Der Tuning-Papst aus dem Bayerischen Wald: Die wilde Ära des Ernst Mattig

von DerSchneider

Es war eine Zeit, in der Autos mehr waren als bloße Transportmittel. Sie waren mobile Botschaften einer Jugend, die nach Freiheit, Individualität und vor allem nach Aufmerksamkeit dürstete. Die Ära des klassischen deutschen Tunings war eine wilde, oft geschmacklose und doch ungemein kreative Zeit. Kein anderer Name steht für diesen Geist so sehr wie der von Ernst Mattig, dem „Tuning-Papst“ aus dem bayerischen Hauzenberg. Seine Firma Mattig GmbH & Co. KG wurde zur Kultmarke, deren Erbe noch heute in den Herzen der Fans nachhallt.

Von der Scheune zum Imperium: Die Chronik eines Aufstiegs

Die Geschichte von Mattig ist eine wahre „Garagenlegende“. Den Grundstein legte Ernst Mattig am 10. Februar 1949, als er die Firma in einer alten Scheune in Hauzenberg gründete. Was als kleiner Handwerksbetrieb begann, entwickelte sich über die Jahrzehnte zu einem der bekanntesten Namen der deutschen Tuning-Szene.

Die Anfänge waren bescheiden, doch das Geschäft florierte. Bereits fünf Jahre nach der Gründung waren die Räumlichkeiten in der Scheune so sehr zu klein geworden, dass ein Umzug nötig wurde. Der endgültige Durchbruch gelang ab den 1970er Jahren, als sich das Unternehmen auf Aerodynamikteile, Felgen und andere Veredelungskomponenten spezialisierte und schnell zu einer festen Größe wurde. In den 1980er und frühen 90ern erlebte Mattig dann seine goldene Ära und wurde zur festen Größe in der deutschen Tuning-Landschaft.

Das volle Programm: Mehr als nur buntes Plastik

Mattig war kein reiner Motoren- oder Fahrwerkstuner, sondern verstand sich als ganzheitlicher Anbieter für die Fahrzeugindividualisierung. Der Schwerpunkt lag dabei klar auf der Optik, aber das Portfolio war dennoch breit gefächert.

BereichProdukte / Maßnahmen
Aerodynamik & StylingFrontschürzen, Seitenschweller, Heckschürzen, Motorhaubenverlängerungen, Scheinwerferblenden, Dach- und Heckspoiler (die ikonischen „Flügel“)
Fahrwerk & BremsenGewindefahrwerke, Tieferlegungsfedern, Sportfedern, Domstreben
Motor & AntriebSportauspuffanlagen, Luftfilter, Katalysatoren
Räder & ReifenBreite Leichtmetallfelgen (z. B. Typ SSF) in Chrom und anderen Ausführungen, breite Reifenkombinationen

Diese Tabelle zeigt, dass Mattig eine Art One-Stop-Shop für Tuning-Enthusiasten war. Wer sein Auto verschönern, tieferlegen oder lauter machen wollte, fand hier eine riesige Auswahl. Dennoch lag der klare Schwerpunkt eindeutig auf der Optik. Motortuning spielte, verglichen mit einem RUF oder Brabus, eine untergeordnete Rolle.

Eine Marke für (fast) alle: Das Mattig-Universum

Mattig war nie eine exklusive Marke für wenige Auserwählte. Ganz im Gegenteil: Das Unternehmen verstand sich als Dienstleister für die breite Masse und bot Tuning für eine Vielzahl von Modellen an. Das Portfolio umfasste neben den legendären Opel- und VW-Modellen auch Fahrzeuge von BMW, Ford, Audi, Seat, Skoda, Suzuki, Honda und Peugeot. Diese Strategie, „Tuning für alle Taschen“ anzubieten, trug maßgeblich zum Kultstatus der Marke bei. Mattig war damit eine der großen Adressen, wenn es darum ging, seinem ganz normalen Alltagsauto einen individuellen Look zu verpassen.

Ikonen der Strasse: Der Kadett, die Manta und der Cosworth-Streit

Der Name Mattig ist fest mit zwei Ikonen verbunden, die wie kaum andere die Tuning-Szene der 1980er Jahre definierten. Die erste ist der extrem verbreiterte Opel Kadett E. Das sogenannte „Extreme-Kit“ verwandelte den unscheinbaren Kompakten in eine breite Rakete auf Rädern. Mit verbreiterten Kotflügeln, übergroßen Stoßfängern und vor allem dem berühmt-berüchtigten Heckspoiler, der fast vom Dach aus zu wachsen schien, war der Kadett ein Statement. Die Spurbreite wuchs auf satte zwei Meter – eine Dimension, die den Kadett zu einem der breitesten seiner Zeit machte.

Ein besonderer Mythos rankt sich um genau diesen Heckspoiler, der eine frappierende Ähnlichkeit mit dem des später erschienenen Ford Escort RS Cosworth aufweist. Die Chronologie ist hier besonders pikant: Mattig brachte sein Kit 1988 für den Opel Kadett E auf den Markt, Ford veröffentlichte den Escort RS Cosworth vier Jahre später, im Jahr 1992. Ford seinerseits konnte auf den 1986er Sierra Cosworth verweisen, der ebenfalls einen ähnlich markanten Spoiler trug. Ein klassischer Fall von gegenseitiger Inspiration, vielleicht auch von „Anleihen“, der in der Szene bis heute für Gesprächsstoff sorgt.

Die unbestrittene Ikone, der Rockstar unter den Mattig-Kreationen, war jedoch der Opel Manta B mit dem „Extrembreitbau-Kit“ . Der Wagen war mehr als nur ein Auto; er war eine Lebenseinstellung. Ausgestattet mit einem atemberaubend bunten Harlekin-Lack, verbreiterten 345er Reifen an der Hinterachse und einem spoiler-übersäten Heck wurde der Manta zur Hauptfigur des Kultfilms „Manta, Manta“ (1991) , gefahren von Til Schweiger als Bertie. „Fast ridiculously wide, more colourful than the Dolly Dots and more extravagant than Borat“ – so beschrieb eine Ausstellung in Brüssel das Fahrzeug treffend. Dieser Manta war nicht nur schnell, er war ein Popkultur-Phänomen, das die einstige Außenseiter-Szene ins grelle Rampenlicht rückte.

Das Erbe des Tuning-Papstes

Die Ära des wilden, ungezügelten Tunings endete etwa Mitte der 1990er Jahre. Neue Sicherheits- und Abgasvorschriften, strengere TÜV-Regularien und eine sich wandelnde Gesellschaftsästhetik läuteten das Ende dieser bemerkenswerten Blütezeit ein. Die großen Tuner, mit Ausnahme von Häusern wie AMG (inzwischen Mercedes-Tochter), Alpina oder Ruf, fielen plötzlich in ein gesellschaftliches Abseits. Sie wurden von Autokennern belächelt, ihre Kreationen als „prollig“ oder „geschmacklos“ abgetan. Ein Grund dafür war sicherlich, dass die großen Hersteller das lukrative Zubehörgeschäft selbst in die Hand nahmen und ab Werk vielfältige Individualisierungsmöglichkeiten boten.

Doch wie so oft in der Kulturgeschichte setzt eine Neubewertung ein. Heute, mehr als dreißig Jahre später, erkennen immer mehr Liebhaber den technologischen Pioniergeist und den einzigartigen kulturellen Wert dieser Fahrzeuge. Museen wie das Autoworld in Brüssel widmen den deutschen Tunern der 80er und 90er Jahre ganze Ausstellungen. Der wilde Manta und der extrem breite Kadett von Mattig sind keine jugendlichen Sünden mehr, sondern begehrte Sammlerstücke und Zeitdokumente einer unbeschwerten, übermütigen Zeit.

Das Unternehmen Mattig existiert bis heute als Mattig GmbH & Co. KG, agiert im Vergleich zu früher jedoch deutlich leiser und fokussiert sich weiterhin auf die Produktion von Aerodynamik- und Stylingteilen. Ernst Mattig selbst ist längst im Ruhestand. Sein Vermächtnis aber ist facettenreich: Es ist die Geschichte eines Handwerkers und Visionärs, der erkannte, dass Autos für viele Menschen mehr sind als nur Gebrauchsgegenstände. Sie sind eine Leinwand für Träume, ein Ausdruck von Persönlichkeit – und manchmal auch ein Denkmal für eine wunderbar verrückte Idee, die einfach zu gut war, um nicht gebaut zu werden.


Quellen

  1. meine-auto.infoMattig Tuning – Firmen Profil. [Link]
  2. YouTube Garagenlegende: MATTIG – Tuning Legende aus Deutschland | Vom Scheunenbau zum Kult. [Link]
  3. occ.euLexmaul, Zender, Rieger & Co.: Die deutschen Tuner der 80er Jahre. [Link]
  4. Modelly: *BOS-Models Opel Manta B Mattig 1:18 Modellauto*. [Link]
  5. AUTO BILD Klassik: Opel Manta B: Filmauto aus „Manta, Manta“. [Link]
  6. Autoblog.nlDeze zeldzame hatchback uit 1990 kost 35k. [Link]
  7. motorpasion.comSuzuki Swift preparado por Mattig. [Link]
  8. autoblog.nl: *Mattig tuning voor nieuwe BMW 3-serie*. [Link]
  9. autonet.com.tw倒退行!MATTIG回頭改造VW四代Golf車款. [Link]
  10. autoblog.nlAudi TT volgens tuner Mattig. [Link]

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