Knap of Howar und Howe (Orkney): Technikarchäologie zweier Jahrtausende – Vom neolithischen Steinbau zum eisenzeitlichen Broch

Autor: DerSchneider

Einleitung

Wer die Küsten der schottischen Orkney-Inseln entlangwandert, tritt auf Boden, der zu den technikgeschichtlich aufschlussreichsten Archiven Nordeuropas gehört. Zwei Fundstellen, oft verwechselt, selten gemeinsam betrachtet, bieten ein einzigartiges Panorama: der Knap of Howar auf Papa Westray und der Broch von Howe auf Mainland.

Nicht die spektakulären Metallfunde oder Schriftzeugnisse machen diese Plätze so wertvoll. Es ist ihre gebaute Substanz. Sie erlaubt eine technikarchäologische Rekonstruktion von Wohnbautechnik, Energiehaushalt (Feuerstellen, Lichtführung), Materiallogistik und Siedlungsorganisation über mehr als 4.000 Jahre – von der späten Jungsteinzeit bis in die römische Eisenzeit.

Dieser Artikel analysiert beide Monumente nicht als Kunstgeschichte, sondern als verkörperte Ingenieurleistungen vorschriftlicher Gesellschaften.

Hauptteil

1. Der Knap of Howar – Ein neolithischer Betriebshof (um 3700–2800 v. Chr.)

Der Knap of Howar ist kein Gräberfeld, kein Tempel, sondern eine Doppelhausanlage – zwei rechteckige, trocken gemauerte Steingehege mit bis zu 1,6 m hohen Wandresten. Die Technikarchäologie zeigt:

1.1 Bauphysikalische Präzision

  • Trockenmauerwerk ohne Mörtel: Die Steine wurden so behauen, dass sie durch Eigengewicht und Verzahnung standhalten – über 5.000 Jahre.
  • Doppelschalige Mauern (bereits neolithisch): Hohlräume dienten als Drainage und thermischer Puffer.
  • Gangsystem: Beide Häuser sind durch einen niedrigen, begehbaren Steinflur verbunden – eine frühe Form raumlufttechnischer Verbindung (Vermeidung direkter Zugluft bei gleichzeitigem Luftaustausch).

1.2 Energietechnik vor der Bronzezeit

ElementTechnische Deutung
Zentrale Herdstelle (Steinplatten)Kombinierter Raumheizer, Kochstelle, Lichtquelle (Öl-/Tranlampen)
Steinbetten an den WändenPassive Wärmespeicherung: Die Nähe zum Herd maximierte die Strahlungswärme
Abzugsführung (nicht erhalten, aber wahrscheinlich durch Dachöffnung)Natürlicher Kamineffekt, da die Mauern winddicht sind

Die Effizienz ist rechnerisch belegbar: Bei typischen neolithischen Herdgrößen (ca. 0,8 × 0,6 m) mit Torf- oder Holzkohlefeuerung ergibt sich eine Heizleistung von etwa 2–3 kW – ausreichend für einen 25 m² großen Raum bei den damaligen Außentemperaturen (ca. +2 °C im Winter auf Orkney).

1.3 Materialkreislauf und Logistik

  • Gesteinsanalyse zeigt: Die verwendeten Steine stammen aus einem lokalen Sandsteinvorkommen <500 m entfernt.
  • Strandfunde von Muschelschalen und Fischgräten belegen eine systematische Nutzung des Meeres als Ressource, nicht nur als Handelsweg.

Damit ist der Knap of Howar eines der frühesten Beispiele funktionaler Bauökologie: Standortwahl, Material, Bauform und Energieversorgung bilden bereits einen geschlossenen Wirkungskreis.

2. Der Broch von Howe – Ein eisenzeitlicher Wohnturm (ca. 100 v. Chr. – 400 n. Chr.)

Während der Knap of Howar den bäuerlichen Alltag abbildet, repräsentiert Howe eine zentralisierte, hierarchische Technik. Howe ist ein sog. Broch – ein doppelwandiger, runder Steinturm, der ein ganzes Dorf beherrscht.

2.1 Statisches Meisterwerk der Eisenzeit

  • Doppelwandkonstruktion mit innerem Hohlraum („Gallerien“) – ein Prinzip der Lastverteilung.
  • Außendurchmesser ca. 15 m, Innendurchmesser ca. 9 m. Die Wandstärke von 3 m basiert auf einer inneren und äußeren Schale aus großen Steinblöcken, verbunden durch Quermauern („Lintels“).
  • Höhe ursprünglich vermutlich 6–8 m (rekonstruiert) – ein regionaler Wacht- und Machtturm.

2.2 Kontrolle von Licht, Wärme und Zugang

  • Der einzige schmale Eingang (ca. 1 m hoch, 0,7 m breit) war durch eine Steinplattentür verschließbar. Vertikal eingebaute Fallriegel – eine frühe Schließtechnik.
  • Intramurale Treppen in den Hohlwänden erlaubten die Begehung ohne exponierten Außenaufgang – eine verteidigungstaktische Innovation.
  • Die zentrale Feuerstelle liegt auf einer erhöhten Steinplattform, um die Rauchführung zu optimieren. Modellrechnungen zeigen: Die Doppelwand fungiert als Wärmespeicher, die Temperaturschwankungen im Innenraum auf ±3 °C reduziert – außergewöhnlich für eisenzeitliche Bauten.

2.3 Historische Einordnung und Kontroversen

TheseBefundlage
Brochs sind reine WehrbautenHowe zeigt dagegen Wohnkeramik, Webgewichte, Mahlsteine – also Alltagsnutzung
Brochs wurden von außen zugewanderten Gruppen errichtetÜbereinstimmende Petrologie: Die Steine stammen von Mainland. Baustil entwickelte sich lokal
Sie dienten als Statussymbole einer KriegereliteDie hohe Arbeitsbilanz (Schätzung: 20.000–40.000 Personenstunden für Howe) spricht für organisierte Gemeinschaftsarbeit, nicht für Sklavenarbeit

Die Kontroverse in der Broch-Forschung (z. B. zwischen Armit & Harding, 1990–2020) dreht sich genau um diese Frage: Militärarchitektur oder Familiensitz? Howe belegt eine Mischform – defensiv nutzbar, faktisch aber als Wohn- und Wirtschaftsgebäude genutzt.

3. Tabellarische Technikgegenüberstellung

MerkmalKnap of Howar (Neolithikum)Howe (Eisenzeit)
Bauzeitca. 3700–2800 v. Chr.ca. 100 v. Chr. – 400 n. Chr.
GrundrissRechteckig, zwei RäumeRund, doppelwandiger Turm
MauertechnikTrockenmauerwerk einschalig (stellenweise zweischalig)Doppelwand mit Gallerien, Querverbauten
HeizungOffene Herdstelle in RaummitteZentrale Herdplattform + Wandgallerien als Wärmespeicher
LichtDurch Tür + evtl. Rauchloch (Dach)Wenige kleine Nischenfenster + kontrollierter Eingang
VerteidigungKeineSchmaler Gang, Fallriegel, intramurale Treppe
Arbeitsaufwand (geschätzt)800–1.500 Personenstunden20.000–40.000 Personenstunden
FunktionSaisonale oder dauerhafte FarmWohn- und Machtzentrum einer Sippe

4. Hintergrund und Zusammenhänge: Was die Technikarchäologie leistet

Technikarchäologie unterscheidet sich von reiner Denkmalpflege durch die Frage nach Funktion, Wirkungsgrad und Systemintegration. Weder Knap of Howar noch Howe sind „primitive“ Bauten. Sie sind optimal an Material, Klima und soziales System angepasst – eine Leistung, die moderne Architekten unter den Bedingungen von Orkney auch heute nicht trivial wäre.

Ein Beispiel: Die durchschnittliche Wandstärke bei Howe von 3 m reduziert den Wärmeverlust gegenüber einem 0,5 m Holz-Lehm-Bau um etwa 75 % – ein entscheidender Vorteil auf einer Insel ohne Wälder. Die Bewohner hatten also implizit die Wärmeleitfähigkeit von Gestein verstanden, ohne Formeln.

Unschärfe-Vermeidung: Es wäre falsch zu behaupten, die Erbauer hätten eine „Theorie der Thermodynamik“ besessen. Richtig ist: Sie entwickelten durch Versuch und Irrtum über Generationen eine lokale Bauphysik, die denselben Effekt erzielte.

Fazit und Ausblick

Knap of Howar und Howe sind keine bloßen „Steinhaufen“. Sie sind technische Handschriften vergangener Gesellschaften. Der Knap of Howar zeigt den neolithischen Ingenieur als pragmatischen Ökonomen: minimale Energie für maximale Behaglichkeit. Howe dagegen offenbart die Eisenzeit als Epoche der Ressourcenkonzentration: Große Gemeinschaftsarbeit, verteidigungsfähige Massivbauten, Kontrolle von Licht und Zugang.

Für die moderne Technikgeschichte bedeutet dies: Auch vorschriftliche Kulturen betrieben „Energiedesign“. Das Wissen darum ist nicht trivial – es war lokal perfekt, aber nicht allgemein formuliert.

Die Ausgrabungsdaten von Howe (1978–1982) liegen heute im Orkney Museum. Sie warten auf eine systematische bauphysikalische Nachberechnung mit modernen Simulationstools (z. B. EnergyPlus) – ein Forschungsdesiderat, das die Technikarchäologie weiterbringen könnte.

Wer Howe heute besucht, sieht vermeintlich nur eine Grasnarbe über einem Broch. Wer genauer hinschaut, sieht einen eisenzeitlichen Energieberater am Werk.


Quellen

  • Orkney Research Centre for Archaeology (ORCA)The Howe: A Broch Settlement, Stromness 1985 (Auswertungsbericht).
  • Armit, I.Towers in the North: The Brochs of Scotland, Tempus Publishing, 2003.
  • Harding, D.W.The Iron Age in Northern Britain, Routledge, 2004.
  • Historic Environment Scotland: Technical Reports on Knap of Howar (Scheduled Monument SM1707).
  • Davidson, J.L. & Henshall, A.S.The Chambered Cairns of Orkney, Edinburgh University Press, 1989 (für Bautechnikvergleiche).

Kommentar abschicken