05 – Schutz gegen elektrischen Schlag: Teil 400 im Überblick

Autor: DerSchneider

Einleitung: Das Herzstück der Sicherheit

Ein elektrischer Schlag kann tödlich sein – schon Ströme ab 30 mA Wechselstrom, die das Herz in der empfindlichen Phase treffen, führen zu Kammerflimmern. Die VDE 0100-410 (Teil des 400er-Blocks) legt fest, wie Menschen vor dieser Gefahr geschützt werden müssen.

Dieser Artikel gibt Ihnen einen systematischen Überblick über die zwei Schutzmaßnahmen (Basisschutz und Fehlerschutz), die drei Netzsysteme (TN, TT, IT) und die praktische Umsetzung im Alltag.

1. Die grundlegenden Schutzziele nach Teil 400

Teil 400 (genauer: 410) unterscheidet zwei einander ergänzende Schutzebenen:

SchutzartZielMittel (Beispiele)
Basisschutz (Schutz gegen direktes Berühren)Verhindert Berührung aktiver Teile im NormalbetriebIsolierung, Abdeckungen, Kapselung, räumliche Trennung
Fehlerschutz (Schutz bei indirektem Berühren)Schützt bei Isolationsfehler, wenn ein aktives Teil mit berührbarem leitfähigen Teil verbunden istSchutzleiter (PE), RCD, Schutztrennung, automatische Abschaltung der Stromversorgung

Beide Schutzebenen müssen gleichzeitig wirksam sein. Fehlt eine, ist die Anlage nicht sicher.

2. Die drei Netzsysteme und ihre Schutzstrategie

Je nach Netzsystem (TN, TT, IT) wird der Fehlerschutz unterschiedlich realisiert. Die folgende Tabelle fasst die Kernstrategie zusammen:

NetzsystemWie wird der Fehlerschutz realisiert?Typische Abschaltbedingungen
TNSchutzleiter (PE) führt Fehlerstrom zurück zum Transformator → hoher Kurzschlussstrom → Überstromschutz (LS-Schalter) löst ausAbschaltzeit ≤ 0,4 s (Endstromkreise bis 32 A), ≤ 0,2 s (Verteilungsstromkreise)
TTFehlerstrom fließt über Erdung (zwei separate Erdungen: Betriebserdung und Schutzerdung). Der Strom ist meist zu klein für Überstromschutz → daher zwingend RCD erforderlichRCD mit IΔn ≤ 0,5 A (für Endstromkreise oft 30 mA)
ITSternpunkt isoliert oder hochohmig geerdet. Erster Fehler führt zu geringem Fehlerstrom (keine Abschaltung nötig, nur Isolationsüberwachung). Zweiter Fehler (auf anderem Leiter) erfordert AbschaltungFür erste Fehler: Isolationsüberwachungsgerät (IÜ) mit Alarm. Für zweiten Fehler: Abschaltbedingungen wie TN oder TT

Praxistipp: In Deutschland ist TN-C-S (PEN-Leiter bis Hauptverteiler, dann PE/N getrennt) der Standard. Ein nachträglicher Einbau von RCDs ist trotzdem oft sinnvoll (z. B. für Steckdosenkreise im Außenbereich oder Feuchträume).

3. Die Rolle des RCD im Fehlerschutz

Der RCD (Fehlerstrom-Schutzeinrichtung) ist kein Allheilmittel, aber ein entscheidendes Element – besonders in TT-Systemen und bei Steckdosenkreisen bis 32 A in Feuchträumen.

Wichtige Kenngrößen:

  • Bemessungsfehlerstrom IΔn: 10 mA, 30 mA (Personenschutz), 100 mA, 300 mA (Brandschutz)
  • Auslösezeit: Bei IΔn ≤ 300 ms, bei 5× IΔn ≤ 40 ms (für allgemeine RCDs)
  • Typen: Typ A (für wechsel- und pulsierende Gleichfehlerströme), Typ F (für Frequenzumrichter), Typ B (für glatte Gleichfehlerströme) – mehr dazu in Artikel 07.

Pflicht nach VDE 0100-410:

  • Steckdosen mit Bemessungsstrom ≤ 32 A in Wohnungen, Bädern, Außenbereichen, Baustellen, landwirtschaftlichen Betrieben → RCD mit IΔn ≤ 30 mA
  • Steckdosen in medizinisch genutzten Räumen → RCD mit IΔn ≤ 30 mA (oft sogar 10 mA)

4. Die Abschaltbedingungen im TN-System (am häufigsten in D)

Das TN-System ist auf den Überstromschutz angewiesen. Die Schleifenimpedanz Zs (L-PE) muss so niedrig sein, dass der Kurzschlussstrom I = U0 / Zs die Abschaltbedingung des Leitungsschutzschalters oder der Sicherung erfüllt.

Abschaltzeiten nach VDE 0100-410 (Tabelle 41.1):

StromkreisartMaximale Abschaltzeit
Endstromkreise mit Nennstrom ≤ 32 A0,4 s
Verteilungsstromkreise0,2 s (bei U0 ≤ 150 V gegen Erde), sonst 0,4 s? (Korrektur: 0,2 s für alle Verteilungsstromkreise, unabhängig von der Spannung, wenn sie direkt von einer öffentlichen Niederspannungsanlage gespeist werden? – Vereinfacht: 0,4 s für Endstromkreise ≤ 32 A, 0,2 s für Verteilungsstromkreise und Endstromkreise > 32 A)

Praktische Folge: Die Leitungslänge ist begrenzt. Bei einem Leitungsschutzschalter B16 (16 A, Charakteristik B) beträgt die maximale Schleifenimpedanz etwa 1,44 Ω (für 0,4 s Abschaltung). Bei längeren Leitungen muss ein RCD nachhelfen.

5. Der Basisschutz – Nicht zu unterschätzen

Basisschutz wird oft als selbstverständlich angesehen, ist aber eine häufige Fehlerquelle:

  • Isolierung von Leitungen darf nicht beschädigt sein (schon beim Einziehen).
  • Abdeckungen von Verteilerdosen müssen fest sitzen – keine offenen Klemmstellen.
  • In Verteilerschränken müssen berührbare Teile (Schienen, unisolierte Klemmen) durch Berührungsschutz (Fingerprüfung) gesichert sein.
  • Bei Feuchträumen (Bad) gilt verschärfter Basisschutz (Schutzart IPX4, IPX5).

Praxistipp: Prüfen Sie bei der Besichtigung immer auch den Basisschutz – eine lose Abdeckung kann tödlich sein.

6. Typische Fehler und Kontroversen

Fehler / KontroverseKlarstellung / Praxis
„RCD ist in TN-Systemen nicht nötig“Richtig – aber für Steckdosen im Außenbereich, Bad, Kinderzimmer etc. wird er trotzdem gefordert (VDE 0100-701, -702 usw.).
„Ein 300-mA-RCD reicht für Personenschutz“Nein – für Personenschutz ist 30 mA vorgeschrieben. 300 mA dient dem Brandschutz.
„Schleifenimpedanz messen reicht“Nur im TN-System. Im TT-System müssen Sie zusätzlich den Erdungswiderstand prüfen.
„In Altbauten gilt Bestandsschutz – kein RCD nötig“Teilweise richtig, aber bei Änderungen/Erweiterungen kann Nachrüstpflicht entstehen (siehe Artikel 39).
„Isolationsüberwachung (IÜ) im IT-System ist optional“Falsch – nach VDE 0100-410 ist ein IÜ mit akustischem/optischem Alarm zwingend.

Checkliste für die Praxis

  • Ist der Basisschutz gewährleistet (Isolierung intakt, Abdeckungen fest, Berührungsschutz in Verteilern)?
  • Welches Netzsystem liegt vor (TN, TT, IT)?
  • Sind alle Steckdosen mit IΔn ≤ 30 mA (RCD) geschützt, die dies nach Norm erfordern (Bad, Außenbereich, Baustelle, Landwirtschaft, Kinderzimmer?)?
  • Ist die Schleifenimpedanz im TN-System niedrig genug für die geforderte Abschaltzeit?
  • Ist im TT-System ein RCD vorhanden (zwingend) und der Erdungswiderstand korrekt (≤ 1667 Ω für 30-mA-RCD)?
  • Ist im IT-System ein Isolationsüberwachungsgerät mit Alarm installiert?
  • Sind die RCDs vom richtigen Typ (A, F, B) für die angeschlossenen Verbraucher (z. B. Frequenzumrichter, Wärmepumpe)?

Fazit und Ausblick

Schutz gegen elektrischen Schlag ist die Königsdisziplin der VDE 0100. Die Kombination aus Basisschutz und Fehlerschutz – angepasst an das jeweilige Netzsystem – bildet das Fundament jeder sicheren Elektroinstallation. Die häufigste Schwachstelle in der Praxis sind nicht die RCDs, sondern der mangelhafte Basisschutz (offene Klemmstellen, beschädigte Isolierungen).

Im nächsten Artikel (06) tauchen wir tiefer ein: „Schutz durch automatische Abschaltung (TN-, TT-, IT-System)“ – mit konkreten Berechnungsbeispielen und Messanleitungen.

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