Wie das Startup Reverion die Wasserstofftechnologie neu definiert

von DerSchneider

Das Versprechen von grünem Wasserstoff als allgegenwärtiger, sauberer Energieträger ist so alt wie die Klimadebatte selbst. Doch während die politische Euphorie oft von der harten physikalischen Realität eingeholt wurde, steht ein bayerisches Startup kurz davor, das Narrativ grundlegend zu verändern. Reverion hat eine reversible Hochtemperatur-Brennstoffzelle entwickelt, die nicht nur mit einem elektrischen Wirkungsgrad von bis zu 80 Prozent rekordverdächtig effizient Strom erzeugt, sondern diesen Prozess auch umkehren kann, um aus überschüssiger Energie grünen Wasserstoff herzustellen. Dieser Artikel beleuchtet die technologischen Grundlagen, die historische Einordnung und die weitreichenden Implikationen dieser Innovation, die das Potenzial hat, unser Energiesystem grundlegend zu transformieren.

Das Ende der ineffizienten Verbrennung

Um die Bedeutung der Reverion-Technologie zu verstehen, muss man einen Blick auf den Status quo werfen. Der Großteil der heutigen Stromerzeugung aus Biogas basiert auf Verbrennungsmotoren, die technisch oft noch dem 19. Jahrhundert entstammen. Die elektrischen Wirkungsgrade dieser konventionellen Blockheizkraftwerke (BHKW) liegen bei maximal 40 bis 42 Prozent. Ein Großteil der eingesetzten Energie geht als ungenutzte Abwärme verloren, befeuert durch Reibungsverluste und die thermische Ineffizienz des Verbrennungsprozesses. Selbst moderne Brennstoffzellenkraftwerke, die auf einen Wirkungsgrad von etwa 50 bis 60 Prozent kommen, können nur etwa 70 Prozent des eingesetzten Gases nutzen. Ein erheblicher Teil des Brennstoffs muss im Überschuss zugeführt werden, um die Zellen zu schützen, und wird anschließend einfach verbrannt.

Reverion geht einen grundlegend anderen Weg. Das Herzstück ihrer All-in-One-Lösung sind Festoxidbrennstoffzellen (Solid Oxide Fuel Cells, SOFC). Diese Hochtemperatur-Brennstoffzellen wandeln die im Brenngas gespeicherte Energie elektrochemisch in elektrische Energie um – ohne den Umweg über eine thermische Verbrennung. In Zahlen ausgedrückt bedeutet das: Von 100 Prozent des eingesetzten Heizwerts des Brenngases werden 80 Prozent in elektrische Energie umgewandelt, 15 Prozent können als nutzbare thermische Energie ausgekoppelt werden, und lediglich 5 Prozent werden für den Eigenbetrieb benötigt. Damit verdoppelt ein Reverion-Kraftwerk den Output einer herkömmlichen Biogasanlage, ohne dass eine einzige zusätzliche Tonne Biomasse eingesetzt werden müsste.

Die reversible Revolution: Vom Strom zum Gas und zurück

Der eigentliche Clou der Reverion-Technologie liegt jedoch in ihrer Reversibilität. Während herkömmliche Systeme nur in eine Richtung arbeiten können, sind Reverions Kraftwerke bidirektional ausgelegt. In Zeiten von Stromüberschuss – etwa an sonnigen oder windreichen Tagen – schaltet die Anlage innerhalb von weniger als einer Minute automatisch vom Stromerzeugungs- in den Elektrolysemodus um. Sie bezieht dann überschüssigen, günstigen Strom aus dem Netz und nutzt ihn, um durch Elektrolyse grünen Wasserstoff oder synthetisches Methan herzustellen. Diese Gase können als langfristige, transportfähige Energiespeicher dienen, in das bestehende Erdgasnetz eingespeist oder für industrielle Prozesse genutzt werden.

Für das Wasserstoff-Kraftwerk von Reverion gibt das Unternehmen einen Round-Trip-Wirkungsgrad von bis zu 75 Prozent an. Das bedeutet, dass von der ursprünglich eingesetzten elektrischen Energie, die zur Wasserstoffproduktion genutzt wird, bei der späteren Rückverstromung immer noch drei Viertel als elektrische Energie zurückgewonnen werden können. Diese Zahl ist in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert. Zum einen liegt der Gesamtwirkungsgrad konventioneller Power-to-Gas-to-Power-Ketten nach Experteneinschätzung oft nur bei 30 bis 40 Prozent. Zum anderen zeigt sie, dass Reverion eine der Hauptschwachstellen der Wasserstoffwirtschaft adressiert: die hohen Umwandlungsverluste.

Vom Labor zur Serienreife: Der Weg eines TUM-Spin-offs

Die Geschichte von Reverion ist eine klassische deutsche Erfolgsgeschichte im Bereich der Hochtechnologie. Gegründet wurde das Unternehmen im Jahr 2022 als Spin-off der Technischen Universität München (TUM). Doch die Wurzeln reichen viel weiter zurück. Bereits 2015 begann am Lehrstuhl für Energiesysteme die grundlegende Forschung an einem neuartigen Hochtemperatur-Brennstoffzellensystem. Über Jahre hinweg wurde das Konzept entwickelt, patentiert und schließlich in Prototypen validiert.

Das Gründungsteam um CEO Stephan Herrmann, COO Felix Fischer, CTO Maximilian Hauck, CPO Jeremias Weinrich und CDO Luis Poblotzki hat es sich zur Aufgabe gemacht, die konventionellen Gasmotoren auf dem Markt zu ersetzen. Was als Forschungsprojekt begann, hat heute den Status einer marktreifen Technologie erreicht. Mehrere Pilotanlagen sind bereits in Betrieb, darunter ein vielbeachtetes Projekt in Mühlacker, wo die Stadtwerke gemeinsam mit Reverion die Technologie im realen Netzbetrieb erproben.

Kapital für die Skalierung: Investorenvertrauen in dreistelliger Millionenhöhe

Die Finanzierungsgeschichte von Reverion spiegelt das Vertrauen wider, das Investoren in die Technologie setzen. Nach einer Seed-Finanzierungsrunde über 7 Millionen Euro im Jahr 2022, angeführt von Extantia Capital unter Beteiligung von Landwärme und Doral Tech Ventures, folgte im September 2024 der große Wurf: eine Series-A-Finanzierungsrunde über 62 Millionen US-Dollar (ca. 56 Millionen Euro). Angeführt wurde diese Runde von Energy Impact Partners (EIP), einem der weltweit führenden Klima- und Energie-Investoren. Bemerkenswert ist die Beteiligung von Honda Motor, die nicht nur als Geldgeber, sondern auch als strategischer Partner auftritt, sowie des European Innovation Council Fund (EIC Fund). Auch die bestehenden Investoren aus der Seed-Runde stockten ihr Engagement auf.

Mit diesem Kapital soll die Serienproduktion der Kraftwerke hochgefahren werden. Das Unternehmen hat bereits Vorbestellungen in Höhe von mehr als 100 Millionen US-Dollar erhalten, was die dringende Marktnachfrage unterstreicht. Die Zielgruppe sind in erster Linie Landwirte, die Betreiber von Biogasanlagen sind, sowie Industrieunternehmen, die von der flexiblen und effizienten Technologie profitieren können.

Im Kontext der Wasserstoffwirtschaft: Chance und Herausforderung

Die Technologie von Reverion fällt in eine Zeit, in der die deutsche und europäische Energiepolitik massiv auf Wasserstoff setzt. Die Bundesregierung plant den Bau großer, wasserstofffähiger Gaskraftwerke als Teil ihrer Kraftwerksstrategie, um die Versorgungssicherheit in Zeiten der Dunkelflaute zu gewährleisten. Felix Fischer, COO von Reverion, argumentiert jedoch, dass diese Strategie zu kurz greift. Der Bau großer Gaskraftwerke werde Jahre dauern und hohe Kosten verursachen. Stattdessen schlägt er eine zweite Säule vor: die kurzfristige, flächendeckende Modernisierung der bereits bestehenden rund 9.000 Biogasanlagen in Deutschland mit reversibler Brennstoffzellentechnologie.

Dieser Ansatz hat mehrere Vorteile. Erstens wäre er wesentlich schneller umsetzbar. Zweitens würde er die vorhandene Infrastruktur nutzen, anstatt neue Großkraftwerke zu bauen. Drittens könnte das nutzbare Leistungspotenzial von Biogas auf bis zu 20 Gigawatt gesteigert werden – das entspricht in etwa der maximalen Leistung der deutschen Braunkohle. Und das alles ohne einen einzigen zusätzlichen Quadratmeter Flächenverbrauch und ohne zusätzliche Biomasse. Viertens würde die CO₂-Abscheidung, die in den Reverion-Kraftwerken integraler Bestandteil ist, die Stromerzeugung sogar CO₂-negativ machen – ein Novum in der Energiebranche.

Die Verteilung der Energieflüsse im Reverion-System:

BetriebsartInputOutputWirkungsgrad
Gas-to-Power (Stromerzeugung)Biogas oder WasserstoffStrom, Wärme, reines CO₂bis zu 80 % (elektrisch)
Power-to-Gas (Energiespeicherung)Strom, Wasser, CO₂Grüner Wasserstoff oder Methanbis zu 80 % (Power-to-Gas)
Round-Trip (Speicher & Rückgewinnung)StromStrom (via Wasserstoff-Zwischenspeicherung)bis zu 75 %

Quellen

  1. Reverion GmbH: Offizielle Website, Technologie- und FAQ-Seiten. (https://reverion.com/)
  2. Munich Startup: Berichterstattung zu Reverion, Seed- und Series-A-Finanzierung, Interviews mit Gründern. (https://www.munich-startup.de/)
  3. Energiezukunft.eu: Startup-Pitch zu Reverion. (https://www.energiezukunft.eu/)
  4. ZDF heute: Fernsehbeitrag zum Reverion-Kraftwerk in Mühlacker. (https://www.zdfheute.de/)
  5. Business Insider: Pitchdeck und Analyse der Series-A-Finanzierung. (https://www.businessinsider.de/)
  6. Stadtwerke Mühlacker: Pressemitteilung zum Reverion-Pilotprojekt. (https://stadtwerke-muehlacker.net/)
  7. Tagesspiegel Background Background: Gastbeitrag von Felix Fischer (Reverion COO) zur Kraftwerksstrategie. (https://background.tagesspiegel.de/)
  8. top agrar: Interview mit Felix Fischer zur Technologie und Marktperspektive. (https://www.topagrar.com/)
  9. CORDIS (Europäische Kommission): Projektinformationen zum Reverion-EU-Forschungsprojekt. (https://cordis.europa.eu/)
  10. Cleanthinking.de: Analyse der Rolle reversibler Kraftwerke in der Energiewende. (https://www.cleanthinking.de/)
  11. neueenergie.net: Fachartikel zu Wasserstoff als Energiespeicher mit Einordnung der Wirkungsgraddiskussion. (https://www.neueenergie.net/)

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