Von der Vision zur Marktpleite: Western Electric und die Geburt des Bildtelefons

Autor: DerSchneider


Einleitung: Eine Anzeige, die eine Zukunft versprach

Im Jahr 1968, auf dem Höhepunkt der Raumfahrtbegeisterung und des futuristischen Designs der 1960er Jahre, schaltete Western Electric eine ungewöhnliche Anzeige. Die Botschaft war so simpel wie visionär: „Western Electric is crossing a telephone with a TV set.“ (Western Electric kreuzt ein Telefon mit einem Fernseher). Das Ergebnis dieser seltsamen Verbindung, so das Versprechen, würde „Picturephone set“ heißen und eines Tages ermöglichen, den Gesprächspartner nicht nur zu hören, sondern auch zu sehen.

Diese Anzeige, die in dem Buch „The Golden Age of Advertising: The 60s“ verewigt wurde, verkörperte einen jahrzehntealten Traum der Ingenieure. Sie sollte den Beginn einer neuen Ära der Kommunikation einläuten. Doch was als technologische Sensation begann, wurde zu einem der berühmtesten Flops der Industriegeschichte. Dieser Artikel beleuchtet die Hintergründe des Picturephone-Projekts von Western Electric und AT&T, seine technische Brillanz, die Gründe für sein Scheitern und sein Vermächtnis für die heutige Welt der Videotelefonie.

Die Protagonisten: Ein mächtiges Trio

Um die Tragweite des Projekts zu verstehen, muss man die Akteure kennen:

  • AT&T (American Telephone and Telegraph Company): Das beherrschende Telekommunikationsunternehmen der USA, das den Bell System-Monopol betrieb.
  • Western Electric: Die hundertprozentige Fertigungstochter von AT&T. Von 1881 bis zur Zerschlagung des Bell Systems 1984 war sie der exklusive Hersteller von Telefonen und Vermittlungstechnik für das gesamte Netz. Sie war die Schmiede, in der theoretische Konzepte aus den Labors in physische Produkte umgesetzt wurden.
  • Bell Telephone Laboratories (Bell Labs): Das gemeinsame Forschungszentrum von AT&T und Western Electric, gegründet 1925. Hier wurden die grundlegenden Innovationen erdacht, darunter auch das Konzept des Bildtelefons.

Diese Allianz aus Forschung (Bell Labs), Fertigung (Western Electric) und Vertrieb (AT&T) schien unschlagbar. Sie investierte Unsummen in die Zukunft.

Eine lange Vorgeschichte: Der Traum vom sehenden Telefon

Die Idee, ein Bild über eine Telefonleitung zu senden, war 1968 alles andere als neu. Bereits 1927, nur ein Jahr nach der ersten öffentlichen Vorführung eines Fernsehers, gelang Bell Labs ein historischer Versuch: Eine einseitige Videoverbindung zwischen dem damaligen Handelsminister Herbert Hoover in Washington, D.C., und dem AT&T-Präsidenten Walter Gifford in New York City.

Im Laufe der Jahrzehnte tüftelten die Ingenieure weiter. Ein erster Prototyp, die „Picture-Phone“ (oder Mod I), war noch sperrig und unausgereift. Sie wurde der Öffentlichkeit erstmals 1964 auf der New Yorker Weltausstellung und in Disneyland präsentiert, wo Besucher die Sensation des Bildtelefons selbst ausprobieren konnten. Die Resonanz war zwar groß, aber das Gerät war noch nicht marktreif. Die Zeitungen berichteten, dass Wissenschaftler bei Bell und Western Electric weiter an der Miniaturisierung der Technik arbeiteten, um aus den sperrigen Laborapparaturen handliche Geräte zu machen.

Das Meisterwerk: Der Picturephone Mod II von 1968/70

1968 war das Jahr, in dem Western Electric mit der optimierten Version, dem Mod II, an die Öffentlichkeit ging. Die Anzeige mit dem „Crossing a telephone with a TV set“-Slogan war der Startschuss für die Markteinführung, die offiziell am 1. Juli 1970 in Pittsburgh erfolgte. Das Mod II war ein technologisches Wunderwerk, das seiner Zeit weit voraus war. Die folgende Tabelle fasst seine Eigenschaften zusammen:

Technische EigenschaftSpezifikation des Picturephone Mod II
Bildschirm5,5 x 5 Zoll (ca. 14 x 14 cm) Schwarz-Weiß-Kathodenstrahlröhre (CRT)
Auflösung250 Zeilen, 30 Halbbilder pro Sekunde (flüssige Bewegung für damalige Verhältnisse)
KameraSilizium-Target-Röhre mit einer Auflösung von ca. 0,8 Megapixeln
ÜbertragungBenötigte drei separate Telefonleitungen (zwei für Video, eine für Audio/Signal)
Zusätzliche FeaturesIntegrierter Spiegel für Dokumentenfreigabe („Desktop-Sharing avant la lettre“)

Das Gerät war ein kompakter, futuristisch anmutender Würfel. Es besaß ein eingebautes Mikrofon und eine Freisprecheinrichtung, die über Tastenwahl (Touch-Tone) bedient wurde.

Vitaphone: Ein früherer Triumph von Western Electric

Der Begriff „Vitaphone“, den der Benutzer anführt, ist kein Zufall. Er ist ein weiterer Beweis für die Innovationskraft von Western Electric und Bell Labs. In den 1920er Jahren entwickelten sie dieses Tonfilmsystem, das den Ton auf Schallplatten aufzeichnete und synchron zum Film abspielte. Die Warner Bros. übernahmen das System 1925 und läuteten mit Filmen wie „Don Juan“ (1926) und „The Jazz Singer“ (1927) das Ende der Stummfilmära ein. Vitaphone war ein gewaltiger Markterfolg. Es zeigt, dass Western Electric die technische Fähigkeit besaß, völlig neue Medien zu erschaffen. Das Versagen des Picturephones lag daher nicht in der fehlenden Ingenieurskunst begründet.

Das Scheitern: Ein teurer Spiegel des Unbehagens

Trotz der technischen Brillanz war der Picturephone Mod II ein finanzieller Desaster. AT&T hatte von 1956 bis 1972 über 500 Millionen US-Dollar (mehrere Milliarden Dollar nach heutiger Kaufkraft) in die Forschung und Entwicklung gesteckt. Die Prognosen waren euphorisch: 50.000 Geräte bis 1975, eine Million bis 1980. Die Realität sah jedoch anders aus:

  • Exorbitante Kosten: Der Dienst war unerschwinglich. Die monatliche Grundgebühr betrug 160 US-Dollar (umgerechnet etwa 1.000 US-Dollar heute). Hinzu kam eine Installation für 150 US-Dollar und Gebühren für die Gesprächsminuten.
  • Kein Netzwerkeffekt: Das Gerät war nur nützlich, wenn der Gesprächspartner ebenfalls eines besaß. In Pittsburgh, der ersten Stadt mit dem Dienst, wurden bis 1972 nur magere 32 Geräte verkauft. In Chicago, der zweiten Stadt, waren es Anfang 1973 immerhin 453 – ein Bruchteil der Erwartungen.
  • Das menschliche Unbehagen: Die überraschendste Erkenntnis der Marktforschung war, dass viele Menschen das Gefühl hatten, durch die Kamera in ihrer Privatsphäre verletzt zu werden. Es gab keine Selbstansicht (kein „Picture-in-Picture“), sodass man nicht wusste, wie man beim Gegenüber aussah – ein Grund für große Unsicherheit.
  • Geringer Mehrwert: Studien, wie die berühmte „Anatomy of a failure: picturephone revisited“ von 1992, kamen zu dem Schluss, dass der Mehrwert gegenüber einem einfachen Telefonat für die meisten Menschen viel zu gering war. Der visuelle Kanal bot für die alltägliche Kommunikation schlicht keinen entscheidenden Vorteil.

Fazit und Ausblick: Vom Flop zum allgegenwärtigen Standard

Das Scheitern des Picturephones war keine Niederlage der Technik, sondern eine Fehleinschätzung des Marktes und der menschlichen Psychologie. Nach der gescheiterten Einführung zog der neue AT&T-Chef 1973 die Notbremse und beerdigte das Projekt endgültig.

Es dauerte fast ein halbes Jahrhundert, bis die Vision von Western Electric zur alltäglichen Realität wurde. Als Apple 2010 FaceTime für das iPhone 4 vorstellte, waren die entscheidenden Rahmenbedingungen endlich erfüllt: Breitband-Internetzugänge, extrem günstige Kameras und vor allem ein Ökosystem, in dem der Netzwerkeffekt durch die schiere Anzahl der Nutyer sofort gegeben war.

Das Picturephone war das erste Kapitel einer Geschichte, die erst mit Smartphones, Skype und Zoom ihr Happy End fand. Es ist das beste Beispiel dafür, dass eine geniale Erfindung ihrer Zeit weit voraus sein kann – und dass der Erfolg einer Technologie weniger von den Schaltkreisen im Inneren abhängt, sondern davon, wie sie in den Alltag der Menschen passt.


Quellen

  • Gizmodo. (2011). Crossing a telephone with a TV set in 1968.
  • Paleofuture. (2011). Crossing a Telephone With a TV Set in 1968.
  • wellsbaum.blog. (2019). Crossing a telephone with a TV set.
  • Gizmodo. (2019). Rare AT&T Videophones From the 1970s Go Up for Auction This Month.
  • Uintah Basin Standard. (1968). Zeitungsartikel zum Picturephone.
  • element14 Community. (2020). The first ever video call was made 50 years ago using Picturephone Mod II.
  • TechSpot. (2020). Watch the world’s first video conferencing call which took place 50 years ago today.
  • Digital Trends. (2020). Believe it or not, the video phone turns 50 today.
  • ScienceDirect. (1992). Anatomy of a failure: picturephone revisited (Telecommunications Policy).
  • Britannica. Picturephone (Gerät).
  • Wikipedia-Einträge zu: Western Electric, Vitaphone, Bell Labs.

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