Vom Display-Schaden zum Desktop-Powerhouse: Vollständige Bauanleitung für den Galaxy S20 FE DeX-Mini-PC

Autor: DerSchneider

Für wen ist diese Anleitung?

Diese Anleitung richtet sich an alle, die ein Samsung Galaxy S20 FE (5G-Variante mit Snapdragon 865) besitzen, dessen Display defekt ist, oder die ein günstiges Gerät mit kaputtem Bildschirm erwerben möchten. Du brauchst grundlegende Erfahrung im Umgang mit Elektronik (Schrauben, Stecker lösen, Löten ist optional). Keine Angst: Die meisten Schritte sind mit Geduld und den richtigen Werkzeugen machbar.


Teil 0: Die richtige Gerätewahl – Warum das S20 FE und welche Variante?

Nicht jedes Galaxy S20 FE ist gleich. Es gibt zwei Hauptvarianten:

ModellbezeichnungProzessorDeX-TauglichkeitEmpfehlung für dieses Projekt
SM-G780F (4G)Exynos 990Eingeschränkt (höhere Abwärme, schlechtere Treiber für Windows-Emulation)❌ Nicht empfehlenswert
SM-G781B/0 (5G)Snapdragon 865Exzellent – beste Wahl✅ Ideal

Kaufberatung für ein gebrauchtes Gerät:

  • Suche bei eBay, Kleinanzeigen oder Refurbished-Shops nach „Samsung S20 FE defektes Display“ oder „Bruchschaden“.
  • Achte darauf, dass nur das Glas kaputt ist, aber das Mainboard und die Anschlüsse funktionieren. Fragen an den Verkäufer: „Lässt sich das Telefon noch über USB-C mit einem PC verbinden? Erkennt der PC das Gerät?“
  • Preisspanne: 50–80 € / $ für ein Gerät mit gesprungenem Display, aber voll funktionsfähiger Elektronik.

Teil 1: Werkzeug- und Materialliste – Was du wirklich brauchst

Unverzichtbares Werkzeug

WerkzeugEmpfehlungErsatzmöglichkeit
Erhitzungsplatte oder Fön (Heißluft)Temperatur regelbar (ca. 80–100 °C)Normaler Haushaltsfön, aber langsamer
Saugnapf (iFixit oder gleichartig)Mindestens 3 cm DurchmesserGroßer Saugnapf für Fliesen (geht auch)
Öffnungspickel / Plektren (0,3–0,5 mm dick)Kunststoff, abgeschrägte SpitzeAlte Kreditkarte (dünn geschliffen)
Kreuzschlitzschraubendreher PH00Mit magnetischer SpitzeUhrmacher-Schraubendreher-Set
Pinzette (spitz, keramikbeschichtet oder ESD-sicher)Keramik verhindert KurzschlüsseSpitze Edelstahlpinzette (vorsichtig sein)
Spudger (Nylon oder Glasfaser)Zum Hebeln von SteckernZahnstocher aus Bambus (kein Metall!)
Isopropanol (mind. 99%) + WattestäbchenZum Entfernen alter KleberesteHochprozentiger Alkohol (z.B. Brennspiritus, aber Rückstände möglich)

Verbrauchsmaterialien

  • Wärmeleitpad (z.B. Thermal Grizzly Minus Pad 8, 1 mm Dicke) – wichtig, weil Wärmeleitpaste Kurzschlüsse auf den winzigen Chips verursachen kann.
  • Doppelseitiges Klebeband für Elektronik (3M 9448A oder Tesa 4950) – zum Befestigen der Platine im Gehäuse.
  • Kabelbinder (klein) und Klettband – für Kabelführung.
  • Schrumpfschlauch (2 mm und 5 mm Durchmesser) – falls du Löten möchtest.

Kreative Abweichung: Optimierte Gehäuse- und Kühllösung

Anstatt des einfachen Raspberry-Pi-Gehäuses empfehle ich folgende Upgrades:

KomponenteStandard (Video)Unsere optimierte Version
GehäuseRaspberry Pi Tower Case (Amazon)3D-gedrucktes S20FE-Mainboard-Gehäuse – z.B. Vorlage von Thingiverse/Printables (Suchbegriff: „S20 FE motherboard case“)
KühlungPassiver Tower-Kühler (kleiner Alu-Block)Aktive Heatpipe-Kühlung mit 40-mm-Noctua-Lüfter (NF-A4x10 5V) + Kupfer-Heatpipe-Kühler (z.B. für Raspberry Pi 4)
StromversorgungStandard USB-C-NetzteilUSB-C-Dockingstation mit Power Delivery (mind. 25 W) – ermöglich zusätzliche Ports (Ethernet, USB-A, HDMI)

Warum diese Änderungen?
Der Snapdragon 865 taktet unter Dauerlast (z.B. Gaming) die Kerne herunter, wenn die Temperatur 70–80 °C erreicht. Mit aktivem Lüfter und Heatpipe bleibt er dauerhaft unter 65 °C, was zu deutlich flüssigerem Gameplay führt.


Teil 2: Demontage des S20 FE – Schritt für Schritt

Schritt 1: Erwärmen der Rückseite

  • Lege das Gerät mit der Rückseite nach oben auf eine hitzebeständige Unterlage.
  • Erhitze die Rückseite mit dem Fön gleichmäßig für ca. 2–3 Minuten im Kreisbewegungen (Abstand ca. 10 cm). Die Oberfläche sollte sich heiß anfühlen, aber nicht unangenehm brennen (ca. 70 °C).
  • Ziel: Der Kleber, der die Glasrückseite hält, wird weich.

Schritt 2: Ansetzen des Saugnapfs

  • Setze den Saugnapf etwa 1 cm oberhalb der unteren Kante mittig an.
  • Ziehe langsam, bis sich ein kleiner Spalt öffnet.
  • Führe ein Plektrum oder eine dünne Kunststoffkarte in den Spalt ein. Wichtig: Nicht mehr als 2–3 mm tief eindringen – darunter liegen Antennenkabel und die Ladespule.

Schritt 3: Lösen der Rückseite

  • Fahre mit dem Plektrum vorsichtig am Rand entlang. Gegebenenfalls zwischendurch wieder erwärmen.
  • Die Rückseite ist mit mehreren Clips zusätzlich verrastet. Höre auf ein leises „Klick“.
  • Wenn die Rückseite vollständig gelöst ist, hebe sie vorsichtig an und lege sie beiseite. Achtung: Das Kabel für die kabellose Ladespule ist noch mit dem Mainboard verbunden – es muss später gelöst werden.

Schritt 4: Entfernen der Mittelabdeckung (Metallrahmen)

  • Jetzt siehst du die grüne Hauptplatine (Mainboard) und die schwarze Akku-Abdeckung.
  • Entferne alle Phillips-Kreuzschrauben (PH00). Es gibt etwa 8–10 Schrauben, manche sind unterschiedlich lang – merke dir die Positionen (Tipp: ein Blatt Papier mit Skizze).
  • Die Mittelabdeckung lässt sich nun vorsichtig anheben. Sie ist zusätzlich mit Klebepunkten gesichert – mit einem Spudger hebeln.

Schritt 5: Akku sicher trennen (zwingend erforderlich!)

  • Bevor du irgendeinen anderen Stecker berührst: Suche den Akkustecker (meist ein breiter, flacher Kunststoffstecker auf dem Mainboard).
  • Heble mit einem Spudger vorsichtig an beiden Seiten gleichmäßig. Keine Metallwerkzeuge verwenden – Kurzschlussgefahr.
  • Ziehe den Stecker gerade nach oben ab.

Schritt 6: Lösen aller weiteren Flexkabel und Antennen

  • Display-Flex (breites, gelbes oder blaues Band) – unter der Akkuabdeckung versteckt, Zugang eventuell erst nach Entfernen des Akkus möglich.
  • Touch-Flex (schmaler, meist schwarzer Stecker neben der Display-Buchse).
  • Antennenkabel (zwei flache, koaxiale Kabel mit Metallstecker – mit Fingernagel oder Spudger vorsichtig abhebeln).
  • Lautsprecher- und USB-Buchsen-Flex (kleine Stecker an der Unterseite des Mainboards).

Fallstrick: Die Stecker sind extrem empfindlich. Ziehe niemals am Kabel, sondern immer am Kunststoffrahmen des Steckers.

Schritt 7: Ausbau des Mainboards

  • Nachdem alle Stecker gelöst sind, ist das Mainboard nur noch mit Klebepads auf dem Mittelrahmen fixiert.
  • Erwärme die Rückseite des Rahmens (die Seite, auf der das Mainboard aufliegt) leicht mit dem Fön (ca. 60 °C).
  • Heble vorsichtig von einer Ecke beginnend mit einem flachen Spudger das Mainboard nach oben.

Glückwunsch: Du hältst nun das Herzstück des Mini-PCs in den Händen – die S20 FE Platine mit Snapdragon 865, RAM und Speicher.


Teil 3: Vorbereitung der Platine für den Einbau

Schritt 8: Reinigung und Kleberreste entfernen

  • Mit Isopropanol und einem Wattestäbchen die Rückstände der alten Wärmeleitpads und Kleber entfernen.
  • Besonders wichtig: Die Stellen, an denen später das neue Wärmeleitpad aufgelegt wird (der Snapdragon-Chip – eine glänzende, rechteckige Fläche auf der Oberseite), müssen staub- und fettfrei sein.

Schritt 9: Optional – Deaktivieren der ungenutzten Komponenten

Um Strom zu sparen und Überhitzung zu vermeiden, kannst du folgende Bauteile vorsichtig entfernen (nur für Fortgeschrittene – nicht zwingend nötig):

  • Die Fingerabdrucksensor-Flex (auf der Rückseite des Mainboards).
  • Die Ladespule für Wireless Charging (die runde Spule auf der Rückseite der alten Abdeckung – einfach abziehen).
  • Hinweis: Diese Komponenten sind nicht notwendig für den Betrieb über USB-C.

Teil 4: Kühlung – Das wichtigste Upgrade

Die mitgelieferte passive Kühlung (ein einfacher Alu-Block) reicht nicht aus. Wir bauen eine aktive Heatpipe-Kühlung.

Schritt 10: Wärmeleitpad zuschneiden

  • Schneide ein Stück Wärmeleitpad auf die Größe des Snapdragon 865 Chips zu (ca. 12 x 12 mm). Das Pad sollte den Chip vollständig bedecken, aber nicht über die Kanten hinausragen.

Schritt 11: Heatpipe-Kühler positionieren

  • Lege den Kupfer-Heatpipe-Kühler (z.B. „Ice Tower Cooler for Raspberry Pi“ oder ein universeller Southbridge-Kühler) auf das Wärmeleitpad.
  • Drücke leicht an, sodass das Pad gut anliegt.
  • Fixiere den Kühler provisorisch mit Kabelbindern oder hitzebeständigem Klebeband auf der Platine – achte darauf, dass keine anderen Bauteile kurzgeschlossen werden.

Schritt 12: Lüfter anschließen (zwei Optionen)

Option A (einfach, kein Löten):

  • Verwende einen USB-C auf 2-Pin-Lüfteradapter (z.B. von Akasa oder Noctua selbst). Dieser wird an den freien USB-C-Port der Platine gesteckt. Nachteil: Der Port wird belegt.

Option B (lötfrei, aber etwas Gefrickel):

  • Der Noctua NF-A4x10 5V hat ein 2-Pin-Kabel. Du kannst die beiden Adern (rot = +5V, schwarz = GND) direkt an die Lötpunkte der USB-C-Buchse auf der Rückseite des Mainboards anlöten. Dafür benötigst du eine feine Lötspitze (max. 350 °C) und Schrumpfschlauch als Isolierung.
  • Position: Suche auf der Mainboard-Rückseite die beiden großen Lötpunkte, die direkt mit der USB-C-Buchse verbunden sind (meist mit „VBUS“ und „GND“ beschriftet).

Sicherheitswarnung: Wenn du nicht sicher löten kannst, lass es bleiben – der einfache USB-Adapter tut es auch.


Teil 5: Gehäuse und Montage

Schritt 13: Gehäuse besorgen oder drucken

  • Empfehlung: Lade dir die 3D-Druckvorlage „S20FE_DeX_Case“ von Printables.com herunter (Suchbegriff: „Samsung DeX mainboard case“). Drucke es in PETG oder ABS – PLA kann bei längerer Erwärmung verformen.
  • Falls kein 3D-Drucker: Ein Alu-Gehäuse für Raspberry Pi 4 (z.B. von GeekPi) lässt sich mit einer kleinen Feile so anpassen, dass das S20-Mainboard hineinpasst.

Schritt 14: Platine im Gehäuse befestigen

  • Verwende doppelseitiges Klebeband (Elektronikqualität) an den Ecken des Mainboards. Drücke die Platine fest auf den Boden des Gehäuses.
  • Der Heatpipe-Kühler sollte nach oben zeigen – hier wird später der Lüfter montiert.
  • Bohre (wenn nötig) mit einem 3-mm-Bohrer eine Öffnung in die Gehäuseseite, um das USB-C-Kabel aus dem Inneren nach außen zu führen.

Schritt 15: Lüfter einbauen

  • Der Noctua-Lüfter wird auf die Oberseite des Heatpipe-Kühlers geschraubt (dafür sind in der Regel Befestigungslöcher vorhanden). Die Luftströmung sollte vom Chip weg nach außen zeigen (also nach oben oder zur Seite blasen).
  • Schließe das Lüfterkabel (wie in Schritt 12 beschrieben) an.

Teil 6: Inbetriebnahme und Software-Konfiguration

Schritt 16: Anschließen und Testen

  • Verbinde die USB-C-Dockingstation mit dem Mainboard.
  • Schließe die Dockingstation an Strom (USB-C-PD mit mind. 25 W) und an einen Monitor, eine Maus und eine Tastatur an.
  • Startverhalten: DeX sollte automatisch nach einigen Sekunden auf dem Monitor erscheinen. Falls nicht: Kurz die Power-Taste (auf dem Mainboard irgendwo als kleiner Taster vorhanden) drücken.

Schritt 17: DeX freischalten und optimieren

  1. Öffne Einstellungen → Verbindungen → HDMI-Modus (falls nicht automatisch DeX startet, wähle „Samsung DeX“).
  2. Gehe in den Galaxy Store und lade Good Lock herunter.
  3. Starte Good Lock → installiere MultiStar Plugin.
  4. In MultiStar: „I ❤️ Samsung DeX“ → aktiviere „High resolution for external display“ und „Run many apps at the same time“ (die RAM-Begrenzung von 5 Apps entfernen).
  5. Starte DeX neu (Einstellungen → Samsung DeX → DeX beenden, dann Kabel kurz ab- und wieder anstecken).
  6. Gehe erneut in die DeX-Einstellungen → Display-Auflösung – jetzt sollten 1440p, 2560×1080 (Ultrawide) und je nach Monitor auch 4K verfügbar sein.

Schritt 18: Windows-Spiele-Emulation einrichten

  • GameHub (GameFusion) aus dem Play Store installieren → Steam anmelden → kompatible Spiele herunterladen.
  • Winlator für fortgeschrittene Einstellungen: Installiere die neueste Version (GitHub). Erstelle einen Container mit folgenden Werten:
    • Graphics Driver: Turnip (aktuellste Version)
    • DX Wrapper: DXVK
    • Box64: Preset „Performance“
    • CPU: 6 Kerne (die 6 Performance-Kerne des Snapdragon 865 nutzen)

Teil 7: Typische Probleme und Lösungen

ProblemMögliche UrsacheLösung
DeX startet nicht, Monitor bleibt schwarzFalscher HDMI-Adapter oder nicht kompatibler USB-C-StandardVerwende eine aktive Dockingstation (z.B. von Dell, Lenovo, Anker). Passive HDMI-Adapter funktionieren oft nicht.
Überhitzung nach 15 Minuten GamingWärmeleitpad nicht richtig positioniert oder Lüfter zu schwachÜberprüfe den Kontakt zwischen Chip und Kühler. Lüfter auf 100% Dauerbetrieb stellen (via 5V-Direktanschluss).
Akku-Symbol blinkt, Gerät schaltet sich ausKein Power Delivery (PD) an der DockingstationNetzteil muss USB-C PD mit mind. 25W unterstützen. Normales 5V/2A reicht nicht.
Windows-Spiele ruckeln extremFalscher Grafiktreiber im EmulatorWechsle von „WineD3D“ zu „DXVK“ + Turnip.

Fazit: Dein eigener, einzigartiger DeX-Mini-PC

Nach etwa 2–3 Stunden Arbeit (je nach Erfahrung) hältst du einen voll funktionsfähigen Mini-Computer in den Händen, der nicht nur günstig war, sondern auch ein echtes Unikat darstellt. Die aktive Kühlung ermöglicht dauerhafte Höchstleistung, die 3D-gedruckte Gehäuselösung macht ihn zu einem Blickfang auf jedem Schreibtisch.

Dieses Projekt ist mehr als nur ein Bastelspaß: Es ist ein Statement gegen die Wegwerfmentalität in der Elektronikindustrie. Ein Smartphone mit kaputtem Display muss nicht im Müll landen – es kann ein zweites, oft besseres Leben als Desktop-Computer führen.

Viel Erfolg beim Nachbauen!

Quellen:

  • iFixit: Samsung Galaxy S20 FE Teardown (Schritt-für-Schritt-Demontage)
  • Samsung Developers: DeX Developer Guide (Auflösungen, Good Lock API)
  • Winlator GitHub Repository (Dokumentation zu Treibern und Box64-Konfiguration)
  • Notebookcheck: Test Samsung Galaxy S20 FE 5G (Snapdragon 865) – Thermische Drosselung
  • Noctua: NF-A4x10 5V Spezifikationen (Lüfterdatenblatt)
  • Printables/Thingiverse: Diverse 3D-Modelle für S20-Mainboard-Gehäuse

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