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Schweres Wasser in der Elektrotechnik: Von der Atom-Batterie zur stabilen Halbleiterfertigung

Autor: DerSchneider

Einleitung

Wasser ist nicht gleich Wasser. Während die meisten Menschen H₂O als Inbegriff der Vertrautheit betrachten, öffnet der Blick auf seine isotopischen Varianten ein Fenster in eine Welt physikalischer Extreme und technologischer Präzision. Schweres Wasser (Deuteriumoxid, D₂O) und superschweres Wasser (Tritiumoxid, T₂O) unterscheiden sich von gewöhnlichem Wasser nicht durch ihre chemische Formel, sondern durch die Masse ihrer Wasserstoffkerne – ein Unterschied, der sie zu Schlüsselstoffen in der modernen Elektrotechnik macht.

Dieser Artikel beleuchtet die Einsatzmöglichkeiten von D₂O und T₂O jenseits der klassischen Kernreaktortechnik. Wir erkunden, wie diese Substanzen in der Energieerzeugung, der Halbleiterfertigung und der Materialforschung wirken, welche physikalischen Prinzipien dahinterstecken und welche sicherheitstechnischen sowie organisatorischen Herausforderungen ihr Einsatz mit sich bringt. Dabei verbinden wir technische Tiefe mit historischer Einordnung und einem kritischen Blick auf aktuelle Kontroversen – etwa im Bereich der sogenannten „Kalten Fusion“. Ein besonderer Fokus liegt auf den aufwendigen Herstellungsverfahren, denn die Verfügbarkeit dieser Stoffe ist der entscheidende Engpass für ihre technische Nutzung.

1. Grundlagen: Der isotopische Unterschied und seine Konsequenzen

Um die elektrotechnischen Anwendungen zu verstehen, ist ein kurzer Ausflug in die Kernphysik unvermeidlich.

  • Deuterium (D oder ²H): Der Kern besteht aus einem Proton und einem Neutron. Es ist stabil, nicht radioaktiv und kommt in der Natur mit einer Häufigkeit von etwa 0,015 % vor.
  • Tritium (T oder ³H): Der Kern besteht aus einem Proton und zwei Neutronen. Es ist radioaktiv (Betazerfall) mit einer Halbwertszeit von 12,3 Jahren und kommt in der Natur praktisch nicht vor. Es wird künstlich in Kernreaktoren aus Lithium erbrütet.

Der Ersatz von normalem Wasserstoff (Protium, ¹H) durch diese schwereren Isotope verändert physikalische Eigenschaften dramatisch, während die chemischen nahezu gleich bleiben. Die folgende Tabelle fasst die wichtigsten Unterschiede zusammen:

EigenschaftNormales Wasser (H₂O)Schweres Wasser (D₂O)Superschweres Wasser (T₂O)
Molare Masseca. 18,02 g/molca. 20,03 g/molca. 22,03 g/mol
Dichte (25°C)0,997 g/cm³1,105 g/cm³ca. 1,21–1,33 g/cm³
Schmelzpunkt0,0 °C3,8 °Cca. 4,5 °C
Siedepunkt100,0 °C101,4 °Cca. 101,5 °C
RadioaktivitätNeinNeinJa (β⁻, 12,3 a)

Der kinetische Isotopeneffekt ist das entscheidende Phänomen: Da Deuterium und Tritium schwerer sind, schwingen sie in chemischen Bindungen langsamer. Das verlangsamt Reaktionsgeschwindigkeiten – ein Effekt, der sowohl in der Biologie (Giftigkeit von schwerem Wasser) als auch in der Elektrotechnik (Stabilisierung von Halbleitern) genutzt wird.

2. Herstellung: Wie gewinnt man schweres und superschweres Wasser?

Die Herstellung von schwerem Wasser ist ein komplexes, mehrstufiges Verfahren, das die geringe natürliche Häufigkeit von Deuterium ausnutzt. Noch aufwendiger ist die Produktion von superschwerem Wasser, da Tritium künstlich erzeugt werden muss. Die folgende Tabelle gibt einen Überblick über die wichtigsten Verfahren:

VerfahrenKurzbeschreibungAnwendungsschwerpunkt
Girdler-Sulfid (GS)-ProzessBithermaler Austausch zwischen Wasser und Schwefelwasserstoff (H₂S)Industrielle Großproduktion von D₂O (seit 25 Jahren dominierend)
WasserdestillationFraktionierte Destillation unter Ausnutzung der unterschiedlichen SiedepunkteKleinanlagen, Vorkonzentrierung
ElektrolyseBevorzugte Spaltung von H₂O gegenüber D₂O; Anreicherung im RückstandHistorisch erste Methode, heute oft kombiniert
CECE (Combined Electrolysis and Catalytic Exchange)Kombination von Elektrolyse und katalytischem Austausch zwischen H₂ und H₂OModernes, energieeffizienteres Verfahren
CIRCE (Combined Industrial Reforming and Catalytic Exchange)Kombination mit industriellen ReformierungsprozessenGroßtechnische Alternative
BHW (Bithermal Hydrogen-Water Exchange)Bithermaler Austausch ohne SchwefelwasserstoffNeuere Prozessvariante

2.1 Historischer Hintergrund der D₂O-Herstellung

Die Geschichte der Schwerwasserproduktion begann 1932, als Urey, Brickwedde und Murphy Deuterium erstmals durch fraktionierte Verdampfung von Wasserstoff trennten. In den folgenden Jahren wurden Elektrolyse, Wasserdestillation und Wasserstoffdestillation als Trennmethoden untersucht. Während des Zweiten Weltkriegs gab es in den USA und in geringerem Umfang auch in Deutschland massive Anstrengungen zur Entwicklung von Schwerwasser-Produktionsmethoden – getrieben durch die militärische Bedeutung für die Kernenergie. Hunderte von Verfahren wurden vorgeschlagen, aber nur wenige erwiesen sich als praktikabel.

2.2 Der Girdler-Sulfid (GS)-Prozess – Das Standardverfahren

Der GS-Prozess, auch als Wasser-Schwefelwasserstoff-Austauschprozess bekannt, dominiert seit 25 Jahren die Schwerwasserproduktion. Das Verfahren nutzt den bithermalen Isotopenaustausch zwischen Wasser (H₂O) und Schwefelwasserstoff (H₂S). Der entscheidende Vorteil liegt darin, dass Deuterium bei niedrigen Temperaturen bevorzugt im Wasser und bei hohen Temperaturen im Schwefelwasserstoff angereichert wird. Durch geschickte Temperaturführung in einem Gegenstromprozess lässt sich das Deuterium kontinuierlich anreichern.

Die Nuclear Suppliers Group (NSG) führt den GS-Prozess in ihren Richtlinien für Kerntransfers als kontrollierte Technologie – ein Hinweis auf die strategische Bedeutung von schwerem Wasser für die nukleare Industrie.

2.3 Elektrolytische und katalytische Verfahren

Die Elektrolyse war die erste praktisch genutzte Methode zur Deuteriumanreicherung. Das Prinzip ist einfach: Normales Wasser (H₂O) wird elektrochemisch leichter gespalten als schweres Wasser (D₂O), sodass sich der Rückstand mit D₂O anreichert. Der Nachteil ist der hohe Energieverbrauch.

Modernere Verfahren kombinieren Elektrolyse mit katalytischem Austausch (CECE). In diesem Prozess wird Wasser in einer elektrochemischen Zelle gespalten, während gleichzeitig ein Katalysator den Isotopenaustausch zwischen dem entstehenden Wasserstoffgas und dem Wasser beschleunigt. Die katalytische Austauschregion enthält einen Katalysator aus einer Gruppe-VIII-Metall (wie Platin) mit einer wasserabweisenden Beschichtung, die das Eindringen von flüssigem Wasser verhindert, aber Wasserdampf und Wasserstoffgas durchlässt. Das Ergebnis ist eine deutlich höhere Effizienz gegenüber der reinen Elektrolyse.

2.4 Die Herausforderung der Tritium-Produktion

Während Deuterium in der Natur vorkommt und „nur“ angereichert werden muss, existiert Tritium praktisch nicht in der Umwelt. Es muss künstlich erzeugt werden – ein aufwendiger und teurer Prozess.

Die Lithium-Brutmethode:

Das gängigste Verfahren zur Tritiumgewinnung ist die Neutronenbestrahlung von Lithium. Wenn Lithium-6 (⁶Li) mit einem langsamen Neutron beschossen wird, entsteht Helium-4 (⁴He) und Tritium (³H). Die Kernreaktion lautet:

⁶Li + n → ⁴He + ³H

Dieser Prozess wird in Kernreaktoren durchgeführt. Das lithiumhaltige Material wird den Neutronenflüssen im Reaktorkern ausgesetzt. Anschließend wird das entstandene Tritium aus dem bestrahlten Material extrahiert. Für die geplante Nutzung in Kernfusionsreaktoren wird Lithiumoxid (Li₂O) als besonders vielversprechendes Brutmaterial erforscht, da es gute physikalische Eigenschaften und verbesserte Sicherheitsmerkmale aufweist. Studien zur Tritiumfreisetzung aus neutronenbestrahltem Lithiumoxid zeigen, dass die Festkörperdiffusion des Tritiums den Freisetzungsprozess steuert – ein wichtiger Parameter für die Reaktordesign.

Reaktor-Brut für militärische Zwecke:

Frankreich hat kürzlich einen neuen Produktionszyklus für Tritium in den zivilen Reaktoren des staatlichen Energieversorgers EDF angekündigt. Die Anlage im Kernkraftwerk Civaux wird Lithium während des normalen Reaktorbetriebs bestrahlen. Dies unterstreicht die strategische Bedeutung von Tritium für nukleare Abschreckungssysteme – Wasserstoffbomben und Neutronenbomben benötigen Tritium als wesentlichen Bestandteil. Die Halbwertszeit von 12,3 Jahren bedeutet, dass Tritiumvorräte regelmäßig erneuert werden müssen, was eine kontinuierliche Produktion erforderlich macht.

2.5 Recycling und Rückgewinnung

Angesichts der extrem hohen Kosten von Deuterium und insbesondere Tritium ist die Rückgewinnung aus Prozessabfällen wirtschaftlich unerlässlich. Elektrochemische Membranverfahren mit Protonenaustauschmembranen (PEM) können hochreines D₂ oder T₂ aus Abgasströmen zurückgewinnen. Eine entscheidende Erkenntnis aus der Entwicklung dieser Technologie: Das gesamte System – inklusive aller Hilfskomponenten wie Befeuchter – muss mit der jeweiligen Isotopenform von Wasser vorbehandelt sein. Wird normales H₂O verwendet, tauschen Protonen aus dem Wasser mit den Deuteronen oder Tritonen, was zu unerwünschten Isotopenmischungen führt. Dies ist ein klassisches Beispiel für die ingenieurstechnische Herausforderung bei der Arbeit mit Isotopen: Die unsichtbare Kontamination durch Isotopenaustausch kann die Reinheit eines Produkts zerstören, wenn nicht jede Komponente des Systems entsprechend angepasst wird.

3. Schweres Wasser in der Energieerzeugung: Vom Twistron zur thermogalvanischen Zelle

Die jüngere Forschung hat gezeigt, dass D₂O nicht nur als Moderator in Kernreaktoren dient, sondern auch in neuartigen Energiewandlern eine überraschende Rolle spielen kann.

3.1 Twistrons – Die dehnbare Stromquelle

Forscher der University of Texas at Dallas entwickelten sogenannte Twistrons: Garne aus Kohlenstoff-Nanoröhren, die verdrillt und gedehnt werden können. Bei mechanischer Dehnung erzeugen sie eine elektrische Spannung. Entscheidend für die Effizienz ist der Elektrolyt, in den das Garn getaucht wird. Ersetzt man normales Wasser durch D₂O, verlangsamt sich die Bewegung der Ionen. Die Folge: Die Selbstentladung sinkt, und die elektrische Spitzenleistung steigt um das 2,5-fache. Diese Technologie ist vielversprechend für Wearables oder Sensoren, die Bewegung in Strom umwandeln sollen.

3.2 Thermogalvanische Zellen – Abwärme wird Strom

Thermogalvanische Zellen nutzen den Temperaturunterschied zwischen zwei Elektroden, um über eine Redoxreaktion im Elektrolyten Strom zu erzeugen. Die sogenannte Seebeck-Spannung ist materialabhängig. Studien zeigen, dass der Austausch von H₂O gegen D₂O im Elektrolyten die Seebeck-Spannung um mehr als 100 % erhöhen kann. Der Grund liegt wiederum im kinetischen Isotopeneffekt, der die Wärmeleitfähigkeit und die Ionenmobilität beeinflusst. Für die Nutzung von Niedertemperatur-Abwärme (z. B. in Industrieprozessen oder an Computer-Chips) eröffnen sich so neue Wirkungsgradpotenziale.

4. Superschweres Wasser: Die träge Energiequelle der Mikroelektronik

Tritiumoxid (T₂O) ist aufgrund seiner Radioaktivität und Seltenheit ein Stoff von höchster sicherheitstechnischer Relevanz. Genau diese Radioaktivität wird in der Betavoltaik technisch genutzt.

4.1 Funktionsprinzip der betavoltaischen Batterie

Eine betavoltaische Zelle ähnelt im Prinzip einer Solarzelle. Statt Photonen trifft jedoch ein Beta-Elektron (aus dem Tritiumzerfall) auf einen Halbleiter (meist Silizium oder Siliziumkarbid). Dort erzeugt es Elektron-Loch-Paare, die als elektrischer Strom abfließen. Die typische Spannung liegt im Bereich von 1–3 Volt bei extrem geringen Strömen (Nano- bis Mikroampere).

4.2 Vorteile und Grenzen

Der große Vorteil: Eine solche Batterie liefert über die gesamte Halbwertszeit des Tritiums (12,3 Jahre) nahezu konstante Leistung – über 20 Jahre wartungsfrei. Danach sinkt die Leistung entsprechend dem Zerfallsgesetz. Nachteile sind die geringe Leistungsdichte (daher nur für Kleinstverbraucher geeignet) und die aufwendige Abschirmung. Die weiche Betastrahlung von Tritium (max. 18,6 keV) wird bereits von einer dünnen Metallfolie abgeschirmt, doch bei Bruch der Quelle droht Kontamination.

4.3 Einsatzgebiete (aktuell und zukünftig)

  • Herzschrittmacher: In den 1970er Jahren wurden betavoltaische Tritium-Batterien tatsächlich eingesetzt, später jedoch wegen der Verfügbarkeit langlebiger Lithium-Ionen-Akkus und aus Sicherheitsbedenken wieder verdrängt. Ein Revival erleben sie derzeit für Mikroelektronische Systeme in der Industrie 4.0 (drahtlose Sensoren an schwer zugänglichen Stellen).
  • Weltraum und Tiefsee: Für Sonden, die keine Solarzellen nutzen können, sind betavoltaische Batterien eine Option – wenngleich hier oft Plutonium-238 (Radioisotopen-Heizelemente) bevorzugt wird.
  • Mikroelektromechanische Systeme (MEMS): Die Kombination von Energiewandler und Sensor auf einem Chip ist ein aktives Forschungsfeld.

5. Die heimliche Hauptanwendung: Halbleiterfertigung und Elektronik

Die vielleicht wichtigste – und am wenigsten bekannte – Anwendung von schwerem Wasser in der Elektrotechnik findet sich in der Halbleiterindustrie.

5.1 Der Deuterium-Glühprozess

In der CMOS-Herstellung (Complementary Metal-Oxide-Semiconductor) werden Siliziumwafer nach bestimmten Prozessschritten einer sogenannten Glühbehandlung (Annealing) in einer Wasserstoffatmosphäre unterzogen. Ziel ist es, freie Bindungen („Dangling Bonds“) an Grenzflächen zu passivieren, insbesondere an der kritischen Grenzfläche zwischen Silizium und dem Gate-Oxid (SiO₂). Diese freien Bindungen würden als Fallen für Ladungsträger wirken und die Zuverlässigkeit und Lebensdauer der Transistoren drastisch reduzieren.

Verwendet man anstelle von normalem Wasserstoff (H₂) Deuterium (D₂) – gewonnen aus schwerem Wasser –, entstehen stabilere Deuterium-Silizium-Bindungen. Der kinetische Isotopeneffekt macht diese Bindungen widerstandsfähiger gegen das „Ausklopfen“ durch heiße Ladungsträger (Hot Carrier Injection), ein jahrzehntelanges Zuverlässigkeitsproblem in der Mikroelektronik. Das Ergebnis: Deutlich verbesserte Langzeitstabilität der Mikrochips.

5.2 Aktuelle Forschung zu a-IGZO-Transistoren

Eine aktuelle Studie zeigt, dass eine Behandlung mit hochenergetischem, angereichertem Deuterium die elektrischen Eigenschaften und die Lebensdauer von Transistoren aus amorphem Indium-Gallium-Zinkoxid (a-IGZO) signifikant steigert. a-IGZO ist ein vielversprechendes Kanalmaterial für die nächste Generation von Displays (z. B. OLEDs) und für flexible Elektronik, da es eine höhere Ladungsträgerbeweglichkeit als amorphes Silizium bietet. Die Deuteriumbehandlung reduziert die Defektdichte im Material und verbessert die Stabilität gegenüber elektrischer Belastung und Temperatur.

5.3 Recycling in der Halbleiterfertigung

Aufgrund der hohen Kosten von Deuterium werden in der Halbleiterindustrie zunehmend Recyclingsysteme eingesetzt. Diese nutzen elektrochemische Zellen mit Protonenaustauschmembranen, um das teure D₂ aus den Prozessabgasen zurückzugewinnen und wiederzuverwenden. Ein solches System kann D₂ aus einem Ofenabgasstrom abtrennen, reinigen, komprimieren und zurück in den Prozessleiten. Ohne diese Rückgewinnung wären viele Anwendungen von Deuterium in der Halbleiterfertigung wirtschaftlich nicht tragbar.

6. Forschung und spezielle Anwendungen

6.1 Deuterium-Ionenquellen

Schweres Wasser dient in Teilchenbeschleunigern als effiziente Quelle für Ionen. Die erzeugten Deuterium-Ionen werden für Materialanalysen (z. B. Deuterium-Fusionsanalyse) oder zur Herstellung von Neutronen für zerstörungsfreie Prüfverfahren genutzt.

6.2 Untersuchung von Wasserstoffversprödung

Mit T₂O markierter Wasserdampf kann in Metalle eindringen. Durch Autoradiographie lässt sich dann sichtbar machen, wo Wasserstoffatome Risse oder Schwachstellen verursachen – ein wertvolles Werkzeug für die Materialforschung, insbesondere für die Sicherheit von Pipelines und Druckbehältern.

6.3 Optische Fasern

Für Spezialfasern (Fluorid-Glasfasern) wird schweres Wasser zur Reduzierung von Wasserstoff-bedingten Dämpfungsverlusten eingesetzt. Die Deuteriumatome binden sich an freie Bindungen und verhindern so die Bildung von OH-Gruppen, die Licht absorbieren würden.

7. Kontroversen und Zukunftsperspektiven

7.1 Die Kontroverse um die „Kalte Fusion“ (LENR)

Seit den berüchtigten Experimenten von Fleischmann und Pons im Jahr 1989 ist das Feld der „Kalten Fusion“ (heute oft Low-Energy Nuclear Reactions, LENR, genannt) von Kontroversen umgeben. Einige Forscher berichten bis heute von überschüssiger Wärme bei der Elektrolyse von schwerem Wasser (D₂O) an Palladium- oder Nickelkathoden. Die beobachteten Effekte sind oft nicht reproduzierbar und es fehlt eine allgemein akzeptierte theoretische Erklärung. Die wissenschaftliche Mainstream-Physik lehnt LENR weiterhin ab, während eine kleine, aber hartnäckige Forschungsgemeinschaft weiterarbeitet. Sollten sich die Effekte jemals bestätigen und kontrollieren lassen, wäre dies eine technologische Revolution – aber derzeit bleibt es ein Randgebiet mit fraglichem Realitätsgehalt.

7.2 Tritium als militärischer Brennstoff

Die militärische Nutzung von Tritium für thermonukleare Waffen ist ein heikler Aspekt. Die Fähigkeit, Tritium in Kernreaktoren zu produzieren, ist ein strategischer Vorteil für Atommächte. Die regelmäßige Erneuerung der Tritiumvorräte ist notwendig, da Tritium mit einer Halbwertszeit von 12,3 Jahren zerfällt – nach 50 Jahren ist praktisch nichts mehr vorhanden. Dies schafft eine dauerhafte Abhängigkeit von der Produktionsinfrastruktur und hat Implikationen für nukleare Abrüstungsverträge.

7.3 Zukünftige Fusionsreaktoren

Die internationale Fusionsforschung (ITER, später DEMO) plant den Betrieb mit einem Deuterium-Tritium-Gemisch. Tritium muss dabei in einer „Brutblanket“ aus Lithium erzeugt werden – ein sich selbst versorgender Kreislauf ist das Ziel. Die Gewinnung von Tritium aus bestrahltem Lithium und seine Aufbereitung zu T₂O ist eine der großen technischen Herausforderungen für den Fusionsreaktor der Zukunft.

8. Sicherheit und betriebliche Anforderungen

Der Umgang mit schwerem und insbesondere superschwerem Wasser stellt hohe Anforderungen an die Organisation eines elektrotechnischen Labors oder Produktionsbetriebs. Die folgende Tabelle fasst die wesentlichen Aspekte zusammen:

AnforderungBedeutung im Kontext von D₂O/T₂O
Strahlenschutz (bei T₂O)Kontaminationsüberwachung, Abschirmung der Betastrahlung, Zugangskontrollen, regelmäßige Personenkontrollen
DGUV A3 PrüfungenWiederkehrende Prüfung aller ortsveränderlichen elektrischen Betriebsmittel (Messgeräte, Elektrolysezellen, Heizungen)
Verantwortliche Elektrofachkraft (VEFK)Fachliche Freigabe der elektrischen Anlagen, Überwachung des Betriebs, Festlegung der Arbeitsberechtigungen
Elektrofachkraft (EFK)Ausführung der elektrischen Arbeiten, Prüfungen, Instandhaltung
EFK für festgelegte Tätigkeiten (EFKfft)Speziell beauftragte EFK für sicherheitsrelevante Tätigkeiten im Umgang mit den besonderen Stoffen
DokumentationspflichtLückenlose Erfassung von Mengen, Verbrauch, Prüfergebnissen und Personen
RückgewinnungssystemeWirtschaftlich notwendig aufgrund der hohen Materialkosten; technisch anspruchsvoll

Fazit und Ausblick

Schweres und superschweres Wasser sind keine exotischen Labormaterialien mehr, sondern finden zunehmend Einzug in die angewandte Elektrotechnik – von der ultra-langlebigen Mikrobatterie bis zur Stabilisierung modernster Mikrochips. Die Herstellungsverfahren sind komplex und teuer: Der Girdler-Sulfid-Prozess dominiert seit Jahrzehnten die D₂O-Produktion, während Tritium durch aufwendige Neutronenbestrahlung von Lithium in Kernreaktoren gewonnen werden muss. Die hohen Kosten machen Recycling und Rückgewinnung zu einer wirtschaftlichen Notwendigkeit – hier bieten elektrochemische Membranverfahren vielversprechende Lösungen.

Die Zukunft wird zeigen, ob betavoltaische Batterien eine Renaissance erleben, ob die Halbleiterindustrie weiterhin auf Deuterium setzt – und ob die Kontroversen um LENR jemals aufgelöst werden. Eines ist sicher: Der scheinbar banale Austausch eines einzigen Neutrons im Wasserstoffkern öffnet ein faszinierendes Feld zwischen Kernphysik, Chemie und Elektrotechnik. Wer diese Technologien nutzen möchte, muss jedoch nicht nur physikalisch-chemisches Verständnis mitbringen, sondern auch eine solide elektrotechnische Organisation aufbauen – von der VEFK bis zur DGUV A3-Prüfung.

Quellen

  1. Rae, H. K. (1978). Selecting Heavy Water Processes. Chalk River Nuclear Laboratories, Atomic Energy of Canada Ltd. 
  2. Tritium. (2024). Universität Leipzig / Wortschatz-Portal. 
  3. In situ apparatus and method for providing deuterium oxide or tritium oxide in an industrial apparatus or method. (2018). Patent WO2018164985A1. 
  4. Al-Ani, T. A. (2024). A New Suggested System Design for Tritium Production. University of Ibb Journal of Humanitarian Sciences. 
  5. Nuclear Suppliers Group. (2024). Erläuterung und Vergleichstabelle der Änderungen der Richtlinien für Kerntransfers. 
  6. Euractiv DE. (2024). Frankreich plant Wiederaufnahme der Tritiumproduktion für Atomwaffen. 
  7. Apparatus and method of producing heavy water involving catalytic-electrolytic exchange processes. (1976). Patent US3974048. 
  8. Aspects of tritium release from neutron-irradiated lithium oxide. (1984). OSTI.gov / University of Wisconsin. 
  9. In situ apparatus and method for providing deuterium oxide or tritium oxide in an industrial apparatus or method. (2020). Patent US20200346927A1 / Patsnap. 

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