Disneys schwarzes Loch: Eine Tech-Archäologie des gescheiterten Star-Wars-Rivalen
von DerSchneider
Einleitung: Der teuerste Fehlgriff der Maus
Es sollte die große Antwort auf Star Wars werden. Stattdessen wurde Das schwarze Loch (1979) zu einem der rätselhaftesten und risikoreichsten Filme der Disney-Geschichte. Mit einem Budget von 20 Millionen US-Dollar – inflationsbereinigt über 80 Millionen – war es die bis dahin teuerste Produktion des Studios. Doch der Film floppte an den Kinokassen (nur 35,8 Millionen Dollar weltweit) und zerriss die Kritiker. Aus heutiger Sicht ist Das schwarze Loch ein faszinierendes Dokument filmischer Tech-Archäologie: ein ambitionierter, aber konzeptionell zerrissener Versuch, mit den Mitteln der Spät-Siebziger einen düsteren Existenzialismus im Weltraum zu inszenieren – ohne die visionäre Kraft eines George Lucas oder das Effekte-Wunderland von Industrial Light & Magic.
Dieser Artikel beleuchtet die Entstehungsgeschichte, die technischen Hürden, das Fehlen der Lucasfilm-Infrastruktur und die fragwürdigen kreativen Entscheidungen, die aus dem Film eine legendäre Fehlkonstruktion machten – und warum er heute als Kultobjekt verehrt wird.
1. Handlung und personelle Besetzung: Ein düsteres Märchen im All
Bevor wir in die Technik eintauchen, eine kurze Inhaltsangabe:
Das Forschungsschiff USS Palomino entdeckt am Rande eines gigantischen schwarzen Lochs das seit Jahren verschollene Raumschiff USS Cygnus. An Bord trifft die Crew auf den genialen, aber wahnsinnigen Dr. Hans Reinhardt (Maximilian Schell), der davon träumt, mit seinem Schiff in das Schwarze Loch einzutauchen. Die Palomino-Crew entdeckt das Grauen: Reinhardt hat seine meuternde Besatzung getötet und deren Gehirne in willenlose Robotersklaven transferiert. Ein Kampf ums Überleben beginnt, der in einer surrealen, religiös aufgeladenen Reise durch das Loch endet – mit einer Himmelfahrtsvision, die eher an Dantes Inferno als an Krieg der Sterne erinnert.
Die Hauptdarsteller (eine Starbesetzung der 70er Jahre):
| Schauspieler | Rolle | Bekannt für |
|---|---|---|
| Maximilian Schell | Dr. Hans Reinhardt | Oscar-Preisträger (Urteil von Nürnberg) |
| Anthony Perkins | Dr. Alex Durant | Psycho |
| Robert Forster | Captain Dan Holland | Jackie Brown |
| Yvette Mimieux | Dr. Kate McCrae | Die Zeitmaschine (1960) |
| Ernest Borgnine | Harry Booth | Die Höllenfahrt der Poseidon |
| Joseph Bottoms | Lt. Charles Pizer | Die durch die Hölle gehen |
| Roddy McDowall | Stimme von V.I.N.CENT | Planet der Affen |
| Slim Pickens | Stimme von B.O.B. | Dr. Seltsam |
Die Besetzung zeigt Disneys Ambition: Hochkarätige Charakterdarsteller sollten dem Film eine ernsthafte, erwachsene Note geben. Doch genau hier lag ein erstes Problem: Der Film wusste nicht, ob er ein Kinderabenteuer (die quietschigen Roboter V.I.N.CENT und B.O.B.) oder ein philosophischer Horrorfilm (Reinhardts Wahnsinn, die Robotersklaven) sein wollte.
2. Die Qual der Drehbuchentwicklung: Fünf Jahre Irrfahrt
Die Entwicklung von Das schwarze Loch begann bereits 1974 – lange vor Star Wars. Ursprünglich als Space Station One betitelt, sollte es ein Katastrophenfilm im Weltraum werden, inspiriert von Irwin Allens Die Höllenfahrt der Poseidon. Doch das Projekt dümpelte vor sich hin, wurde von verschiedenen Autoren (Bob Barbash, Richard Landau, Gerry Day) umgeschrieben, ohne jemals eine klare Linie zu finden.
Erst der überwältigende Erfolg von Star Wars (1977) ließ Disney aufhorchen. Das Studio ordnete eine radikale Überarbeitung an. Regisseur Gary Nelson – bis dahin bekannt für Fernsehproduktionen wie The Quest – wurde engagiert. Er warf die ursprünglichen Nebenhandlungen über Bord, konzentrierte sich auf die Kerncrew der Palomino und verstärkte die düstere Atmosphäre. Doch selbst unter Nelsons Regie blieb das Drehbuch ein Flickenteppich.
Interessant ist eine Aussage Nelsons, die in einem zeitgenössischen Hollywood Reporter-Artikel zitiert wurde: „We never had an ending“ (Wir hatten nie ein Ende). Das berühmte, viel diskutierte Schlussbild – Reinhardt als gefallener Engel im Inneren des Schwarzen Lochs – wurde erst während der Postproduktion entwickelt. Der Drehbuchprozess dauerte insgesamt etwa fünf Jahre, mit mindestens sechs verschiedenen Autoren. Eine ungewöhnlich lange und chaotische Phase für einen Disney-Film.
3. Technische Herausforderungen: Zwischen Innovation und Scheitern
Das schwarze Loch war ein Testfeld für neue Filmtechniken – aber auch ein Paradebeispiel für das Scheitern guter Ideen an der praktischen Umsetzung.
3.1 Das A.C.E.S.-Kamerasystem
Disney setzte auf das Automatic Camera Effects System (A.C.E.S.) , ein computergesteuertes Kamerasystem, das komplexe, wiederholbare Kamerafahrten für die Effektaufnahmen ermöglichte. Es war damals das fortschrittlichste System seiner Art in Hollywood. Die Kamera bewegte sich auf einer Schiene, während ein Computer die Positionen und Neigungen speicherte – eine frühe Form der Motion Control.
Vorteil: Perfekte Wiederholbarkeit für Mehrfachbelichtungen.
Nachteil: Die Computersteuerung war extrem zeitaufwändig. Robert Forster (Captain Holland) erinnerte sich später, dass an manchen Tagen nur zwei oder drei Einstellungen gedreht wurden – manchmal nur eine einzige, deren Vorbereitung den ganzen Tag beanspruchte.
3.2 Die Entstehung des Schwarzen Lochs
Der titelgebende Effekt des Schwarzen Lochs ist eine Meisterleistung analoger Tricktechnik. Statt auf Computeranimation (die es in der Form noch nicht gab) zu setzen, erzeugte man den Wirbel mit einem Plexiglas-Tank voller Wasser und Farbstoffen:
- Ein mechanischer Rührer erzeugte einen Strudel.
- In den Wirbel wurden fluoreszierende Farben (z.B. für den roten Akzent) injiziert.
- Unter Schwarzlicht und mit Zeitlupenaufnahmen (bis zu 120 Bildern pro Sekunde) entstand der surreale, flüssige Sog.
Die Arbeiten leitete der Effekte-Veteran Art Cruickshank (Oscar für 2001: Odyssee im Weltraum – er war für die Sternentor-Sequenz verantwortlich). Das Team bestand aus vier Oscar-Preisträgern, darunter Peter Ellenshaw (Matte Paintings) und Eustace Lycett.
3.3 Die Roboterschwierigkeiten
Besonders problematisch war der Bau des Roboters V.I.N.CENT (Vital Information Necessary CENTralized). Ursprünglich war ein komplexer, mechanischer Kopf mit beweglichen Augen geplant – ähnlich wie R2-D2, aber mit mehr Mimik. Das mechanische Auge funktionierte jedoch nie zufriedenstellend. Kurz vor Drehbeginn wurde das Konzept verworfen, und man entschied sich für einen einfacheren, starren Kopf mit LED-Leuchten. Die Bewegungen des Roboters – er schwebte frei – wurden durch Drahtseilzüge realisiert, was zu oft sichtbaren Fäden führte.
| Roboter | Funktion | Besonderheit |
|---|---|---|
| V.I.N.CENT | Freundlicher Begleiter | Sprechstimme: Roddy McDowall |
| B.O.B. (BiO-sanitation Battalion) | Tumber, eckiger Roboter | Sprechstimme: Slim Pickens |
| Maximilian | Roter, stummer Killer-Roboter mit rotierenden Klingen | Entworfen von Peter Ellenshaw; später Vorbild für Wall-E? |
Maximilian, der furchterregende, rote Killerroboter mit zwei rotierenden Klingen auf der Brust, wurde zum ikonischen Design. Er war eine reine Puppe ohne Mimik – und funktionierte perfekt als Symbol für Reinhardts kalte Bosheit.
3.4 Die erste Disney-PG-Freigabe
Das schwarze Loch war der erste Disney-Film, der von der MPAA die PG-Freigabe (Parental Guidance Suggested) erhielt. Zuvor hatten alle Disney-Produktionen das G-Rating (für allgemeines Publikum). Die düstere Atmosphäre, die Todesfälle (unter anderem wird Anthony Perkins‘ Charakter von Maximilian brutal aufgespießt) und die existenzialistische Schlusssequenz zwangen Disney zu diesem Schritt – ein klares Eingeständnis, dass man sich vom familienfreundlichen Image entfernte.
4. Das Fehlen von Lucasfilm: Ein strategischer Fehler
Die größte Schwäche des Films war nicht die Technik an sich, sondern das Fehlen einer visionären Regie und eines spezialisierten Effekte-Hauses wie Industrial Light & Magic (ILM) . George Lucas hatte für Star Wars ein Team zusammengestellt, das die Grenzen des Machbaren neu definierte: Motion-Control-Kameras, computergesteuerte Bewegungen, neuartige Kompositverfahren. Disney hingegen vertraute auf seine hauseigenen Effekte-Künstler – die zwar hervorragend in klassischen Techniken (Matte Paintings, optische Printer) waren, aber keine Erfahrung mit den neuen Anforderungen des Science-Fiction-Actionfilms hatten.
Ein Vergleich:
| Aspekt | Star Wars (1977) | Das schwarze Loch (1979) |
|---|---|---|
| Effekte-Haus | ILM (extra gegründet) | Disney-eigene Trickabteilung |
| Motion Control | Dykstraflex-Kamera | A.C.E.S. (ähnlich, aber weniger flexibel) |
| Tempo | Schnell, actionreich | Langsam, meditativ |
| Zielgruppe | Jugendliche & Erwachsene | Unklar (teils Kinder, teils Erwachsene) |
| Kreativkontrolle | George Lucas (eine Vision) | Gary Nelson + Disney-Komitee |
Disney reagierte nicht mit einem Imitat von Star Wars, sondern mit einer bewussten Abgrenzung – was ehrenwert, aber kommerziell töricht war. Das Publikum wollte 1979 keine düstere Weltraum-Existenzialphilosophie, sondern unterhaltsame Abenteuer. Der Film war zu langsam für Kinder und zu kindisch für Erwachsene.
5. Weitere fragwürdige Entscheidungen
- Kein Disney-Logo im Vorspann: Regisseur Gary Nelson bestand darauf, das vertraute Disney-Logo zu entfernen, um den Film erwachsener wirken zu lassen. Stattdessen erschien das Buena-Vista-Label. Dies verwirrte das Publikum, das einen Disney-Film erwartete.
- Besetzungsprobleme: Ursprünglich war Sigourney Weaver für eine Rolle vorgesehen, wurde aber wegen ihres „ungewöhnlichen“ Namens abgelehnt. Jennifer O’Neill wurde gecastet, ließ sich auf Nelsons Wunsch die Haare von Vidal Sassoon schneiden – und hatte dann einen Autounfall, sodass Yvette Mimieux einspringen musste.
- Maximilian Schells Forderungen: Der Oscar-Preisträger stellte die Bedingung, dass er seine eigenen Schnitträume für einen anderen Film mit ins Studio bringen durfte – eine teure und logistisch aufwändige Extrawurst.
- Geheimhaltung: Das Set wurde rund um die Uhr bewacht, um zu verhindern, dass nach außen dringt, dass man „vielleicht gar keinen guten Film“ habe – wie ein Crewmitglied später zynisch anmerkte.
6. Fazit und Ausblick: Vom Flop zum Kult
Das schwarze Loch war kein kommerzieller Erfolg, aber auch kein totaler Flop – er spielte weltweit etwa das 1,8-fache seiner Produktionskosten ein. Doch die Enttäuschung war groß. Disney zog sich vorerst aus dem Science-Fiction-Genre zurück und gründete 1984 das Label Touchstone Pictures, um erwachsenere Filme ohne das Maus-Logo zu produzieren – eine direkte Konsequenz aus den Erfahrungen mit Das schwarze Loch.
In den folgenden Jahrzehnten wuchs der Film zum Kultobjekt heran. Die düstere Atmosphäre, die bizarre Schlusssequenz und das Design von Maximilian inspirierten spätere Werke – allen voran Wall-E (2008), dessen Hauptfigur eindeutige Anleihen bei V.I.N.CENT und Maximilian zeigt.
Technikhistorisch ist Das schwarze Loch ein Lehrstück für das Scheitern ambitionierter Innovationen ohne einheitliche Vision. Die Effekte sind oft beeindruckend, aber sie dienen keiner klaren Erzählung. Der Film ist ein Museumstück der späten 70er Jahre – eine Zeit, in der Hollywood lernte, dass Science-Fiction mehr als nur visuelle Effekte braucht.
Quellen
- Nelson, Gary (1980): Interview in Cinefantastique, Vol. 9, No. 2.
- Sammon, Paul M. (1980): „The Black Hole: Disney’s Journey to the Edge of Space and Time“, Cinefex #1, S. 4–27.
- American Cinematographer (August 1979): „Filming The Black Hole: A.C.E.S. and the Art of Motion Control“.
- Maltin, Leonard (1995): The Disney Films, 3. Auflage. Hyperion. S. 267–269.
- Hughes, David (2003): The Greatest Sci-Fi Movies Never Made. Titan Books. (Kapitel zu The Black Hole).
- Interview mit Robert Forster (2004) auf der DVD-Extras The Black Hole: Through the Hole. Disney Home Entertainment.
- Zeitgenössische Berichte: The Hollywood Reporter (13. Dezember 1979) und Variety (19. Dezember 1979).
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