Der Citroën 2CV Sahara: Minimalistischer Extremismus – Ein Pionier des Doppelmotor-Konzepts

Autor: DerSchneider


Einleitung

Die Automobilgeschichte ist reich an gewagten Konzepten, aber nur wenige sind so radikal einfach und gleichzeitig so genial wie der Citroën 2CV Sahara. Während andere Hersteller für mehr Geländegängigkeit auf schwere Verteilergetriebe, Kardanwellen und Differentialsperren setzten, schlug Citroën einen völlig anderen Weg ein: Die Ingenieure montierten einfach einen zweiten Motor ins Heck . Die französische „Ente“ wurde so zum wohl außergewöhnlichsten Serienfahrzeug mit Allradantrieb – einem Antrieb durch zwei völlig unabhängige Triebwerke. Von 1960 bis 1967 entstanden offiziell nur 694 Exemplare dieser Variante, die als „2CV 4×4 Sahara“ oder einfach „Bimoteur“ bekannt wurde . Dieser Artikel beleuchtet die faszinierende Idee hinter diesem minimalistischen Extremismus, die technische Umsetzung im Detail, die spezifischen Einsatzgebiete, für die er konzipiert wurde, sowie seinen Aufstieg vom Nischenfahrzeug zum begehrten Sammlerstück.


Die Idee: Pragmatismus als Antrieb

Die Wurzeln des 2CV Sahara liegen im Frankreich der späten 1950er-Jahre, einer Zeit des wirtschaftlichen Aufschwungs und des verstärkten Engagements in den noch verbliebenen Kolonien, insbesondere in Nordafrika. Die dortige Öl- und Gasexploration sowie der Aufbau der Infrastruktur stellten Fahrzeuge vor extreme Herausforderungen: Sand, Hitze und große Entfernungen. Die französischen Streitkräfte und die Explorationsfirmen benötigten ein leichtes, zuverlässiges und vor allem geländegängiges Fahrzeug.

Die konventionelle Lösung eines Allradantriebs für den winzigen 2CV wäre technisch enorm aufwendig und teuer gewesen. Die geniale, geradezu „französische“ Lösung kam angeblich von einem Citroën-Händler, der das Konzept der zweimotorigen Ente bei der Unternehmensleitung einreichte . Die Idee basierte auf einem einfachen Prinzip: Warum die Kraft von einem Motor über komplexe Mechanik auf alle vier Räder verteilen, wenn man einfach zwei Motoren einbaut – einen für die Vorderachse, einen für die Hinterachse?

Dieses Konzept bot gleich mehrere entscheidende Vorteile:

  1. Redundanz: Fiel ein Motor aus, war der Sahara immer noch ein fahrtüchtiges Fahrzeug mit Front- oder Heckantrieb .
  2. Einfachheit: Statt einer komplexen Neukonstruktion verwendete Citroën weitgehend serienmäßige Komponenten des normalen 2CV. Das sparte Entwicklungszeit und sicherte die Teileverfügbarkeit .
  3. Wirtschaftlichkeit: Für ein spezielles Nischenfahrzeug war die Doppelmotor-Lösung kostengünstiger als die Entwicklung eines kompletten 4×4-Systems.

Diese rationale Herangehensweise, die Einfachheit über Komplexität stellt, ist der Kern der Sahara-Philosophie.


Die Technik: Ein Duett der Motoren

Die technische Umsetzung des Sahara ist ein Meisterwerk des pragmatischen Ingenieurwesens. Im Grunde vereint der 2CV Sahara zwei vollständige Antriebsstränge in einer Karosserie.

MerkmalTechnische Spezifikation
MotorenZwei luftgekühlte Zweizylinder-Boxermotor
HubraumJe 425 cm³
LeistungJe 12 kW (16,5 PS) / später 13,2 kW (18 PS) 
GetriebeZwei Viergang-Schaltgetriebe
AntriebsartenFrontantrieb, Heckantrieb oder Allradantrieb
TanksZwei getrennte 15-Liter-Tanks unter den Vordersitzen
LeergewichtCa. 735 kg (deutlich mehr als der 560 kg leichte Standard-2CV) 

Zwei Herzen, ein Schlag

Die Anordnung ist so einfach wie genial. Der vordere Motor befindet sich an der üblichen Stelle und treibt die Vorderräder an. Im Heck, dort wo normalerweise der Kofferraum ist, wurde spiegelbildlich ein zweiter, identischer Motor eingebaut, der die Hinterachse antreibt . Um Platz zu sparen, wurde das hintere Getriebe „auf dem Kopf“ stehend eingebaut.

Die Bedienung ist für den Fahrer überraschend alltagstauglich, wenngleich kurios:

  • Zwei Zündschlüssel: Jeweils einer für den vorderen und hinteren Motor .
  • Ein Gaspedal: Dieses wirkt über Züge auf die Vergaser beider Motoren.
  • Ein Kupplungspedal: Es betätigt hydraulisch die Kupplungen beider Getriebe gleichzeitig.
  • Der Mittelschalthebel: Im Gegensatz zur normalen Ente mit ihrem Krückstock-Schalthebel am Armaturenbrett hat der Sahara einen konventionellen Mitteltunnel mit einem Schalthebel, der beide Getriebe synchron schaltet .

Ein kleiner zusätzlicher Hebel am Mitteltunnel dient zum Abkuppeln des hinteren Antriebsstrangs. Damit kann der Fahrer je nach Bedarf wählen:

  • Beide Motoren an = Allradantrieb für maximalen Grip im Gelände.
  • Nur vorderer Motor an = Sparsamer Frontantrieb für normale Straßen.
  • Nur hinterer Motor an = Notlauf, falls der Frontmotor versagt.

Verstärkungen für den harten Einsatz

Der Sahara war kein einfacher Umbau. Er erhielt ein verstärktes Chassis, einen robusteren Unterfahrschutz und angepasste Federungskomponenten, um das höhere Gewicht und die höheren Belastungen im Gelände zu bewältigen . Die charakteristischen Merkmale von außen sind die beiden Tankeinfüllstutzen in den vorderen Türen (jeder führt zu einem der beiden 15-Liter-Tanks unter den Vordersitzen) und das auf der Motorhaube montierte Reserverad, da der Platz im Heck von Motor Nummer zwei eingenommen wird .


Die Einsatzgebiete: Für die Wüste gebaut, in den Alpen geliebt

Die Zielgruppe des Sahara war klar definiert: Unternehmen und Behörden in schwer zugänglichen Gebieten. Gedacht war er für:

  • Ölgesellschaften in der algerischen Sahara, die ein zuverlässiges, leichtes und geländegängiges Fahrzeug für ihre Expeditionen benötigten .
  • Französische Militär- und Kolonialtruppen in Nordafrika und anderen überseeischen Gebieten.

Überraschenderweise fand der teure und spezielle Sahara jedoch auch eine treue Kundschaft in völlig anderen Regionen. Die spanische Guardia Civil setzte ihn ein, und er wurde zu einem beliebten Fahrzeug für Bergärzte und Rettungsdienste in den Schweizer Alpen . Hier kamen seine Vorteile – die Redundanz der Motoren und die hervorragende Traktion auf vereisten und verschneiten Straßen – voll zur Geltung. Die Fähigkeit, mit einem Motor notfalls noch den nächsten Ort zu erreichen, war in diesen abgelegenen Tälern ein echtes Sicherheitsplus.


Im Rückspiegel: Vom Arbeitsgerät zum Sammlerstück

Die Produktion des 2CV Sahara endete bereits 1967, nachdem die letzten Exemplare aus Vormaterialien gefertigt wurden (einzelne Fahrzeuge entstanden noch 1971) . Die Gründe dafür sind vielfältig:

  • Der Preis: Der Sahara kostete mit etwa 9.830 Francs mehr als das Doppelte eines Standard-2CV – eine Summe, für die man Ende der 1950er auch einen Porsche 356 bekam .
  • Der Kompromiss: Auf normalen Straßen bot er keine Vorteile, verbrauchte aber im Zweimotorenbetrieb etwa 10-11 Liter auf 100 km – ein enormer Wert für die sonst so genügsame Ente.
  • Der Wandel: Mit der Unabhängigkeit Algeriens 1962 entfiel das primäre Einsatzgebiet.

Aus diesen Gründen blieb der Sahara eine exotische Randerscheinung. Genau das macht ihn heute so wertvoll. Mit nur 694 gebauten Exemplaren und einer unbekannt hohen Verlustrate ist er der heilige Gral der 2CV-Sammler. Auf Auktionen werden regelmäßig Preise erzielt, die die damaligen Neuwagenpreise um ein Vielfaches übertreffen:

Datum / AuktionshausFahrzeugVerkaufspreis (ca.)
2024, RM Sotheby’s (Monaco)1965er Modell143.750 € 
2016, Artcurial (Paris)Gutachten172.800 € 
Preistrend 2020-2026MarktüblichMedian: ~88.000 € 

Der Wert eines Sahara liegt jedoch nicht nur im Monetären. Er ist ein Zeugnis einer vergangenen Ära des Automobilbaus, in der unkonventionelle Problemlösungen und radikale Einfachheit höher geschätzt wurden als heute. Er beweist, dass manchmal die beste Technik die ist, die man nicht erfinden, sondern einfach verdoppeln muss. Der 2CV Sahara bleibt ein faszinierender, skurriler und zutiefst charmanter Paradiesvogel der Automobilgeschichte.

Quellen

  • Wikipedia: Citroën 2CV 
  • RM Sotheby’s: 1965 Citroën 2CV 4×4 ‘Sahara’ Auktionsergebnis Monaco 2024 
  • COCKPITdz: Citroën 2CV Sahara: 2CV and 2 Engines (2024) 
  • Auto Bild Klassik: Citroën 2CV 4×4 „Sahara“ – Der Paradiesvogel 
  • The Classic Valuer: Price Guide: Citroen 2CV Sahara (Aktualisiert 2026) 
  • Revs Institute: 1961 Citroën 2CV Sahara Fahrzeugbeschreibung 

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