04 – Die Erstprüfung nach Teil 600: Von der Besichtigung zur Dokumentation

Autor: DerSchneider

Einleitung: Die letzte Hürde vor der Inbetriebnahme

Sie haben eine neue Elektroanlage installiert – jede Leitung verlegt, jede Steckdose gesetzt, jede Verteilerdose geschlossen. Jetzt kommt der entscheidende Moment: die Erstprüfung. Sie entscheidet, ob die Anlage sicher betrieben werden kann oder ob versteckte Fehler später zu Brand, Unfall oder Ausfall führen.

Die VDE 0100-600 (Ergänzt durch VDE 0100-610) schreibt genau vor, wie diese Prüfung ablaufen muss – von der Besichtigung über die Messungen bis zur Dokumentation. Dieser Artikel führt Sie Schritt für Schritt durch den Prozess.

1. Was regelt Teil 600 – und was nicht?

DIN VDE 0100-600: Errichten von Niederspannungsanlagen – Teil 6: Prüfungen (genauer: Teil 600) beschreibt die Erstprüfung einer neuen oder erweiterten Anlage vor der ersten Inbetriebnahme.

Nicht zu verwechseln mit:

  • Wiederkehrenden Prüfungen nach BetrSichV / DGUV V3 (laufender Betrieb)
  • Prüfungen ortsveränderlicher Geräte nach VDE 0701-0702

Die Erstprüfung ist eine einmalige, umfassende Prüfung, die nur eine Elektrofachkraft (oder unter deren Leitung) durchführen darf.

2. Die vier Säulen der Erstprüfung nach Teil 600

SchrittInhalt
1. BesichtigungSichtprüfung aller Betriebsmittel, Anschlüsse, Kennzeichnungen, Schutzmaßnahmen
2. MessungenElektrische Messungen (Isolationswiderstand, Schleifenimpedanz, RCD-Test etc.)
3. FunktionsprüfungPrüfung der ordnungsgemäßen Funktion aller Betriebsmittel (Schalter, RCDs, Schutzgeräte)
4. DokumentationErstellung eines Prüfprotokolls mit allen Ergebnissen

3. Die Besichtigung – was Sie genau kontrollieren müssen

Die Besichtigung ist keine oberflächliche „Drüberschau“. Sie prüft systematisch:

  • Übereinstimmung mit den Planungsunterlagen: Sind die richtigen Leiterquerschnitte, Schutzgeräte, RCD-Typen verbaut?
  • Schutz gegen elektrischen Schlag: Basisschutz (Isolierung, Abdeckungen vorhanden und intakt?) Fehlerschutz (Schutzleiter durchgehend, RCD vorhanden?)
  • Auswahl und Errichtung der Betriebsmittel: Korrekte Kennzeichnung von PE, N, PEN; richtige Verlegeart; ausreichende Zugänglichkeit von Verteilern; Schutz gegen äußere Einflüsse (Feuchtigkeit, mechanische Belastung)
  • Gefahrenabwehr: Brandschutz (Abstände zu brennbaren Baustoffen), Schutz gegen Überspannung, Absicherung von Steckdosen in besonderen Bereichen (z. B. Bad)

Praxistipp: Gehen Sie mit einer Checkliste durch die Anlage – jeder Punkt, den Sie bei der Besichtigung übersehen, taucht später als Mangel auf.

4. Die Messungen – Welche Werte müssen Sie prüfen?

Die folgende Tabelle zeigt die wesentlichen Messungen nach Teil 600:

MessungNormenfundstellePrüfgerätGrenzwerte (vereinfacht)
Schleifenimpedanz (L-PE)VDE 0100-600 Abs. 6.4.3SchleifenimpedanzmesserDarf den Wert nicht überschreiten, der für die Abschaltbedingung des Überstromschutzgeräts erforderlich ist (abhängig von Charakteristik)
Netzimpedanz (L-N)VDE 0100-600 Abs. 6.4.4NetzsimulatorBestimmt die Kurzschlussstromhöhe
IsolationswiderstandVDE 0100-600 Abs. 6.4.5Isolationsmessgerät (250 V, 500 V, 1000 V)≥ 1 MΩ (für 1000-V-Messung oft ≥ 0,5 MΩ akzeptiert, aber strengere Werte empfohlen)
RCD-AuslösezeitVDE 0100-600 Abs. 6.4.6RCD-Prüfgerät≤ 300 ms bei ½ Bemessungsdifferenzstrom? (Korrektur: bei 1× IΔn ≤ 300 ms für allgemeine RCDs, ≤ 40 ms für selektive (S‑Typ) bei 5× IΔn)
RCD-AuslösestromVDE 0100-600 Abs. 6.4.6RCD-Prüfgerät≤ 0,5× IΔn darf nicht auslösen, ≥ 1× IΔn muss auslösen (innerhalb von 300 ms)
Erdungswiderstand (bei TT/IT)VDE 0100-600 Abs. 6.4.2Erdungsmessgerät (Dreipunkt-Messung)R(A) ≤ 50 V / IΔn (bei RCD) bzw. ≤ 1667 Ω für 30-mA-RCD (50 V / 0,03 A)

Wichtige Details:

  • Die Schleifenimpedanz wird immer im fehlerstrompfad (L-PE) gemessen. Sie muss so niedrig sein, dass bei einem Körperschluss der Fehlerstrom innerhalb der geforderten Abschaltzeit (0,4 s bei Endstromkreisen bis 32 A, 0,2 s bei Verteilungsstromkreisen) fließt.
  • Die Isolationswiderstandsmessung erfolgt zwischen allen aktiven Leitern und PE, sowie zwischen L und N. Vor der Messung müssen alle Verbraucher abgeklemmt sein (sonst Zerstörung).
  • Bei RCDs wird sowohl der Auslösestrom (Rampe) als auch die Auslösezeit bei 1× IΔn und 5× IΔn gemessen.

5. Die Funktionsprüfung – Mehr als nur „Schalter drücken“

Sie testen jedes Betriebsmittel auf seine bestimmungsgemäße Funktion:

  • Jeder Schalter schaltet die richtige Leuchte oder Steckdose.
  • Jeder RCD löst bei Betätigung der Prüftaste aus (das ersetzt aber nicht die Messung!).
  • Jeder Leitungsschutzschalter lässt sich ein- und ausschalten.
  • Steckdosen haben Spannung (mit zweipoligem Spannungsprüfer).
  • Drehfeld bei Drehstromsteckdosen ist korrekt.

Praxistipp: Dokumentieren Sie auch die Funktionsprüfung – später wissen Sie, dass z. B. eine bestimmte Steckdose bei der Erstprüfung funktionierte.

6. Die Dokumentation – Was muss ins Prüfprotokoll?

Nach VDE 0100-600 Abs. 6.6 ist die Dokumentation zwingend. Ein vollständiges Protokoll enthält:

  • Anlagenkennzeichnung (Adresse, Auftraggeber, Anlagentyp)
  • Prüfdatum und Prüfer (Name, Qualifikation, Unterschrift)
  • Verwendete Prüfmittel (Gerätebezeichnung, Prüfmittelfrist)
  • Ergebnisse der Besichtigung (ggf. Mängelliste)
  • Messwerte (alle oben genannten Messungen mit Soll-/Ist-Vergleich)
  • Funktionsprüfung (Ergebnisse)
  • Bewertung („Anlage entspricht den Anforderungen“ oder „Mängel festgestellt“)
  • Empfehlungen (z. B. Nachbesserung)

Ohne Dokumentation ist die Erstprüfung rechtlich wertlos – Sie können im Schadensfall nicht beweisen, dass Sie geprüft haben.

7. Typische Fehler bei der Erstprüfung

FehlerKorrektur
Nur Besichtigung ohne MessungenMessungen sind zwingend, nicht optional
RCD nur mit Prüftaste testen, nicht messenPrüftaste prüft nur Mechanik, nicht die Auslösezeit bei Fehlerstrom
Isolationswiderstandsmessung ohne Abklemmen von VerbrauchernVerbraucher (z. B. elektronische Netzteile) werden zerstört
Schleifenimpedanzmessung im falschen Netzsystem (z. B. TT wie TN behandeln)Bei TT reicht die Schleifenimpedanz allein nicht – Abschaltung muss über RCD erfolgen
Dokumentation vergessen oder lückenhaftOhne Protokoll keine rechtssichere Prüfung
Falsche Grenzwerte ansetzen (z. B. 0,4 s auch für Verteilungsstromkreise)Verteilungsstromkreise: 0,2 s bei Spannung gegen Erde ≤ 150 V

Checkliste für die Praxis

  • Liegt ein vollständiger Prüfplan nach Teil 600 vor?
  • Sind alle Prüfgeräte kalibriert und innerhalb der Prüffrist?
  • Besichtigung durchgeführt – jede Klemmstelle, jede Kennzeichnung kontrolliert?
  • Messungen:
    • Isolationswiderstand (alle aktiven Leiter gegen PE, L gegen N)
    • Schleifenimpedanz L-PE (an jeder Steckdose und jedem Endstromkreis)
    • RCD-Auslösezeit (1× IΔn, 5× IΔn) und Auslösestrom (Rampe)
    • Erdungswiderstand (bei TT/IT)
  • Funktionsprüfung aller Betriebsmittel (Schalter, Steckdosen, RCD-Prüftaste)
  • Protokoll erstellt – vollständig, unterschrieben, archiviert?
  • Mängel beseitigt und Nachprüfung dokumentiert (falls erforderlich)?

Fazit und Ausblick

Die Erstprüfung nach Teil 600 ist die Abschlussprüfung der Elektroinstallation. Sie ist nicht delegierbar an Hilfskräfte, erfordert systematisches Vorgehen und sorgfältige Dokumentation. Wer sie korrekt durchführt, schafft eine sichere Anlage und beweist im Schadensfall seine Sorgfaltspflicht.

Im nächsten Artikel (05) steigen wir in die Schutzmaßnahmen ein: „Schutz gegen elektrischen Schlag: Teil 400 im Überblick“

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