Die deutsche Gasabhängigkeit – Eine Chronologie der Selbsttäuschung (1990–2022)


Einleitung: Vom Kalten Krieg zur heißen Abhängigkeit

Als die Berliner Mauer fiel und die Sowjetunion sich 1991 auflöste, schien eine neue Ära der europäischen Einheit anzubrechen. Deutschland, wiedervereint und im Herzen des Kontinents gelegen, sah in Russland keinen Gegner mehr, sondern einen Partner – einen Rohstofflieferanten ohnegleichen, einen Markt für Maschinenbau und Chemie, ein politisches Gewicht in einer multipolaren Welt.

Drei Jahrzehnte später, am 26. September 2022, liegen die Überreste der Nord-Stream-Pipelines auf dem Grund der Ostsee. Die deutsche Wirtschaft kämpft mit den höchsten Energiepreisen seit der Ölkrise 1973. Und die politische Klasse des Landes fragt sich: Wie konnte es so weit kommen?

Dieser Artikel zeichnet die Chronologie einer Selbsttäuschung nach – die Entscheidungen, Weichenstellungen und Fehleinschätzungen deutscher Politik und Wirtschaft über drei Jahrzehnte. Er zeigt, wie aus einer scheinbar rationalen Energiepartnerschaft eine fatale Abhängigkeit wuchs, vor der Osteuropa, die USA und selbst manche deutsche Stimme eindringlich warnten. Und er fragt nach den Lehren für die Zukunft.


Hauptteil

1. Die Ausgangslage (1990–2000): Erbe der Ostpolitik

Die deutsch-russische Gasbeziehung ist älter als die Bundesrepublik selbst. Bereits 1970, auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges, schlossen Willy Brandts sozialliberale Regierung und die Sowjetunion den „Pipeline-Vertrag“ – Röhren gegen Gas. Die Ostpolitik der SPD, die auf Wandel durch Handel setzte, etablierte ein Muster, das bis 2022 Bestand haben sollte: Deutschland liefert Technologie und Maschinen, Russland liefert Rohstoffe.

JahrEreignisBedeutung
1970Erdgas-Röhren-Vertrag („Pipeline gegen Gas“)Erste große Energiekooperation
1980Erste Transgas-Pipeline (über die Ukraine)Sowjetisches Gas erreicht Westeuropa
1989Fall der Mauer, deutsche WiedervereinigungDeutschland wird zentraler Abnehmer

Nach dem Ende der UdSSR 1991 erbt Russland das Pipeline-Netz. Die 1990er Jahre sind eine Zeit des Chaos in Moskau – doch die Gaslieferungen laufen weiter. Deutsche Energieversorger wie Ruhrgas (später E.ON) bauen ihre langfristigen Verträge mit Gazprom aus.

Die erste verpasste Weiche: Die Warnungen aus Polen und den baltischen Staaten, die in den 1990er Jahren in die NATO und später in die EU aufgenommen werden, verhallen. Sie fürchten eine Umgehung ihrer Territorien durch direkte Ostsee-Pipelines. In Bonn (später Berlin) hört man sie, aber man handelt nicht.

2. Die Ära Schröder (1998–2005): Der Masterplan Nord Stream

Gerhard Schröder wird 1998 Bundeskanzler – und er wird zum Architekten der größten deutschen Energieabhängigkeit.

Die zentralen Entscheidungen:

DatumEntscheidungFolgen
2000Schröder trifft Putin zum ersten Mal – SympathiebekundungenPersönliche Achse entsteht
2001Schröder unterstützt die Ostsee-Pipeline-Pläne öffentlichPolitische Rückendeckung für Gazprom
2005Schröders Regierung garantiert Nord Stream 1 Kredite (kurz vor der Wahl)Letzte große Amtshandlung
Ende 2005Schröder wechselt in den Aufsichtsrat von Nord Stream AG (später Vorsitz)Drehtür-Effekt wird zum Skandal

Die Argumente der Befürworter (2000–2005):

  • Die Ukraine ist ein unsicherer Transitstaat (Gasstreitigkeiten 2006, 2009 sollten Recht behalten).
  • Direktpipelines sind effizienter und vermeiden politische Erpressung durch Drittländer.
  • Russland ist ein verlässlicher Partner – hat in der Sowjetzeit nie geliefert.
  • Die deutsche Industrie braucht sicheres und bezahlbares Gas.

Die Gegenargumente (damals schon gehört, aber ignoriert):

  • Polen und die baltischen Staaten fühlen sich übergangen – ein Signal an die neuen EU-Mitglieder.
  • Die Abhängigkeit wird einseitig: Russland gewinnt strategische Hebelwirkung.
  • Eine Energiepartnerschaft mit einem autoritären Regime ist riskant.
  • Die USA warnen bereits 2005: „Nord Stream ist ein geopolitischer Fehler“ (Condoleezza Rice).

Die Kritik von außen – und das Wegschauen in Berlin:

KritikerJahrAussageDeutsche Reaktion
Polen2005„Nord Stream ist das neue Molotow-Ribbentrop“Zurückweisung als „panikartig“
Baltische Staaten2006„Europa macht sich abhängig von einem revisionistischen Russland“Höflichkeit, aber kein Handeln
USA2008„Nord Stream ist ein strategischer Fehler“ (Cheney)„Die USA verstehen die deutsche Energiepolitik nicht“
EU-Osteuropa-Kommissar2009„Nord Stream untergräbt die europäische Solidarität“Unverbindliche Zusagen

Der Drehtür-Effekt als System: Schröder wird nach seinem Ausscheiden aus dem Kanzleramt Aufsichtsratsvorsitzender der Nord Stream AG (2010–2017) und später Vorsitzender des Aktionärsausschusses von Nord Stream 2. Er bezieht jährliche Vergütungen in Millionenhöhe von Gazprom. Kein anderer westlicher Spitzenpolitiker hat sich derart eng an Russland gebunden.

3. Die Ära Merkel (2005–2021): Vertiefung der Abhängigkeit trotz wachsender Warnungen

Angela Merkel übernimmt 2005 das Kanzleramt – und sie wird zur Fortsetzerin von Schröders Energiepolitik, allerdings mit einem anderen Stil. Sie ist vorsichtiger, skeptischer gegenüber Putin, aber am Ende genauso abhängig.

Die Chronologie der verpassten Chancen unter Merkel:

JahrEreignisDeutsche Reaktion
2006Erster Gasstreit zwischen Russland und der UkraineMerkel: „Wir brauchen Nord Stream, um solche Konflikte zu umgehen“
2008Georgien-Krieg (russische Invasion)Merkel verurteilt, aber Nord Stream 1 wird kurz darauf fertiggestellt
2010Gasabkommen zwischen Russland und der Ukraine (Charkiwer Abkommen)Merkel begrüßt Entspannung – keine Kurskorrektur
2011Einweihung von Nord Stream 1 (mit Bundeskanzlerin Merkel und Präsident Medwedew)Symbol der deutsch-russischen Partnerschaft
2013Beginn der Planungen für Nord Stream 2 (unter Umgehung der Ukraine)Merkel verteidigt es als „kommerzielles Projekt“
2014Annexion der KrimMerkel führt Sanktionen mit an, aber Nord Stream 2 wird nicht gestoppt – entscheidender Fehler
2015Nord Stream 2 wird offiziell beschlossenMerkel: „Das ist privatwirtschaftlich, nicht politisch“
2016USA verhängen erste Sanktionen gegen Nord Stream 2 (CAATSA)Deutschland protestiert gegen „extraterritoriale Sanktionen“
2018Bau von Nord Stream 2 beginnt (trotz EU-Widerstand)Merkel hält an Projekt fest
2021Biden-Merkel-Deal: Nord Stream 2 darf fertiggebaut, aber nicht politisch sanktioniert werdenDeutschland verpflichtet sich zu Investitionen in ukrainische Energieinfrastruktur (10 Mrd. USD)

Die zwei großen Fehler der Ära Merkel:

  1. Kein Stopp nach der Krim 2014: Die Logik hätte sein müssen: Russland annektiert Gebiet eines europäischen Nachbarn – Deutschland friert alle strategischen Energieprojekte ein. Stattdessen wurde Nord Stream 2 geplant und gebaut. Das Signal an Putin: Wirtschaftliche Konsequenzen hat deine Aggression nicht.
  2. Die Fiktion des „kommerziellen Projekts“: Nord Stream 2 war niemals rein kommerziell. Gazprom, ein staatlich kontrollierter Monopolist, war alleiniger Eigentümer. Die europäischen Partner (Uniper, Wintershall Dea, Shell, OMV, Engie) waren Finanziers, keine Miteigentümer. Merkel wusste das – aber sie redete es sich schön.

Die wachsende innenpolitische Kritik (2014–2021):

KritikerPositionKernargument
Norbert Röttgen (CDU)Außenpolitiker„Nord Stream 2 ist ein geopolitisches Eigentor“
Annalena Baerbock (Grüne)Fraktionsvorsitzende„Wir machen uns erpressbar“
Roderich Kiesewetter (CDU)Außenexperte„Putin wird diese Pipeline nutzen, um uns zu spalten“
Osteuropa-Expertendiverse„Die Ukraine wird als Transitland ausgehebelt – das schwächt sie“

Die SPD, allen voran der spätere Kanzler Olaf Scholz, hält dagegen: Nord Stream 2 müsse fertiggestellt werden, es sei ein „wirtschaftliches Projekt“. Der Ostausschuss der deutschen Wirtschaft lobbyiert massiv für die Pipeline.

4. Die Ära Scholz (seit 2021): Die Kehrtwende zu spät

Olaf Scholz wird im Dezember 2021 Bundeskanzler. Er hat Nord Stream 2 als Vizekanzler und Finanzminister unter Merkel (2018–2021) mit verantwortet. Nun ist er derjenige, der die Bombe entschärfen muss.

Die Chronologie des Zusammenbruchs:

DatumEreignis
22. Februar 2022Russland erkennt die „Volksrepubliken“ Donezk und Luhansk an – Scholz stoppt das Zertifizierungsverfahren für Nord Stream 2
24. Februar 2022Russland überfällt die Ukraine – die Diskussion um Nord Stream 2 ist faktisch beendet
Sommer 2022Scholz bemüht sich um eine technische Lösung im Turbinenstreit (siehe Artikel 4) – letztes Aufbäumen der alten Logik
26. September 2022Sabotage der Pipelines – endgültiges Ende

Scholz‘ widersprüchliche Rolle: Einerseits stoppt er Nord Stream 2 – das ist historisch. Andererseits bemüht er sich im Sommer 2022 noch um die Wiederaufnahme von Gaslieferungen über Nord Stream 1, selbst nach dem Überfall auf die Ukraine. Er besucht die in Mülheim lagernde Turbine, er sagt: „Es muss nur jemand sagen, ich möchte die Turbine haben.“ Der Bruch mit der alten Denke ist noch nicht vollzogen. Erst die Sabotage im September zwingt zur endgültigen Abkehr.

5. Die Kosten der Abhängigkeit: Eine Bilanz

Die deutsche Gasabhängigkeit von Russland hatte immense wirtschaftliche, politische und strategische Kosten.

Wirtschaftlich:

AspektZahlen
Höchster Anteil russischen Gases am deutschen Verbrauchca. 55 % (2015–2021)
Jährliche Zahlungen an Gazprom (Durchschnitt 2015–2021)ca. 20–25 Mrd. Euro
BIP-Verlust durch Energiekrise 2022/2023ca. 100 Mrd. Euro (Schätzung)
Zusätzliche Kosten für LNG-Importe (2022–2024)ca. 50 Mrd. Euro

Politisch:

  • Verlust an Glaubwürdigkeit in Osteuropa: Polen, die baltischen Staaten und die Ukraine fühlen sich von Deutschland im Stich gelassen. Der Satz „Nie wieder allein gelassen werden“ (nach 2014) wird zur leeren Floskel.
  • Ermutigung für Putin: Die Weigerung, Nord Stream 2 nach der Krim 2014 zu stoppen, sendete das Signal: Aggression gegen Nachbarn hat keine wirtschaftlichen Konsequenzen für Russland.
  • Spaltung der EU: Deutschland handelte bilateral mit Russland, ohne Rücksicht auf die Empfindlichkeiten der östlichen Mitgliedstaaten.

Strategisch:

  • Erpressbarkeit: Russland nutzte die Gasabhängigkeit 2022 systematisch als Druckmittel (Turbinenstreit, Lieferstopps).
  • Verzögerung der Energiewende: Die Verfügbarkeit von billigem russischem Gas entlastete den Druck, erneuerbare Energien und Energieeffizienz schnell voranzutreiben.

Die unbestreitbare Wahrheit: Die deutsche Gasabhängigkeit war nicht alternativlos. Deutschland hätte frühzeitiger auf LNG-Terminals setzen können (wie andere EU-Länder). Es hätte die heimische Gasförderung ausbauen können (wenn auch begrenzt). Es hätte massiver in Energieeffizienz investieren können. Es tat all das nicht – weil russisches Gas zu billig, zu bequem und zu „politisch neutral“ erschien.

6. Die verpassten Warnungen – Ein intellektuelles Versagen

Die Liste derer, die gewarnt haben, ist lang. Die Liste derer, die zugehört haben, ist kurz.

Person/InstitutionJahrWarnung
Zbigniew Brzeziński1997„Die größte Gefahr für Europa ist eine deutsch-russische Energiesonderbeziehung“
Radosław Sikorski (Polen)2011„Nord Stream ist das neue Molotow-Ribbentrop“
Anders Fogh Rasmussen (NATO)2014„Europa darf sich nicht von russischem Gas erpressen lassen“
US-Kongress (überparteilich)2015–2021„Nord Stream 2 ist ein geopolitisches Instrument Russlands“
Osteuropäische Kommissare2016„Nord Stream 2 spaltet die EU“
Annalena Baerbock2018„Diese Pipeline ist ein Fehler“

Die deutsche Politik – unter Schröder, Merkel und zunächst auch Scholz – tat diese Warnungen ab als „panikartig“, „osteuropäische Ängste“ oder „amerikanische Eigeninteressen“. Es war eine Mischung aus Arroganz, Naivität und wirtschaftlichem Egoismus.

Die drei Erklärungsmuster für das deutsche Versagen:

  1. Das ökonomistische Denken: „Wirtschaftliche Verflechtung führt zu Frieden“ (Kants Idee des Welthandels). Diese These funktioniert nur, wenn beide Seiten die Regeln teilen. Russland tat das nicht.
  2. Die historische Schuld: Deutschland fühlte sich nach dem Zweiten Weltkrieg und der Wiedervereinigung verpflichtet, eine Brücke zwischen Ost und West zu sein – auch um den Preis, über osteuropäische Empfindlichkeiten hinwegzugehen.
  3. Die kurzfristige Interessenpolitik: Die deutsche Industrie (Chemie, Stahl, Maschinenbau) profitierte von billigem Gas. Die Ostausschüsse der Wirtschaft lobbyierten erfolgreich. Die politischen Kosten waren abstrakt, die wirtschaftlichen Vorteile konkret.

Fazit: Lehren aus der Selbsttäuschung

Die Geschichte der deutschen Gasabhängigkeit ist eine Geschichte des Wegschauens. Sie lehrt:

  1. Energiepolitik ist immer auch Sicherheitspolitik. Die Fiktion des „rein kommerziellen Projekts“ ist gefährlicher Unsinn.
  2. Abhängigkeiten von autoritären Regimen sind riskant. Putin nutzte die Gaswaffe nicht erst 2022 – er tat es schon 2006, 2009, 2014. Deutschland lernte nicht daraus.
  3. Warnungen aus Osteuropa sind ernst zu nehmen. Die Länder, die jahrhundertelang unter russischer Dominanz litten, haben einen anderen Blick auf Moskau als Berlin.
  4. Die Politik muss widerstandsfähiger gegen Lobbys sein. Der Ostausschuss der deutschen Wirtschaft, die SPD-Nähe zu Gazprom und die Verflechtungen von Altkanzlern sind Kapitel eines Systems, das sich selbst korrumpierte.

Deutschland hat aus dieser Katastrophe gelernt – aber ob die Lehren von Dauer sind, wird sich zeigen. Die nächste Krise kommt bestimmt. Dann heißt es: Nicht wieder wegschauen.

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