum:
www.oldcalculatormuseum.com– Detaillierte Beschreibung der Curta Type II - Curta.de:
www.curta.de– Technische Vergleiche zwischen Type I und II - Harvard University Waywiser Collections:
waywiser.fas.harvard.edu– Curta Type II Objektbeschreibung - FAU Erlangen-Nürnberg (iser.wisski):
iser.wisski.data.fau.de– Objektdaten der Contina Curta Typ II - Wikipedia (deutsch/englisch): Artikel zu Curta und Curt Herzstark (allgemeine Rahmendaten)
- Curtawatch.com:
www.curtawatch.com– Ausführliche Geschichte der Curta-Entwicklung - Spektrum der Wissenschaft: Podcast „Geschichten aus der Mathematik“
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