Verschwundene Berufe der Elektrotechnik: Vom Röhrenprüfer zum Drehwähler-Techniker
Die Geschichte der Elektrotechnik ist nicht nur eine Geschichte der Erfindungen, sondern auch eine Geschichte der verschwundenen Berufe. Sie verschwinden leise, fast unbemerkt. Kein Denkmal erinnert an den Fernmeldehandwerker, der mit klackernden Drehwählern die Telefonnetze am Laufen hielt. Kein Museum bewahrt die Arbeitsplatzbeschreibung des Gleichstrom-Installateurs, der vor 1920 in den ersten Berliner und Münchner Stromnetzen arbeitete. Und doch waren sie es, die die Infrastruktur unserer modernen Welt schufen.
Dieser Artikel rekonstruiert auf der Grundlage berufsgeschichtlicher Quellen, technikhistorischer Dokumente und der Systematik der amtlichen Berufsklassifikation neun verschwundene oder grundlegend transformierte Berufsbilder der Elektrotechnik. Er beschreibt ihre Arbeitsinhalte, ihre Werkzeuge, ihren sozialen Status und die technologischen Umwälzungen, die sie überflüssig machten.
I. Der Fernmeldemonteur: Vom Handwerk der elektromechanischen Vermittlung
Lebensdaten des Berufs: 1936–1972
Der Fernmeldemonteur gehört zu den am präzisesten datierbaren verschwundenen Berufen. Das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) weist in seiner Berufsgenealogie nach: Am 11. November 1936 wurde der Beruf erstmals als anerkannter Lehrberuf genannt. Am 12. Dezember 1972 wurde er durch die Verordnung über die Berufsausbildung in der Elektrotechnik aufgehoben .
Doch was tat ein Fernmeldemonteur? Sein Arbeitsplatz war der „Wählersaal“ der Fernmeldeämter. Bis in die 1980er Jahre hinein funktionierten Telefonnetze nicht mit Software, sondern mit Elektromagneten, Scharnieren und Metallfedern. Der Fernmeldemonteur installierte und wartete die sogenannten Hebdreh- und Motorwähler – elektromechanische Schaltglieder, die in den Fernsprech- und Fernschreibnetzen der Deutschen Bundespost bis 1998 im Einsatz waren .
Der Drehwähler als Lebensinhalt: Ein Hebdrehwähler ist ein kleines Wunderwerk der Präzisionsmechanik. Ein Telefonanrufer wählte eine Nummer; jeder Ziffernimpuls ließ einen Schaltarm nach oben wandern und sich dann drehen, bis er einen freien Ausgangskontakt fand. Dieses klackernde Geräusch war das akustische Markenzeichen der alten Telefonnetze. Die Aufgabe des Fernmeldemonteurs bestand darin, diese tausenden von Wählern einzustellen, zu reinigen, verschlissene Kontaktfedern zu tauschen und die Pegel der Übertragung zu justieren. Es war ein Beruf an der Schnittstelle von Elektrotechnik und Feinmechanik.
Der gesellschaftliche Status: Fernmeldemonteure waren Beamte oder Angestellte der Deutschen Bundespost. Sie trugen Uniform, durchliefen einen streng hierarchisch organisierten Ausbildungsgang und genossen hohes soziales Ansehen. Wer bei der Post arbeitete, hatte einen „Job fürs Leben“. Der Beruf war männlich dominiert; weibliche Beschäftigte arbeiteten fast ausschließlich im „Fräulein-vom-Amt“-Bereich, nicht in der Wartung der Vermittlungstechnik.
Das Verschwinden: Die Digitalisierung der Telefonnetze, beginnend mit der Einführung des elektronischen Vermittlungssystems (EWS) in den 1980er Jahren und endend mit der Volldigitalisierung (ISDN, DSL), machte die elektromechanischen Wähler überflüssig. Software braucht keine Kontaktfedern mehr, die verschleißen. Der Beruf des Fernmeldemonteurs wurde nicht transformiert – er wurde ersatzlos gestrichen. Heute existiert das Berufsbild nicht einmal mehr in transformierter Form; die Wartung digitaler Netze ist Sache von Informationselektronikern und IT-Systemtechnikern .
II. Der Rundfunk- und Fernsehmechaniker: Das Ende der Bildröhre
Lebensdaten des Berufs: ca. 1950er–2005 (formal transformiert)
Der Rundfunk- und Fernsehmechaniker ist der einzige Beruf auf dieser Liste, der eine öffentliche Trauerphase erlebte. Als die letzten Röhrenfernseher aus den Wohnzimmern verschwanden, verschwand auch der Mann, der sie reparieren konnte.
Der Arbeitsplatz: Die Werkstatt des Fernsehmechanikers roch nach Lötzinn und heißen Trafos. An der Wand hingen Ersatzteillisten für Bildröhren der Marken Telefunken, Grundig und Nordmende. Auf der Werkbank stand ein Oszilloskop zur Fehlersuche. Die Hauptaufgaben waren die Diagnose von Zeilentrafo-Defekten, der Tausch durchgebrannte Bildröhren und die Abgleicharbeit an den Ablenkplatten .
Die µ-Wert-Tabelle: Jeder Röhrenprüfer – oft eine eigene Spezialisierung innerhalb der Werkstatt – besaß eine Tabelle mit den Steilheiten („µ-Werten“) hunderter verschiedener Elektronenröhren. Eine ECC83, eine EL84, eine PL509 – jede Röhre hatte ihr eigenes Prüfprotokoll. Der Röhrenprüfer steckte die Röhre in ein Messgerät, las die Emissionswerte ab und entschied, ob sie noch tauglich war oder durch eine neue ersetzt werden musste. Diese Arbeit erforderte ein enzyklopädisches Gedächtnis für Typenbezeichnungen und Sockelschaltungen.
Der soziale Wandel: In den 1950er bis 1970er Jahren war der Fernsehmechaniker ein Respektsperson. Er besaß als einziger im Dorf das Wissen, das „Fenster zur Welt“ – den Fernseher – am Laufen zu halten. Sein Besuch war ein Ereignis. In den 1980er Jahren begann der Preisverfall der Unterhaltungselektronik. Ein neuer Fernseher kostete bald weniger als zwei Reparatureinsätze. In den 2000er Jahren besiegelten Flachbildschirme das Ende: Sie sind nicht reparierbar, weil die Panels nicht einzeln ersetzt werden können. Das Berufsbild wurde 2005 in den Informationselektroniker überführt – ein Eingeständnis, dass die klassische Röhrenreparatur endgültig Geschichte war .
III. Der Starkstromelektriker für Gleichstromnetze: Edisons Erbe
Lebensdaten des Berufs: ca. 1880–1925 (Deutschland)
Die meisten Menschen glauben, Elektrizität sei schon immer Wechselstrom gewesen. Das ist falsch. Die ersten Elektrizitätsnetze in Deutschland waren Gleichstromnetze. Und sie brauchten eigene Installateure.
Die historische Situation: Thomas Alva Edison setzte auf Gleichstrom mit 110 Volt. Weil Gleichstrom nicht transformierbar ist, konnten die Kraftwerke nur wenige Kilometer vom Verbraucher entfernt stehen. In Städten wie Berlin, München und Frankfurt entstanden in den 1880er Jahren zahlreiche kleine Gleichstrom-Kraftwerke, die einzelne Stadtbezirke versorgten .
Die Arbeit des Gleichstrom-Installateurs: Seine Arbeit unterschied sich fundamental von der des Wechselstrom-Elektrikers. Gleichstromnetze hatten keine Transformatoren, keine Phasen, keine Blindleistung. Dafür hatten sie Probleme, die es heute nicht mehr gibt: Elektrolytische Korrosion in den Leitungen, Polungsfehler an Geräten, fehlende Standardisierung der Spannungen. Jedes Kraftwerk lieferte andere Werte. Der Gleichstrom-Installateur musste nicht nur Leitungen verlegen, sondern auch die örtliche Kraftwerksspannung kennen, Akkumulatoren-Bänke warten und Gleichstrommotoren mit Anlasswiderständen in Betrieb nehmen.
Der „Stromkrieg“ und das Verschwinden: Die Internationale Elektrotechnische Ausstellung 1891 in Frankfurt war der Wendepunkt. Oskar von Miller führte die Drehstromübertragung von Lauffen am Neckar nach Frankfurt vor – 178 Kilometer mit 25.000 Volt und einem Wirkungsgrad, der tausendmal höher lag als bei Gleichstrom . Die Vorteile des Wechselstroms waren so überwältigend, dass innerhalb von drei Jahrzehnten praktisch alle Gleichstromnetze umgestellt oder stillgelegt wurden. Der letzte deutsche Gleichstrom-Installateur dürfte Mitte der 1920er Jahre seinen Beruf gewechselt haben. Die Gleichstromtechnik erlebt heute zwar eine Renaissance in der Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragung (HGÜ), aber der Beruf des Gleichstrom-Installateurs ist unwiederbringlich verloren – HGÜ-Konverterstationen werden von Ingenieuren geplant, nicht von Handwerkern installiert .
IV. Der Zählerableser: Bald Geschichte
Lebensdaten des Berufs: ca. 1900–voraussichtlich 2030
Der Zählerableser ist der einzige Beruf auf dieser Liste, der noch nicht verschwunden ist – aber dessen Ende mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit feststeht.
Das klassische Berufsbild: Der Zählerableser war eine Institution. Zweimal jährlich klingelte er an der Wohnungstür, notierte den Zählerstand des Strom-, Gas- oder Wasserverbrauchs und berechnete den Verbrauch vor Ort oder gab die Daten zur Abrechnung weiter. Der Beruf erforderte keine elektrotechnische Ausbildung im engeren Sinne, wohl aber Grundkenntnisse der verschiedenen Zählertypen (Ferraris-Zähler, elektronische Zähler) und ein hohes Maß an sozialer Kompetenz. Viele ältere Menschen schätzten den kurzen Plausch mit dem „Strommann“.
Das Verschwinden: Smart Meter sind das Todesurteil für diesen Beruf. Das „Gesetz zur Digitalisierung der Energiewende“ schreibt den flächendeckenden Einbau intelligenter Messsysteme vor. Diese Systeme übertragen die Verbrauchsdaten automatisch per Funk oder Powerline an den Netzbetreiber. Ein Mensch, der persönlich abliest, wird nicht mehr benötigt. Die Energieversorger wie Eon stellen bereits massiv Personal im Netzgeschäft ein – aber nicht für die Zählerablesung, sondern für IT, Energietechnik und Infrastruktur . Der Zählerableser ist das Paradebeispiel eines Berufs, der nicht durch technische Unfähigkeit, sondern durch schiere Automatisierung stirbt.
V. Der Funkentelegraphist: Marconis Männer auf See
Lebensdaten des Berufs: ca. 1900–1990er Jahre
Der Funkentelegraphist war der erste informationsverarbeitende Beruf der Elektrotechnik. Bevor es Computer gab, gab es Morsetasten und Knallfunkensender.
Die Arbeit: Auf Schiffen und in Küstenfunkstellen saßen Männer mit Kopfhörern und sandten und empfingen Nachrichten im Morsecode. In der Frühzeit der Funktechnik – etwa ab 1900 – arbeiteten sie mit Funkeninduktoren, die ein breitbandiges Rauschen erzeugten, das man über Dutzende Kilometer hören konnte. Später kamen Röhrensender und -empfänger zum Einsatz. Der Funkentelegraphist musste nicht nur die technische Anlage bedienen und warten, sondern auch den Morsecode mit Geschwindigkeiten von 20 bis 30 Wörtern pro Minute beherrschen.
Der gesellschaftliche Ort: Auf Passagierschiffen wie der Titanic gehörten Funker zur Besatzung. Im Zweiten Weltkrieg waren sie militärisches Schlüsselpersonal. In den 1970er Jahren begann der Niedergang: Das automatisierte Senden und Empfangen (Telex over Radio) ersetzte den manuellen Morsecode. Satellitenkommunikation machte Kurzwelle und Funker obsolet. Der letzte deutsche Küstenfunker gab 1998 seinen Dienst auf. Der Beruf existiert nur noch als historische Rekonstruktion in Museumsschiffen.
VI. Der Wahlstellenmechaniker: Architekt der Teilnehmerwahl
Lebensdaten des Berufs: ca. 1908–1980er Jahre
Bevor es Selbstwählferndienst gab, musste jedes Telefongespräch von Hand vermittelt werden. Das Fräulein vom Amt ist legendär. Weniger bekannt ist der Beruf, der diese manuelle Vermittlung überhaupt erst ermöglichte: der Wahlstellenmechaniker.
Die Innovation: Die Erfindung des Selbstwählbetriebs (1908 in Hildesheim erstmals erprobt) erforderte vollkommen neue Apparate: Wählscheiben, Nummernschalter, Relais, Registerschaltungen. Der Wahlstellenmechaniker installierte und wartete diese Geräte in den Vermittlungsstellen und in den Telefonhäuschen. Es war ein Beruf für Spezialisten, die sowohl die elektrischen Schaltungen als auch die Mechanik der Drehwähler verstanden .
Die Berliner Schule: Die Technische Hochschule Berlin (heute TU Berlin) bildete ab den 1920er Jahren die Elite dieser Berufsgruppe aus. Professor Rudolf Franke, seit 1922 Ordinarius für Fernmeldetechnik, schuf einen eigenen Studienplan für die „Schwachstromtechnik“. In den 1920er Jahren waren mehr als die Hälfte aller Elektrotechnik-Studenten an der TH Berlin Fernmeldetechnik-Studenten – sie wurden für die Reichspost ausgebildet, um die Selbstwählnetze aufzubauen und zu warten .
Das Ende: Wie der Fernmeldemonteur wurde auch der Wahlstellenmechaniker von der Digitalisierung überrollt. Elektronische Vermittlungssysteme benötigen keine mechanischen Wähler mehr. Der Beruf ist so gründlich verschwunden, dass nicht einmal mehr der Begriff im kollektiven Gedächtnis existiert.
VII. Der Elektromaschinenwickler: Handwerk an der Grenze des Möglichen
Lebensdaten des Berufs: ca. 1890–heute (stark transformiert)
Der Elektromaschinenwickler ist ein Sonderfall: Der Beruf existiert formal noch, aber seine Arbeitsinhalte haben sich so radikal verändert, dass man von einem verschwundenen Beruf sprechen kann.
Das traditionelle Berufsbild: Ein Elektromaschinenwickler wickelte von Hand die Spulen für Generatoren, Transformatoren und Elektromotoren. Er saß an einem Wickeltisch, führte Kupferdraht Zug um Zug in die Nuten des Eisenkerns ein, isolierte die einzelnen Lagen mit Papier oder Lack und verband die Wicklungen zu komplexen Schaltungen. Das erforderte höchste Präzision und ein dreidimensionales Vorstellungsvermögen. Ein Fehler in der Windungszahl, und der Motor lief nicht mit der richtigen Drehzahl. Ein Kurzschluss in der Isolation, und der Generator brannte durch.
Der Wandel: Heute werden Elektromotoren und Transformatoren maschinell gewickelt oder gleich als elektronisch kommutierte Motoren ohne klassische Kupferwicklungen gebaut. Der Handwerker, der einen defekten 5-Megawatt-Generator von Hand neu wickelt, ist eine extreme Seltenheit geworden. Die Berufsbezeichnung wurde 1972 in die Stufenausbildung der Elektrotechnik integriert und existiert heute nur noch in Nischen .
VIII. Der Telegraphenleitungs-Aufseher: Wächter der Kupferadern
Lebensdaten des Berufs: ca. 1850–1930
Die ersten Fernmeldenetze waren keine unterirdischen Kabelnetze, sondern Freileitungen an Masten – quer durch Kontinente. Der Telegraphenleitungs-Aufseher war der Mann, der diese Leitungen instand hielt.
Die Indo-Europäische Telegraphenlinie: 1870 vollendeten die Gebrüder Siemens die 11.000 Kilometer lange Telegraphenlinie von London nach Kalkutta . Tausende von Masten, Isolatoren und Kupferdrähten mussten durch Klimazonen von der Nordsee bis zum indischen Subkontinent intakt gehalten werden. Der Telegraphenleitungs-Aufseher kontrollierte zu Fuß oder zu Pferd die Trasse, reparierte Sturmschäden, tauschte gebrochene Isolatoren und suchte nach Erdschlüssen.
Das Verschwinden: Mit der Verkabelung der Fernmeldenetze – in Deutschland ab den 1920er Jahren – verschwand der Beruf. Kabel liegen im Boden, sie müssen nicht mehr gegen Sturm und Eisgang gesichert werden. Die Arbeit des Leitungsaufsehers wurde durch Kabelmesstrupps ersetzt, die mit Messbrücken und Reflektometern Kabelbrüche orteten – ein völlig anderes Berufsbild.
IX. Der Elektroinstallateur für industrielle Gleichrichter: Zwischen Wechsel- und Gleichstrom
Lebensdaten des Berufs: ca. 1920–1970
Nicht alle Gleichstromnetze verschwanden nach dem „Stromkrieg“. Einige Anwendungen benötigten Gleichstrom – vor allem Straßenbahnen, U-Bahnen und Industriebetriebe mit Walzwerken. Aber sie erzeugten den Gleichstrom nicht mehr mit eigenen Kraftwerken, sondern mit Quecksilberdampf-Gleichrichtern.
Die Technik: Quecksilberdampf-Gleichrichter waren riesige Glaskolben oder Stahlgefäße, in denen ein Lichtbogen zwischen einer Quecksilberkathode und Graphitanoden brannte. Sie wandelten Drehstrom in Gleichstrom um – für die Berliner U-Bahn, für Elektrolyseanlagen, für Schweißgeräte. Die Installation und Wartung dieser Anlagen war ein Spezialberuf. Er erforderte Kenntnisse der Hochspannungstechnik (die Gleichrichter arbeiteten mit mehreren tausend Volt) und der Vakuumtechnik (der Lichtbogen musste im Vakuum oder in Schutzgas brennen).
Das Ende: In den 1970er Jahren wurden Quecksilberdampf-Gleichrichter durch Silizium-Dioden und Thyristoren ersetzt. Halbleiter sind wartungsfrei, sie brauchen keine Vakuumpumpen und kein flüssiges Quecksilber. Der Beruf des Gleichrichter-Installateurs starb innerhalb weniger Jahre aus. Übrig blieben die Umweltprobleme: Tausende von Quecksilber-Gleichrichtern mussten als Sondermüll entsorgt werden.
Zusammenfassung: Was uns die verschwundenen Berufe lehren
Die verschwundenen Berufe der Elektrotechnik folgen einem Muster. Es sind fast ausschließlich Berufe, die an eine spezifische, diskontinuierliche Technologie gebunden waren:
- Elektromechanik (Drehwähler, Hebdrehwähler, Relais) wurde durch digitale Elektronik ersetzt.
- Analogtechnik (Bildröhren, Röhrenradios) wurde durch Digitaltechnik ersetzt.
- Nicht-transformierbare Energieformen (Gleichstrom) wurden durch transformierbare Energieformen (Wechselstrom) ersetzt.
- Manuelle Datenerfassung (Zählerablesung, manuelle Vermittlung) wurde durch automatische Datenerfassung ersetzt.
Die Halbwertszeit elektrotechnischer Berufsbilder beträgt heute etwa 20 bis 30 Jahre. Ein Elektroniker für Gebäudetechnik, der 2025 ausgelernt hat, wird 2055 in einer völlig anderen Arbeitswelt tätig sein – sofern sein Beruf dann überhaupt noch existiert.
Die verschwundenen Berufe sind keine Misserfolge. Sie waren notwendige Durchgangsstationen. Ohne Fernmeldemonteure hätte es keine Telefonnetze gegeben, die später digitalisiert werden konnten. Ohne Gleichstrom-Installateure hätte es keine Erfahrung mit elektrischer Energieverteilung gegeben, auf der Wechselstrom aufbauen konnte. Sie sind nicht gescheitert – sie haben sich überlebt. Das ist ein großer Unterschied.
Quellenverzeichnis
dpa / Zeit Online. (2025). Arbeitsmarkt: In Energiewende-Berufen fehlen immer mehr Fachleute. https://www.zeit.de/news/2025-02/24/in-energiewende-berufen-fehlen-immer-mehr-fachleute
Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB). (2026). Informationen zu Aus- und Fortbildungsberufen: Genealogie Fernmeldemonteur. https://www.bibb.de/dienst/berufesuche/de/index_berufesuche.php/genealogy/g311
Berufsbild.com. (o.J.). Berufsbild Rundfunk- und Fernsehmechaniker/in – alle Details zum Beruf. https://berufsbild.com/details/rundfunk-und-fernsehmechaniker-in
Scheppach, J. (2016). Zeit, dass sich was dreht: Oskar von Miller und die Drehstromübertragung 1891. Technology Review / heise online. https://www.heise.de/select/tr/2016/8/1469877731781845
Interessengemeinschaft Historische Fernmeldetechnik e.V. (2024). *Hebdreh- und Motorwähler: elektromechanische Schaltglieder in den leitungsvermittelten Fernsprech- und Fernschreibnetzen der deutschen Post- und Fernmeldeverwaltungen bis 1998* [Kalender 2025]. SLUB Dresden / Katalog. https://katalog.slub-dresden.de/id/0-1915085829
ESCO / Europäische Kommission. (2024). Telekommunikations- und Rundfunktechniker (Berufsklassifikation). https://esco.ec.europa.eu/de/classification/occupation?uri=http://data.europa.eu/esco/isco/C352
Deutsches Museum. (o.J.). Starkstrom – die universelle Energieform (Ausstellungsbeschreibung, Stand 2022 geschlossen). https://www.deutsches-museum.de/museumsinsel/ausstellung/starkstromtechnik
Wirtschaftswoche / WiWo. (2024). 18.000 offene Stellen: Keine Elektroniker, keine Energiewende?. https://www.wiwo.de/erfolg/beruf/18-000-offene-stellen-keine-elektroniker-keine-energiewende/30117110.html
Technische Universität Berlin / Noll, P. (o.J.). Geschichte der Fernmeldetechnik und Nachrichtentechnik an der TH/TU Berlin. https://www.tu.berlin/nue/ueber-uns/aktuelles/geschichte
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