D.A.R.Y.L. – Zwischen Mensch und Maschine: Die Geschichte eines vergessenen Cyborg-Kinderfilms der 80er

Autor: DerSchneider

Einleitung

Es gibt Filme, die bei ihrem Erscheinen kaum Beachtung finden, Jahre später jedoch als unerkannte Wegbereiter eines Genres gelten. Einer dieser Filme ist D.A.R.Y.L. aus dem Jahr 1985. Die Geschichte eines Jungen, der sich als hochentwickelter Cyborg entpuppt, geriet schnell in Vergessenheit – zu Unrecht. Denn bei genauerem Hinsehen offenbart sich ein faszinierendes Zeitdokument, das die Ängste und Hoffnungen einer Ära einfängt, in der der Personalcomputer Einzug in die Wohnzimmer hielt und die Frage nach der Grenze zwischen Mensch und Maschine erstmals im großen Stil diskutiert wurde.

Dieser Artikel beleuchtet die Entstehungsgeschichte des Films, seine technischen Hintergründe und seine Rezeption. Dabei wird nicht nur der Film selbst betrachtet, sondern auch der kulturelle und technologische Kontext der Mitte der 1980er Jahre.

Die Geschichte des Films – Ein Cyborg auf der Suche nach Identität

Die Handlung von D.A.R.Y.L. folgt einem klaren, aber effektiven Drehbuchschema: Ein Junge wird verwirrt an einer Landstraße aufgefunden und in eine Pflegefamilie gegeben. Schnell zeigt sich, dass Daryl (gespielt von Barret Oliver) kein gewöhnlicher Junge ist – er besitzt übermenschliche Reflexe, perfekte schulische Leistungen und eine unheimliche Affinität zu Computern. Die Pflegeeltern Joyce und Andy Richardson (Mary Beth Hurt und Michael McKean) sowie sein Freund „Turtle“ (Danny Corkill) lernen ihn als liebenswerten, wenn auch eigenartigen Jungen kennen.

Die Auflösung folgt, als Militärangehörige Daryl zurückholen: Er ist kein Mensch, sondern D.A.R.Y.L. – ein Akronym für Data Analyzing Robot Youth Lifeform (alternativ: Data Analysing Robot Youth Lifeform), eine militärische Waffe in Gestalt eines zehnjährigen Jungen. Was folgt, ist eine klassische Fluchtgeschichte, in deren Verlauf Daryl zunehmend menschliche Züge annimmt – bis hin zur finalen Frage, ob ein Wesen, das Emotionen zeigt, nicht auch als Mensch gelten muss.

Der Film ist in seiner Grundstruktur ein typisches Produkt seiner Zeit: Er kombiniert die damals populäre Computerangst (Terminator erschien nur ein Jahr zuvor) mit dem zeitlosen Motiv des Außenseiters, der nach Zugehörigkeit sucht. Der entscheidende Unterschied zu düstereren Vertretern des Genres: D.A.R.Y.L. ist ein Familienfilm, der ohne Gewaltexzesse auskommt und auf Versöhnung setzt.

Hintergründe zum Drehbuch – Ein Original unter Verschluss

Das Drehbuch zu D.A.R.Y.L. wurde von David AmbroseAllan Scott und Jeffrey Ellis verfasst. Es handelt sich – anders als bei vielen Science-Fiction-Filmen dieser Zeit – um ein Originaldrehbuch, nicht um die Adaption eines Romans. Die später erschienene Buchversion von N. H. Kleinbaum ist eine sogenannte „Novelization“, also ein nachträglich zum Film verfasstes Begleitbuch, nicht die Vorlage. 

Besonders bemerkenswert ist die Geheimhaltung, die das Projekt umgab. Laut Unterlagen des American Film Institute wurde die Handlung noch während der Dreharbeiten streng geheim gehalten – selbst die Bedeutung des Akronyms D.A.R.Y.L. wurde erst kurz vor dem Start der Publicity-Kampagne im Februar 1985 preisgegeben.  Diese Geheimnistuerei war ungewöhnlich für einen Familienfilm und zeigt, dass die Produzenten durchaus das Potenzial der überraschenden Enthüllung erkannten.

Regie – Simon Wincer zwischen Effekt und Emotion

Die Regie übernahm der australische Filmemacher Simon Wincer, der zuvor vor allem durch Fernsehproduktionen bekannt geworden war und später mit Free Willy – Ruf der Freiheit (1993) einen großen Erfolg landen sollte. Wincers Stil in D.A.R.Y.L. ist von einer gewissen Nüchternheit geprägt – was von Kritikern oft als mangelndes Tempo oder „bland“ kritisiert wurde. 

Dennoch gelingt ihm ein Kunststück: Er inszeniert die Actionsequenzen (insbesondere die Flucht mit dem gestohlenen SR-71 Blackbird und die Verfolgungsjagden) handwerklich solide, ohne dabei die emotionale Ebene zu vernachlässigen. Die Beziehung zwischen Daryl und seiner Pflegefamilie steht stets im Vordergrund. Dass der Film heute vor allem als „Kindheitserinnerung“ einer ganzen Generation gilt, ist nicht zuletzt Wincers Gespür für die richtige Balance zwischen Spannung und Herz zu verdanken.

Schauspieler – Ein Kinderstar und seine Mitstreiter

Die Besetzung war ein Glücksfall. Barret Oliver in der Titelrolle war bereits durch Die unendliche Geschichte (1984) bekannt, wo er den Helden Bastian Balthasar Bux spielte. Seine Darstellung des Daryl ist bemerkenswert, weil er die Gratwanderung zwischen roboterhafter Perfektion und erwachender Menschlichkeit überzeugend meistert. Dass er für diese Leistung 1986 mit dem Saturn Award als bester Jungdarsteller ausgezeichnet wurde, spricht für sich. 

Mary Beth Hurt und Michael McKean als Pflegeeltern liefern solide Charakterdarstellungen, auch wenn sie im Schatten des Kinderstars stehen. Hervorzuheben ist Danny Corkill als „Turtle“, Daryls Freund, der mit seiner frechen, manchmal derben Art den notwendigen Kontrapunkt setzt. 

Spezialeffekte – Handwerk aus der Prä-Computer-Ära

Die Spezialeffekte des Films stammen von Dream Quest Images, einem damals aufstrebenden Effektehaus. Besonders aufwendig war die Sequenz mit der Lockheed SR-71 Blackbird, einem strategischen Aufklärungsflugzeug, das Daryl im Film stiehlt. Hier arbeitete man mit Miniaturen und realen Luftaufnahmen – eine aufwendige, aber effektive Methode vor dem Zeitalter der Computeranimation.

Die Computerdarstellungen (etwa die Terminal-Abfragen und die grafischen Anzeigen im Labor) wurden von Spezialisten für Graphik- und Video-Displays realisiert.  Interessant ist ein Detail: Die Szenen mit den Computern auf dem Militärstützpunkt entstanden in den hinteren Computerräumen des EPCOT Center in Walt Disney World – eine ironische Wahl, bedenkt man, dass EPCOT eigentlich die Zukunft positiv zelebrierte. 

Kuriositäten und bemerkenswerte Details

Einige Details sind heute aus technikhistorischer Perspektive besonders interessant:

  • Das Videospiel: Das Spiel, das Daryl im Film meistert, ist Pole Position (1982), vermutlich auf einer ATARI 600XL oder 800XL gespielt. Die Szene, in der Daryl das Spiel durch reine Analyse der Maschinencode-Abläufe perfekt beherrscht, ist eine frühe filmische Referenz auf das Konzept des „Speedruns“ oder des Ausnutzens von Programmstrukturen. 
  • Der Turing-Test: Dr. Lamb zitiert im Film eine Variante des berühmten Turing-Tests: „General, a machine becomes human … when you can’t tell the difference anymore.“ Diese Zeile ist ein direktes Zitat des Konzepts von Alan Turing, das 1950 die Frage aufwarf, ob eine Maschine denken kann. Dass diese philosophische Referenz in einem Kinderfilm der 80er auftaucht, ist bemerkenswert. 
  • Die Rechtschreibung: Das Akronym wird auf einem Bildschirm im Film als „Data Analysing Robot Youth Lifeform“ dargestellt – mit der britischen Schreibweise „Analysing“. Dies ist ein kleiner Hinweis auf die britische Produktionsbeteiligung (World Film Services). 
  • Drehorte: Der Film entstand an mehreren Orten: in den Pinewood Studios bei London, in Orlando, Florida und in Dillsboro, North Carolina. Das fiktive Städtchen Barkenton wurde fast vollständig in Orlando gedreht – Daryls Haus stand in der 716 Euclid Avenue. 

Kosten des Films – Ein kalkuliertes Risiko

Das Budget von D.A.R.Y.L. wird übereinstimmend mit 10 Millionen US-Dollar angegeben.  Für einen Familien-Science-Fiction-Film der mittleren Budgetklasse war dies ein kalkuliertes Risiko. Zum Vergleich: Der ein Jahr später erschienene Flight of the Navigator kostete etwa 9 Millionen Dollar, während E.T. (1982) mit 10,5 Millionen Dollar auskam. Die Kosten waren also keineswegs überhöht, aber auch nicht gering.

Die Finanzierung erfolgte durch World Film Services, vertrieben wurde der Film in Nordamerika von Paramount Pictures, international von Columbia Pictures

Erfolg des Films – Ein Flop mit Folgen

Der kommerzielle Erfolg blieb aus. Der Film spielte in den USA und Kanada lediglich 7,84 Millionen US-Dollar ein, davon 6,56 Millionen im Inland.  Gemessen am Budget von 10 Millionen war dies ein klarer Flop (Box-Office-Bomb).  Die Gründe sind vielfältig: Das Erscheinungsdatum (Juni 1985) war nicht optimal, die Konkurrenz stark, und die Marketingkampagne konnte die Skepsis der Kritiker nicht ausgleichen.

Die Kritiken fielen durchwachsen aus:

  • Vincent Canby von der New York Times nannte den Film „harmlos“ („inoffensive“) aber „ziemlich albern“ („pretty silly“). 
  • Paul Attanasio von der Washington Post schrieb, das Drehbuch sei „minderwertig“ („moronic“) und der Regisseur habe „kein Gespür für Tempo oder Rhythmus“. 
  • Leonard Maltin bezeichnete ihn in Entertainment Tonight als „einen der langweiligsten Filme des Jahres“. 

Interessant ist die geteilte Meinung des berühmten Kritikerduos Siskel & Ebert: Gene Siskel gab Daumen nach unten („predictable and formulaic“), während Roger Ebert den Film empfahl und das Ende lobte, das er mit dem Film Charly (1968) verglich. 

Tabellarische Übersicht

KategorieDetails
OriginaltitelD.A.R.Y.L.
Deutscher TitelD.A.R.Y.L. – Der Außergewöhnliche
RegieSimon Wincer
DrehbuchDavid Ambrose, Allan Scott, Jeffrey Ellis
ProduktionJohn Heyman, Burtt Harris, Gabrielle Kelly
HauptdarstellerBarret Oliver, Mary Beth Hurt, Michael McKean, Danny Corkill, Josef Sommer
MusikMarvin Hamlisch
Budgetca. 10 Millionen US-Dollar 
Einspielergebnis (US)6,56 Millionen US-Dollar 
Einspielergebnis (weltweit)ca. 7,84 Millionen US-Dollar 
Erscheinungsdatum (US)14. Juni 1985
Laufzeit100 Minuten
AltersfreigabePG (MPAA)

Wochenend-Box-Office-Verlauf

WocheRangEinspiel (US-Dollar)VeränderungTheaterSchnitt pro Kino
1 (14.–16. Juni 1985)72.649.8321.1002.409
2 (21.–23. Juni 1985)121.352.244-49 %1.1001.229
3 (28.–30. Juni 1985)15571.056-58 %686832

Datenquelle: The Numbers 

Einordnung und Fazit – Warum D.A.R.Y.L. heute relevant ist

Aus heutiger Perspektive ist D.A.R.Y.L. mehr als nur ein gescheiterter Film aus den 80ern. Er ist ein technikhistorisches Dokument, das die naive Hoffnung einer Ära einfängt, in der Computer noch als Werkzeuge des Guten – oder zumindest als neutral zu beeinflussende Systeme – galten. Der Film thematisiert auf seine Weise die Frage, die uns heute mehr denn je beschäftigt: Wann wird eine Maschine zum Wesen? Die Antwort des Films ist eindeutig: Wenn sie Gefühle entwickelt, wenn sie Freundschaft schließt, wenn sie sich opfert. Das ist sicherlich einfach gedacht – aber für einen Familienfilm der 80er durchaus ambitioniert.

Dass der Film an den Kinokassen scheiterte, lag weniger an seiner Qualität als an seiner Unentschlossenheit: Er war zu sentimental für die harte Science-Fiction-Fraktion, zu technisch für das reine Familienpublikum. Die gemischten Kritiken  spiegeln genau diese Verortung zwischen den Stühlen wider.

Dennoch hat D.A.R.Y.L. überlebt – als Kultfilm, als Kindheitserinnerung, als Beispiel dafür, wie ein vermeintlicher Flop im Rückblick an Strahlkraft gewinnen kann. Wer ihn heute sieht, entdeckt nicht nur ein Stück Filmgeschichte, sondern auch einen frühen Versuch, die große Frage nach Mensch und Maschine für ein junges Publikum zu öffnen. Und das ist mehr, als viele erfolgreichere Filme ihrer Zeit behaupten können.


Quellen

  1. „D.A.R.Y.L. – Simple English Wikipedia“, Wikipedia, 29. Dezember 2022. 
  2. „D.A.R.Y.L. – Wikiwand“, Wikiwand (basierend auf Wikipedia), o. D. 
  3. „Movie Comparison: D.A.R.Y.L. (1985)“, The Numbers, o. D. 
  4. „D.A.R.Y.L. – Sony Fandom“, Fandom, 5. März 2022. 
  5. „D.A.R.Y.L. – Kiwix Library“, Kiwix (Wikipedia-Spiegel), o. D. 
  6. „D.A.R.Y.L. (1985) – Trivia“, IMDb, o. D. 
  7. „D.A.R.Y.L. – AFI Catalog of Feature Films“, American Film Institute, o. D. 
  8. „D.A.R.Y.L. (1985) – Box Office and Financial Information“, The Numbers, o. D. 

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