Die Sprache und Kultur der Roma: Eine Bestandsaufnahme
Autor: DerSchneider
Einleitung
Die Roma sind eine der am stärksten missverstandenen Minderheiten Europas. Über Jahrhunderte hinweg wurden sie als „Zigeuner“ pauschal verurteilt, romantisiert oder verfolgt – selten jedoch als das, was sie wirklich sind: eine hochgradig diverse Gruppe mit einer eigenen Sprache (Romani), einem reichen kulturellen Erbe und einer tausendjährigen Geschichte. Dieser Artikel versammelt alle Aspekte, die in einem ausführlichen Gespräch mit einem Sprach- und Kulturwissenschaftler erörtert wurden: von der Grammatik des Romani über die Dialekte in Frankreich, England und Deutschland bis hin zu den ungeschriebenen Gesetzen des Romanipen, den Reinheitsgeboten (Marime), den Flüchen und Verwünschungen (Armaja, Armaya), den Glücks- und Unglücksbringern, den Ringen der Männer, der Pilgerfahrt zur Schwarzen Madonna Sara e Kali, den Clans und Nachnamen, den Sprichwörtern, der Stellung der Frauen, den Verfilmungen und Büchern sowie den Berühmtheiten. Ziel ist es, ein vollständiges, differenziertes Bild einer Kultur zu zeichnen, die trotz jahrhundertelanger Diskriminierung ihre Identität bewahrt hat.
Teil 1: Die Romani-Sprache
1.1 Ursprung und Klassifikation
Das Romani gehört zur indoarischen Sprachfamilie und ist eng mit dem Sanskrit sowie modernen nordindischen Sprachen wie Hindi, Punjabi und Rajasthani verwandt. Linguistische Analysen belegen, dass die Vorfahren der Roma vor etwa 1.000 Jahren den indischen Subkontinent verließen und über Persien, Armenien und das Byzantinische Reich nach Europa einwanderten. Der Kernwortschatz – etwa Zahlen, Körperteile, Verwandtschaftsbezeichnungen – ist eindeutig indischen Ursprungs, während die Grammatik zahlreiche Züge aus dem Griechischen, Slawischen, Rumänischen und anderen europäischen Sprachen übernommen hat.
1.2 Ausspracheregeln
Das Romani wird in der Regel so ausgesprochen, wie es geschrieben wird. Die Betonung liegt meist auf der ersten Silbe.
Vokale (kurz und lang):
| Buchstabe | Laut (wie in) | Beispiel |
|---|---|---|
| a (kurz) | ‚a‘ wie in Affe | baxt (Glück) |
| a (lang) | ‚aa‘ wie in Abend | baaro (schwer) |
| e (kurz) | ‚e‘ wie in Energie | pe (auf) |
| e (lang) | ‚ee‘ wie in Esel | eefto (acht) |
| i (kurz) | ‚i‘ wie in Igel | piro (Becher) |
| i (lang) | ‚ii‘ wie in ie (Lied) | diives (Tag) |
| o (kurz) | ‚o‘ wie in Osten | ov (er) |
| o (lang) | ‚oo‘ wie in Ofen | loolo (rot) |
| u (kurz) | ‚u‘ wie in Ufer | sum (Suppe) |
| u (lang) | ‚uu‘ wie in u (Muhe) | suuno (Traum) |
Konsonanten – Besonderheiten:
| Buchstabe | Laut | Beispiel |
|---|---|---|
| c | immer ‚z‘ (wie in Zeit) | cirdav (ich ziehe) |
| č | ‚tsch‘ wie in Tschüss | čhon (Mond) |
| ch | ‚ch‘ wie in lachen | chamen (wir wollen) |
| dž | ‚dsch‘ wie in Dschungel | džal (er geht) |
| kh | ‚k‘ + Hauch (aspiriert) | kham (Sonne) |
| ph | ‚p‘ + Hauch | phral (Bruder) |
| š | ’sch‘ wie in Schuh | šero (Kopf) |
| th | ‚t‘ + Hauch | them (Land) |
| ž | ‚j‘ wie in Journal | žoja (Donnerstag) |
| r | gerolltes Zungenspitzen-R | rom (Mann) |
Beispielsatz mit Lautschrift:
„Me som Rom. Me vakerav Romanes.“ – [me som rom | me vaˈkerav roˈmanes] – „Ich bin Rom. Ich spreche Romani.“
1.3 Dialekte in Frankreich, England und Deutschland
Die Dialekte in diesen drei Ländern gehören fast alle zum nordwestlichen Zweig des Romani und sind eng miteinander verwandt.
| Land | Dialekt / Sprachform | Gruppe | Besonderheit |
|---|---|---|---|
| Frankreich | Sinti-Manouche (Sinté, Manuš) | Nordwestliches Romani | Verschiedene regionale Dialekte (z. B. Auvergne) |
| England | Angloromani | Para-Romani | Gemischte Sprache mit englischer Grammatik, von den Romanichal gesprochen |
| Deutschland | Sintitikes / Sinte Romani | Nordwestliches Romani | Regionale Varianten (z. B. Hameln, Marburg, Westfalen) |
Frankreich: Sinti-Manouche – Ein gut dokumentierter Dialekt ist der der Auvergne (Romani auvergnat), der vom elsässischen Manouche abstammt.
England: Angloromani – Keine Vollsprache mehr, sondern eine „Para-Romani“-Mischsprache. Die Sprecher (Romanichal) nutzen romanische Wörter im englischen Satzbau. Viele umgangssprachliche englische Wörter wie pal (vom romanischen phral für Bruder) oder chav (von čhavo für Junge) stammen aus dem Romani.
Deutschland: Sintitikes – Die Sprache der deutschen Sinti hat einen sehr starken deutschen Einfluss erfahren und ist für Sprecher anderer Romani-Dialekte nicht verständlich. Aufgrund von Vorbehalten innerhalb der Community wird die Sprache gegenüber Außenstehenden nicht immer offen gelehrt.
1.4 Romani als Geheimsprache
Ob Romani als „Geheimsprache“ bezeichnet werden kann, ist differenziert zu betrachten. Im engeren Sinn ist Romani die angestammte, vollwertige Sprache der Roma. Daneben gibt es jedoch Sprachphänomene, bei denen Romani eine Geheimfunktion erfüllt:
- Romani als Schutz vor Verfolgung: Historisch wurde die Sprache genutzt, um ungestört zu kommunizieren und sich vor Außenstehenden zu schützen.
- Para-Romani („Mischsprachen“): Varianten wie Dortika in Griechenland, Domani in der Osttürkei oder Romnisch in Dänemark behalten den Wortschatz des Romani bei, übernehmen aber die Grammatik der jeweiligen Landessprache. Dortika wird nur noch von etwa 30 Menschen gesprochen.
- Einfluss auf Geheimsprachen: Romanische Wörter flossen stark in europäische Geheimsprachen wie das Rotwelsch oder Jenisch ein. In Deutschland wurde ein spezifischer Rotwelsch-Dialekt von Sinti und Roma in Wittgenstein als Immaterielles Kulturerbe der UNESCO anerkannt.
Zusammenfassend: Romani selbst ist keine „Geheimsprache“, sondern eine eigenständige Sprache. Ihre Funktion als Kommunikationsmittel in Abgrenzung zur Mehrheitsgesellschaft hat jedoch die Entstehung von Mischsprachen begünstigt.
1.5 Sprachkurse für Romani
Es gibt einige wenige Sprachkurse und Lehrmaterialien:
- ECML-Datenbank (Online-Portal): Die umfangreichste digitale Sammlung von Lernmaterialien für Romani (Niveaus A1 bis B2, nach Dialekten sortiert).
- VHS Pankow (Online-Kurs): Einführungskurs zum Finnischen Romani (Kale).
- „Lehrbuch des Lovari“: Umfassendes Lehrwerk für den österreichischen Lovari-Dialekt mit ca. 1.600 Vokabeln.
- „Romani Wort für Wort“ (Kauderwelsch): Kleiner Sprachführer für erste Gehversuche.
- Roma Volkshochschule Burgenland: Präsenzkurse in Österreich.
- Zentralrat & Verbände: Kontaktvermittlung zu lokalen Angeboten.
Wichtiger Hinweis: Romani hat viele Dialekte. Vor dem Start sollte man sich fragen, welcher Dialekt der richtige ist. Zudem gibt es in einigen Gemeinschaften Vorbehalte, die Sprache an Außenstehende weiterzugeben.
1.6 Fünfzig Umgangsphrasen
Begrüßungen und Verabschiedungen:
- Hallo! / Gesundheit! – Sastipe!, Te aven baxtale (Anrede an mehrere), Te aves baxtali (an eine Frau)
- Guten Morgen. – Laćhi texarin
- Guten Abend. – Laćhi rǎt
- Auf Wiedersehen (wer geht). – Dža devleça (Geh mit Gott)
- Auf Wiedersehen (wer bleibt). – Aćh Devleça (Bleib mit Gott)
- Gute Nacht. – Lačhi rat
- Tschüss. – Phralale!
Höflichkeitsfloskeln:
- Danke. – Nais tuke, Mersi!
- Bitte. – Bachtalo!, Te aves baxtalo (Schön, Sie kennenzulernen)
- Entschuldigung. – Baxtalo!
- Ja. – Va!
- Nein. – Na!
- Keine Ursache. – Na kerel ništo
Grundlagen und Smalltalk:
- Mir geht’s gut, danke. – Miśto, Sikav tuke, mersi!, Mes sim mișto, nais tukă
- Wie heißt du? – Sar pes vicines?, So si kiro anav?, Kushti dai tuke nav?
- Ich heiße … – Me pes vicinav…, Muro anav si…, Miri nav…
- Woher kommst du? – Katar aves?
- Sprechen Sie Deutsch? – Rokeretsa Džermanikans?
- Ich verstehe nicht. – Na xalavav
- Kannst du mir helfen? – Hajde man te pomožin?
- Kein Problem. – Na si problemi
- Wo ist …? – Kote si…?
- Was kostet das? – So si lesko kinďipen?
- Wie viel kostet es? – Phendja katar si?
- Wie spät ist es? – So sato ora?
Beziehungen und Befindlichkeiten:
- Ich liebe dich. – Te dikham tuke, Kamav tut
- Ich bin Rom (Mann). – Me sem rrom
- Ich bin Romni (Frau). – Me sem rromni
- Wo ist die Toilette? – Kaj si e foruznica?
- Hilfe! – Pomoc!
- Ich bin krank. – Nasvalo som
Redewendungen & Sprichwörter:
- Mit Gottes Hilfe angekommen. – Devlesa avilan
- Wo die Nadel hingeht, folgt auch der Faden. – Kay zhala I suv shay zhala wi o thav
- Wer den Eber füttert, hält auch das Messer über ihm. – Kon khakhavel o balo wi leste si I shuri
- Manche Dinge lernt man nur durch Erfahrung. – Feri ando payi sitsholpe te nauyas
- Ohne Holz stirbt das Feuer. – Bi kashtesko merel i yag
- Gadje mit Gadje, Rom mit Rom. – Gadje Gadjensa, Rom Romensa
- Das schönste Mädchen ist die Frau des Hauses. – La bori laćhi kaj hal bilondo, phenel londo
- Wo das Herz ist, da ist auch der Verstand. – Olo jilo ka ka drom, dikh te.
- Viel Glück und Gesundheit für deine Seele. – Baxt hai sastimos tiri patragi
- Kehre um, Onkel. – Bolde tut, kako
- Viel Glück! – Baxtalo!
- Gib mir Brot. – De man manro.
- Komm her. – Av akai.
- Setz dich. – Beš tele.
- Das ist gut. – Odoj si laćho.
- Heute ist ein guter Tag. – Ada dives si laćho.
- Bis bald. – Dža Devleça.
Politische Phrasen:
- Was ist los in der Politik? – So del o punkto ando politika?
- Die Regierung muss handeln. – O governo trubul te kerel.
1.7 Zwanzig vertiefende Sprachaspekte
1. Zahlen und Zählen: 1 jekh, 2 duj, 3 trin, 4 štar, 5 panč, 6 šov, 7 efta, 8 oxto, 9 enja, 10 deš, 20 biš, 100 šel.
2. Verwandtschaftsbezeichnungen: Mutter daj, Vater dad, Großmutter phuri daj, Großvater phuro dad, Schwester phen, Bruder phral, Onkel mütterl. mamiro, Onkel väterl. kak, Tante mütterl. bibi, Tante väterl. phenta / mami.
3. Zeitbegriffe: Montag lujakuja, Dienstag martuja, Mittwoch tetrada, Donnerstag žoja, Freitag paraštuj, Samstag sastago, Sonntag kurko; Morgen texarin, Mittag dajsa, Nacht rât.
4. Farben und symbolische Bedeutung: Schwarz kalo (Trauer, marime), Rot lolo (Blut, Schutz), Grün zeleno (Hoffnung, Freiheit), Gelb/Gold žutino (Glück), Blau plavo (Schutz gegen bösen Blick), Weiß parno (Reinheit).
5. Kosenamen und Spitznamen: čhavo/čhaj (Junge/Mädchen), tigrušo (Tigerle), mačho (Fisch), papu/papuči (Opa/Oma), lolo (Rotkopf), bokolo (Dürrer). Geheime Roma-Namen innerhalb des Clans.
6. Schimpfwörter und Beleidigungen: beng (Teufel – auch als Kosename), džukel (Hund – schwere Beleidigung), peder (Hintern), melalo (dreckig – sehr stark, weil marime), gudlo (dumm), phuro čhaj (alte Jungfer). Beleidigung der Mutter oder Verstorbener kann ein Kris nach sich ziehen.
7. Anredeformen: tu (Singular, vertraut), tume (Plural und Höflichkeitsform). Respektanrede: Phuro! („Alter!“), Phuri daj! („Alte Mutter“), Te aves baxtalo! („Sei glücklich gekommen!“).
8. Kindersprache / Lallwörter: njam-njam (essen), mamu-mamu (Milch), ciku-ciku (klein), papa (Papa), mama (Mama), vau-vau (Hund), pisi-pisi (schlafen), tata (Tschüss).
9. Lautmalerei (Onomatopoesie): džirik-džirik (Vogelzwitschern), ham-ham (Hundebellen), mijav-mijav (Miauen), brrm (Motor/Pferd), čap-čap (schlürfendes Trinken), tik-tak (Uhr), cim-cim (Regen).
10. Rituelle Formeln: Trinkspruch Te aves baxtalo!, Hochzeitswunsch Te den tumen o Del baxt, sastimos thaj but čhave!, Beileid O Del te oprostil les/la, Geburtswunsch für Sohn Te avel phralesko dad!
11. Schwurformeln (ohne Selbstverfluchung): Solax pe muri duša! („Ich schwöre bei meiner Seele!“), Solax pe o Del thaj pe o kris!, Čačipen vakerav, sar o Del si opre.
12. Euphemismen für Gefährliches/Tabuisiertes: o na dikhlo (der Ungesehene) für mulo (Toter), o bičhado (der Geschickte) für beng (Teufel), džal ko Del (zu Gott gehen) für merel (sterben), o šilale (die Kalten) für Polizei.
13. Berufs- und Handwerksvokabular: kalderaš (Kesselflicker), lovara (Pferdehändler), košaraš (Korbflechter), drabarni (Heilerin/Wahrsagerin), lautaš (Musiker), ursara (Bärenführer).
14. Reisewortschatz: drom (Weg), pule (Brücke), len (Fluss), veš (Wald), granica (Grenze), carina (Zoll), than (Lagerplatz), vardo (Wohnwagen).
15. Rechtsterminologie des Kris: kris (Gericht), phuro/baro rom (Richter), mangipen (Ankläger), pošivalo (Zeuge), solax (Eid), kazna (Strafe), marime (Ausschluss).
16. Medizin- und Heilvokabular: nasvalipe (Krankheit), jilalipen (Fieber), kasaltruska (Husten), rana (Wunde), drab (Heilkraut), drabarni (Heilerin), sastipen (Heilung).
17. Religiöses Vokabular: Del (Gott), Ježišus (Jesus), Sveto Dušo (Heiliger Geist), melek (Engel), beng (Teufel), mulo (ruheloser Toter), vila (Fee), khangeri (Kirche), trantuš (Kreuz), molit (beten), Sara e Kali (Heilige Sara).
18. Feste und Feiertage: Weihnachten Bari rât (Baxtalo Kreštuno!), Ostern Patradija (O Del te dživdjaral!), Hederlezi (Frühlingsfest) Hederlez (Te o Del del baxt!), Totengedenken Pomana, Hochzeit abijav (Te den tumen baxt!).
19. Liedertexte und Reime: Kinderreim (Kalderasch): „Čhave, čhave, čhavale, Džan ko foro te lel balo. Balori, balori, bali bali, Te kerel amenge duj phurne phali.“ (Kinder, geht in die Stadt und kauft ein Schwein, damit es uns zwei alte Pasteten macht.)
20. Dialektale Unterschiede im Grundwortschatz: Beispielvergleich (Wasser, Brot, groß, klein, gehen, sehen) – siehe Tabelle in Abschnitt 1.3.
Teil 2: Sitten, Gebräuche und Glauben
2.1 Das Konzept des Romanipen
Das Fundament der Kultur ist das Romanipen (oder Romanipen). Es umfasst die Gesamtheit der traditionellen Werte, Ethikregeln und Verhaltenskodizes, die einen „wahren“ Rom ausmachen: Respekt vor Älteren, Reinheitsgebote, Ehre der Familie, Gastfreundschaft, kollektive Verantwortung.
2.2 Soziale Struktur: Familie, Clans, Kris
- Familie & Clans: Die Großfamilie ist der wichtigste Bezugspunkt. Mehrere Familien formen eine Vitsa (erweiterte Verwandtschaftsgruppe). Diese Gemeinschaften wählen oft einen Baro Rom (Ältesten).
- Das Kris: Ein Ältestenrat, der bei Konflikten zusammenkommt. Die schwerste Strafe ist der gesellschaftliche Ausschluss.
2.3 Glaube und Religion
Die große Mehrheit der Roma ist christlich (römisch-katholisch, orthodox, pfingstlerisch). Daneben gibt es muslimische Roma (v.a. Balkan). Vor der Christianisierung brachten die Vorfahren religiöse Vorstellungen aus Indien mit, die bis heute nachwirken: die Vorstellung von ritueller Reinheit (marime) und Unreinheit, Glaube an mulo (Totengeist) und bibaxt (Unglück).
2.4 Lebenszyklus-Rituale
- Geburt: Die Mutter gilt nach der Geburt als marime und bleibt sechs Wochen im Haus. Nach der Geburt wird das Kind getauft (christlich) oder beschnitten (muslimisch).
- Hochzeit: Verhandlungen zwischen Familien, mehrtägige Feiern mit Musik, Tanz, Essen. Jungfräulichkeit der Braut gilt als wichtig.
- Tod: Hinterbliebene fasten bis zur Beerdigung. Habe des Verstorbenen wird oft zerstört, um den mulo abzuwehren. Danach große Trauerfeier (Pomana).
2.5 Besonderheiten in Deutschland, Frankreich und England
- Deutschland (Sinti): Starke Integration, traditionelle Handwerke, eigener Musikstil (Sinti-Swing).
- Frankreich (Manouches): Reisewagen-Tradition, Manouche-Swing (Django Reinhardt).
- England (Romanichal): Sesshaftigkeit, Identität zeigt sich in Familiengeschichten, Handwerken und Pferdemärkten (Horse Fairs).
Teil 3: Wichtige Aspekte und Kuriositäten
3.1 Die Sprache als Hüterin der Identität
Das Romani verrät die Herkunft der Roma: Indischer Ursprung (Sanskrit). Wörter wie phral (Bruder) belegen dies. Das englische pal stammt davon ab.
3.2 Das Kris-Gericht
Traditionelles Tribunal, dessen Richter von den Konfliktparteien bestimmt werden. Die schwerste Strafe ist der Ausschluss aus der Gemeinschaft.
3.3 Reinheitsgebote (Marime)
Komplexes System ritueller Reinheit. Fremde (Gadje) gelten traditionell als unrein.
3.4 Verzierte Wohnwagen (Vardo)
Die traditionellen Wohnwagen der Romanichal in England sind kunstvoll bemalte Meisterwerke.
3.5 Kulinarische Traditionen
Traditionelle Gerichte mit Kartoffeln, Grammel (gebackenes Schweinefett) und Sauerkraut.
Teil 4: Die Schwarze Madonna Sara e Kali
Die Figur der Schwarzen Madonna vereint christliche Heiligenverehrung mit uralten Traditionen. Besonders eng ist ihre Verbindung mit der Roma-Kultur, bei denen sie als Sara e Kali die zentrale Rolle spielt.
Bedeutung:
- Für die katholische Kirche: Die schwarze Dienerin der heiligen Marien.
- Für die Roma-Gemeinschaft: Identifikationsfigur und Patronin, Verbindung zur hinduistischen Göttin Kali.
- Für viele Gläubige: Quelle von Trost, Hoffnung und Frieden.
Jährliche Pilgerfahrt nach Saintes-Maries-de-la-Mer: Ende Mai wird der Ort in der Camargue zum zentralen Anlaufpunkt für zehntausende Sinti, Roma und Manouches aus ganz Europa. Die Statue wird aus der Krypta getragen und ins Meer geführt.
Weitere bedeutende Schwarze Madonnen in Europa: Altötting (Deutschland), Tschenstochau (Polen), Montserrat (Spanien), Einsiedeln (Schweiz), Loreto (Italien).
Teil 5: Clans, Nachnamen und ihre Bedeutung
5.1 Soziale Struktur: Vitsa, Stamm und Clan
Mehrere Familien bilden eine Vitsa. Mehrere Vitsas mit ähnlicher Tradition bilden einen „Stamm“. Bekannte Stämme:
- Kalderash: Name vom rumänischen Wort für „Kupferkessel“ (Kesselflicker). Leben in Rumänien, Bulgarien, Serbien, Zentral- und Nordeuropa, USA.
- Lovara: Name vom ungarischen ló (Pferd) – traditionelle Pferdehändler. Vor allem in Ungarn, Deutschland, Österreich.
- Sinti: Vorrangig in Deutschland und Mitteleuropa. Name möglicherweise vom indischen Sindh.
- Manouche: Vor allem in Frankreich, eng mit Sinti verwandt.
5.2 Die Bedeutung der Nachnamen
Nachnamen lassen sich oft einer Kategorie zuordnen:
- Herkunft (toponymisch): Florescu („aus Florenz“), Scott („aus Schottland“), Moldovan („aus der Moldau“).
- Beruf: Lakatos („Musiker“), Ursari („Bärenführer“), Goldschmidt, Kessler.
- Äußere Merkmale: Balan („blond“), Kiss („klein“), Barbu („bärtig“), Farkas („Wolf“).
- Patronymisch: Petrov („Sohn des Peter“), Georgiev, Ivanov.
- Geheim- bzw. Clannamen: Die Vitsa als Clanname. Viele Sinti haben einen geheimen „Roma-Namen“ nur innerhalb des Clans.
5.3 Besonderheiten in Deutschland
Bei den deutschen Sinti sind die meisten Nachnamen deutsche Namen wie Reinhardt, Weiss oder Steinbach – Folge der jahrhundertelangen Integration. Einige Namen haben Entsprechungen bei jüdischen Familien (Adler, Blum, Rose, Strauß).
Teil 6: Sprichwörter – Lebensbegleitende Weisheiten
Über Familie, Ehre und Gastfreundschaft:
- „Gadje Gadjensa, Rom Romensa.“ (Die Außenstehenden mit den Außenstehenden, der Rom mit dem Rom.)
- „Was vom Herzen kommt, kann nicht weggenommen werden.“
- „Gib von deinem Haus, sonst wird es kein Fest geben!“
Über Weisheit, Klugheit und Überleben:
- „Verlass dich nicht auf deine Füße, verlass dich auf deinen Verstand.“
- „In der Zunge sind keine Knochen – doch die Zunge kann harte Worte sprechen.“
- „Wenn die Leute nicht viel wissen, lach nicht über sie, denn jeder von ihnen weiß etwas, was du nicht weißt.“
- „Eine Fliege fliegt nicht in einen Mund, der geschlossen ist.“
Über Schicksal, Glück und Widerstandskraft:
- „Begrabt mich im Stehen – ich habe mein ganzes Leben auf den Knien verbracht.“
- „Du kannst nicht geradeaus gehen, wenn die Straße sich biegt.“
- „Grün ist der Wald, grün ist der Berg; unser Glück kommt und unser Glück geht; die Probleme des Lebens schneiden unser Fleisch wie ein Messer.“
Über Gesundheit, Arbeit und Werte:
- „Gesundheit ist wie ein Haus: Wenn es sie nicht gibt, ist alles andere egal.“
- „Arbeit und Geduld führen zu einem Zuhause.“
- „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen.“
Über die Bedeutung der Sprache:
- „Unsere Sprache ist unsere Stärke.“
- „Lass mich eines mit den Ästen sein, so bin ich eines mit dem Stamm.“
Über die Außenwelt und Identität:
- „In den Augen eines anderen sieht er alles, aber nicht in seinen eigenen.“
Über Politik und Gesellschaft:
- „Wer dich versklaven will, wird dir niemals die Wahrheit über deine Vorfahren sagen.“
Alltagsweisheiten:
- „Besser ein lahmer Esel als ein totes Pferd.“
Sprichwort über Großmütter (modern): „If nothing is going well, call your grandmother.“ (Wenn nichts mehr gutgeht, ruf deine Großmutter an.)
Teil 7: Die Stellung der Frauen, jungen Mädchen, Schule, Lehrer, Universitäten
7.1 Traditionelle Rollen
Die traditionelle Gesellschaft ist patriarchalisch. Frauen sind primär Hausfrauen und Mütter, den Männern formell untergeordnet. Innerhalb der Familie, besonders als Großmutter, haben sie jedoch großen Einfluss. Frühe Ehen sind weit verbreitet (Mädchen oft mit 15–16 Jahren verheiratet).
7.2 Bildung als Wendepunkt
68 Prozent der Roma brechen die Schule vorzeitig ab, nur 18 Prozent erreichen eine höhere Bildung. Bei Mädchen ist die Abbruchquote teils noch höher. Junge Frauen mit höheren Bildungsabschlüssen brechen mit traditionellen Erwartungen, werden finanziell unabhängig und können ihre eigenen Lebensentscheidungen treffen.
7.3 Das Universitätsumfeld
Roma-Studierende sind an Hochschulen stark unterrepräsentiert. Viele verheimlichen aus Angst vor Diskriminierung ihre Herkunft. Rassismus im Hörsaal ist real. Es entstehen eigene Vereine wie HÖR (Österreich) oder der Studierendenverband der Sinti und Roma (Deutschland).
7.4 Die Rolle von Lehrerinnen und Lehrern
Lehrkräfte sind sowohl Teil des Problems (Ungleichbehandlung, verbale Stereotypisierungen) als auch unerlässlich für die Lösung. Muttersprachliche Schulmediatoren oder speziell ausgebildete Lehrkräfte können Brücken bauen.
Teil 8: Flüche, Verwünschungen und der Spuckhandschlag
8.1 Fluch vs. Verwünschung
- Fluch (allgemein, Armaya, Urdh, Kahr): Gezielte böse Willensäußerung gegen eine andere Person (fremdschädigend). Soll Schaden, Unglück, Krankheit oder Tod bringen. Der Sprecher setzt sich keiner Selbstgefahr aus.
- Verwünschung (Armaja): Eidesform mit Selbstverfluchung. Vor dem Kris-Gericht oder bei wichtigen Verträgen schwört die Person bei Gott, bei der Heiligen Sara oder bei der eigenen Seele und fügt eine Selbstverfluchung für den Fall des Meineids hinzu. Die Armaja ist selbstschädigend (konditional).
Die Grenze: Gewöhnlicher Fluch = fremdschädigend; Armaja = selbstschädigend (bedingt durch Eidbruch).
8.2 Beispiele für gewöhnliche Flüche (fremdschädigend)
- „Möge dein Weg immer staubig sein und dir niemals ein Bach Wasser begegnen.“
- „Mögen die Raben deine Augen picken, bevor du alt wirst.“
- „Möge das Feuer dein Haus fressen und kein Nachbar dir helfen.“
- „Möge dein erstgeborener Sohn dir fremd werden und deinen Namen hassen.“
- „Möge der Wind deine Saat verwehen und dein Vieh verenden.“
- „Möge deine Zunge dir im Mund verschimmeln, wenn du meinen Namen noch einmal aussprichst.“
- „Mögest du leben, aber jeden Tag bereuen, dass du geboren bist.“
- „Möge dir die Sonne den Rücken verbrennen, aber niemals dein Herz wärmen.“
- „Mögen die Toten deiner Familie dich nachts holen und zu sich ziehen.“
- „Dein Name sei ausgelöscht – niemand soll sich an dich erinnern, wenn du gestorben bist.“
8.3 Beispiele für Verwünschungen (Armaja)
- „So wahr mir Gott helfe – wenn ich lüge, möge mich der Schlag treffen und ich noch heute sterben.“
- „Ich schwöre bei meinem eigenen Leben: Was ich sage, ist wahr. Sollte ich falsch zeugen, möge mein Haus verbrennen und keiner meiner Söhne das Mannesalter erreichen.“
- „Möge dieser Bissen Brot, den ich jetzt esse, mir im Halse stecken bleiben und mich ersticken lassen, wenn ich mein Versprechen nicht halte.“
- „Möge die Heilige Sara mich strafen und meine Augen erblinden, sollte ich auch nur ein Wort der Unwahrheit gesagt haben.“
- „Wenn ich schuldig bin, dann soll mich der Beng (Teufel) holen, noch bevor der nächste Vollmond kommt.“
8.4 Der Spuckhandschlag und Vertragsrituale
Im traditionellen Pferdehandel und bei anderen Geschäften spucken die Parteien sich vor dem Handschlag in die eigene Handfläche. Diese Geste besiegelt einen Deal als absolut bindend, symbolisiert Reinigung und Ernsthaftigkeit. Ein gebrochenes Wort nach diesem Ritual ist ein tiefer Vertrauensbruch mit Konsequenzen für die soziale Stellung.
Teil 9: Glücksbringer, Unglücksbringer, Zeichen und Tiere
9.1 Glücksbringer (Baxt)
- Mücke: Herrin des Goldes, Hüterin von Schätzen. Eine tote Mücke zeigt verborgenen Reichtum an; sie darf nicht getötet werden.
- Goldene Hufeisen: Ein gefundenes Hufeisen mit noch vorhandenen Nägeln bringt für jeden Nagel ein Jahr Glück.
- Brot: Ein Stück Brot in der Tasche schützt vor Unglück und bösen Geistern.
- Blaue Glasperlen-Armbänder: Wehren den bösen Blick ab.
- Schwan: Steht für Glück, Schönheit und Reinheit.
- Hahn: Vertreibt mit seinem Krähen die Dunkelheit und böse Geister.
- Glücksbringer (Mascots): Aus Fledermäusen, „wurmigen“ Fröschen, Schlangenhaut, Bienenstöcken können mächtige Amulette gefertigt werden.
9.2 Unglück vermeiden (Bibaxt)
- Keine Nägel an einem Sonntag schneiden.
- Kein Brot oder Mehl verbrennen lassen.
- Eine schwangere Frau sollte keine Speisen oder Getränke für Männer überqueren.
- Namen bestimmter Tiere wie „Ratte“, „Affe“ oder „Schlange“ nicht aussprechen (Umschreibungen wie „Langschwanz“ verwenden).
- Das Wort Beng (Teufel) vermeiden, um ihn nicht anzuziehen.
9.3 Tiere als Zeichen
| Tier | Bedeutung |
|---|---|
| Mole & Igel | Ihre Füße als Heilmittel gegen Rheuma oder Zahnschmerzen |
| Schwalbe | Glücksbote, an ihrem ersten Gesang soll ein verborgener Schatz zu finden sein |
| Pferd | Freiheit, Reiselust; Hufe bringen als Hufeisen Glück |
| Schwein & Eber | Figuren gelten als Frauen-Amulett |
| Kröte | Wegen mystischer Kräfte mit Verwandlung und verborgenem Wissen assoziiert, aber auch als „Mutter der Hexen“ gefürchtet |
9.4 Der böse Blick
Der Neid anderer kann als böser Blick Schaden bringen. Traditionelle Schutzamulette wie blaue Glasperlen-Armbänder oder kleine Glasspiralen sollen ihn abwehren.
Teil 10: Schmuck – vor allem Ringe bei Männern
Bei den Sinti und Roma ist Goldschmuck weit mehr als ein modisches Accessoire. Er ist Symbol für Wohlstand, Glück, sozialen Status und familiäre Stellung.
- Symbole für Status und Familie: Gold gilt als Zeichen von Wohlstand, Glück und hohem sozialen Ansehen. Ein auffälliger Goldring kann die Stellung eines Mannes in der Gemeinschaft, seine Rolle als Familienoberhaupt oder sein traditionelles Handwerk betonen.
- Zeichen des Oberhaupts: Bei vielen Gruppen trägt das angesehene Familienoberhaupt besondere Ringe als sichtbare Macht- und Würdezeichen. Ein Beispiel ist der Ring eines Sinti-Patriarchen mit einem Pferdekopf und Hufeisen.
- Materielle Absicherung: Goldschmuck diente traditionell als beweglicher Wohlstand, der bei Bedarf verkauft oder verpfändet werden konnte.
- Modernes Bekenntnis: Viele Roma tragen heute bewusst moderne Symbole wie das Rad (Chakra) der Roma-Flagge, das die Reise und die jahrhundertealte Geschichte symbolisiert.
Teil 11: Berühmtheiten – hauptsächlich Deutschland, dann international
Deutschland
| Name | Bekannt als | Roma-Hintergrund |
|---|---|---|
| Marianne Rosenberg | Schlagersängerin | Mutter Sinteza, überlebte Porajmos |
| Sido | Rapper | Vater Sinto |
| Django Reinhardt | Jazzgitarrist | Sohn fahrender Manouches, Mitbegründer Sinti-Jazz |
| Schmeling-Karsten & Weisser | Musiker | Deutsche Sinti-Jazz-Ausnahmekönner |
| Romani Rose | Bürgerrechtler | Vorsitzender Zentralrat Deutscher Sinti und Roma |
| Petra Rosenberg | Funktionärin | Vorsitzende Landesverband Berlin-Brandenburg |
| Hildegard Lagrenne | Holocaust-Überlebende | Kämpferin für Anerkennung des Völkermords |
| Romeo Franz | Politiker (Grüne) | Erster Rom im Deutschen Bundestag (2017–2024) |
| Gianni Jovanovic | Aktivist | Gründer der Initiative „Queer Roma“ |
| Gilda Horvath | Journalistin | Setzt sich gegen Diskriminierung ein |
| Isabela Karger | Künstlerin | Gründerin des RomArchive |
| Michael Ballack | Fußballspieler | Großmutter väterlicherseits Sinteza |
| Piet Klocke | Kabarettist | Sinti-Wurzeln |
International
| Name | Land | Bekannt als |
|---|---|---|
| Charlie Chaplin | Großbritannien | Filmlegende (überzeugt, selbst Rom zu sein) |
| Yul Brynner | USA (geb. Russland) | Hollywood-Star, Ehrenpräsident der International Romani Union |
| Rita Hayworth | USA | Schauspielerin (Mutter aus Traveller-/Roma-Familie) |
| Michael Caine | Großbritannien | Schauspieler (Mutter aus Roma-Familie) |
| Elvis Presley | USA | „King of Rock ’n‘ Roll“ (mütterlicherseits Roma aus ehem. Jugoslawien) |
| Adam Ant | Großbritannien | Popstar (Roma-Herkunft prägte Image) |
| Bob Hoskins | Großbritannien | Schauspieler (Roma-Wurzeln waren ihm wichtig) |
| Jesús Navas | Spanien | Fußballprofi (Roma-Hintergrund) |
| Ricardo Quaresma | Portugal | Fußballprofi (Roma-Hintergrund) |
| Tyson Fury | Großbritannien | Schwergewichtsboxer („Gypsy King“) |
| Andrea Pirlo | Italien | Fußball-Weltmeister (Familie väterlicherseits von Roma ab) |
| Lívia Járóka | Ungarn | Politikerin, erste weibliche Rom im Europaparlament (2004–2014) |
| Ceija Stojka | Österreich | Künstlerin, Schriftstellerin, Holocaust-Überlebende |
| Nicolae Gheorghe | Rumänien | Bürgerrechtler, prägende Figur der internationalen Roma-Bewegung |
Teil 12: Verfilmungen, Schriften, Bücher, Romane
Filme & Dokumentationen
- Von und mit Ceija Stojka: Ceija Stojka (Karin Berger, 1999); The Deathless Woman (Roz Mortimer, 2019)
- Zum Völkermord (Porajmos): Requiem für Auschwitz (Bob Entrop, 2021); A Blue Hole in the Sky (Bob Entrop, 2006); You have killed my innocent family
- Überlebende und Kämpfer: Taikon (Lawen Mohtadi, 2015); How I became a Partisan (Věra Lacková)
- Aktuelle Themen: Der lange Weg der Sinti und Roma (2022); A Hole in the Head (Robert Kirchhoff, 2016); Inside Stories (Remmelt Lukkien, 1994)
- Künstlerische Porträts: Gypsy Spirit: Harri Stojka – Eine Reise (Klaus Hundsbichler, 2010); Erzählte Buchstaben / Talking Letters (Pavel Braila & Angelika Herta, 2013)
- Internationale Filme: The Gypsy Vote (Jaroslav Vojtek, 2012); Loli Kali Shuba (Aleksandr Balagura, 2013); Korkoro (Liberty) (Tony Gatlif, 2009)
Schriften, Bücher & Romane
Frühe Zeugnisse & Autobiografien:
- Die Befreiung des Latscho Tschawo (Latscho Tschawo, 1984)
- Zwischen Liebe und Haß (Philomena Franz, 1985)
- Totenvogel (Edward Debicki, 2018)
- Mein Leben im Versteck (Alfred Lessing, 1993)
Zeitgenössische Belletristik:
- Ich war wütend auf die ganze Welt (Patrik Banga, 2025)
- Geisterbahn (Ursula Krechel, 2018)
Sachbücher & Wissenschaft:
- Die Morgendämmerung der Worte (Hrsg. Winfried Ihrig & Ulrich Janetzki, 2018) – Poesie-Atlas
- Unerwünscht (Stefanie Schüler-Springorum, 2025) – Verfolgung nach 1945
- Der Völkermord an den Sinti und Roma und die Bundesrepublik (Sebastian Lotto-Kusche, 2022)
Internationale Werke:
- Goddam Gypsy (Ronald Lee, 1971) – erster internationaler Bestseller eines Roma-Autors
Fazit und Ausblick
Die Kultur der Roma ist kein museales Relikt, sondern ein lebendiger, sich ständig wandelnder Organismus. Die Romani-Sprache bewahrt das indische Erbe, das Romanipen gibt einen ethischen Kompass, Flüche und Eide zeigen die Macht des Wortes, und die Pilgerfahrt nach Saintes-Maries-de-la-Mer verbindet die Diaspora. Zugleich stehen die Roma vor enormen Herausforderungen: Antiziganismus, Bildungsbenachteiligung, Wohnungsdiskriminierung und die Verdrängung traditioneller Lebensweisen.
Was Außenstehende oft übersehen: Die Roma-Kultur ist keine monolithische Einheit. Es gibt nicht „die Roma“, sondern Hunderte von Gruppen mit eigenen Dialekten, Bräuchen und Rechtssystemen. Wer sie verstehen will, muss sich von Pauschalurteilen verabschieden und bereit sein, die Perspektive der Betroffenen einzunehmen – eine Perspektive, die von Resilienz, Stolz und einer tiefen Verwurzelung in der eigenen Geschichte zeugt.
Quellen
- Matras, Yaron: Romani: A Linguistic Introduction. Cambridge University Press, 2002.
- Hancock, Ian: We are the Romani People. University of Hertfordshire Press, 2002.
- Zentralrat Deutscher Sinti und Roma: Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma (https://zentralrat.sintiundroma.de)
- Rose, Romani (Hrsg.): Der nationalsozialistische Völkermord an den Sinti und Roma. Katalog zur ständigen Ausstellung, Heidelberg 2004.
- Grigore, Delia: Romanipen – Ethos und Identität der Roma. In: Romano Drom, Sonderausgabe 2015.
- Europäische Agentur für Grundrechte (FRA): Roma – Survey: Data in Focus. Luxemburg 2016.
- Schüler-Springorum, Stefanie: Unerwünscht – Die Verfolgung der Sinti und Roma nach 1945. Siedler Verlag, 2025.
- Lotto-Kusche, Sebastian: Der Völkermord an den Sinti und Roma und die Bundesrepublik. 2022.
- Banga, Patrik: Ich war wütend auf die ganze Welt. 2025.
- Krechel, Ursula: Geisterbahn. 2018.
- Franz, Philomena: Zwischen Liebe und Haß. 1985.
- Lessing, Alfred: Mein Leben im Versteck. 1993.
- Lee, Ronald: Goddam Gypsy. 1971.
- Ihrig, Winfried & Janetzki, Ulrich (Hrsg.): Die Morgendämmerung der Worte. 2018.
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