09 – Selektivität und Backup-Schutz: Teil 500 in der Praxis

Autor: DerSchneider

Einleitung: Nicht der große, sondern der kleine Nachbar soll auslösen

Stellen Sie sich vor, in Ihrer Wohnung fällt die Sicherung für das Badezimmer aus. Sie gehen in den Keller – aber dort ist nicht nur der eine Leitungsschutzschalter gefallen, sondern der Hauptschalter für die ganze Wohnung. Das ist nicht nur ärgerlich, sondern ein Mangel an Selektivität.

Die VDE 0100-500 (insbesondere -530 und -531) fordert, dass Schutzgeräte so aufeinander abgestimmt sein müssen, dass im Fehlerfall nur das dem Fehlerort nächste Gerät abschaltet – nicht das vorgelagerte. Dieser Artikel erklärt, wie Sie Selektivität erreichen und was es mit dem „Backup-Schutz“ auf sich hat.

1. Definitionen: Selektivität, Backup-Schutz, Staffelung

BegriffBedeutung
SelektivitätKoordination von Schutzeinrichtungen, so dass nur die dem Fehlerort nächste auslöst
Backup-Schutz (Reserve-Schutz)Eine zweite Schutzeinrichtung, die auslöst, wenn die erste versagt (z. B. bei Defekt). Nicht zu verwechseln mit Selektivität.
StaffelungAnordnung von Schutzeinrichtungen mit abgestuften Auslöseströmen oder -zeiten (ein Mittel zur Selektivität)

Die Norm verlangt Selektivität nicht in jedem Fall zwingend, aber bei Anlagen mit mehreren Verteilerebenen ist sie dringend empfohlen – und oft durch die TAB der Netzbetreiber gefordert.

2. Selektivität bei Leitungsschutzschaltern (LS)

Zwei LS in Reihe: Der vorgelagerte LS muss einen höheren Bemessungsstrom oder eine andere Charakteristik haben, damit er nicht vor dem nachgelagerten auslöst.

Strom-Selektivität:
Der Auslösestrom des vorgelagerten LS muss mindestens 1,6 mal so hoch sein wie der des nachgelagerten (bei thermischer Auslösung). Bei magnetischer Auslösung reicht oft das 1,25-fache.

Beispiel: Nachgelagert C10, vorgelagert C16. Der C10 löst bei 10×1,45? Vereinfacht: Prüfen Sie mit Herstellertabellen.

Zeit-Selektivität:
Verwendung von LS mit unterschiedlichen Charakteristiken (z. B. nachgelagert B, vorgelagert C). Die C-Charakteristik hat eine etwas längere Auslöseverzögerung im Überlastbereich.

Praxistipp: Die einfachste Methode: Verwenden Sie im Hauptverteiler einen selektiven Haupt-Leitungsschutzschalter (z. B. SLS – selektiver Leitungsschutzschalter) oder einen NH-Trenner mit höherem Strom. In Wohnungen reicht oft: Hauptsicherung (Hausanschlusskasten) 35 A gG, dann im Unterverteiler 16 A B16. Das ist selektiv.

3. Selektivität bei Schmelzsicherungen (gG) und LS

KombinationSelektivität?
gG 35 A vor B16Ja, da der B16 schon bei 80 A (5×16) auslöst, die gG 35 A erst oberhalb von ca. 150 A
gG 20 A vor B16Nein, die gG 20 A kann schon bei 80 A auslösen (abhängig von der Kennlinie)

Faustregel: Der Nennstrom der vorgelagerten Sicherung sollte mindestens das 1,6-fache des nachgelagerten LS betragen.

4. Selektivität bei RCDs (siehe Artikel 07, kurz wiederholt)

  • Zeitselektivität: Vorgelagerter RCD Typ S (selektiv, verzögert) – nachgelagerter Standard-RCD.
  • Stromselektivität: Vorgelagerter RCD 300 mA, nachgelagerter 30 mA – funktioniert nur für Fehlerströme bis 300 mA. Bei größeren Fehlern lösen beide aus. Daher ist Zeitselektivität sicherer.

5. Backup-Schutz – Wenn der erste Schutz versagt

Der Backup-Schutz ist ein Sicherheitsnetz. Er ist zwingend, wenn ein Leistungsschalter nicht ausreichend kurzschlussfest ist (z. B. bei hohen Kurzschlussströmen im industriellen Umfeld). In der Praxis findet man Backup-Schutz selten in Wohngebäuden, eher in Schaltanlagen mit hohen Kurzschlussleistungen.

Beispiel: Ein LS mit einer Ausschaltvermögen von 6 kA wird in einem Netz mit 10 kA Kurzschlussstrom eingesetzt. Dann muss ein vorgelagerter LS (z. B. 10 kA) als Backup dienen. Der Backup-Schutz muss nicht selektiv sein – er soll nur dann eingreifen, wenn der erste LS versagt.

6. Typische Fehler bei Selektivität

FehlerFolge
Zwei gleiche LS in Reihe (beide B16)Bei Kurzschluss nahe dem zweiten LS kann der erste ebenfalls auslösen (keine Selektivität)
RCDs in Reihe ohne S‑TypBeide lösen gleichzeitig aus
Verwendung von LS mit sehr unterschiedlichen Charakteristiken ohne StromstaffelungVorgelagerter löst früher aus
Keine Selektivität bei Hauptsicherung im HAK (Hausanschlusskasten) – aber die ist meist gegeben durch hohe Stromwerte

7. Messung und Nachweis der Selektivität

Ein direkter Messnachweis ist schwierig. In der Praxis verwendet man:

  • Herstellertabellen (Selektivitätskennlinien)
  • Berechnung der Kurzschlussströme
  • Verwendung von selektiven Komponenten (SLS, RCD Typ S)

Die Dokumentation: Im Prüfprotokoll vermerken, dass die Schutzgeräte nach Herstellerangaben selektiv sind.

Checkliste für die Praxis

  • Sind mehrere LS in Reihe geschaltet? Dann prüfen: Ist der vorgelagerte LS größer oder anders charakterisiert (z. B. C vor B)?
  • Bei RCDs in Reihe: Ist der vorgelagerte RCD ein Typ S (selektiv)?
  • Ist der Backup-Schutz für Komponenten mit unzureichendem Ausschaltvermögen vorhanden (nur in Industrie relevant)?
  • Liegen Herstellertabellen zur Selektivität vor?
  • Wurde die maximale Kurzschlussstromstärke am Installationsort ermittelt (Netzimpedanzmessung)?

Fazit und Ausblick

Selektivität vermeidet unnötige Großausfälle und erhöht die Verfügbarkeit der Anlage. Sie ist kein Selbstzweck, sondern eine Frage der wirtschaftlichen und technischen Vernunft. Mit S‑RCDs, abgestuften LS-Charakteristiken und dem Verständnis der Kennlinien ist sie gut umsetzbar.

Im nächsten Artikel (10) wenden wir uns einem klassischen Sonderbereich zu: „Bäder und Feuchträume: Teil 701 im Detail“.

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