Die „Gens du voyage“ in Frankreich: Zwischen kultureller Identität, historischer Verfolgung und gesellschaftlicher Ausgrenzung

Ein umfassender Überblick über Geschichte, Kultur und Lebensrealität der fahrenden Gemeinschaften in Frankreich


Einleitung: Wer sind die „Gens du voyage“?

Die „Gens du voyage“ (fahrende Leute) sind keine homogene Gruppe, sondern ein komplexes Geflecht verschiedener Gemeinschaften mit eigener Geschichte, Kultur und Identität. Der Begriff ist ein administratives Konstrukt der französischen Behörden, unter dem mehrere Bevölkerungsgruppen zusammengefasst werden, deren Lebensweise ganz oder teilweise durch Mobilität geprägt ist oder die sich kulturell mit dieser Lebensweise identifizieren .

In Frankreich werden folgende Gruppen unterschieden :

  • Manouches (Sinti): Sie leben vor allem in Nordfrankreich (Elsass, Lothringen, Savoyen) und sind oft Nachkommen von Einwanderern, die lange in Deutschland siedelten. Ihre Kultur ist stark mit der Region verbunden, von wo aus sie sich über das gesamte Territorium und darüber hinaus (Spanien, Argentinien, Holland, Italien) ausbreiteten .
  • Gitans (Kalés): Ihre Präsenz ist besonders in Südfrankreich verwurzelt. Sie hielten sich lange in Spanien auf und ließen sich nach der Zwangsassimilation unter Isabella der Katholischen in der Region Perpignan nieder, von wo aus sie ganz Frankreich durchzogen. Sie sind stark von der hispanischen Kultur geprägt .
  • Roms: Die ersten Roms kamen 1868 aus Siebenbürgen nach Frankreich, gefolgt von weiteren aus den Donaufürstentümern nach der Befreiung aus der Sklaverei 1856. Ende der 1980er Jahre kamen Roma-Asylsuchende aus Polen, Bulgarien und vor allem Rumänien hinzu. Nach dem Fall der kommunistischen Regime wurden sie wirtschaftlich verdrängt und flohen vor Armut und Ausgrenzung .
  • Jenische (Yéniches): Eine autochthone Minderheit, die aus verarmten Bauern aus dem 19. Jahrhundert aus dem Elsass-Lothringen, der Schweiz und Deutschland hervorging. Durch Heiratsallianzen mit Manouches vermischte sich die Bevölkerung und übernahm deren Lebensweise .
  • „Französische Reisende“: Familien, die seit Generationen in Frankreich leben und aus beruflichen Gründen (Schausteller, Händler) reisen müssen.

Die Zahl der „Gens du voyage“ in Frankreich wird auf 350.000 bis 500.000 Menschen geschätzt, die überwiegende Mehrheit von ihnen besitzt die französische Staatsbürgerschaft . Die genaue Bevölkerungszahl ist schwer zu ermitteln, da viele sich nicht als „Gens du voyage“ zu erkennen geben und sesshaft lebende Angehörige dieser Gemeinschaften in der Statistik nicht erfasst werden .


Historische Perspektive: Eine „französische Geschichte“ der Verfolgung

Die Geschichte der „Gens du voyage“ in Frankreich ist in besonderem Maße eine Geschichte der Ausgrenzung, Kontrolle und Verfolgung, die tief in der französischen Verwaltungstradition verwurzelt ist und von französischen Behörden aus eigenem Antrieb vorangetrieben wurde .

1. Die Wurzeln der Stigmatisierung im 19. Jahrhundert

Bereits ab dem 15. Jahrhundert gab es in Frankreich Ausweisungsbefehle und Diskriminierungen gegenüber „Zigeunern“ . Die systematische Stigmatisierung der fahrenden Bevölkerung verstärkte sich im Laufe des 19. Jahrhunderts. Sie wurden durchweg negativ angesehen: weil sie ständig unterwegs waren, galten sie als kriminell, asozial und als Überträger von Krankheiten. Vor allem die Landbevölkerung lehnte sie ab . Um 1895 wurde die Zahl der „Nomaden“ in Frankreich auf etwa 25.000 geschätzt .

2. Das Gesetz von 1912: Die Geburt des „Nomaden“-Status

Ein einschneidendes Instrument der Kontrolle war das Gesetz vom 16. Juli 1912 über die Ausübung ambulanter Berufe und die Zirkulation der „Nomaden“ . Dieses Gesetz schuf für alle umherreisenden Menschen ohne festen Wohnsitz einen eigenen rechtlichen Status und führte folgende diskriminierende Maßnahmen ein :

  • Anthropometrischer Ausweis: „Nomaden“ mussten einen speziellen Ausweis mit sich führen, der neben Foto und Fingerabdrücken auch detaillierte Körpermaße enthielt: Umfang von Taille und Brust, Länge und Breite des Kopfes, Gesichtsbreite, Länge des rechten Ohrs, der linken Mittel- und Ringfinger, des linken Unterarms und des linken Fußes sowie die Augenfarbe .
  • Meldezwang: Der Ausweis musste bei jedem Betreten oder Verlassen einer Gemeinde den Polizeibehörden vorgelegt werden, um einen Sichtvermerk zu erhalten .
  • Kollektivausweis für Familien: Der Familienvorstand musste einen Sammelausweis führen, in den alle Familienmitglieder eingetragen wurden .
  • Kennzeichnung der Fahrzeuge: Alle Wohnwagen mussten am Heck ein spezielles Kennzeichen mit der Aufschrift „Gesetz vom 16. Juli 1912“ tragen .

Dieses Gesetz diente nicht der Integration, sondern der Überwachung und Kontrolle und behandelte die „Nomaden“ wie Kriminelle .

3. Zwischenkriegszeit und Zweiter Weltkrieg: Vom Kontroll- zum Internierungsregime

In der Zeit des Ersten Weltkriegs wurden viele Roma und Manouches als Spione verdächtigt, verhaftet und in eigens für sie errichtete kleine Internierungslager gebracht . Die Repressalien wurden in den 1920er und 1930er Jahren noch verschärft.

Mit Kriegsbeginn 1939 sperrten die Behörden „aus Gründen der öffentlichen Ordnung“ bestimmte Gebiete für „Nomaden“ und wiesen ihnen Zwangsaufenthaltsorte zu . Das Dekret vom 6. April 1940 untersagte das Umherziehen für die Dauer des Krieges und ordnete an, dass „Nomaden“ in jedem Departement an einem Ort zusammengefasst werden sollten, den sie nur mit Genehmigung verlassen durften („assignation à résidence“) .

Am 4. Oktober 1940 befahl die deutsche Wehrmacht den französischen Behörden der besetzten Nordzone, „Zigeuner“ in von französischer Polizei bewachten Lagern zu internieren . Die aus rassistischen Motiven handelnden Deutschen erweiterten dabei den Personenkreis der französischen Dekrete von 1912 und 1940, die sich vor allem auf die „Nomaden“ bezogen .

Es entstanden zahlreiche kleine Lager. Die wichtigsten waren :

  • Arc-en-Senans (Doubs)
  • Jargeau (Loiret)
  • Mérignac (Gironde)
  • Montreuil-Bellay (Maine-et-Loire)
  • Poitiers (Poitou-Charentes)
  • Saint-Maurice-aux-Riches-Hommes (Burgund)
  • In der unbesetzten Südzone: Saliers bei Arles (Bouches-du-Rhône) und Lannemezan (Pyrenäen)

Insgesamt wurden in Frankreich zwischen 1940 und 1946 etwa 6.000 bis 6.500 Menschen als „Nomaden“ oder „Zigeuner“ interniert, mehr als die Hälfte von ihnen waren Kinder . Die Lebensbedingungen in den Lagern waren extrem schwierig. Viele Menschen, insbesondere Kinder, starben an Unterernährung und Krankheiten .

Anders als in den meisten von Nazideutschland besetzten Ländern gab es für französische „Zigeuner“ keinen allgemeinen deutschen Deportationsbefehl . Dennoch kam es zu Deportationen: Aus dem Internierungslager Poitiers wurden 1942/43 etwa 100 Menschen in die KZ Sachsenhausen und Buchenwald deportiert, und aus Malines/Mechelen (Belgien) wurden 351 belgische, niederländische und französische Sinti und Roma nach Auschwitz-Birkenau deportiert, von denen nur zwölf zurückkehrten .

Ein zentraler Punkt der französischen Verfolgungsgeschichte ist: Die Internierungen wurden ausschließlich vom französischen Innenministerium durchgeführt. Der wissenschaftliche Beirat der Shoah-Gedenkstätte betont: „Ob das der juristische Bereich war, die Verwaltung, der Polizeiapparat – das waren alles Franzosen. Es war also nicht so, dass die Deutschen die Lager angeordnet hätten. […] Nur Franzosen hätten sie überwacht“ .

4. Die verspätete Befreiung: Internierung bis 1946

Die Befreiung Frankreichs ab dem Spätsommer 1944 bedeutete nicht automatisch Freiheit für die internierten „Nomaden“. Der anhaltende Krieg diente als Vorwand, sie weiterhin festzuhalten. Daneben waren es aber auch alte Vorbehalte gegen das über 1000 Jahre alte Volk . Die provisorische Regierung der Französischen Republik entschied, die Zwangsaufenthalte und Internierungen bis zum Sommer 1946 aufrechtzuerhalten .

1945 bestanden noch zwei Lager mit 923 Internierten. Das Lager Jargeau wurde im Dezember 1945 geschlossen. Die letzten Internierten konnten das Lager Les Alliers bei Angoulême erst Ende Mai/Anfang Juni 1946 verlassen . Präsident Hollande nannte diese nach der Befreiung anhaltende Internierung später „schwer verständlich“ .

Viele fanden nach ihrer Befreiung die Pferde und Planwagen, mit denen sie hergekommen waren, nicht wieder. Sie erhielten keinerlei Hilfe. Nur wenigen gelang es, viele Jahre später als „politisch inhaftiert“ anerkannt zu werden .

5. Die Nachkriegszeit: Kontinuität der Diskriminierung

Nach dem Krieg änderte sich die Situation nur langsam. Die „Nomaden“ blieben einem Sonderregime unterworfen, das sie zu Bürgern zweiter Klasse machte .

Erst 1969 wurde das Gesetz von 1912 durch ein neues Gesetz abgelöst . Dieses Gesetz schaffte den anthropometrischen Ausweis ab, führte aber neue Kontrollmechanismen ein :

  • Einführung von „Livrets de circulation“ (Kontrollheftchen), die regelmäßig bei den Behörden vorgelegt werden mussten.
  • Für Personen mit ausreichenden Mitteln: Vorlage alle drei Monate.
  • Für Personen ohne ausreichende Mittel: Vorlage monatlich.
  • Einführung einer „Gemeinde der Anbindung“ („commune de rattachement“), die für mindestens zwei Jahre gewählt werden musste und von der Präfektur zu genehmigen war.

Der klare Zweck dieser Gesetzgebung war es, die fahrende Bevölkerung zur Sesshaftigkeit zu bewegen . Der Begriff „Gens du voyage“ wurde in dieser Zeit als administrativer Terminus eingeführt . Ein französischer Anwalt bezeichnete dieses Gesetz später als „loi d’apartheid“ (Apartheidsgesetz) [aus vorheriger Konversation].

6. Die lange Abschaffung der Diskriminierung: 2017 als Wendepunkt

Das Gesetz von 1969 blieb fast ein halbes Jahrhundert in Kraft. Ergänzt wurde es durch die „Loi Besson II“ vom 5. Juli 2000, die Gemeinden mit über 5.000 Einwohnern verpflichtete, spezielle Aufnahmeplätze („aires d’accueil“) für die „Gens du voyage“ zu schaffen . Dieses Gesetz kodifizierte den Begriff „Gens du voyage“ gesetzlich .

Erst mit dem Gesetz für Gleichheit und Bürgerschaft (Loi Égalité et Citoyenneté) vom 27. Januar 2017 wurden die speziellen „Livrets de circulation“ endgültig abgeschafft . Damit entfiel die Verpflichtung für französische Staatsbürger, die als „Gens du voyage“ galten, ihre Papiere regelmäßig bei der Polizei vorzulegen – eine Verpflichtung, die für den Rest der Bevölkerung nie bestand.

7. Späte Erinnerung und Anerkennung

Die Erinnerungsarbeit setzte erst spät ein. Die ersten Bücher erschienen in den 1980er Jahren. Später wurden – meist in privater Initiative – Erinnerungstafeln oder Gedenksteine angebracht .

Ein wichtiger Meilenstein war die Einweihung einer nationalen Gedenkstätte auf dem Gelände des ehemaligen Internierungslagers in Montreuil-Bellay im Jahr 2016 . Präsident François Hollande bekannte sich erstmals offiziell zur Verantwortung der Französischen Republik: „Die Republik anerkennt das Leid der Nomaden, die interniert worden sind, und bekennt, dass ihre Verantwortung an diesem Drama groß ist“ .

Allerdings vermied Hollande das Wort „Völkermord“ („génocide“) . Auch als Premierministerin Élisabeth Borne im Januar 2023 die Schaffung eines Museums für die Verfolgung der „Nomaden“ während des Zweiten Weltkriegs ankündigte, verwendete sie diesen Begriff nicht. Es besteht die Befürchtung, dass dieses Museum die Geschichte nicht als rassistische Verfolgung, sondern als repressives Regime gegenüber „unerwünschten“ Personen darstellen könnte . Die Anthropologin Lise Foisneau betont: „Die ‚Voyageure‘ sind die Überlebenden eines Völkermords, den der Staat nicht anerkennt. Diese Unkenntnis ist ein Freibrief für die Diskriminierungen“ .


Die interne Vielfalt: Kulturelle Identität und Lebensweise

1. Ursprünge und Migrationen

Die Vorfahren der heutigen „Gens du voyage“ stammen mehrheitlich aus dem Nordwesten Indiens, den sie um das 10. Jahrhundert verließen . Auf ihren Wanderungen durch das Byzantinische Reich gelangten sie im Mittelalter nach Griechenland, in die heutige Türkei und auf den Balkan. Ab dem 14. Jahrhundert durchstreiften sie Rumänien, Kroatien und Serbien. Um 1420 drangen die ersten „böhmischen Kompanien“ nach Westeuropa und insbesondere nach Frankreich vor. Ein Jahrhundert später gab es „Zigeuner“ in ganz Europa .

2. Mobilität und Sesshaftigkeit: Ein komplexes Verhältnis

Entgegen dem Klischee der permanenten Wanderschaft ist das Verhältnis zur Mobilität vielschichtig :

  • Keine dauerhafte Nomadisierung: Die Lebensweise der „Gens du voyage“ basiert auf einem Wechsel zwischen nomadischen und sesshaften Phasen. In ihrer Geschichte gab es immer wieder längere Sesshaftigkeitsperioden.
  • Vielfältige Mobilitätsformen: Heute können sie sesshaft leben, einen Teil des Jahres reisen oder große Strecken durch Frankreich und sogar über die Grenzen hinaus zurücklegen. Selbst „große Reisende“, die mehr als zehn Monate im Jahr unterwegs sind, bewahren einen territorialen Ankerpunkt .
  • Die Karawane als Symbol: Der Wohnwagen ist nicht nur Transportmittel, sondern zentraler Bestandteil der Identität. Selbst sesshaft gewordene Familien behalten ihn oft als kulturelles Symbol und für saisonale Arbeiten im Garten .

Die Anthropologin Lise Foisneau warnt vor der „vereinfachenden Opposition zwischen Sesshaftigkeit und Reisen“, die der komplexen Realität nicht gerecht werde .

3. Kulturelle Besonderheiten

  • Sprache und Kultur: Im Laufe ihrer Migrationen haben sich die „Gens du voyage“ von den Kulturen der verschiedenen Gesellschaften, denen sie begegneten, durchdrungen. Sie sind Handwerker, Künstler und Händler .
  • Musik: Der von den Manouches mitgeprägte „Jazz Manouche“ oder „Gypsy Jazz“ , unsterblich gemacht durch Django Reinhardt, ist weltbekannt und ein positiver Teil des französischen Kulturerbes.
  • Religion: Viele Gemeinschaften sind tief religiös. Ein wichtiger Höhepunkt im Jahr ist die Wallfahrt nach Saintes-Maries-de-la-Mer im Mai, bei der die Schutzpatronin Sara, die Schwarze , verehrt wird. In den letzten Jahrzehnten haben zudem viele Gemeinschaften evangelikale Strömungen für sich entdeckt.

Die heutige Lebensrealität: Statistische Fakten

Die folgende Übersicht basiert auf einer aktuellen EU-weiten Studie der Agentur für Grundrechte (FRA) von 2025, die in zehn EU-Ländern (darunter Frankreich) und drei Kandidatenländern über 10.000 Roma und „Gens du voyage“ befragte, sowie auf spezifischen französischen Quellen .

Demographie

MerkmalStatistikQuelle
Geschätzte Bevölkerung in Frankreich350.000 – 500.000
StaatsbürgerschaftÜberwiegend französisch

Bildung

Die Bildungssituation ist durch erhebliche Defizite und Segregation gekennzeichnet :

Bildungsaspekt„Gens du voyage“Allgemeinbevölkerung EU
Besuch frühkindlicher Bildung53%95%
Abschluss Sekundarstufe II32%84%
Schulbesuch 7-13 Jahre76,2%
– Mädchen73,6%
– Jungen84,4%
Besuch segregierter Schulen (mehrheitlich Roma/“Gens du voyage“)46%

Die französische Regierung hat die Bedeutung der Bildung erkannt und arbeitet an der Entwicklung eines Programms zur schulischen Mediation, um die Einschulung und den Bildungserfolg von Kindern reisender Familien zu verbessern .

Gesundheit und Lebenserwartung

Die gesundheitlichen Ungleichheiten sind gravierend:

Gesundheitsaspekt„Gens du voyage“Allgemeinbevölkerung
Lebenserwartung (Männer)8 Jahre weniger
Lebenserwartung (Frauen)7,4 Jahre weniger
Geschätzte Differenz Frankreich10-15 Jahre weniger
Übergewicht bei Kindern17,8%13,1%
Fettleibigkeit bei Kindern17,9%3,9%
Vollständige Masernimpfung bis 24 Monate45,3%Ziel: 90%

Wohnsituation

Die Wohnbedingungen sind prekär und von Umweltbelastungen geprägt:

WohnaspektAnteil
Von Wohnungsunsicherheit betroffen74,5%
Kein Zugang zu fließend Wasser22,2%
Keine sanitären Anlagen (WC/Dusche)41%
Kein Stromanschluss24%

Eine Studie belegt zudem eine systematische Umweltungerechtigkeit („injustice environnementale“) bei der Lage der offiziellen Stellplätze („aires d’accueil“) [aus vorheriger Konversation]:

  • 2x höhere Wahrscheinlichkeit, in der Nähe einer Autobahn (<100m) zu liegen
  • 3x höhere Wahrscheinlichkeit, in der Nähe einer Mülldeponie (<300m) zu liegen
  • 40% höheres Risiko, in der Nähe einer Industrieanlage (Seveso) zu liegen
  • 2x höhere Wahrscheinlichkeit, in der Nähe einer Kläranlage zu liegen

Armut und Einkommen

Die wirtschaftliche Situation ist prekär :

Wirtschaftsaspekt„Gens du voyage“Allgemeinbevölkerung EU
In Armut lebend70%
Armutsrisiko4x höher
Bezahlte Arbeit (gesamt)54%75%
Bezahlte Arbeit (Frauen)38%
Bezahlte Arbeit (Männer)69%
Diskriminierung bei Arbeitssuche36%
– 201616%

Kriminalität und Sicherheit

Hierzu liegen keine spezifischen, verlässlichen Statistiken vor. Experten wie der Jurist William Acker weisen darauf hin, dass es innerhalb der Gruppe wie überall Fehlverhalten gibt, betonen aber, dass dies im Vergleich zu den alltäglichen Diskriminierungen und der Ausgrenzung, der sie ausgesetzt sind, gesehen werden muss .

Staatliche Unterstützung

Es gibt keine spezifischen Statistiken zur Inanspruchnahme von Sozialleistungen. Allerdings erschweren die prekären Lebensumstände (mangelnde Adresse, bürokratische Hürden, Misstrauen gegenüber Behörden) oft den Zugang zu den ihnen zustehenden Rechten und Leistungen des „droit commun“ .

Die französische Regierung hat eine interministerielle Strategie aufgelegt, die von der DIHAL (Delegation für Unterbringung und Wohnungszugang) koordiniert wird, mit drei Zielen :

  1. Verbesserung der Lebensbedingungen, Zugang zu Rechten und Bekämpfung von Prekarität
  2. Verbesserung der Partizipation und Inklusion sowie Bekämpfung von Diskriminierung
  3. Stärkung des Schulzugangs und der Bildung von Kindern

Anerkennung und Ausgrenzung

Die Diskriminierungserfahrungen sind hoch, die Meldungen jedoch selten :

AspektWert
Diskriminierungserfahrung (letzte 5 Jahre) wegen ethnischer Herkunft31%
– 201626%
Meldung von Diskriminierung an zuständige Stellen<6%
– 201616%

Die nationale Menschenrechtskommission (CNCDH) stellt in ihrem Bericht von 2023 fest: „Roma und Gens du voyage sind die am stärksten stigmatisierten Minderheiten“ in Frankreich . Eine Umfrage ergab, dass 56% der Franzosen der Meinung sind, „es gibt zu viele Einwanderer in Frankreich“, und 51% meinen, „heute fühlt man sich in Frankreich nicht mehr wie zu Hause“ .

Besonders besorgniserregend: Mehr als einer von zwei Franzosen (52%) würde sich „unwohl“ fühlen bei dem Gedanken, Roma oder „Gens du voyage“ als Nachbarn zu haben [aus vorheriger Konversation].

Der Kampf gegen den spezifischen Rassismus – Antiziganismus – wurde erstmals 2023 in den nationalen Plan zur Bekämpfung von Rassismus, Antisemitismus und diskriminierungsbedingter Herkunft 2023-2026 aufgenommen .


Die „Aires d’accueil“: Orte der Ausgrenzung

Die von der „Loi Besson II“ (2000) vorgeschriebenen Stellplätze sind ein zentraler Punkt der heutigen Lebensrealität .

Theorie und Praxis

AspektOffizielle ZielsetzungGelebte Realität
ZweckDen „Gens du voyage“ legale, sichere Halteplätze mit Zugang zu sanitären Anlagen bietenOft Orte der Segregation und Ausgrenzung
LageSollte die Durchreise ermöglichenMeist am Rande von Industriegebieten, an Autobahnen oder Bahnlinien
UmsetzungVerpflichtung für Gemeinden >5.000 EinwohnerNur 26 Departements erfüllen ihre Verpflichtungen 

Die Folgen der unzureichenden Umsetzung :

  • Mangel an Plätzen: Theoretisch gibt es etwa 25.000 Plätze, aber viele sind von Menschen besetzt, die auf Wohnraum warten .
  • Erzwungene Illegalität: Da Gemeinden ihre Verpflichtungen nicht erfüllen und 95% der französischen Gemeinden unter 5.000 Einwohner haben und keine Plätze vorhalten müssen, sind viele „Gens du voyage“ gezwungen, illegal zu stehen .
  • Konflikte: Die Notwendigkeit, spontan zu stehen, führt zu Konflikten mit Anwohnern und Behörden, was wiederum negative Schlagzeilen produziert.

Die Anthropologin Lise Foisneau fasst zusammen: „Den ‚Voyageuren‘ wird das Parken verboten, ihnen wird das Territorium verboten“ . Das Leben außerhalb der ausgewiesenen Plätze ist „arithmetisch unvermeidlich eine Straftat, ein öffentliches Versagen, das letztlich auf die ‚Letzten der Reihe‘ lastet: die Voyageure“ .


Wirtschaftliche Nischen und informelle Ökonomie

Entgegen dem Klischee der Arbeitslosigkeit sind viele „Gens du voyage“ wirtschaftlich aktiv, oft in Nischen, die von der Mehrheitsgesellschaft übersehen oder abgewertet werden.

Traditionelle und moderne Berufe

  • Saisonarbeit in der Landwirtschaft: Bei der Weinlese, der Mimosen-Ernte in Südfrankreich oder anderen saisonalen Tätigkeiten .
  • Schausteller („Forains“): Traditioneller Beruf auf Jahrmärkten und Volksfesten .
  • Markthändler: Handel auf lokalen und regionalen Märkten .
  • Metall- und Schrottsammlung: Eine wichtige Tätigkeit, die im Zuge der Kreislaufwirtschaft eine neue ökologische Bedeutung bekommt.

Selbstständigkeit als Ideal

Viele „Gens du voyage“ halten den Wert der unabhängigen Arbeit hoch. Sie sind oft Handwerker, Händler oder Kleingewerbetreibende, die sich bewusst gegen eine klassische Festanstellung entscheiden, um ihre Autonomie zu wahren.

Pluriaktivität

Ein typisches Merkmal ist die Ausübung mehrerer Tätigkeiten im Jahresverlauf (z.B. im Winter Schrott sammeln, im Sommer Erntehelfer sein), was eine hohe Flexibilität erfordert.


Mediale Repräsentation und politischer Diskurs

Negative mediale Darstellung

Schlagzeilen in der Regionalpresse über „illegale Camps“ oder „Konflikte“ sind an der Tagesordnung und prägen das negative Bild . Die nationale Menschenrechtskommission (CNCDH) fordert deshalb eine bessere Ausbildung an Journalistenschulen zum Thema „Antiziganismus“, um dieser einseitigen Berichterstattung entgegenzuwirken.

Lise Foisneau beschreibt einen Teufelskreis: „Die Gesellschaft schenkt den ‚Gens du voyage‘ nur Beachtung, wenn sie die ihnen zugewiesenen Räume verlassen, also wenn sie sich in einer deliktischen Situation befinden. Der Täter der Straftat wird dann in der Presse als ‚aus der Gemeinschaft stammend‘ identifiziert, und nur die Stimmen, die mehr Sanktionen fordern, sind hörbar“ .

Politische Instrumentalisierung

Die „Gens du voyage“ werden immer wieder als politisches Druckmittel oder Wahlkampfthema instrumentalisiert :

  • Kommunale Politik: Lokale Bürgermeister stehen im Konflikt zwischen nationaler Gesetzeslage und dem Druck ihrer Wähler, was zu einer „Nimby“-Politik („Not in my backyard“) führt.
  • Nationale Politik: Ehemalige Präsidenten wie Nicolas Sarkozy haben das Thema genutzt, um mit harter Hand gegen „illegale Camps“ vorzugehen und dabei bewusst zwischen „Gens du voyage“ (französische Staatsbürger) und Roma (EU-Bürger) zu vermischen, um Ängste zu schüren.
  • Politische Vertretung: Im Parlament finden sich Kenner der „Gens du voyage“-Themen vor allem auf der rechten Seite des politischen Spektrums und verfolgen ein Programm, das irgendwo zwischen Kontrolle und Ablehnung angesiedelt ist. Linke Parteien scheuen das Thema, da es offenbar nicht „wählerwirksam“ ist .

Zivilgesellschaftliches Engagement und Kampf um Anerkennung

Trotz der schwierigen Lage gibt es eine starke Gegenbewegung:

Verbände und Organisationen

  • FNASAT (Fédération nationale des associations solidaires d’action avec les Tsiganes et les Gens du voyage): Arbeitet seit Jahrzehnten daran, Vorurteile abzubauen und die Rechte der „Gens du voyage“ zu verteidigen .
  • ANGVC (Association Nationale des Gens du Voyage Citoyens): Setzt sich für die Rechte und Anerkennung der „Gens du voyage“ ein .

Forschungsprojekte

  • „Mur des noms des nomades internés en France 1940-1946“: Ein von der Anthropologin Lise Foisneau koordiniertes Projekt, das die Namen der Internierten sammelt, um dieses „vergessene“ Kapitel der Geschichte sichtbar zu machen .
  • Ausstellung „Barvalo“ im Mucem in Marseille (2023): Eine umfassende Ausstellung über Roma, Sinti, Gitane, Manouches und Voyageure, die ihre Kultur und Geschichte würdigt .

Staatliche Initiativen

  • Nationale Gedenkstätte in Montreuil-Bellay (2016) .
  • Commission nationale consultative des gens du voyage: Beratendes Gremium, in dem Vertreter von Verbänden und Voyageuren an der Definition der Politik mitwirken .

Zusammenfassung und Ausblick

Die Situation der „Gens du voyage“ in Frankreich ist geprägt von einem tiefen Widerspruch:

Einerseits sind sie französische Staatsbürger, deren Kultur (wie der Jazz Manouche) Teil des nationalen Erbes ist. Viele Familien leben seit Generationen in Frankreich und sind wirtschaftlich aktiv. Die rechtliche Diskriminierung durch spezielle Ausweise wurde 2017 endlich abgeschafft. Es gibt erste Schritte der staatlichen Anerkennung des historischen Unrechts.

Andererseits sind sie einer historisch gewachsenen, tief sitzenden Diskriminierung ausgesetzt, die sich in fast allen Lebensbereichen manifestiert :

  • In der Bildung mit hohen Segregationsraten und niedrigen Abschlüssen
  • In der Gesundheit mit einer um bis zu 15 Jahre geringeren Lebenserwartung
  • Im Wohnen mit prekären, umweltbelasteten Plätzen und einem Mangel an legalen Stellplätzen
  • In der Arbeitswelt mit hoher Armut und Diskriminierung bei der Arbeitssuche
  • In der Gesellschaft mit der stärksten Stigmatisierung aller Minderheiten

Die EU-Agentur für Grundrechte stellt fest, dass die EU-Länder die für 2030 gesetzten Ziele zur Gleichstellung, Inklusion und Partizipation der Roma und „Gens du voyage“ wahrscheinlich nicht erreichen werden. Nur die Beschäftigungsziele erscheinen erreichbar .

Sirpa Rautio, Direktorin der FRA, fasst zusammen: „Dieser Bericht zeigt, dass Antiziganismus in der EU weiterhin Leben unter Roma und Gens du voyage zerstört. Die Verbesserung des Zugangs zu Wohnung und Arbeit ist wesentlich, aber ebenso wichtig ist es, ein Leben frei von Diskriminierung und Vorurteilen zu gewährleisten. Wir können uns nicht mit marginalen Fortschritten zufriedengeben, noch akzeptieren, dass eine neue Generation in Ausgrenzung aufwächst“ .

Der Kampf um Anerkennung, gleiche Rechte und menschenwürdige Lebensbedingungen ist damit auch ein Kampf gegen die Last einer langen, traurigen Geschichte – und ein Test für die republikanischen Werte Frankreichs.


Quellenverzeichnis

  1. Gedenkorte Europa (Studienkreis Deutscher Widerstand 1933-1945): „Sinti und Roma“. URL: https://www.gedenkorte-europa.eu/content/article/577/-/ 
  2. European Union Agency for Fundamental Rights (FRA) (30. September 2025): „Les Roms et les Gens du voyage dans l‘UE : davantage d‘emplois mais une discrimination persistante“. URL: https://fra.europa.eu/fr/news/2025/les-roms-et-les-gens-du-voyage-dans-lue-davantage-demplois-mais-une-discrimination 
  3. Fédération des centres sociaux et socioculturels de France (2019): „Gens du voyage, des habitants ignorés“. URL: https://www.centres-sociaux.fr/ressources/gens-du-voyage-des-habitants-ignores/ 
  4. Manéo Occitanie: „Culture et Histoire“. URL: https://maneo-occitanie.fr/culture-et-histoire/ 
  5. info.gouv.fr (Délégation interministérielle à l’hébergement et à l’accès au logement): „Renforcer l‘inclusion des gens du voyage“. URL: https://www.info.gouv.fr/organisation/delegation-interministerielle-a-l-hebergement-et-a-l-acces-au-logement/renforcer-linclusion-des-gens-du-voyage 
  6. Deutschlandfunk (15. November 2018): „Ausstellung in Paris – Die Internierung der ‚Nomaden‘ – eine französische Geschichte“ (Jürgen König). URL: https://www.deutschlandfunk.de/ausstellung-in-paris-die-internierung-der-nomaden-eine-100.html 
  7. Oxford Academic / International Journal of Constitutional Law (Mathias Möschel, 2017): „Race in French ‚republican‘ law: The case of gens du voyage and Roma“. URL: https://academic.oup.com/icon/article/15/4/1206/4872587 
  8. L’Humanité (27. April 2023): „Quelle place pour les gens du voyage dans notre société ?“ (avec Lise Foisneau et William Acker). URL: https://www.humanite.fr/en-debat/debats/quelle-place-pour-les-gens-du-voyage-dans-notre-societe-792835 
  9. Citoyens & Justice / CNCDH (LinkedIn, 28. Juni 2024): „Les essentiels Rapport Racisme 2023“. URL: https://fr.linkedin.com/posts/citoyens-et-justice_cncdh-les-essentiels-rapport-racisme-2023-activity-7212326385237815296-6q1f 
  10. Mémorial de la Shoah / Académie de Normandie (2018): „L’internement des Nomades : une histoire française (1940-1946)“. URL: http://expo-nomades.memorialdelashoah.org/ 

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