Die Erfindung des weißen Löwen

Osamu Tezuka, der Gott des Manga

Die Wurzeln von Kimba, der weiße Löwe reichen bis ins Japan der Nachkriegszeit. Osamu Tezuka (1928–1989), der später als „Vater des Manga“ oder „Gott des Manga“ verehrt werden sollte, begann 1950 mit der Serialisierung von Jungle Emperor (jap. Janguru Taitei) im Magazin Manga Shōnen – eine Arbeit, die ihn bis 1954 beschäftigen sollte. Tezuka, der zeitlebens ein glühender Verehrer Walt Disneys war, hatte bereits in seiner Kindheit eine intensive Beziehung zu den Animationsfilmen des amerikanischen Studios entwickelt: Bambi soll er eigenen Angaben zufolge mehr als 80 Mal gesehen haben.

Die erste Umsetzung des Mangas als Fernsehserie erfolgte 1965, produziert von Tezukas eigenem Studio Mushi Production. Sie wurde vom 6. Oktober 1965 bis zum 28. September 1966 auf Fuji TV ausgestrahlt und umfasste 52 Episoden. Die Serie war zugleich die erste japanische Zeichentrickserie, die in voller Farbe produziert wurde – ein technischer Meilenstein, der nicht zuletzt auf den Druck des amerikanischen Co-Finanzierers NBC zurückging, der keine Schwarz-Weiß-Serie senden wollte.

Vom Manga zum Anime: Eine transkulturelle Geburt

Die Entstehungsgeschichte der Serie ist bereits ein Lehrstück in transkultureller Produktion. NBC, der amerikanische Partner, setzte nicht nur die Farbproduktion durch, sondern griff auch massiv in den Inhalt ein: Kimba sollte ein junger Löwe bleiben und nicht, wie im Manga vorgesehen, erwachsen werden. Zudem weigerte sich der Sender, bestimmte Episoden zu zeigen, die Kimbas Zeit bei seinem menschlichen Freund Kenichi behandelten. Diese Eingriffe prägten die Serie nachhaltig und machen sie zu einem frühen Beispiel dafür, wie amerikanische Vermarktungsinteressen japanische Kreativität formten.

Die deutschsprachige Erstausstrahlung erfolgte erst 1977 im ZDF, und für die deutsche Synchronisation diente – wie damals üblich – nicht das japanische Original, sondern die bereits bearbeitete US-Version, in der zahlreiche Namen geändert worden waren. Die Serie erlebte in der Folge mehrere Neuauflagen und Remakes, darunter eine Fortsetzung von 1966 (Boubou, König der Tiere), eine weitere Serie von 1989 (Leo – Der kleine Löwenkönig), die als letztes Projekt galt, an dem Tezuka vor seinem Tod im Februar 1989 beteiligt war, sowie diverse Filme und Specials, das letzte davon 2009.

Die Handlung: Ein Löwe zwischen Welten

Die Serie beginnt in Afrika. Menschenjäger fangen zahlreiche Tiere – darunter ein weißes Löwenbaby namens Kimba (japanisch: Leo) und dessen Mutter Snowene. Kimbas Vater Caesar, der König des Dschungels, wird beim Versuch, seinen Sohn zu retten, getötet. Das Schiff, das Kimba und seine Mutter gefangen hält, sinkt, und die Mutter opfert sich, um dem Jungen die Flucht zu ermöglichen. Kimba findet schließlich den Weg zurück in den Dschungel, wo er die Führung der Tiere übernimmt und versucht, Frieden zwischen Menschen und Tieren zu stiften.

Was die Serie von späteren Löwengeschichten unterscheidet, ist ihr zutiefst zivilisatorischer Ansatz. Kimba versucht nicht nur, den Dschungel zu regieren, sondern ihn zu verändern: Er führt Ackerbau ein, versucht Fleischfresser von der Jagd abzubringen und adaptiert menschliche Techniken für das Tierreich. Der Konflikt zwischen Natur und Zivilisation, nicht der zwischen Gut und Böse, steht im Zentrum.

Der Mythos der Absetzung: Was wirklich geschah

Die Frage, ob die Serie „abgesetzt“ wurde, beruht auf einem grundlegenden Missverständnis. Die ursprüngliche Serie von 1965 endete regulär nach 52 Episoden – sie wurde weder wegen Quotenschwäche noch wegen Kontroversen vorzeitig beendet. Dass die Ausstrahlung in vielen Ländern, darunter auch in Deutschland, lückenhaft war, hatte andere Gründe:

  • Lizenzrechtliche Beschränkungen: NBC als Co-Produzent hatte weitreichende Vetorechte und ließ bestimmte Episoden, die seiner Meinung nach nicht ins amerikanische Programm passten, schlicht weg.
  • Technische Probleme: Bei der deutschen Synchronfassung gab es Probleme mit der technischen Qualität einzelner Episoden, was dazu führte, dass nicht alle 52 Folgen ausgestrahlt wurden.
  • Nachfrage: In späteren Jahren waren Wiederholungen der Serie von den wechselnden Interessen der Sender abhängig; eine dauerhafte Präsenz im Programm gab es nie.

Eine „Absetzung“ im Sinne einer vorzeitigen Einstellung durch den Sender aus inhaltlichen Gründen fand nicht statt. Die Serie endete, wie sie geendet hatte – und wurde durch Fortsetzungen, Remakes und Filme über die Jahrzehnte hinweg immer wieder neu belebt.

Was gegen die Serie sprach: Die unangenehmen Wahrheiten

Dennoch gibt es durchaus Gründe, warum Kimba, der weiße Löwe bei kritischer Betrachtung heute problematisch wirkt – und warum die Serie in mancher Hinsicht selbst zum Gegenstand von Kontroversen wurde.

Die Behandlung des Todes: Die erste Folge ist aus heutiger Sicht bemerkenswert brutal. Der Vater wird vor den Augen des Jungen von Menschen getötet, die Mutter ertrinkt in den Fluten – und dies wurde 1977 im deutschen Kinderfernsehen gezeigt. Ein Hörspielfan beschrieb die Serie rückblickend als „das Heftigste, was den Kleinen zugemutet wird“.

Der Umgang mit dem Vaterfell: In Episode 8 interagiert Kimba ausführlich mit dem Fell seines toten Vaters Caesar – eine verstörende Szene, die sogar dazu genutzt wurde, die gesamte Serie in einem Buch über „schlechtes Fernsehen“ als abschreckendes Beispiel anzuführen.

Gebrochene Moral in der Rassismus-Episode: Episode 14 der Originalserie soll Kindern eigentlich zeigen, dass Rassismus falsch ist. Kimba wird wegen seines weißen Fells gehänselt und als „minderwertiger Löwe“ bezeichnet. Die Botschaft wird jedoch in dem Moment konterkariert, als die Geschichte enthüllt, dass ein Vorfahr von Kimba einen speziellen Trank getrunken hat, der ihm überlegene Intelligenz und Stärke verlieh – was die gesamte weiße Löwenrasse genetisch überlegen macht. Die Antirassismus-Botschaft kippt so unfreiwillig in ihr Gegenteil.

Stereotype Darstellungen: Die Darstellung menschlicher Figuren, insbesondere schwarzer Afrikaner, folgt in der Originalserie den Klischees ihrer Zeit und ist aus heutiger Perspektive problematisch.

Die große Kontroverse: Kimba und der König der Löwen

Die wohl bekannteste Kontroverse um Kimba, der weiße Löwe entstand jedoch erst 1994 mit der Veröffentlichung von Disneys Der König der Löwen. Die Liste der Ähnlichkeiten ist lang:

AspektKimba (1965)König der Löwen (1994)
ProtagonistWeißer Löwenprinz Kimba/LeoLöwenprinz Simba
VaterfigurCaesar (wird getötet)Mufasa (wird getötet)
Vater-GeistErscheint am HimmelErscheint am Himmel
BösewichtClaw (schwarze Mähne, Narbe am linken Auge)Scar (schwarze Mähne, Narbe am linken Auge)
GefolgsleuteHyänenHyänen
Weiser BeraterPavianPavian (Rafiki)
Komische VogelfigurPapagei PaulyNashornvogel Zazu
Komisches WarzenschweinPumbaa

Über 400 japanische Animatorinnen und Zeichner unterzeichneten einen offenen Brief an Disney, in dem sie Disney vorwarfen, eine „unverhohlene Kopie“ von Tezukas Werk geschaffen zu haben.

Die andere Seite der Medaille

Doch die Wahrheit ist, wie so oft, komplizierter. Denn bei genauerem Hinsehen unterscheiden sich die beiden Werke grundlegend in ihrer Handlung und ihren Themen:

  • Kimba ist eine episodische Serie, in der ein junger Löwe versucht, den Dschungel zu zivilisieren, Landwirtschaft einzuführen und eine Brücke zwischen Menschen und Tieren zu bauen.
  • Der König der Löwen ist ein hamletartiges Drama um Thronfolge, Exil, Rache und Erlösung – und kommt komplett ohne menschliche Figuren aus.

Disney-Mitarbeiter haben die Vorwürfe stets zurückgewiesen. Co-Regisseur Rob Minkoff erklärte 2019: „Es wurde nie diskutiert, und es gab nie eine absichtliche Parallele, von der ich wusste. Niemand hat es erwähnt, darüber gesprochen, es diskutiert – niemand sagte, dass es überhaupt eine Ähnlichkeit gab. Erst nachdem der Film fertig war, sagten die Leute: ‚Hey, der basiert auf Kimba.'“

Die entscheidende Wendung in dieser Debatte kommt jedoch von der Familie Tezuka selbst. Tezuka Productions hat nie Klage gegen Disney eingereicht, und Firmendirektor Yoshihiro Shimizu erklärte, dass viele ihrer Mitarbeiter zwar Ähnlichkeiten zwischen den Werken sähen, aber „jegliche Ähnlichkeiten in ihren Handlungen auf Naturtatsachen beruhen und es sich daher um zwei verschiedene Werke handelt“.

Makoto Tezuka, der Sohn des Künstlers, ging noch weiter. In seinem Buch schrieb er, dass die Kontroverse in Amerika entstanden sei und die Menschen die Angelegenheit aufgrund ihrer Opposition gegen Disneys Geschäftspraktiken aufgeblasen hätten. Er weigerte sich, an dieser Verurteilung Disneys teilzunehmen, und sagte: „Ich möchte nicht, dass die Werke meines Vaters für diese Leute zur Waffe werden.“ Er räumte ein, dass wenn Der König der Löwen ein weißer Löwe wäre, der mit Menschen spricht, er die Ähnlichkeiten nicht verzeihen könnte – aber das ist er nicht.

Das ironische Echo

Die Ironie der Geschichte ist, dass Osamu Tezuka selbst tief von Disney beeinflusst war. Er adaptierte nicht nur BambiPinocchio und 101 Dalmatiner in Manga-Form, sondern seine charakteristischen großen Augen – heute ein Markenzeichen des Manga – gehen direkt auf Disney-Figuren zurück. Tezuka war der „Walt Disney Japans“, aber nicht, weil er kopierte, sondern weil er aus der Inspiration etwas völlig Eigenes schuf.

Fazit: Ein Meilenstein, kein Plagiat

Kimba, der weiße Löwe ist kein abgesetzter Geheimtipp, sondern ein weltweit erfolgreicher Meilenstein der Animationsgeschichte, der seine 52 Folgen regulär durchlief und bis heute fortlebt. Die Kontroverse um Der König der Löwen entzündet sich an unbestreitbaren Ähnlichkeiten, die jedoch bei genauer Betrachtung mehr über die begrenzten Möglichkeiten erzählerischer Archetypen verraten als über bewussten Diebstahl.

Was gegen die Serie spricht, ist weniger eine angebliche Absetzung als vielmehr ihre inhärenten Widersprüche: ein Kinderheld, der mit dem Fell seines toten Vaters spricht; eine Antirassismus-Botschaft, die in genetischer Überlegenheit endet; eine pazifistische Moral, die selbst in Notwehr keine Gewalt erlaubt. Diese Ambivalenzen machen die Serie vielleicht weniger zu einem unschuldigen Kinderklassiker, aber zu einem faszinierenden Zeitdokument – und zu einem Zeugnis dafür, wie komplex und widersprüchlich die frühe Anime-Produktion tatsächlich war.


Quellen

  1. WikipediaKimba the White LionKimba the White Lion (TV series)Kimba, der weiße LöweOsamu Tezuka. Verfügbar unter:
  2. GamePro (2026)König der Löwen ist womöglich von einem kleinen japanischem Anime inspiriert, von dem ihr vielleicht noch nie etwas gehört habt. Verfügbar unter: https://www.gamepro.de/artikel/koenig-der-loewen-kimba-kontroverse-plagiat-vorwuerfe,3447001.html
  3. Plagiarism Today (2019)Is The Lion King a Plagiarism? Verfügbar unter: https://www.plagiarismtoday.com/2019/06/04/is-the-lion-king-a-plagiarism/
  4. SyFy Wire (2019)Original Lion King writer and director address ‚Kimba‘ controversy 25 years later. Verfügbar unter: https://www.syfy.com/syfy-wire/the-lion-king-kimba-the-white-lion-disney
  5. The Washington Post (2019)‘Lion King’ has been clouded by intellectual property controversy for 25 years. Here’s the story behind it.
  6. Popkultureller Faktencheck (2025)PKFC: Disney und Osamu Tezuka: Eine Geschichte von Inspiration und kulturellem Austausch. Verfügbar unter: https://mygoofyme.net/2025/11/25/pkfc-disney-und-osamu-tezuka-eine-geschichte-von-inspiration-und-kulturellem-austausch/
  7. Hörspielland.de: *Kimba – Der weiße Löwe – Folge 1 – Flucht und die Freiheit*. Verfügbar unter: https://hoerspielland.de/hl-3.2.4189-4.2.4189.html
  8. TV TropesHistory for Manga/KimbaTheWhiteLion. Verfügbar unter: https://tvtropes.org/pmwiki/article_history.php?article=Manga.KimbaTheWhiteLion
  9. News and Views by Chris Barat (2011)THE BEST (AND REST) OF KIMBA: Episode 8, „The Insect Invasion“. Verfügbar unter: http://newsandviewsbychrisbarat.blogspot.com/2011/03/best-and-rest-of-kimba-episode-8-insect.html
  10. Anime News Network: *Kimba the White Lion (TV 1/1965)*. Verfügbar unter: https://www.animenewsnetwork.com/encyclopedia/anime.php?id=1281

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