Metropolis (1927): Die Geburtsstunde des modernen Science-Fiction-Kinos

von DerSchneider

Einleitung

Es ist eine Vision, die bis heute nachwirkt: eine vertikale Stadt, in der die Reichen in gläsernen Gärten über den Wolken schweben, während die Arbeiter wie Sklaven in den Tiefen der Maschinen schuften. Eine künstliche Frau, erschaffen von einem wahnsinnigen Wissenschaftler, die die Massen zur Revolte anstiftet. Und das Credo, das wie ein Monument über der Stadt thront: „Zwischen Hirn und Hand muss das Herz vermitteln“.

Fritz Langs „Metropolis“ ist weit mehr als ein Stummfilm von 1927. Er ist die erste große Science-Fiction-Produktion der Filmgeschichte, ein technisches Wunderwerk seiner Zeit und eine bis heute gültige Blaupause für unsere Zukunftsängste. Das transatlantische Gemeinschaftsprojekt der deutschen UFA-Studios mit Paramount Pictures aus Hollywood kostete die damals astronomische Summe von fünf Millionen Reichsmark (laut anderen Quellen sechs bis sieben Millionen) – mehr als jeder andere deutsche Film zuvor. 310 Drehtage, rund 36.000 Komparsen und 620.000 Meter Negativfilm waren nötig, um diese dystopische Welt zu erschaffen.

Die Entstehung eines visionären Films

Die Inspiration zu „Metropolis“ holte sich Fritz Lang 1924 auf seiner ersten Reise nach New York. Als sein Schiff in den Hafen von Manhattan einlief, bot sich ihm der Anblick der Skyline: ein Wald aus Wolkenkratzern, die sich in der untergehenden Sonne abzeichneten. In diesem Moment war die Grundidee der vertikalen Mega-City geboren – eine Vision, die bis heute als archetypisches Bild einer futuristischen Stadt fungiert.

Zurück in Deutschland begann die aufwendige Produktion. Lang war bekannt für seinen Perfektionismus. Die berühmte Flutsequenz, die beinahe apokalyptisch wirkt, entstand durch wochenlange Dreharbeiten, bei denen Statisten stundenlang im eiskalten Wasser ausharren mussten. So entstand nebenbei auch der erste große Katastrophenfilm der Kinogeschichte. Ein Großteil der Requisiten und Miniaturmodelle wird bis heute in der Deutschen Kinemathek in Berlin aufbewahrt.

Die revolutionären Filmtechniken: Handwerkliche Geniestreiche

Was „Metropolis“ jedoch wirklich von allen anderen Filmen seiner Zeit abhebt, ist die schier unglaubliche Bandbreite an Spezialeffekten. Kameramann Eugen Schüfftan entwickelte eigens für den Film das nach ihm benannte Schüfftan-Verfahren, eine Technik, die bis weit ins 20. Jahrhundert hinein als Standard für Kombinationstricks gelten sollte.

Das Schüfftan-Verfahren im Detail

Das Verfahren funktioniert folgendermaßen: Ein Spiegel wird in einem Winkel von 45 Grad zwischen Filmkamera und Miniaturkulisse aufgestellt. Anschließend werden die Teile der Spiegelschicht, an denen später die Darsteller zu sehen sein sollen, mit einem Messer entfernt. Wo der Spiegel intakt bleibt, erscheint das Spiegelbild der Kulisse – dort, wo er abgekratzt ist, wird die Glasscheibe durchsichtig, und die Kamera kann die dahinter agierenden Schauspieler aufnehmen. Dieser Trick wurde unter anderem für die legendäre Szene eingesetzt, in der sich die unterirdischen Maschinen der Stadt in den antiken Gott Moloch verwandeln, der die Arbeiter verschlingt.

Weitere visuelle Meisterleistungen

Das Schüfftan-Verfahren war jedoch nur ein Element unter vielen. Die Eröffnungsaufnahmen der Stadt – mit fliegenden Autos, Hochbahnen und fahrenden Taxis – entstanden durch aufwendige Stop-Motion-Animationen. Arbeiter verrückten jedes Auto, jeden Zug und jedes Flugzeug Millimeter für Millimeter, um die Illusion von Verkehr zu erzeugen – wochenlange Arbeit für eine einzige Sequenz.

Die Suche nach Suchscheinwerfern am Himmel der Stadt realisierte Lang durch eine Kombination aus Zeichnungen und Stop-Motion: Ein Millimeter nach dem anderen wurde auf einer mit Lack versiegelten Zeichnung der Scheinwerfer-Strahl weiterbewegt, um den Eindruck bewegter Lichter zu schaffen.

Die Mehrfachbelichtung und das erste Bildtelefon

Für die Szene, in der Joh Fredersen, der Herrscher von Metropolis, mit seinem Sohn Freder per Bildschirm telefoniert, verwendete Lang eine weitere revolutionäre Technik: die Mehrfachbelichtung. Er spulte den Film immer wieder zurück, um die Bilder zu überlagern, wodurch eine fast halluzinative Bildästhetik entstand. Dies war das erste Bildtelefon der Kinogeschichte – fast ein Jahrhundert bevor Videoschalten und Teamskonferenzen zur Normalität wurden.

Die „Menschmaschine“ und die Transformation

Eine der technisch anspruchsvollsten Sequenzen ist die Verwandlung des Roboters in die Gestalt Marias. Die Transformation von Metall in Fleisch und Blut erforderte eine präzise Abfolge von Blenden, Überblendungen und optischen Täuschungen, die den Zuschauer bis heute in ihren Bann zieht.

Die Architektur des Grauens: Expressionismus als Bildsprache

All diese technischen Raffinessen wären jedoch nur halb so effektiv ohne die ästhetische Grundierung, die ihnen zugrunde liegt. „Metropolis“ ist das vielleicht reinste Beispiel des deutschen Expressionismus im Film. Charakteristisch sind die stark verzerrten, scharfkantigen und überhöhten Kulissen, die Schattenwürfe, die wie Gitterstäbe über die Gesichter der Figuren fallen, und die klaustrophobische Enge der unterirdischen Maschinenhallen. Diese stilisierte Darstellung war nicht nur eine künstlerische Entscheidung, sondern eine dramaturgische Notwendigkeit: Sie machte die Machtverhältnisse zwischen Unterdrückern und Unterdrückten unmittelbar sichtbar.

Thea von Harbou: Die vergessene Autorin

Hinter dem monumentalen Werk stand nicht nur der geniale Regisseur, sondern auch eine Frau, deren Geschichte bis heute ambivalent bleibt: Thea von Harbou. Sie schrieb das Drehbuch zu „Metropolis“ (und verfasste zeitgleich den gleichnamigen Roman) und war zu dieser Zeit mit Fritz Lang verheiratet.

Thea von Harbou war eine der produktivsten Drehbuchautorinnen der Weimarer Republik. Gemeinsam mit Lang schuf sie nicht nur „Metropolis“, sondern auch Meisterwerke wie „Die Nibelungen“ und „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“.

Doch ihre spätere Biografie wirft einen dunklen Schatten auf ihr Werk. Nachdem Fritz Lang – dessen Mutter jüdisch war – 1933 vor den Nazis ins Exil in die USA floh, ließ sie sich von ihm scheiden, trat in die NSDAP ein und schrieb fortan Propagandadrehbücher für das Regime. Ihre Wege kreuzten sich nie wieder. Diese Tatsache macht die Rezeption von „Metropolis“ bis heute zu einer Herausforderung: Wie trennt man das künstlerische Genie von der politischen Überzeugung seiner Schöpferin?

Der Zukunftsfilm von 1927: Handlung und Vision

Die Handlung spielt im fiktiven Jahr 2026. Die Stadt ist streng zweigeteilt: oben die glitzernde Oberwelt der Eliten, unten die düstere, unterirdische Arbeiterstadt, in der Menschen wie Maschinenteile ausgebeutet werden. Freder Fredersen, der Sohn des Stadt-Herrschers, begegnet der jungen Maria, einer Prophetin der Versöhnung. Gemeinsam wollen sie die soziale Kluft überwinden. Doch Rotwang, ein verrückter Wissenschaftler, entführt Maria und überträgt ihre Gestalt auf eine „Menschmaschine“, einen Roboter. Der künstliche Maria soll die Arbeiter beruhigen – stattdessen hetzt er sie zur Revolte auf, die in einer Katastrophe endet.

Das finale Motto – „Zwischen Hirn und Hand muss das Herz vermitteln“ – ist heute umstritten. Kritiker sehen darin eine konservative, fast faschistoide Botschaft, die den Klassenkampf durch eine harmonisierende Instanz ersetzen will. Andere interpretieren es als humanistischen Appell, der vor der Entfremdung durch die reine Technik warnt.

Die verlorene Originalfassung und ihre abenteuerliche Wiederentdeckung

Nach der Berliner Premiere am 10. Januar 1927 floppte „Metropolis“. Die Kritiken waren vernichtend, die Zuschauer blieben aus. Der Science-Fiction-Pionier H. G. Wells nannte den Film in seiner Rezension für die New York Times „the silliest film“ – den albernsten Film, den er je gesehen habe.

Die US-amerikanischen Verleiher kürzten den Film daraufhin um fast ein Drittel. Lange Zeit existierte keine vollständige Fassung mehr. Die Originalversion galt als verschollen.

Dann, im Jahr 2008, die Sensation: Im Museo del Cine in Buenos Aires wurde eine verkleinerte 16-mm-Kopie der Originalfassung entdeckt. Das Filmmaterial war stark beschädigt, aber es enthielt viele als verloren geglaubte Einstellungen. Die Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung begann eine aufwendige digitale Restaurierung.

Am 12. Februar 2010, mehr als 80 Jahre nach der Premiere, feierte die restaurierte Fassung ihre Doppelpremiere – im Berliner Friedrichstadtpalast bei der Berlinale und gleichzeitig in der Alten Oper Frankfurt. Erstmals konnten Zuschauer „Metropolis“ wieder in seiner ursprünglichen Länge von knapp zweieinhalb Stunden erleben.

Der lange Weg der Restaurierungen

Es war nicht der erste Versuch, den Film wiederzubeleben. In den 1980er Jahren produzierte der italienische Disco-Produzent Giorgio Moroder eine eigene Version: Er färbte einzelne Szenen ein, kürzte den Film auf 84 Minuten und unterlegte ihn mit einem zeitgenössischen Pop-Soundtrack, an dem Künstler wie Freddie Mercury, Pat Benatar und Adam Ant mitwirkten. Für Puristen ein Sakrileg – für eine ganze Generation der erste Zugang zu diesem Meisterwerk.

Die 2010er Restaurierung der Murnau-Stiftung hingegen arbeitete mit größtmöglicher Werktreue. Anhand der Original-Filmmusik von Gottfried Huppertz, die über 1000 detaillierte Stichworte zur Handlung enthielt, konnten die Fehlstellen identifiziert und nach Möglichkeit mit Originalmaterial gefüllt werden.

Das Vermächtnis: Wie „Metropolis“ die Popkultur prägte

Die Bedeutung von „Metropolis“ lässt sich kaum überschätzen. Der Film wurde 2001 von der UNESCO in das Weltdokumentenerbe „Memory of the World“ aufgenommen. Aber sein wahres Erbe lebt in der Popkultur weiter.

Die vertikale Stadtarchitektur wurde zur Vorlage für Ridley Scotts „Blade Runner“ (1982), für „Star Wars“ und für Tim Burtons „Batman“-Filme. Der wahnsinnige Wissenschaftler Rotwang mit seinem zerzausten Haar und seinen knisternden Apparaturen wurde zum Archetypen für jeden „verrückten Professor“ im Kino, von „Frankenstein“ (1931) bis hin zu „Zurück in die Zukunft“.

Der Roboter, die „Menschmaschine“ Maria, gilt als die Ur-Mutter aller künstlichen Wesen im Film: C-3PO aus „Star Wars“, der Terminator und Ava aus „Ex Machina“ sind ihre direkten Nachfahren.

Auch in der Musik ist die Bildsprache von „Metropolis“ allgegenwärtig. Queen ließ sich für das Video zu „Radio Ga Ga“ direkt inspirieren, Madonna für „Express Yourself“ und Beyoncé griff mehrfach auf den ikonischen „sexy Maria Robot“-Look zurück.

Fazit: Ein Film, der nie altern wird

„Metropolis“ ist weit mehr als ein historisches Artefakt. Es ist ein Film, der unsere kollektiven Ängste vor der Zukunft bis heute auf beklemmende Weise einfängt: die Angst vor Massenüberwachung, vor der Entfremdung durch die Maschine, vor der gesellschaftlichen Spaltung zwischen Arm und Reich.

Fritz Langs Meisterwerk ist kein perfekter Film. Die Handlung ist holprig, die Moralpredigt am Ende wirkt naiv, und die politische Botschaft ist alles andere als eindeutig. Aber gerade diese Unvollkommenheit macht ihn lebendig. „Metropolis“ ist ein Film über unsere Hoffnungen und Ängste, über die Frage, wohin uns der Fortschritt führt – eine Frage, die heute, fast 100 Jahre nach seiner Entstehung, aktueller ist denn je.


Kategorisierung:

  • im-rueckspiegel / techarchaeologie

Schlagworte:
Metropolis, Fritz Lang, Stummfilm, Science-Fiction, Schüfftan-Verfahren, Filmtechnik, Thea von Harbou, UNESCO-Weltdokumentenerbe


Quellen:

  • Deutsche Welle (2026): *Metropolis (1927): Wie Fritz Langs Meisterwerk bis heute Science-Fiction prägt* (YouTube-Dokumentation)
  • Wikipedia: Schüfftan-Verfahren
  • Wikipedia: Schüfftan process (englisch)
  • Morgenpost: Thea von Harbous Naziverstrickungen
  • Literaturportal Bayern: Metropolis – Thea von Harbou
  • Deutsche Welle (2008): „Metropolis“-Original ist stark ramponiert
  • Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung: *PROJEKT: METROPOLIS 27/10*
  • Blogs der Freien Universität Berlin: Ein Daumen für Fritz Lang (2010)
  • BFI (British Film Institute): Metropolis (1927)
  • Tallahassee.comGame Changers: ‚Metropolis‘ (2017)
  • Kino-Zeit.deMetropolis (1927)
  • Lapham’s Quarterly: Mr. Wells Reviews a „Current“ Film (H.G. Wells, 1927)
  • SlashFilm: The Landmark Sci-Fi Movie That H. G. Wells Hated (2025)

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