Krisenprofite und Fairness an der Tankstelle: Die Trigema-Formel im Spannungsfeld globaler Ölmärkte

Autor: DerSchneider


Einleitung: Ein Tankstellen-Chef, der nicht mitnimmt, was alle nehmen

Es ist eine jener Geschichten, die im ersten Moment wie ein Bericht aus einer Parallelwelt klingen. Während in den Nachrichten die Bilder brennender Ölanlagen im Nahen Osten die Runde machen und die Spritpreise an deutschen Autobahntankstellen neue Rekorde jagen, steht in Burladingen auf der Schwäbischen Alb eine Zapfsäule, die scheinbar stillsteht. Nicht stillsteht im Sinne von außer Betrieb – sondern im Sinne von nicht mitdreht an der Preisspirale. Während die Konkurrenz den Dieselpreis binnen Tagen um über 20 Cent anhebt, bleiben die Preise an den drei Trigema-Tankstellen stabil. Kein Sicherheitsaufschlag, keine nervöse Reaktion auf die Nachrichtenlage – nur die schlichte Regel: Der Preis steigt erst, wenn die nächste Lieferung teurer eingekauft wurde.

Was wie eine naive Idylle aus der Zeit der väterlichen Tankstelle klingt, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als ein hochinteressantes Experiment in einer Branche, die sonst von oligopolistischen Strukturen, intransparenten Preisbildungsmechanismen und einer bemerkenswerten Gleichförmigkeit des Verhaltens geprägt ist. Wolfgang Grupp junior, der den Textilhersteller Trigema in vierter Generation führt, hat diese Preislogik zum Prinzip erhoben – nicht als Sonderaktion, sondern als „Selbstverständlichkeit“ .

Dieser Artikel beleuchtet das Phänomen Trigema aus einer technischen, ökonomischen und historischen Perspektive. Er fragt nach den Mechanismen der Spritpreisbildung, ordnet das Phänomen der „Krisenprofite“ in einen größeren energiehistorischen Kontext ein und untersucht, ob das Modell des schwäbischen Textilunternehmens mehr ist als eine charmante PR-Aktion oder gar ein ernstzunehmendes Gegenmodell zu den Gepflogenheiten der Branche. Dabei geht es nicht um eine romantische Verklärung des Familienunternehmens, sondern um eine differenzierte Analyse der Strukturen, die es ermöglichen, dass an einem Ort in Deutschland getankt werden kann, ohne die geopolitischen Verwerfungen dieser Welt direkt im Geldbeutel zu spüren.


Hauptteil

1. Die Anatomie des Spritpreises: Wer kassiert eigentlich, wenn der Tank voll wird?

Bevor man die Frage nach „Krisenprofit“ seriös beantworten kann, muss man den Rohölpreis von dem trennen, was am Ende an der Zapfsäule steht. Eine technische und steuerliche Zerlegung des Kraftstoffpreises ist unumgänglich, um die Behauptung zu überprüfen, ob Ölkonzerne „stündlich 30 Millionen US-Dollar unverdienten Krisenprofit“ einstreichen.

Der Liter Superbenzin, der im April 2026 im bundesdeutschen Schnitt rund 2,11 Euro kostet, setzt sich aus mehreren Blöcken zusammen . Den mit Abstand größten Anteil hat der Staat:

BestandteilBenzin (pro Liter)Diesel (pro Liter)
Energiesteuer (früher Mineralölsteuer)65,45 Cent47,04 Cent
CO₂-Abgabe (2026)ca. 17,3 Centca. 17,3 Cent
Mehrwertsteuer (19% auf Gesamtpreis)ca. 34 Centca. 36 Cent
Staatlicher Anteil (geschätzt)ca. 1,17 Euro (55%)ca. 1,00 Euro (48%)

Quelle: ADAC, eigene Berechnungen auf Basis der Marktlage April 2026 

Bleiben nach Abzug dieser weitgehend fixen Posten zwischen 90 Cent und 1,10 Euro, die sich auf die Rohölbeschaffung, die Logistik, die Raffineriekapazitäten, die Vorhaltekosten der Tankstelle und – ja – die Gewinne der beteiligten Unternehmen verteilen. Und genau hier, in dieser verbleibenden Marge, findet der Kampf um die „Krisenprofite“ statt.

Die eingangs erwähnte Rechnung von „30 Millionen pro Stunde“ für die 100 größten Öl- und Gaskonzerne ist keine Erfindung. Solche Zahlen basieren auf Analystenschätzungen und Deckungsbeitragsrechnungen. Sie werden möglich, wenn der Rohölpreis – wie im Zuge der Blockade der Straße von Hormus geschehen – von ca. 70 auf fast 120 US-Dollar pro Barrel steigt . Da Raffinerien und Konzerne ihre Lagerbestände oft noch zu den alten, niedrigeren Preisen eingekauft haben, können sie den neuen, hohen Marktpreis verlangen. Die Differenz ist der „Krisenprofit“ – ein reiner Verteilungseffekt, der von den Verbrauchern zu den Unternehmen fließt, ohne dass eine reale Leistungssteigerung (mehr Raffinerieleistung, bessere Logistik) gegenübersteht.

2. Trigema und die Kunst des Nicht-Mitmachens: Eine technische Betriebsanalyse

Vor diesem Hintergrund wird das Geschäftsmodell der Trigema-Tankstellen zur technischen und betriebswirtschaftlichen Abweichung vom Standard. Der Textilhersteller betreibt an seinen drei Produktionsstandorten in Burladingen, Rangendingen und Altshausen öffentliche Tankstellen, die ohne Personal und mit Bezahlautomaten auskommen . Dieses Modell senkt bereits die Betriebskosten im Vergleich zu einer Volltankstelle mit Shop.

Das entscheidende Element ist jedoch die Preisstrategie. Während die klassische Tankstellenlogik – insbesondere die der großen, oft konzerngebundenen Stationen – Tägliche oder sogar stündliche Preisanpassungen vorsieht, die auf die Marktstimmung, die Preise der Wettbewerber und die Erwartungen an zukünftige Rohölpreise reagieren, fährt Trigema eine Input-orientierte Strategie:

  • Preisbasis: Reiner Einkaufspreis der letzten Lieferung.
  • Keine Erwartungsaufschläge: Es wird nicht spekuliert, dass die nächste Lieferung teurer wird. Erst wenn sie es ist, wird der Preis erhöht.
  • Keine „Sicherheitsaufschläge“: Die Angst vor einer weiteren Eskalation im Nahen Osten wird nicht an den Kunden weitergereicht.
  • Konstante Marge: Der absolute Cent-Betrag, den Trigema pro Liter verdient, bleibt gleich – auch während der Krise .

Die Konsequenz ist frappierend: Am 11. April 2026, als der bundesweite Dieselpreis im Schnitt bei über 2,30 Euro lag, kostete Diesel bei Trigema in Burladingen 2,179 Euro – also rund 13 Cent weniger als der nächste Konkurrent und bis zu 25 Cent weniger als der teuerste Anbieter im Umkreis . Ähnlich die Werte für Super E10 mit 2,029 Euro bei Trigema gegenüber bis zu 2,229 Euro bei der Konkurrenz.

3. Warum kann Trigema das? – Historische und strukturelle Gründe

Die Frage, die sich jedem Ingenieur und Betriebswirt sofort stellt, ist die nach der Nachhaltigkeit und den strukturellen Voraussetzungen dieses Modells. Warum macht nicht jeder Tankstellenbetreiber das?

Die Antwort liegt weniger in moralischen Defiziten der Konkurrenz als in der grundlegend anderen Marktpositionierung Trigemas.

  1. Keine Konzernbindung: Die allermeisten Tankstellen in Deutschland sind Pachtstationen von Konzernen wie Shell, BP, Aral oder TotalEnergies. Diese Konzerne geben Preissignale vor. Wenn der Rohölpreis steigt, erhöhen sie die Preise für ihre Pächter, um ihre eigenen Raffineriegewinne zu maximieren. Trigema ist unabhängig. Es ist ein Textilunternehmen, das ein Nebengeschäft betreibt.
  2. Langjährige Lieferbeziehungen: Trigema profitiert von „langjährigen, guten Geschäftsbeziehungen“ zu seinen Lieferanten . Diese sind nicht unbedingt preiswerter, aber vor allem flexibler. Grupp junior berichtet davon, Bestellungen kurzfristig per WhatsApp ändern zu können. Diese Flexibilität erlaubt es, von kurzfristigen Preisschwankungen am Großhandelsmarkt zu profitieren, während große Ketten starre Kontrakte mit ihren Konzernmüttern haben.
  3. Synergieeffekte und niedrige Fixkosten: Die Tankstellen liegen auf dem Werksgelände. Eine eigene Grundstücksmiete entfällt. Die Automaten reduzieren den Personalkostendruck massiv. Die Tankstelle muss nicht den gesamten Gewinn des Unternehmens erwirtschaften; sie ist ein „Add-on“, das zudem erheblich zur Markenbekanntheit beiträgt.

Historisch betrachtet ist dieses Modell ein Überbleibsel einer Zeit, in der Konzerne ihren Mitarbeitern Werks-tankstellen anboten. Trigema hat es beibehalten und geöffnet.

4. Die dunkle Seite des Geschäfts: Krisenproffiteure in der Geschichte

Das Phänomen der Krisenprofite ist keineswegs neu. Ein Blick in die Technik- und Wirtschaftsgeschichte zeigt ein wiederkehrendes Muster. Der Wiener Börsen-Kurier analysiert in einem Rückblick, dass jeder größere Nahostkonflikt seit 1973 – vom Jom-Kippur-Krieg über die iranische Revolution bis zum ersten Golfkrieg – zu massiven Ölpreissprüngen und in der Folge zu Rezessionen geführt hat .

  • 1973/74: Der Ölpreis explodierte von 3 auf über 12 Dollar. Die US-Inflation stieg auf 12,3%. Die Gewinne der „Seven Sisters“ (die großen Ölkonzerne) schossen in nie gekannte Höhen.
  • 1979/80: Die iranische Revolution ließ den Ölpreis auf fast 40 Dollar steigen. Wieder profitierten die Konzerne, wieder folgte eine Rezession.
  • 2022 (Ukraine-Krieg): Die Strompreisbremse in Deutschland musste eingeführt werden, weil die Gewinne der Ökostromanbieter durch das Merit-Order-Prinzip explodierten. Sie erzielten „Überschusserlöse“, weil der teure Gasstrom den Preis für alle Stromarten diktierte. Diese Gewinne wurden teilweise abgeschöpft – ein Vorgang, der vor dem Bundesverfassungsgericht landete .

Die Geschichte lehrt: Ohne regulatorische Eingriffe (wie Übergewinnsteuern oder Preisbremsen) fließen die Lasten von Krisen von den Verbrauchern zu den Produzenten. Trigema beweist, dass dies kein Naturgesetz ist, sondern eine unternehmerische Entscheidung.

5. Kontroversen und Grenzen des Modells: Ist Trigema wirklich der „Gute“?

Die Berichterstattung über Trigema ist euphorisch. Zu Recht? Ein genauerer Blick offenbart auch Schattenseiten und Einschränkungen.

  • Begrenzte Reichweite: Die drei Tankstellen versorgen maximal einen Umkreis von 20 Kilometern um Burladingen. Für 99,9% der deutschen Autofahrer ist dieses Modell irrelevant. Es handelt sich um eine mikroskopische Nische, keine systemische Lösung.
  • Kapazitätsprobleme: „Klar, geht bei uns auch irgendwann der Sprit aus, wenn so viele tanken“, gibt Grupp junior zu . Das schöne Problem der Übernachfrage zeigt, dass das Modell nicht skalierbar ist. Wenn alle zu Trigema fahren würden, wäre der Tank in wenigen Stunden leer.
  • Marketingaspekt: Die Tankstelle ist ein hervorragendes Instrument der Öffentlichkeitsarbeit für das Textilgeschäft. Ein „ehrliches T-Shirt“ und ein „fairer Sprit“ – das Image ist konsistent. Die Kosten für die geringere Marge an der Tankstelle sind eine vergleichsweise geringe Marketingausgabe für ein Unternehmen, das sonst keine klassische Werbung schaltet . Das schmälert die Leistung nicht, relativiert aber den Heldenmythos.

Fazit und Ausblick: Ein Zeichen, aber kein Modell

Die Trigema-Tankstellen sind ein leuchtendes Beispiel für unternehmerische Ethik in einer Krise. Sie beweisen, dass die Branchenlogik der automatischen Preisanpassung bei geopolitischen Spannungen keine technische oder betriebswirtschaftliche Notwendigkeit ist, sondern eine Entscheidung. Wolfgang Grupp junior hat recht: Es ist eine „Selbstverständlichkeit“, eine Krise nicht auszunutzen – auch wenn diese Selbstverständlichkeit in der Branche leider alles andere als verbreitet ist.

Allerdings darf man das Phänomen nicht überinterpretieren. Es handelt sich um ein Nischenmodell, das auf singulären historischen und strukturellen Bedingungen beruht: einem unabhängigen Familienunternehmen mit günstigen Standortfaktoren und einem primären Geschäftsfeld außerhalb des Mineralölsektors. Eine Übertragung auf die breite Masse der Tankstellen ist weder realistisch noch technisch umsetzbar.

Der tiefere Ausblick, den dieser Fall erlaubt, liegt auf der Systemebene. Die aktuelle Krise zeigt wie schon die Ukraine-Krise zuvor, dass die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen nicht nur ein klimapolitisches, sondern auch ein massives wirtschaftliches und soziales Risiko darstellt . Länder wie Spanien oder Norwegen, die frühzeitig auf Erneuerbare Energien gesetzt haben, sind weniger anfällig für solche Preisschocks.

Solange unsere Mobilität an der globalen Ölpreis-Schaukel hängt, werden wir immer wieder mit dem Phänomen der Krisenprofite konfrontiert sein. Die Lösung kann nicht heißen, auf hunderttausend Trigemas zu hoffen. Die Lösung muss in einer technologischen und infrastrukturellen Transformation liegen: in der Elektromobilität, die sich (idealerweise) aus regional erzeugtem, wetterabhängigem, aber preisstabilerem Strom speist, und in der Unabhängigkeit von Förderquoten, Pipelines und den Launen autoritärer Regime und aufgeregter Terminmärkte.

Bis es so weit ist, bleibt die Trigema-Tankstelle ein wunderbares, kleines, leuchtendes Zeichen der Hoffnung – und ein stiller Vorwurf an den Rest der Branche.

Quellen

  1. moin.deWie geht das? Spritpreise gehen durch die Decke – Trigema-Tankstelle hält jedoch dagegen! (12.04.2026) 
  2. GEA/Reutlinger General-Anzeiger: Warum Trigema-Tankstellen auf der Alb günstiger sind als andere (12.04.2026) 
  3. Frankfurter Rundschau: Spritpreise explodieren – doch Trigema-Tankstellen trotzen dem Trend: So macht Grupp das möglich (11.04.2026) 
  4. ORF: Grüner Strom statt schwarzes Gold (05.04.2026) 
  5. Merkur: Trigema-Chef Grupp bietet niedrige Spritpreise: „Selbstverständlichkeit, dass man Krise nicht ausnutzt“ (22.04.2026) 
  6. wienerborse.atVom Ölpreisschock zum Wirtschaftsabschwung (24.06.2025) 
  7. Joyn/newstime: *Bis zu 20 Cent billiger: So erklärt Trigema-Chef Grupp die Sprit-Preise an seinen Tankstellen* (13.04.2026) 
  8. APA/dpa-AFX via Bank Austria: Verfassungsbeschwerden gegen Strompreisbremse (28.11.2024) 

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