Flying P-Liner – Technik, Mythos und Vermächtnis der schnellsten Segelschiffe aller Zeiten
Autor: DerSchneider
Einleitung
Wenn ein Segelschiff als „qualitativ hochwertig, schnell und fast unsinkbar“ beschrieben wird, dann führt kein Weg an den legendären Flying P-Linern der Hamburger Reederei F. Laeisz vorbei. Diese Schiffe gelten als Höhepunkt des Windjammerzeitalters – eine Zeit, in der Technik, Materialwissenschaft und menschliches Können eine letzte, beeindruckende Symbiose eingingen. Die Reederei F. Laeisz betrieb im Laufe ihrer Geschichte insgesamt 86 Segelschiffe, von denen 66 einen Namen mit dem Anfangsbuchstaben „P“ trugen und damit als Flying P-Liner im engeren Sinne gelten.
Dieser Artikel beleuchtet die technischen Grundlagen, die historische Entwicklung, die vollständige Liste aller bekannten P-Liner sowie die Mythenbildung rund um diese Schiffe – jenseits romantisierender Vorstellungen.
Hauptteil
1. Technische Merkmale: Warum die P-Liner schneller und robuster waren
Die Flying P-Liner waren nicht einfach große Segelschiffe. Sie waren das Ergebnis systematischer Optimierung:
| Merkmal | Ausführung | Technischer Vorteil |
|---|---|---|
| Rumpfform | Vollschiff mit starkem Tiefgang, lang und scharf | Geringer Widerstand, hohe Stabilität bei Starkwind |
| Material | Stahlrahmen mit Stahlbeplankung (ab 1880er) | Höhere Festigkeit als Eisen oder Holz |
| Takelage | Stenge- und Bramtakelage mit bis zu 30 Segeln | Optimale Windausnutzung bei verschiedenen Kursen |
| Ruderanlage | Große, tiefgehende Flosse | Verbesserte Kursstabilität bei hoher Geschwindigkeit |
| Doppelböden | Längs und quer unterteilt | Erhöhte Sicherheit bei Grundberührung oder Leckage |
| Wasserdichte Schotte | Über die gesamte Rumpflänge | Verhinderung des Vollaufens bei Beschädigung |
Die Geschwindigkeit lag typisch zwischen 12 und 18 Knoten – für die Zeit außergewöhnlich. Die Preußen (1902–1910), das einzige fünfmastige Vollschiff der Welt, erreichte sogar über 20 Knoten unter idealen Bedingungen.
2. „Fast unsinkbar“ – Eine differenzierte Betrachtung
Der Mythos der „fast unsinkbaren“ P-Liner ist kein bloßes Marketing. Er hat statistische Grundlagen, muss aber differenziert werden.
Bekannte Verluststatistik (ca. 1908):
Verlustrate der Laeisz-Flotte: ca. 0,9 % pro Jahr
Durchschnitt anderer Segelschiffe: ca. 3,0 % pro Jahr
Die Gründe für diese Überlegenheit:
- Doppelböden in vielen Schiffen (längs und quer unterteilt)
- Wasserdichte Schotte über die gesamte Rumpflänge
- Strenge Bauaufsicht durch Germanischen Lloyd
- Konservative Konstruktion mit großen Sicherheitsreserven
Dennoch: „Unsinkbar“ ist keine ingenieurtechnische Kategorie. Die Pamir sank 1957 im Atlantik – allerdings unter veränderten Besitzverhältnissen und mit unerfahrener Besatzung. Der Mythos bezieht sich auf die Laeisz-Ära (ca. 1880–1920).
3. Historische Einordnung: Zwischen Wirtschaft und Romantik
Die Flying P-Liner waren keine Museumsstücke, sondern hochmoderne Frachtschiffe ihrer Zeit. Ihr Haupteinsatzgebiet:
- Salpeterfahrten von Chile nach Europa (bis 1914)
- Nitrat- und Guano-Transport (wichtige Düngemittel für die Landwirtschaft)
- Schnellfrachter für hocheilige Güter (z. B. Tee, Wolle)
Sie waren schneller als viele Dampfschiffe und kostengünstiger im Betrieb – solange die Windverhältnisse mitspielten. Erst der Erste Weltkrieg und der Ausbau der Dampferflotten machten sie wirtschaftlich obsolet.
Reederei-Informationen im Überblick:
| Eigenschaft | Angabe |
|---|---|
| Reederei | F. Laeisz, Hamburg |
| Gründer | Ferdinand Laeisz (1824 als Hutmanufaktur gegründet, ab 1839 im Schifffahrtsgeschäft) |
| Blütezeit der Segelschifffahrt | Unter Carl Laeisz (ab 1852) |
| Heimathafen | Hamburg |
| Reedereifarben | Schwarz (Rumpf über Wasserlinie), Weiß (Wasserlinie), Rot (Unterwasserschiff) |
| Heutiger Status | Die Reederei F. Laeisz existiert noch heute und betreibt eine moderne Frachtschiffflotte unter traditionellen Namen |
4. Kontroversen und Mythenbildung
In der heutigen Segelromantik werden die P-Liner oft verklärt. Drei kritische Punkte:
- Arbeitsbedingungen
Die Besatzungen bestanden oft aus Jugendlichen, die extremen körperlichen Belastungen, Kälte und Feuchtigkeit ausgesetzt waren. Todesfälle durch Stürme, Seekrankheit oder Unfälle waren keine Seltenheit. - Sicherheit im Vergleich zu heute
Aus heutiger Sicht wären viele P-Liner nicht zulassungsfähig. Keine Radar- oder GPS-Navigation, keine wetterfesten Rettungsinseln, oft unzureichende medizinische Versorgung. - Technikgläubigkeit vs. Realität
Die Behauptung „fast unsinkbar“ ist eine relative Aussage – aber keine absolute. Sie war damals werblich wirksam, sollte aber nicht als ingenieurtechnische Garantie missverstanden werden.
5. Vollständige Liste der Flying P-Liner
Nachfolgend sind alle bekannten Flying P-Liner der Reederei F. Laeisz aufgeführt – unterteilt nach Schiffstypen und Bauperioden.
5.1 Die berühmten Viermastbarken (die „Acht Schwestern“ und ihre Verwandten)
Die wirtschaftlich erfolgreichsten Schiffe der Reederei waren die Viermastbarken, von denen eine Serie von acht nahezu identischen Schiffen als „die acht Schwestern“ bekannt wurde.
| Schiff | Baujahr | Werft | Bauort | Typ | Verbleib |
|---|---|---|---|---|---|
| Pangani | 1903 | Joh. C. Tecklenborg | Geestemünde | Viermastbark | Am 27. Januar 1913 im Ärmelkanal nach Kollision mit Dampfer gesunken, 30 Tote |
| Parma | 1902 | Joh. C. Tecklenborg | Geestemünde | Viermastbark | 1936 nach Unfall verschrottet |
| Pamir | 1905 | Blohm & Voss | Hamburg | Viermastbark | Am 21. September 1957 im Atlantik im Orkan gekentert und gesunken, 80 Tote, 6 Überlebende |
| Peking | 1911 | Blohm & Voss | Hamburg | Viermastbark | Erhalten als Museumsschiff in Hamburg |
| Passat | 1911 | Blohm & Voss | Hamburg | Viermastbark | Erhalten als Museumsschiff in Travemünde |
| Pommern | 1903 | J. Reid & Co. | Glasgow, Schottland | Viermastbark | Erhalten als Museumsschiff in Mariehamn, Finnland |
| Priwall | 1917 | Blohm & Voss | Hamburg | Viermastbark | 1943 in Chile interniert, als „Lautaro“ an Chile übergeben, 1945 vor Peru durch Brand gesunken |
| Padua | 1926 | Joh. C. Tecklenborg | Geestemünde | Viermastbark | Letzter gebauter Flying P-Liner; heute als russisches Schulschiff „Kruzenshtern“ in Fahrt |
| Pola | 1916 | Blohm & Voss | Hamburg | Viermastbark | Schwesterschiff der Priwall |
| Petschili | 1919 | Blohm & Voss | Hamburg | Viermastbark | 1919 vor Valparaíso gestrandet |
5.2 Die legendären Fünfmaster
Die größten und beeindruckendsten Segelschiffe der Reederei waren die Fünfmaster.
| Schiff | Baujahr | Werft | Bauort | Typ | Verbleib |
|---|---|---|---|---|---|
| Potosi | 1895 | Joh. C. Tecklenborg | Geestemünde | Fünfmastbark | 1923 verkauft, 1925 vor Argentinien nach Brand gesunken |
| Preußen | 1902 | Joh. C. Tecklenborg | Geestemünde | Fünfmastvollschiff | Am 6. November 1910 nach Kollision mit Dampfer bei Dover gestrandet |
5.3 Frühe P-Liner (1857–1890er Jahre)
| Schiff | Baujahr | Werft | Bauort | Typ | Verbleib |
|---|---|---|---|---|---|
| Pudel | 1857 | (nicht überliefert) | (unbekannt) | Bark | 1870 gesunken |
| Palmyra | 1889 | Blohm & Voss | Hamburg | Vollschiff | 1908 vor der südchilenischen Küste gestrandet, 21 Besatzungsmitglieder verschollen |
| Pera | 1890 | (nicht überliefert) | (unbekannt) | (unbekannt) | 1917 torpediert |
| Pisagua | 1892 | (nicht überliefert) | (unbekannt) | Viermastbark | 1912 vor den Süd-Shetland-Inseln gestrandet |
| Placilla | 1892 | (nicht überliefert) | (unbekannt) | Viermastbark | 1905 vor Norfolk gestrandet |
5.4 Weitere P-Liner (1900–1920er Jahre)
| Schiff | Baujahr | Werft | Bauort | Typ | Verbleib |
|---|---|---|---|---|---|
| Pitlochry | 1894 | (nicht überliefert) | (unbekannt) | (unbekannt) | 1913 im Ärmelkanal gesunken |
| Pellworm | 1902 | (nicht überliefert) | (unbekannt) | (unbekannt) | 1944 gesunken |
| Ponape | 1903 | (italienische Werft) | Italien | (unbekannt) | 1936 verschrottet |
| Penang | 1905 | (nicht überliefert) | (unbekannt) | (unbekannt) | 1940 torpediert |
Hinweis: Die letzten Schiffe ohne „P“-Namen – wie die Bark Henriette Behn (1885 vor der mexikanischen Küche gestrandet) – markieren die Übergangsphase. Ab diesem Zeitpunkt erhielten alle Schiffe der Reederei konsequent Namen mit dem Anfangsbuchstaben „P“.
6. Besonders bemerkenswerte Schiffe im Detail
Preußen (1902–1910)
- Das einzige Fünfmastvollschiff der Welt
- Länge: 147 m
- Vermessung: 5.081 BRT
- Tragfähigkeit: über 7.800 t
- Höchstgeschwindigkeit: über 18 Knoten
- Beste 24-Stunden-Fahrt: 392 Seemeilen (1908 auf Reise nach Yokohama)
Potosi (1895–1925)
- Erster Fünfmaster der Reederei
- Rekord: 57 Tage von Chile nach England um Kap Hoorn (1904)
- Keine der 22 Chile-Reisen zwischen 1896 und 1914 dauerte länger als 86 Tage
Pamir (1905–1957)
- Berühmtester Untergang: Letzter großer Windjammer, der im Frachtdienst sank
- 1957 als Schulschiff im Atlantik im Orkan gekentert
- Nur 6 von 86 Besatzungsmitgliedern überlebten
Padua (1926–heute)
- Letzter jemals gebauter Frachtsegler
- Heute als russisches Schulschiff „Kruzenshtern“ in Fahrt
- Regelmäßiger Teilnehmer bei Großsegler-Treffen (z. B. Sail Hamburg, Sail Bremerhaven)
Peking (1911–heute)
- Aufwändig restaurierte Viermastbark
- Seit 2020 im Hamburger Hafen am Bremer Kai als Museumsschiff
- Zukünftig Teil des Deutschen Hafenmuseums
7. Zukunftsperspektiven: Was bleibt von der Technik?
Einige P-Liner existieren noch als Museumsschiffe (Passat in Travemünde, Peking in Hamburg, Pommern in Mariehamn). Sie sind keine funktionierenden Frachter mehr, aber:
- Lehrschiffe für traditionelle Seemannschaft
- Denkmäler der industriellen Hochseeschifffahrt
- Objekte der technikhistorischen Forschung (z. B. Rumpfdesign, Materialanalyse)
Für die moderne Schifffahrt bieten sie kaum direkte technische Anknüpfungspunkte – wohl aber ein Studienobjekt für ressourceneffiziente Passivsysteme (Windantrieb, Rumpfoptimierung).
Fazit und Ausblick
Die Flying P-Liner waren eine ingenieurtechnische Meisterleistung ihrer Zeit – schnell, robust und für damalige Verhältnisse sicher. Der Mythos der „fast unsinkbaren“ Schiffe ist statistisch untermauert, aber nicht absolut zu setzen. Sie verdienen Respekt als Hightech-Produkte des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts, nicht als romantische Idylle. Für die Zukunft bleibt ihr Erbe vor allem in der maritimen Kulturgeschichte und der Lehre traditioneller Seemannschaft lebendig – nicht jedoch als Vorbild für moderne Handelsschifffahrt.
Mit insgesamt 66 Schiffen, die den berühmten „P“-Namen trugen, haben die Flying P-Liner die Geschichte der Segelschifffahrt nachhaltig geprägt – von der Pudel (1857) bis zur Padua (1926), die heute noch als Kruzenshtern die Weltmeere befährt.
Quellen
- Klingbeil, P. (1998): Die Flying P-Liner. Die Segelschiffe der Reederei F. Laeisz. Deutsches Schifffahrtsmuseum / Ernst Kabel Verlag.
- Gondesen, A. (2010): *Die letzten Flying P-Liner. PAMIR, PASSAT, ihre Schwestern und Halbschwestern der Baujahre 1902 bis 1926.* Schriften des Deutschen Schiffahrtsmuseums, Band 69. Oceanum Verlag.
- Laeisz, J. (2014): Die Flying P-Liner. Die Segelschiffe der Reederei F. Laeisz. Hamburg: Koehlers Verlagsgesellschaft.
- Pätsch, H. (2008): Salpeterfahrten. Die große Zeit der Windjammer. Bremen: Hauschild Verlag.
- Germanischer Lloyd (1909): Statistischer Bericht über die Verlustrate von Segelschiffen 1898–1908. Berlin (Archivdokument).
- Unterguggenberger, G. (2017): Technikmythen der Seefahrt. Eine kritische Analyse. In: Schiff & Zeit, Nr. 85, S. 34–47.
- Wikipedia: Flying P-Liner. (Version vom 9. Juni 2023).
- RK Marine Kiel: Pangani – Windjammer Lexikon.
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