Das erfolgreichste Originalteil der Welt: Wie die VW-Currywurst die Automobilindustrie überholte
Autor: DerSchneider
Einleitung
Es ist ein sonniger Februartag im Jahr 2016, als die Nachricht die Runde macht: Volkswagen hat im vergangenen Jahr mehr Currywürste verkauft als Autos. 7,2 Millionen mal ging die Wurst mit der Teilenummer 199 398 500 A über die Ladentheke, während die gleichnamige Kernmarke im selben Zeitraum nur 5,82 Millionen Fahrzeuge absetzte. Kein Aprilscherz, sondern nackte Zahlen der Deutschen Presse-Agentur.
Was auf den ersten Blick wie eine kuriose Randnotiz der Wirtschaftsgeschichte wirkt, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als ein faszinierendes Phänomen an der Schnittstelle von Technikkultur, Betriebsidentität und deutscher Alltagsgeschichte. Seit 1973 produziert der Wolfsburger Autoriese in einer werkseigenen Fleischerei eine Bockwurst, die es geschafft hat, sich vom einfachen Kantinenessen zum meistverkauften Originalteil des Konzerns zu mausern – und dabei nicht nur die Verkaufszahlen so manches Pkw-Modells in den Schatten zu stellen, sondern auch eine tiefere Wahrheit über die Beziehung zwischen Mensch, Marke und Maschine zu offenbaren.
Doch wie kam es zu dieser ungewöhnlichen Erfolgsgeschichte? Und was verrät uns die VW-Currywurst über die Kultur der deutschen Industriegesellschaft?
Eine Teilenummer für die Wurst: VW-Klassifikation als kultureller Akt
199 398 500 A – Der Code einer Institution
Wer die VW-Currywurst verstehen will, muss zunächst den Schlüssel zu ihrem Mythos begreifen: die Teilenummer. Im Volkswagen-Originalteil-Katalog ist die Wurst offiziell als 199 398 500 A geführt – eine Bezeichnung, die sie formal in eine Reihe mit Bremsscheiben, Stoßdämpfern und Zündkerzen stellt. Das dazugehörige Gewürzketchup trägt die Nummer 199 398 500 B.
Diese scheinbar banale Klassifizierung ist mehr als eine bürokratische Laune. Sie ist ein Akt der kulturellen Aneignung: Indem Volkswagen die Currywurst zum „Originalteil“ erklärt, wird das Lebensmittel zum integralen Bestandteil des Produktionskosmos. Jede Wurst ist mit dem Aufdruck „Volkswagen Originalteil“ versehen – ein stummer Zeuge dafür, dass die Grenzen zwischen industrieller Fertigung und menschlicher Verpflegung hier bewusst verwischt werden.
Die Wahl der Nummer ist dabei nicht zufällig. Die ersten drei Ziffern (199) stehen im VW-Teilenummernsystem für die Produktgruppe „Zubehör und Sonderteile“, 398 verweist auf den Bereich „Betriebsverpflegung“, und 500 A markiert die spezifische Variante. Die Currywurst teilt sich diese Systematik mit anderen nicht-fahrzeugbezogenen Artikeln – ein Fakt, der ihre Ambivalenz als sowohl Teil als auch nicht-Teil des Produktionsprozesses unterstreicht.
Vom Nebenprodukt zum Top-Seller
Was 1973 als bescheidene Initiative zur Verbesserung der Werksverpflegung begann – zwei Dutzend Werksschlachter verarbeiteten damals noch Schweine vom Bauernhof auf dem Fabrikgelände – entwickelte sich über die Jahrzehnte zu einer Erfolgsgeschichte, die selbst die kühnsten Marketingstrategen überrascht haben dürfte.
Die Fleischerei in der Volkswagen Service Factory produziert heute täglich rund 20.000 Würste. Das Team von etwa 30 Metzgern beliefert nicht nur die über 30 Betriebsrestaurants und Kioske des Werks, sondern auch den Einzelhandel in Norddeutschland, die Heimspiele des VfL Wolfsburg und neuerdings sogar den amerikanischen Markt über den DriverGear-Onlineshop.
Die Produktionszahlen sprechen eine eindeutige Sprache:
| Jahr | Currywurst-Absatz (in Mio.) | VW-Kernmarke Pkw-Absatz (in Mio.) | Differenz |
|---|---|---|---|
| 2014 | 6,3 | 6,12 | +0,18 |
| 2015 | 7,2 | 5,82 | +1,38 |
| 2019 | 7,0 | k. A. | – |
| 2022 | 7,9 | k. A. | – |
| 2023 | 8,33 | k. A. | – |
| 2024 | 8,552 | 5,2 | +3,352 |
Quellen: dpa, VW-Betriebsrat, auto motor und sport
Bemerkenswert ist die Entwicklung seit der Jahrtausendwende: Während der Fahrzeugabsatz der Kernmarke VW – zumindest in manchen Jahren – stagnierte oder gar rückläufig war, verzeichnete die Currywurst ein kontinuierliches Wachstum. 2024 erreichte sie mit 8,552 Millionen verkauften Einheiten einen neuen Rekord – ein Plus von 220.000 Stück gegenüber dem Vorjahr.
Curry-Ketchup und die Logik der Komplementärteile
Die VW-Currywurst ist kein Solitär. Wie bei jedem guten technischen System gehören auch hier Komplementärkomponenten dazu: der Gewürzketchup mit der Teilenummer 199 398 500 B. 2015 wurden davon 608.028 Kilogramm produziert.
Das Ketchup ist keine gewöhnliche rote Soße. Es ist – nach Angaben des Konzerns – etwas dickflüssiger als herkömmliche Curry-Ketchups und verzichtet auf Glutamat, Phosphat und Milcheiweiß. Die Rezeptur wurde über die Jahre hinweg perfektioniert, um genau jene Geschmacksbalance zu erreichen, die die VW-Currywurst von der Konkurrenz abhebt.
Interessant ist hier die Parallele zur Automobilfertigung: Wie jedes Bauteil eines Fahrzeugs auf ein anderes abgestimmt ist, bilden Wurst und Ketchup eine funktionale Einheit. Die Teilenummern 199 398 500 A und B sind die technischen Bezeichnungen für ein System, das ohne seine Komponenten nicht funktioniert – nur dass hier die „Betriebssicherheit“ weniger an Motordrehmomenten als an Geschmacksrezeptoren gemessen wird.
2015: Das Jahr, in dem die Wurst das Auto überholte
Das Jahr 2015 markiert einen Wendepunkt – nicht nur in der Geschichte der VW-Currywurst, sondern auch im Selbstverständnis des Konzerns. Die Zahl von 7,2 Millionen verkauften Würsten wurde damals von nahezu allen großen deutschen Medien aufgegriffen. Die Kernmarke VW hatte im selben Zeitraum nur 5,82 Millionen Fahrzeuge abgesetzt – ein Minus von 300.000 Einheiten gegenüber dem Vorjahr.
Was wie eine kuriose Randnotiz aussah, war tatsächlich ein Signal. Die Nachricht von der „Wurst, die mehr verkauft wird als das Auto“ fand ihren Weg in die internationale Presse und etablierte die Currywurst als das eigentliche Maskottchen des Konzerns – sympathisch, unprätentiös und dennoch von beeindruckender Effizienz.
Doch warum gerade 2015? Die Antwort liegt in mehreren Faktoren:
- Expansion des Vertriebs: VW weitete den Verkauf über die Werkskantinen hinaus auf den Lebensmitteleinzelhandel aus
- Kontinuität des Produkts: Die Rezeptur war etabliert, die Produktionsprozesse optimiert
- Mediale Aufmerksamkeit: Der Vergleich mit den rückläufigen Autoverkaufszahlen lieferte eine perfekte Story für die Presse
Es half natürlich auch, dass der Volkswagen-Konzern im selben Jahr mit der Diesel-Affäre in den Schlagzeilen stand – die Currywurst bot hier eine willkommene, deutlich weniger kontroverse Geschichte.
VW-Currywurst als Gradmesser der Unternehmenskultur
Der Currywurst-Bann von 2021
Kaum ein Ereignis hat die Verbundenheit der VW-Belegschaft mit ihrem „Originalteil“ so deutlich gezeigt wie die Kontroverse um die vegane Kantine im Jahr 2021. Nach dem Werksurlaub am 20. August 2021 verkündete das Unternehmen, dass das Betriebsrestaurant im Markenhochhaus künftig komplett fleischfrei sein sollte – mit Ausnahme von gelegentlichem Fisch.
Die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten. Altkanzler Gerhard Schröder meldete sich zu Wort und pries die Currywurst als „Kraftriegel der Facharbeiterin und des Facharbeiters in der Produktion“. Die Medien griffen die Geschichte auf, und innerhalb kürzester Zeit entbrannte eine bundesweite Debatte über die Rolle von Fleischkonsum in der Arbeitswelt.
Interessant ist hier die Diskrepanz zwischen unternehmerischer Nachhaltigkeitsstrategie und gelebter Betriebskultur. VW hatte den Schritt als Reaktion auf Mitarbeiterwünsche nach mehr vegetarischen und veganen Alternativen präsentiert. Die öffentliche Empörung legte jedoch nahe, dass die leidenschaftlichste Stimme – die der Currywurst-Liebhaber – bis dahin nicht ausreichend gehört worden war.
2023 vollzog das Unternehmen die Kehrtwende: Die Kantine im Markenhochhaus bietet wieder Fleisch an – die Currywurst kehrte zurück. Ein VW-Sprecher betonte, dass es sich um ein „zusätzliches Angebot“ handele: Wer Fleisch wolle, könne es bekommen; wer darauf verzichten wolle, finde nach wie vor pflanzliche Alternativen.
Mehr als nur Essen: Die Wurst als Identitätsstifter
Die VW-Currywurst ist mehr als ein Lebensmittel – sie ist ein Symbol für die besondere Beziehung zwischen Arbeitern, Angestellten und ihrem Unternehmen. In einer Branche, die von zyklischen Krisen, Standortschließungen und tiefgreifenden Transformationen geprägt ist, bietet die Wurst eine seltene Konstante: Sie schmeckt gleich, sie ist vertraut, sie gehört dazu.
Ein Betriebsrat brachte es in einer internen Mitteilung auf den Punkt: „Das ist ein ganz starkes Ergebnis, das auch die Leistungs- und Innovationskraft unserer Kolleginnen und Kollegen in der Fleischerei unter Beweis stellt. Respekt und herzlichen Glückwunsch, weiter so!“
Diese Worte – die sich auf einen Verkaufsrekord beziehen – könnten genauso gut von einer erfolgreichen Fahrzeugbaureihe stammen. Und genau das ist der Punkt: Die Currywurst ist kein Fremdkörper im VW-Kosmos, sondern ein vollwertiges Mitglied der Produktfamilie. Sie unterliegt denselben Qualitätsstandards, derselben internen Logistik und derselben emotionalen Bindung wie jedes andere Originalteil.
Der Blick über die Werkstore hinaus
Von der Kantine in den Supermarkt
2007 begann VW mit dem Verkauf der Currywurst im Lebensmitteleinzelhandel – zunächst nur in Norddeutschland und ausschließlich als Produkt zum selbst Braten. 2025 kündigte der Konzern eine weitere Expansion an: Die Currywurst soll nun auch als Mikrowellen-Fertiggericht in den Handel kommen, zunächst bei Edeka und Netto in Nord- und Ostdeutschland.
Der Schritt in den Massenmarkt ist strategisch klug. Während der Fahrzeugabsatz der Kernmarke 2024 bei 5,2 Millionen Einheiten lag, hat die Currywurst mit 8,552 Millionen verkauften Exemplaren ein deutlich größeres Volumen erreicht. Ein Konzernsprecher kündigte an, die Vermarktung künftig bundesweit ausweiten zu wollen.
Die Preisfrage
Eine Packung VW-Currywurst mit der dazugehörigen Ketchup-Flasche kostet im Einzelhandel etwa 9 Euro. Das mag nach einem stolzen Preis für eine Werkswurst klingen – doch die Kunden scheinen bereit, diesen Preis für das Markenerlebnis zu zahlen. Schließlich kaufen sie nicht nur eine Wurst, sondern ein Stück Volkswagen-Geschichte.
Die Zukunft des Originalteils: Kontinuität und Wandel
Die VW-Currywurst ist kein statisches Produkt. Das Unternehmen hat in den letzten Jahren mehrere Varianten eingeführt:
| Variante | Gewicht | Einführungsjahr | Absatz 2024 |
|---|---|---|---|
| Klassische Currywurst | 170 g | 1973 | 6,317 Mio. |
| Kleine Variante | 85 g | unbekannt | inkl. klassische |
| Hot-Dog-Variante | 40 g | 2021 | ca. 2,18 Mio. |
Quelle: auto motor und sport, VW-Betriebsrat
Besonders bemerkenswert ist der Erfolg der Hot-Dog-Variante: Innerhalb von nur zwei Jahren nach ihrer Einführung kletterte ihr Absatz auf fast zwei Millionen Stück. Personalvorstand Gunnar Kilian kündigte bereits weitere Varianten an: „Unser nächster Currywurst-Coup ist bereits in Arbeit!“
Gleichzeitig bleibt das Unternehmen seinen Qualitätsstandards treu. Die VW-Currywurst enthält weder Glutamat noch Phosphat noch Milcheiweiß und kommt mit nur halb so viel Fett aus wie die durchschnittliche Currywurst. Auch eine vegetarische Variante auf Weizenbasis wird bereits produziert.
Fazit und Ausblick
Die VW-Currywurst ist mehr als eine kuriose Fußnote der deutschen Wirtschaftsgeschichte. Sie ist ein Spiegel der Arbeitskultur, ein Gradmesser für die Beziehung zwischen Unternehmen und Belegschaft und – vielleicht am wichtigsten – ein Beweis dafür, dass Authentizität und Bodenständigkeit auch im Zeitalter der Mobilitätswende ihren Platz haben.
Während die Automobilindustrie vor ihren größten Herausforderungen seit ihrer Erfindung steht – Elektromobilität, autonomes Fahren, Klimaneutralität – bleibt die Currywurst eine Insel der Stabilität. Sie wird nicht durch Software-Updates verbessert, nicht durch Batteriereichweiten limitiert und nicht durch Ladeinfrastruktur gebremst. Sie ist, was sie ist: eine gute Wurst mit einer guten Soße, hergestellt von Menschen, die wissen, was sie tun.
Die Teilenummern 199 398 500 A und B sind längst zu kulturellen Ikonen geworden. Sie stehen für etwas, das in der deutschen Industriegeschichte selten geworden ist: eine Erfolgsgeschichte, die nicht von Effizienzsteigerungen oder Gewinnmaximierung, sondern von einfachen, menschlichen Bedürfnissen angetrieben wird. Hunger. Geschmack. Gemeinschaft.
Ob die Currywurst auch in einer emissionsfreien, vernetzten und autonomen Zukunft ihren Platz behaupten kann? Die Frage ist müßig. Denn solange es Menschen gibt, die in Wolfsburg Autos bauen oder anderswo Volkswagen fahren, wird es auch diese Wurst geben. Sie ist, wie ein Betriebsrat so treffend formulierte, ein „Originalteil“ – und Originalteile verschwinden nicht einfach.
Quellen
- Bild.de: „VW verkauft mehr Currywürste als Autos“ (2016) – Absatzzahlen 2015
- Morgenpost.de: „Volkswagen verkauft erneut mehr Currywürste als Autos“ (2016) – Produktionszahlen 2015
- Tagesspiegel.de: „Würste aus Wolfsburg: Volkswagen verkauft mehr Currywürste als Autos“ (2016) – Ketchup-Produktion 2015
- n-tv.de: „VW stellt Wurstrekord auf“ (2024) – Absatzrekord 2023
- auto motor und sport: „VW-Currywurst mit Absatzrekord“ (2025) – Absatzzahlen 2024
- n-tv.de: „VW erreicht Absatzrekord – aber nicht bei Autos“ (2025) – Bestätigung des Rekords
- taz.de: „Vegetarische Kantine beim Autobauer“ (2021) – Currywurst-Bann und Produktionsdetails
- Wikipedia: „大众咖喱香肠“ (Volkswagen-Currywurst) – Übersicht über Teilenummern und Fakten
- vau-max.de: „Originale VW-Currywurst ist zurück“ – Rückkehr nach dem Bann
- Hagerty Media: „Gone in a Flash, VW’s Ketchup Was (Probably?) Good While It Lasted“ – Ketchup-Details und US-Expansion
- lebensmittelpraxis.de: „VW bringt Currywurst für die Mikrowelle in den Handel“ – Supermarkt-Expansion
- UniCredit Group/dpa-AFX: „VW erreicht Absatzrekord – bei der Currywurst“ (2025) – Absatzrekord 2024 und Schröder-Zitat
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