Der süße Tod einer Legende – Warum Treets vom Markt verschwand und was heute davon übrig ist

Kategorisierung: im-rueckspiegel – techarchaeologie (Spurensuche eines verschwundenen Produkts), ergänzt um im-herz – alltagsphaenomene (kulturelle Bedeutung eines Markenverschwindens)

Schlagworte: Treets, M&Ms, Mars Incorporated, Katjes, Produkteinstellung, Markenrückzug, Nostalgie-Süßware


Einleitung: Ein Produkt, das Generationen prägte

Erdnüsse, umhüllt von einer dünnen, zart schmelzenden Schokoladenschicht, verpackt in einer auffällig gelben Tüte – wer in den 1970er- und 1980er-Jahren in Deutschland, Großbritannien, Frankreich, Italien, Belgien oder den Niederlanden aufwuchs, kennt dieses Bild. Der Slogan „Schmilzt im Mund, nicht in der Hand“ war damals nicht nur ein Werbespruch, sondern ein Versprechen. Die Marke hieß Treets. Und dann, eines Tages, war sie weg – ersetzt durch etwas, das ähnlich aussah, aber anders schmeckte. Was war geschehen? Warum wurde Treets vom Markt genommen? Und wie konnte eine Marke mit solch einem Kultstatus einfach verschwinden?

Die Ursprünge: Von Amerika nach Europa

Die Geschichte beginnt nicht in Europa, sondern in den USA. Dort brachte Forrest E. Mars senior, Sohn des Gründers des Schokoladenimperiums Mars Inc., bereits 1941 die ersten M&M’s auf den Markt – als kugelförmige, mit einer Zuckerschicht umhüllte Schokolinsen, die nicht schmolzen und speziell für US-Soldaten im Zweiten Weltkrieg entwickelt wurden. Die Peanut-Variante – Erdnüsse im Schokoladenmantel – folgte 1954.

In Europa hingegen lief der Vertrieb dieser Erdnuss-Schokolinsen unter einem anderen Namen: Treets. Eingeführt in den 1960er Jahren in Großbritannien, fand die Marke schnell Verbreitung in Deutschland, Frankreich, Italien, Belgien und den Niederlanden. Es gab drei Varianten: die klassischen Peanut Treets (Erdnüsse in Milchschokolade mit dunkelbrauner Glasur, gelbe Packung), Toffee Treets (blaue Packung) und Chocolate Treets (braune Packung).

Für die europäischen Verbraucher war Treets also das Produkt, das M&M’s in den USA war. Der Slogan war derselbe, die Rezeptur ähnlich, aber eben doch nicht identisch.

Die große Wende: Ein Markenname verschwindet

Im Jahr 1986 fällte Mars eine Entscheidung, die bei den europäischen Konsumenten für Entsetzen sorgte: Die Marke Treets sollte verschwinden und durch M&M’s ersetzt werden. Die offizielle Begründung: globale Harmonisierung. Mars wollte sein Flaggschiffprodukt weltweit unter einem einheitlichen Namen vermarkten. Da M&M’s in den USA bereits etabliert und erfolgreich war, sollte dieser Name auch in Europa zum Standard werden.

Das Jahr 1987 gilt als das endgültige Aus für Treets im deutschen und europäischen Handel. Die gelben Tüten verschwanden aus den Regalen – und machten Platz für die bunten, mehrfarbigen M&M’s in der Peanut-Variante.

Ein Produkt, zwei Welten: Der eigentliche Unterschied

Doch warum beschwerten sich so viele Treets-Fans? Weil die neuen M&M’s mit dem Vorgängerprodukt praktisch nichts mehr zu tun hatten. Die Unterschiede waren handfest:

MerkmalTreets (original)M&M’s Peanut (ab 1987)
Farbe der GlasurEinheitlich braunBunt (rot, gelb, blau, grün etc.)
SchokoladenüberzugDünn, zart schmelzendAndere Rezeptur, dicker
ErdnussanteilHöherNiedriger
MarkenzeichenKein BuchstabeWeißes „m“ auf jeder Linse
VerpackungSignalgelbGelb mit bunten Akzenten

Wie ein Zeitzeuge in einem Forum schreibt: „De facto waren die Treets deutlich größer als die M&M’s, der Erdnussanteil im Vergleich zum Schokoladenanteil größer als jetzt, was sich natürlich auf den Geschmack auswirkt.“ Auch die Schokoladenglasur der Treets sei dünner, schmelzender und vor allem ungefärbt gewesen.

Mars hatte also nicht einfach nur den Namen gewechselt, sondern das Produkt selbst verändert – ein Risiko, das sich aus Sicht des Konzerns offenbar lohnte, denn M&M’s setzten sich langfristig durch.

Ein kurzes Comeback: Die Marketingaktion von 2009

Anlässlich des 30. Geburtstags von Mars Deutschland im Jahr 2009 wagte der Konzern eine kleine Nostalgie-Offensive: Treets kamen für kurze Zeit zurück in den Handel. Doch es blieb eine zeitlich begrenzte Marketingaktion, kein dauerhaftes Comeback. Die Botschaft war klar: Mars hatte sich längst von der alten Marke verabschiedet.

Der Eigentümerwechsel: Wie Katjes die Marke rettete

Im Jahr 2017 passierte etwas Bemerkenswertes: Mars ließ die Markenrechte an Treets verfallen – sei es aus Versehen oder bewusster Strategie, die genauen Umstände bleiben unklar. Das deutsche Unternehmen Piasten GmbH aus Forchheim (Oberfranken), eine 100-prozentige Tochter der Katjes International, griff zu. Piasten, ein traditionsreicher Drageehersteller, der bereits 1923 gegründet wurde, meldete die Marke selbst an und begann 2018 mit der Produktion und dem Vertrieb.

Die erste Amtshandlung: ein Relaunch in Frankreich ab 2018, finanziert und vertrieben durch die französische Firma Lutti. Es folgten weitere europäische Märkte, darunter auch Deutschland. Das ursprüngliche Rezept wurde dabei aufgegriffen, jedoch leicht angepasst – die Verpackung wechselte von Gelb zu Orange, um eine klare Abgrenzung zu den M&M’s zu schaffen.

Rechtsstreit mit Mars: Wer darf Treets eigentlich nutzen?

Die Rückkehr von Treets verlief nicht ohne juristische Turbulenzen. Mars fühlte sich in seinen Rechten verletzt und zog vor ein Pariser Gericht, um die Markenanmeldung durch Piasten löschen zu lassen – unter anderem mit dem Vorwurf der Bösgläubigkeit. Das Gericht entschied jedoch im Dezember 2023 zugunsten von Piasten: Die Anmeldung sei weder bösgläubig noch täuschend. Damit war der Weg für die dauerhafte Etablierung von Treets unter neuer Führung frei.

Die Kehrseite der Wiedergeburt: Vegane Treets ohne Schokolade

Doch auch die neue Treets-Ära bringt Kontroversen mit sich. Im Frühjahr 2026 machte die Verbraucherzentrale auf ein Problem aufmerksam: Die als „vegan“ deklarierten Treets Peanuts enthalten keine Schokolade mehr, sondern ein kakaofreies Schokoladenimitat auf Pflanzenfett- und Sonnenblumenkernbasis. Auf der Vorderseite der Packung wird dies nur durch einen grünen Streifen und den kleinen Hinweis „ChoViva“ angedeutet; der Begriff „Schokoladenalternative“ findet sich klein gedruckt auf der Rückseite.

Verbraucherinnen und Verbraucher berichten von Fehlkäufen: „Ich bin davon ausgegangen, dass bei einem vegan-Hinweis keine Milch verwendet wird. Aber im Prinzip ist es gar keine Schokolade mehr.“ Die Verbraucherzentrale kritisiert die Verpackungsgestaltung als täuschend, da der Austausch der Schokolade für den schnellen Einkauf kaum erkennbar sei.

Fazit: Ein Produkt zwischen Nostalgie und Marktwirtschaft

Die Geschichte von Treets ist mehr als die eines Süßwarenprodukts. Sie ist ein Lehrstück über Markenpolitik, Konsumentenbindung und die Macht der Nostalgie. Mars opferte die etablierte europäische Markteinführung zugunsten einer globalen Einheitsmarke – ein Schritt, der aus Konzernsicht rational, aus Verbrauchersicht jedoch schmerzhaft war.

Dass Treets heute wieder existiert, verdankt sich nicht einer Entscheidung des ursprünglichen Herstellers, sondern einem cleveren Schachzug eines Wettbewerbers, der die verfallenen Rechte aufgriff. Doch auch die Neuauflage ist nicht frei von Widersprüchen: Die vegane Variante verzichtet auf den namensgebenden Bestandteil Schokolade – und sorgt damit für neue Verärgerung.

Letztlich bleibt die Frage, was Konsumenten wirklich wollen: ein authentisches Produkt nach Originalrezept oder eine Marke, die vor allem Nostalgie verkauft, aber nicht mehr das ursprüngliche Versprechen einlöst. Die Antwort dürfte so unterschiedlich ausfallen wie die Geschmäcker selbst.


Quellen

  • Wikipedia: Treets (englisch)
  • Wikipedia: M&M’s (deutsch)
  • W&V: Katjes bringt Nostalgie-Marke „Treets“ zurück (10. September 2018)
  • isteshaltbar.deWie hieß Treets früher? & Wem gehört Treets?
  • candymix.frAus Treets wird M&M’s: Die Geschichte hinter der Namensänderung! (12. Dezember 2025)
  • kiwix.jackbot.frTreets (französische Wikipedia, Stand 2021)
  • wolt.comTreets Peanuts (Produktbeschreibung)
  • lebensmittelklarheit.deTreets Peanuts mit Schokoladenimitat statt Schokolade (25. März 2026)
  • domanski-avocat.comLöschungsverfahren im französischen Markenrecht (19. März 2024)

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