Die Welt des Weins: Sorten, Methoden, Gesetze und Kultur

Autor: DerSchneider


Einleitung

Wein ist das älteste Kulturgetränk der Menschheit – und zugleich eines der komplexesten. Während Bier ein eher junges Phänomen der Ackerbaukulturen ist (etwa 6.000 Jahre alt), blickt Wein auf eine fast 8.000-jährige Geschichte zurück. Bereits die alten Griechen verehrten Dionysos, die Römer perfektionierten den Weinbau und brachten ihn nach Germanien. Heute ist Wein ein globales Milliardengeschäft, ein Genussmittel für Kenner und ein täglicher Begleiter für Millionen.

In diesem Artikel tauchen wir ein in die faszinierende Welt des Weins: von der Traube im Weinberg über die kunstvolle Herstellung im Keller bis hin zu den strengen gesetzlichen Regeln, die Qualität und Herkunft schützen. Als Verfahrenstechniker und Lebensmittelhistoriker möchte ich Ihnen die wissenschaftlichen Grundlagen ebenso nahebringen wie die kulturellen Besonderheiten der deutschen Weinlandschaft. Denn eines ist sicher: Wein ist nicht einfach nur „vergorener Traubensaft“ – er ist ein Spiegel seiner Herkunft, seines Jahrgangs und seines Machers.


1. Die Verfahrenstechnik der Weinherstellung: Vom Stock zur Flasche

Die Herstellung von Wein ist ein empfindliches Zusammenspiel von Natur, Chemie und Handwerk. Im Kern geht es um einen einzigen biologischen Prozess: die alkoholische Gärung, bei der Hefen den Zucker der Trauben in Alkohol und Kohlensäure verwandeln. Doch die Kunst liegt im Detail.

1.1 Die Traube – mehr als nur Frucht

Bevor wir überhaupt über Herstellung sprechen können, müssen wir die Rohstoffe verstehen. Die Weinbeere ist eine biologisch hochkomplexe Frucht:

BestandteilFunktion für den Wein
FruchtfleischEnthält Zucker, Säuren, Wasser und Aromavorstufen – die Grundlage für Alkohol und Geschmack
BeerenhautBei Rotweinen das Wichtigste: Hier sitzen die Farbstoffe (Anthocyane) und Gerbstoffe (Tannine)
KerneLiefern bittere Gerbstoffe – bei schonender Verarbeitung unerwünscht
StielgerüstEnthält herbe, grüne Gerbstoffe – wird bei Qualitätsweinen meist entfernt

Die Rebsorte bestimmt Farbe, Aroma und Charakter des späteren Weins. In Deutschland dominieren weiße Sorten (65 Prozent der Rebfläche), allen voran der Riesling, der auf mehr als 22.000 Hektar wächst und als „Repräsentant der deutschen Weinkultur“ gilt .

1.2 Die Weinbereitung im Überblick

Die Herstellung unterscheidet sich grundlegend zwischen Weiß-, Rot- und Roséwein. Der entscheidende Unterschied: der Zeitpunkt der Pressung .

Schritt 1: Die Lese

Alles beginnt mit der Ernte der Trauben im Spätsommer oder Herbst. Hier entscheidet sich, ob der Wein später frisch und säuerlich (frühe Lese) oder gehaltvoll und süß (späte Lese) wird. Für Prädikatsweine wie Spätlese, Auslese oder Trockenbeerenauslese werden die Trauben bewusst erst spät oder sogar edelfaul gelesen.

Schritt 2: Die Aufbereitung – Zerkleinern und Entrappeln

Die gelesenen Trauben werden in einer Traubenmühle zerkleinert . Dabei werden die Beeren aufgebrochen, ohne die bitteren Kerne zu zermahlen. Bei Rotweinen bleiben die Stiele meist dran oder werden teilweise entfernt – das beeinflusst die spätere Gerbstoffstruktur.

Schritt 3: Die Maische – der große Unterschied zwischen Weiß und Rot

Hier trennen sich die Wege:

Weißweinbereitung: Die Maische wird sofort gepresst (Keltern) . Der Saft (Most) wird von den festen Bestandteilen (Haut, Kerne, eventuell Stiele) getrennt. Die Gärung findet ohne Schalenkontakt statt – daher bleibt der Wein hell. Oft wird heute die Ganztraubenpressung angewendet, bei der ganze, unzerkleinerte Trauben schonend gepresst werden .

Rotweinbereitung: Die Maische wird zuerst vergoren, dann erst gepresst . Durch den entstehenden Alkohol lösen sich die roten Farbstoffe aus der Beerenhaut – der Wein wird rot. Gleichzeitig gehen Gerbstoffe (Tannine) in Lösung, die später für Struktur und Alterungspotenzial sorgen. Erst nach der Gärung (oder auch währenddessen) wird gepresst.

Roséwein: Hier gibt es zwei Wege:

  • Kurze Maischegärung: Die Maische roter Trauben gärt nur wenige Stunden bis Tage – die Schalen geben etwas Farbe ab, aber nicht so viel wie bei Rotwein . Danach wird gepresst.
  • Direktpressung (Weißherbst): Rote Trauben werden sofort gepresst – der Saft ist fast farblos (wie bei Weißwein), der spätere Wein hat nur eine leichte Roséfärbung.

Schritt 4: Mostbehandlung – Vorbereitung auf die Gärung

Vor der Gärung wird der Most oft behandelt :

  • Vorklärung: Trubstoffe werden durch Absetzenlassen, Zentrifugieren (Separator) oder Filtration entfernt.
  • Entsäuerung: Bei zu sauren Jahrgängen darf kohlensaurer Kalk zugesetzt werden.
  • Anreicherung (Chaptalisation): Bei Tafelweinen und Qualitätsweinen bestimmter Anbaugebiete darf Zucker (Saccharose) oder konzentrierter Traubenmost zugesetzt werden, um den späteren Alkoholgehalt zu erhöhen . Bei Prädikatsweinen ist dies verboten.

Schritt 5: Die Gärung – Zucker wird zu Alkohol

Der Most wird mit Hefe versetzt. Traditionell genügten die natürlichen Hefen auf den Trauben – heute setzt man zunehmend auf Reinzuchthefen, um die Gärung zuverlässig zu steuern und unerwünschte Aromen zu vermeiden .

Ein empfindlicher Regelprozess beginnt:

  • Temperatur: Weißweine gären bei kühleren Temperaturen (14–20 °C), um die fruchtigen Aromen zu erhalten. Rotweine gären wärmer (20–30 °C), um mehr Farbe und Tannine zu extrahieren .
  • Dauer: Bei einfachen Weinen ist die Gärung nach 8–10 Tagen beendet. Bei hochkonzentrierten Mosten (etwa für Trockenbeerenauslesen) kann sie Monate dauern .
  • Steuerung: Durch Kühlung oder Erwärmung wird der Gärverlauf kontrolliert. Mit Edelstahl-Drucktanks kann die Gärung gezielt gestoppt werden, um einen bestimmten Restzuckergehalt zu erhalten .

Ein besonderes Produkt dieser Phase ist der Federweiße (auch Sauser, Bitzler oder Sturm genannt): der noch hefetrübe, aktive gärende Jungwein, der nur wenig Alkohol enthält und als saisonale Spezialität im Herbst genossen wird .

Schritt 6: Ausbau und Reife – Der Wein wird erwachsen

Nach der Gärung folgt der erste Abstich – der Jungwein wird vom Hefetrub (Bodensatz) getrennt .

Schwefelung: Der Wein wird häufig mit Schwefel behandelt. Schwefeldioxid (SO₂) bindet störende Aldehyde und schützt vor Oxidation – ist aber auch bei empfindlichen Menschen nicht unumstritten .

Schönung: Feine Trubteilchen werden durch Zugabe von Schönungsmitteln (z.B. Gelatine, Bentonit) gebunden und beim zweiten Abstich entfernt .

Die Lagerung – Einfluss auf Qualität und Geschmack:

AusbauartBeschreibungTypische Weine
EdelstahltankKühle, sauerstoffarme Lagerung; erhält frische, fruchtige AromenJunge Weißweine, einfache Rotweine
Großes HolzfassLeichter Sauerstoffkontakt; rundet Gerbstoffe, verleiht leichte HolznotenQualitätsweine, manche Weißweine
BarriqueKleines Eichenholzfass (225 Liter), innen angeröstet; verleiht intensive Aromen von Vanille, Kokos, Toast, Rauch Hochwertige Rotweine, manche kräftige Weißweine

Der Barrique-Ausbau ist besonders für Rotweine bedeutend. Durch den Kontakt mit dem angerösteten Eichenholz nimmt der Wein Holz- und Röstgeschmackstoffe auf, wird komplexer und runder . Je nach Grad der Röstung und Dauer der Lagerung (mehrere Monate bis zwei Jahre) entstehen unterschiedliche Aromen.

Schritt 7: Die Abfüllung – Der letzte Schritt

Die Flaschenfüllung erfolgt heute maschinell unter sterilen Bedingungen :

  • Die Flaschen werden sterilisiert.
  • Der Wein wird gefüllt.
  • Der Verschluss (Korken, Schraubverschluss oder Kunststoffkorken) wird angebracht.
  • Die gefüllten Flaschen lagern einige Wochen zur Ruhe, bevor sie in den Handel gehen .

2. Die deutschen Weinanbaugebiete: Eine Landkarte der Vielfalt

Deutschland gehört zu den nördlichsten Weinbauregionen der Welt. Das kühle Klima begünstigt frische, fruchtige Weißweine mit lebendiger Säure – doch auch der Rotweinbau gewinnt zunehmend an Bedeutung. Insgesamt gibt es 13 offizielle Anbaugebiete .

2.1 Die großen Flächen – Rheinland-Pfalz als Weinland Nummer eins

Rheinland-Pfalz beherbergt sechs der 13 Anbaugebiete und ist das unangefochtene Zentrum des deutschen Weinbaus .

Rheinhessen (ca. 27.500 Hektar) – Deutschlands größtes Anbaugebiet :

  • Fast ein Viertel der gesamten deutschen Rebfläche liegt hier.
  • Führend bei Grauburgunder und Chardonnay.
  • 43 Prozent des deutschen Silvaners wachsen hier.

Pfalz (ca. 23.800 Hektar) – Deutschlands zweitgrößtes Gebiet:

  • Größtes Riesling-Anbaugebiet der Welt (5.954 Hektar) .
  • Größtes Rotweinanbaugebiet Deutschlands (7.535 Hektar).
  • Führend bei Merlot, Cabernet Sauvignon und Syrah.
  • Die Mittelhaardt (Nordhälfte der Pfalz) produziert Spitzenrieslinge von kalkhaltigen Lösshängen .

Mosel (8.536 Hektar) – Das größte Steillagenweinbaugebiet der Welt:

  • 90 Prozent weiße Rebsorten, dominierend Riesling .
  • Die Schieferböden der Mittelmosel bringen „die filigransten, feinsten Weine“ hervor .
  • Spezialität: Elbling (425 Hektar) – eine uralte Rebsorte.

2.2 Die Spezialisten – Jedes Gebiet hat seinen Star

AnbaugebietCharakteristikLeitsorte(n)Besonderheit
BadenDeutschlands drittwichtigstes Gebiet (15.679 Hektar) – „Burgunderland“Spätburgunder, Weißburgunder62 Prozent Burgundersorten; führend bei Weißburgunder; Souvignier Gris (Piwi) hier am häufigsten 
WürttembergDeutschlands zweitgrößtes Rotweingebiet (7.327 Hektar Rotwein)Trollinger, Lemberger, SpätburgunderSteht wie keine andere Region für Trollinger und Lemberger; Riesling für Weißwein dominant 
FrankenBekannt für den Bocksbeutel (bauchige Flasche)Silvaner (25% der Rebfläche), Müller-Thurgau83 Prozent Weißwein; Silvaner in Franken besonders ausgeprägt 
RheingauDas „klarste Rebsortenprofil“ DeutschlandsRiesling (über 75% der Rebfläche)Prozentual höchster Rieslinganteil; Ikonische Lagen um Schloss Johannisberg (Weinbau seit 817) 
AhrHöchster Rotweinanteil Deutschlands (79%)Spätburgunder (ca. 66% der Rotweinfläche)Vor der Flutkatastrophe 2021 noch größer; typisch: leichte, elegante Spätburgunder 
Saale-UnstrutNördlichstes Qualitätsweinanbaugebiet DeutschlandsWeißburgunder, Müller-ThurgauRebfläche seit 1990 mehr als verdoppelt (auf 853 Hektar) 
SachsenÖstlichstes AnbaugebietRiesling, SpätburgunderRebfläche von 300 (1990) auf 522 Hektar (2023) ausgebaut; Klimawandel spürbar 
NaheMittelgroß, vielfältigRiesling, BurgundersortenRelativ viele verschiedene Rebsorten 
MittelrheinDeutschlands kleinstes AnbaugebietRieslingMalerische Steillagen, aber wirtschaftlich schwierig 
Hessische BergstraßeKlein, feinRiesling, GrauburgunderNur 461 Hektar 

2.3 Sonderfall: Der Klimawandel erweitert die Grenzen

Durch den Klimawandel wird Weinbau heute auch in Regionen möglich, die früher zu kalt waren – etwa in Niedersachsen und Schleswig-Holstein . Allerdings ist die Rebfläche in Deutschland gesetzlich begrenzt: Sie darf pro Jahr nur um 0,3 Prozent (ca. 300 Hektar) ausgeweitet werden . Entsprechend winzig sind die neuen Weinberge im Norden: 47 Hektar in Niedersachsen.


3. Die Rebsorten: Das Herzstück des Weins

3.1 Weiße Rebsorten – Deutschlands Stärke

Riesling – Der unangefochtene König:

  • Wachst auf mehr als 22.000 Hektar in Deutschland .
  • International boomt deutscher Riesling heute – von der filigranen Mosel-Riesling bis zum kraftvollen Pfälzer oder Rheingauer .
  • Aromenspektrum von grünem Apfel und Zitrus über Pfirsich bis zu petroligen Noten bei älteren Weinen.

Müller-Thurgau (auch Rivaner):

  • Eine Kreuzung aus Riesling und Madeleine Royale, gezüchtet 1882.
  • Früher die meistangebaute Sorte Deutschlands, heute rückläufig.
  • Weich, säurearm, mit leichten Muskatnoten – ideal für junge, schlichte Weine.

Silvaner:

  • In Franken besonders ausgeprägt (dort ein Viertel der Rebfläche) .
  • Erdige, dezente Aromen, oft mit einer leichten Bittermandelnote.
  • Kann großartige, langlebige Weine hervorbringen.

Burgunderfamilie (Grauburgunder, Weißburgunder, Chardonnay):

  • In Baden besonders stark vertreten (62 Prozent Burgunderanteil) .
  • Grauburgunder: Kräftig, oft mit Aromen von Birne, Nuss und Mandel.
  • Weißburgunder: Elegant, zurückhaltend, gut für den Barrique-Ausbau geeignet.
  • Chardonnay: In Deutschland auf dem Vormarsch, besonders in Rheinhessen (1.087 Hektar) .

Neue Züchtungen (Piwi) :

  • Pilzwiderstandsfähige Sorten wie Souvignier Gris gewinnen an Bedeutung.
  • In Baden 2023 auf 123 Hektar angebaut .
  • Ermöglichen reduzierten Pflanzenschutz – ein Trend der Zukunft.

3.2 Rote Rebsorten – Im Kommen

Spätburgunder (Pinot Noir):

  • Die bedeutendste rote Rebsorte Deutschlands.
  • In Baden führend, aber auch an der Ahr (66 Prozent der Rotweinfläche) .
  • Leichte bis mittelschwere Weine mit Aromen von Kirsche, Himbeere und oft einer erdigen Note.

Trollinger & Lemberger – Württembergs Spezialität:

  • Trollinger (1.855 Hektar) – leichter, fruchtiger Rotwein, oft mit einem Hauch Bittermandel .
  • Lemberger (1.757 Hektar) – kräftiger, würziger, mit mehr Tannin und Alterungspotenzial .

Dornfelder:

  • Eine deutsche Neuzüchtung (1955), die kräftige, farbintensive Rotweine liefert.
  • Beliebt als preiswerter, weicher Rotwein.

Internationale Sorten (Cabernet Sauvignon, Merlot, Syrah):

  • In der Pfalz besonders stark vertreten .
  • Liefern kräftige, tanninbetonte Weine für den Barrique-Ausbau.

4. Gesetze und Qualitätsstufen: Das deutsche Weinsystem

Das deutsche Weinrecht ist eines der strengsten der Welt. Es unterscheidet verschiedene Qualitätsstufen, die auf der reife der Trauben (Messbar im Zuckergehalt in Grad Öchsle) basieren .

4.1 Die vier Hauptkategorien (von unten nach oben)

QualitätsstufeEigenschaftenKennzeichnung
Deutscher WeinEinfachster Wein, keine Herkunftsangabe (früher Tafelwein)Nur „Deutscher Wein“
LandweinLeichte, trockene Weine mit Herkunft aus einem der 20 LandweingebieteLandwein + Gebiet (z.B. „Landwein Rhein“)
Qualitätswein bestimmter Anbaugebiete (QbA)Wein aus einem der 13 Anbaugebiete; muss bestimmte Mindestanforderungen erfüllenAnbaugebiet + Qualitätswein + Prüfnummer (A.P.-Nr.)
PrädikatsweinHöchste Stufe; natürliche Süße durch späte Lese; keine Anreicherung erlaubtPrädikat + Anbaugebiet

4.2 Die Prädikate im Detail

Die sechs Prädikate steigern sich nach dem Zuckergehalt der Trauben bei der Lese (gemessen in Grad Öchsle):

  1. Kabinett – Leichter, eleganter Wein aus vollreifen Trauben; trocken oder lieblich.
  2. Spätlese – Reifer, gehaltvoller Wein; oft mit deutlicher Restsüße.
  3. Auslese – Ausgelesene, edelreife Trauben; kann auch edelfaule Beeren enthalten.
  4. Beerenauslese (BA) – Nur edelfaule, von Botrytis cinerea (Edelfäule) befallene Beeren; sehr süß, selten.
  5. Eiswein – Trauben, die bei mindestens -7°C gefroren gelesen werden; extrem süß, hohe Säure.
  6. Trockenbeerenauslese (TBA) – Rosinenartig eingetrocknete, edelfaule Beeren; extrem süß, sehr selten und teuer.

Die Saar etwa ist bekannt für „grandiose Beeren- und Trockenbeerenauslesen“ sowie „gigantische Eisweine“ .

4.3 Geschützte Ursprungsbezeichnungen – Das EU-System

Seit einigen Jahren gilt auch für Wein das EU-weite Schutzsystem für geografische Angaben . Es unterscheidet:

  • g.U. (geschützte Ursprungsbezeichnung): Höchste Schutzstufe. Wein, Trauben und Verarbeitung müssen im selben, klar abgegrenzten Gebiet erfolgen. Entspricht weitgehend den deutschen Prädikats- und QbA-Weinen .
  • g.g.A. (geschützte geografische Angabe): Weniger strikt. Nur die Trauben müssen zu mindestens 85 Prozent aus dem Gebiet stammen . Entspricht etwa den deutschen Landweinen.

Die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) ist in Deutschland für die Antragsverfahren zuständig . Geschützte Namen dürfen nur von Erzeugern aus dem jeweiligen Gebiet verwendet werden – ein wichtiger Schutz gegen Nachahmungen.


5. Wein und Recht: Import, Steuern und Verkehr

Anders als Bier oder Spirituosen ist Wein in Deutschland branntweinsteuerfrei – es wird keine Verbrauchsteuer auf Wein erhoben .

5.1 Import aus EU-Ländern

Wein gilt wie Bier als „alkoholisches Getränk mit geringerem Steuersatz“. Für die private Einfuhr aus anderen EU-Staaten gelten folgende Richtmengen (Stand 2026) :

GetränkRichtmenge für Privatzwecke
Schaumwein (Sekt, Champagner, Prosecco)60 Liter
Likörweine (Port, Sherry, Marsala)20 Liter
Alkoholische Getränke (Spirituosen)10 Liter

Bis zu diesen Mengen wird grundsätzlich von einer privaten, nicht gewerblichen Nutzung ausgegangen . Werden die Mengen überschritten, kann das Finanzamt eine gewerbliche Absicht unterstellen – dann fällt Steuer an.

Sie dürfen verschiedene Kategorien kombinieren: z.B. 60 Liter Sekt + 20 Liter Port + 10 Liter Whisky + 110 Liter Bier (siehe vorherigen Artikel) .

5.2 Genehmigungen für den gewerblichen Handel

Für Unternehmen gelten strenge Regeln. Wer Wein gewerblich aus anderen EU-Staaten beziehen möchte, benötigt eine Erlaubnis der Zollverwaltung . Mögliche Genehmigungen sind:

  • Steuerlager: Für die gewerbliche Herstellung, Lagerung oder Verarbeitung.
  • Registrierter Empfänger: Für den einmaligen oder gelegentlichen Bezug.
  • Zertifizierter Versender: Für den Versand in andere Mitgliedstaaten.

Für die reine Herstellung und Lagerung in Deutschland benötigt man dagegen keine gesonderte Erlaubnis .


6. Besondere Weinarten und Trends

Neben den klassischen Stillweinen gibt es eine faszinierende Welt besonderer Weine.

6.1 Schaumwein – Der Wein mit Blasen

Sekt, Champagner, Crémant, Prosecco, Cava – sie alle sind Schaumweine. Die Herstellung erfolgt in der Regel durch eine zweite Gärung in der Flasche (Traditionelle Methode) oder im Tank (Tankmethoden wie beim Prosecco). Dem deutschen Schaumwein begegnen wir in einem separaten, ausführlichen Artikel.

6.2 Süßweine – Die Königsklasse

Neben den Prädikatsweinen gibt es Likörweine (Port, Sherry, Marsala) – Weine, bei denen die Gärung durch Zugabe von Alkohol gestoppt wird, wodurch ein hoher Restzuckergehalt und ein erhöhter Alkoholgehalt (meist 15–22 Vol.-%) erhalten bleiben.

6.3 Aktuelle Trends

  • Trockener Riesling boomed – der internationale Markt entdeckt die Eleganz deutscher Rieslinge .
  • Piwi-Sorten im Aufwind – pilzwiderstandsfähige Rebsorten reduzieren den Pflanzenschutzaufwand.
  • Alkoholfreier Wein – eine wachsende Kategorie für gesundheitsbewusste Genießer.
  • Orangewein – Weißwein, der wie Rotwein mit Schalenkontakt vergoren wird; tanninhaltig, orange bis braunrot im Farbton.

7. Tabellarische Übersicht: Die deutsche Weinlandschaft im Überblick

AnbaugebietFläche (ha)Hauptrebsorte(n)RotweinanteilBesonderheit
Rheinhessen27.500Grauburgunder, Riesling, Silvanerca. 25%Größtes Anbaugebiet; führend bei Chardonnay
Pfalz23.793Riesling (Weltspitze), Spätburgunderca. 30%Größtes Riesling- & Rotweingebiet Deutschlands
Baden15.679Spät-, Weiß-, Grauburgunderca. 40%„Burgunderland“
Mosel8.536Rieslingca. 10%Größte Steillagen der Welt
Württembergk.A.Trollinger, Lemberger, Rieslingca. 50%Rotweinland Nr. 2
Franken6.173Silvaner, Müller-Thurgauca. 15%Bocksbeutel-Flaschenform

Fazit: Die unendliche Vielfalt des Weins

Wein ist ein Getränk der Gegensätze: Da ist die Präzision des Verfahrenstechnikers, der Temperatur und Gärdauer millimetergenau kontrolliert – und da ist die Unberechenbarkeit der Natur, die jeden Jahrgang anders werden lässt. Da sind die strengen gesetzlichen Regeln, die Herkunft schützen – und da ist die kreative Freiheit des Winzers, der neue Wege geht.

Von den filigranen Rieslingen der Mosel über die kräftigen Spätburgunder Badens bis zu den exotischen Piwi-Sorten der Zukunft – der deutsche Wein ist vielfältiger denn je. Und während die großen Weine dieser Welt (etwa aus Bordeaux, Burgund oder dem Piemont) ihren festen Platz haben, entdecken immer mehr Genießer die Schätze der 13 deutschen Anbaugebiete für sich.

Ob Sie nun einen frischen, jungen Weißwein zum Salat, einen kraftvollen Barrique-Rotwein zum Rinderfilet oder einen edelsüßen TBA als Dessert genießen – in jedem Glas steckt die Geschichte eines Jahres, eines Ortes und eines Menschen. Darauf können Sie anstoßen. Prost – oder wie der Winzer sagt: Zum Wohl!


Quellen

  • Deutsches Weininstitut (DWI): Rheinland-Pfalz bleibt Weinland Nummer eins (2024) 
  • Wissen.deWeinherstellung im Lexikon 
  • Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE): Geschützte Ursprungsbezeichnungen für Weine 
  • WASGAU Wein Wiki: Weinherstellung kurz erklärt (2024) 
  • Proplanta: Weinbereitung – Von der Traube zum Wein (2026) 
  • Serviceportal Rheinland-Pfalz: Importing goods from EU countries into Germany (2026) 
  • Wolters Kluwer: *§ 39a Weinverordnung – Geografische Bezeichnungen mit EU-Schutz* 
  • Goslarsche Zeitung: Warum deutscher Riesling international boomt (2024) 
  • Priewe, Jens: Wein. Die große Schule (Standardwerk, diverse Auflagen) 
  • Deutsches Weininstitut (DWI): Rebflächenerhebung 2023 

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