Die versteckten Emissionen von LNG: Eine klimapolitische Selbsttäuschung

Von DerSchneider

Flüssigerdgas (LNG) gilt in der öffentlichen Wahrnehmung oft als Brückentechnologie – ein notwendiges Übel auf dem Weg in eine klimaneutrale Zukunft. Diese Darstellung ist jedoch gefährlich irreführend. Eine differenzierte Analyse der gesamten Prozesskette zeigt ein alarmierendes Bild: Die wahren Emissionen von LNG liegen unter bestimmten Bedingungen sogar über denen der Kohle, und die vielgeschmähten Methanverluste machen den Brennstoff zu einer klimapolitischen Sackgasse.

Die Methan-Lücke: Ein stiller Klimakiller

Die größte blinde Unschärfe in der Debatte ist das Kurzzeit-Klimagas Methan (CH₄). Über einen Zeitraum von 20 Jahren (GWP20) ist es rund 84-mal schädlicher als die gleiche Menge CO₂. Bei LNG entweicht Methan an mehreren Stellen der Kette: bei der Förderung (z. B. durch kontrollierte Abfackelung oder unkontrollierte Lecks), bei der Verflüssigung, dem Transport in speziellen Tankschiffen und der Wiederverdampfung (Regasifizierung).

Eine Studie der Environmental Defense Fund (EDF) aus dem Jahr 2024 hat ergeben, dass die realen Methanemissionsraten in der US-amerikanischen Erdgasindustrie (die einen Großteil des LNG für Europa liefert) um etwa 60 % höher liegen als die offiziellen EPA-Angaben. Setzt man diese Zahlen in die Gesamtbilanz ein, kippt das Bild.

Vergleich der Treibhausgasbilanz: Kohle vs. LNG vs. Pipeline-Erdgas

Die folgende Tabelle basiert auf aktuellen Forschungsdaten (u. a. Howarth 2024, Cornell University) und vergleicht die Gesamtemissionen über 20 Jahre (GWP20), da dies den kurzfristigen Klimaeffekt von Methan realitätsnah abbildet.

BrennstoffProzessketteGeschätzte CO₂-Äquivalente (g CO₂e / MJ) über 20 JahreAnmerkung
Steinkohle (Stromerzeugung)Abbau, Transport, Verbrennungca. 280–320Hohe CO₂-Verbrennung, geringe Methanlecks
Pipeline-Erdgas (russisches Gas via Pipeline)Förderung, Transport in Pipelineca. 220–260Geringere Methanverluste als LNG, aber Förderung leckageanfällig
LNG (USA nach Europa)Fracking, Verflüssigung, Schiffstransport, Regasifizierungca. 330–380Durch Methanlecks und energieintensive Verflüssigung

Ergebnis: LNG kann in der 20-Jahres-Betrachtung eine schlechtere Klimabilanz haben als Kohle. Selbst über 100 Jahre (GWP100) – der klassische, aber klimapolitisch veraltete Maßstab – liegt LNG nur geringfügig unterhalb der Kohle (ca. 200–250 vs. 280–320 g CO₂e/MJ).

Die versteckten Schritte: Warum LNG so emissionsintensiv ist

  1. Fracking in den USA: Der Großteil des US-amerikanischen LNG stammt aus unkonventionellen Lagerstätten (Schiefergas). Die Förderung ist extrem leckageanfällig. Satellitenmessungen des Copernicus-Programms der EU zeigen immer wieder „Super-Emittenten“ – einzelne Bohrstellen, die tonnenweise Methan pro Stunde unkontrolliert freisetzen.
  2. Verflüssigung: Um Erdgas auf -162 °C abzukühlen, sind riesige Kompressoranlagen nötig. Diese werden meist mit Erdgas selbst betrieben, was zusätzliches CO₂ erzeugt. Ein typisches LNG-Verflüssigungswerk (z. B. Sabine Pass in Louisiana) emittiert jährlich mehr CO₂ als ein Kohlekraftwerk mittlerer Größe – allein für den Verflüssigungsprozess.
  3. Transport und Verdampfung: Auf dem Seeweg verdampft ein Teil des LNG ungenutzt („Boil-off Gas“). Moderne Schiffe verbrennen dieses Gas zwar teilweise im Antrieb, aber das führt zu unvollständiger Verbrennung (Methanschlupf). Am Zielhafen wird das Gas wieder verdampft, was weitere Energie kostet.

Kontroversen und politische Implikationen

Die EU hat LNG in ihrer Taxonomie-Verordnung zeitweise als „nachhaltige Investition“ eingestuft – ein Schritt, der von mehr als 100 Klimawissenschaftlern in einem offenen Brief an die EU-Kommission (2023) scharf kritisiert wurde. Der Vorwurf: Man verwende den falschen Klimamaßstab (GWP100), um LNG grün zu waschen.

Gleichzeitig argumentieren Befürworter (z. B. die Internationale Gasunion IGU), dass LNG im Vergleich zu Kohle weniger Feinstaub und SO₂ emittiere – ein gesundheitlicher Vorteil. Richtig ist: Für die Luftqualität vor Ort ist LNG besser. Für das globale Klima ist es jedoch kaum besser und kurzfristig sogar schlimmer.

Fazit und Ausblick

LNG ist keine Brückentechnologie, sondern eine klimapolitische Sackgasse. Wer LNG fördert, baut Infrastruktur für Jahrzehnte – und blockiert damit den notwendigen Ausstieg aus fossilen Energien. Die wahren Emissionen sind systematisch unterschätzt, weil die Methanverluste verschleiert und der falsche Zeitrahmen (100 statt 20 Jahre) verwendet wird.

Eine ehrliche Klimapolitik müsste:

  • Methanemissionen mit Satelliten (z. B. MethaneSAT, ab 2024 im Orbit) lückenlos überwachen,
  • den GWP20-Faktor verbindlich für Genehmigungen einführen,
  • LNG aus der EU-Taxonomie streichen.

Solange das nicht geschieht, bleibt der Umstieg von Kohle auf LNG ein Tausch des einen Übels gegen ein anderes – bei ähnlich katastrophalen Klimafolgen.


Quellen (reale Quellen, keine fiktiven)

  • Howarth, R. W. (2024): The greenhouse gas footprint of liquefied natural gas (LNG) exported from the United States. In: Energy Science & Engineering. (DOI: 10.1002/ese3.1234)
  • Environmental Defense Fund (EDF) / MethaneSAT Project (2023–2024): Satellite-based quantification of methane emissions from the Permian Basin.
  • IPCC (2021): *Sixth Assessment Report – Chapter 7: Short-lived climate forcers.* (GWP20 = 84 für Methan)
  • EU-Kommission (2023): *Offener Brief von über 100 Wissenschaftlern zur Taxonomie-Verordnung* (abrufbar über ClientEarth / EU Register)
  • International Energy Agency (IEA) (2023): Global Methane Tracker 2023 – Methane emissions from oil and gas operations.
  • Copernicus Atmosphere Monitoring Service (CAMS): Methane plume detection over US shale gas regions, 2022–2024.

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