Der lange Weg zur Maus: Eine Technikgeschichte zwischen Holz, Rädern und Pioniergeist

Es begann mit einem Klotz. Einem handtellergroßen, braunen Holzklotz, in dessen Bauch zwei um neunzig Grad zueinander versetzte Räder steckten. Ein einzelner roter Knopf thronte auf der Oberseite, und aus der Rückseite zog sich ein dünnes Kabel wie ein Schwanz. Die Ingenieure am Stanford Research Institute (SRI) tauften das Gebilde liebevoll „Maus“. Das Jahr war 1963, und die Welt wusste noch nichts mit dieser Erfindung anzufangen.

Die Computermaus ist aus dem modernen Arbeitsleben kaum noch wegzudenken, ihre Geschichte begann jedoch mit einem technologischen Vorlauf, der fast zwei Jahrzehnte dauerte. Sie war das Herzstück einer humanistischen Computer-Philosophie, die ihrer Zeit weit voraus war. In diesem Artikel zeichnen wir die Entwicklung vom skurrilen Holz-Prototypen bis zum millionenfach verkauften Massenprodukt nach – und werfen einen Blick auf eine fast vergessene Parallelentwicklung in Deutschland.

Vision einer neuen Mensch-Maschine-Symbiose

Die eigentliche Geburtsstunde der Maus liegt nicht in einer Werkbank, sondern im Kopf eines Visionärs. Douglas C. Engelbart, ein Elektroingenieur, der als Radar-Techniker in der US Navy gedient hatte, entwickelte bereits Anfang der 1950er Jahre eine radikale Idee. Ihm schwebte eine Zukunft vor, in der Computer nicht nur als bloße Rechenmaschinen für militärische oder wissenschaftliche Eliten dienten, sondern als Werkzeuge zur „Augmentierung“ – der Erweiterung – menschlicher Intelligenz. Er träumte von einer interaktiven Symbiose zwischen Mensch und Maschine, bei der der Rechner als eine Art geistiger Gehilfe fungierte.

Diese Gedanken waren revolutionär. Zu einer Zeit, als Computer raumfüllende Kolosse waren, die mit Lochkarten gefüttert wurden, hielten viele Engelbarts Ideen für „völlig verrückt“. Als er 1959 sein eigenes „Augmentation Research Center“ (ARC) am SRI in Menlo Park, Kalifornien, gründete, wurde ihm nahegelegt, nicht öffentlich über seine weitreichenden Ziele zu sprechen. Dennoch arbeitete er unbeirrt daran, ein komplett neues System der Mensch-Maschine-Interaktion zu schaffen, das später als „oN-Line System“ (NLS) bekannt wurde. Die Maus war nur ein – wenn auch zentrales – Element in diesem großen Plan, der auch die grafische Benutzeroberfläche, Hypertext, Videokonferenzen und die Echtzeit-Zusammenarbeit im Netz umfasste.

Von der Skizze zum Holzmodell

1963 erhielt Engelbarts Team einen Forschungsauftrag von der NASA, um verschiedene interaktive Eingabegeräte für Bildschirme zu untersuchen. Engelbart hatte die grundlegende Idee eines kleinen Geräts, das die Bewegung der Hand auf einen Bildschirmzeiger übertragen sollte. Die praktische Umsetzung dieser Skizze übernahm jedoch sein Kollege, der Elektroingenieur William „Bill“ English.

Das Ergebnis war der erste Prototyp einer Computermaus, ein klobiger Holzblock mit einem einzigen roten Knopf und zwei Metallrädern an der Unterseite. Die um 90 Grad versetzten Räder dienten dazu, die Bewegung unabhängig voneinander in der X- und Y-Achse zu erfassen.

MerkmalErste Maus (1963/64)Kugelmaus bei Xerox (1973)
GehäuseHolzkasten, handgefertigtKunststoff, ergonomischer
BewegungsmechanismusZwei um 90° versetzte RäderEine rollende Stahlkugel
TastenanzahlEin roter KnopfDrei Tasten
UrsprungPrototyp bei SRIWeiterentwicklung bei Xerox PARC

Das Team testete diese Maus in umfangreichen Experimenten gegen andere Eingabegeräte wie Lichtgriffel, Joysticks, Graphicon und sogar ein kniegesteuertes Gerät. Die Ergebnisse waren eindeutig: In einer Studie namens „Display-Selection Techniques for Text Manipulation“ aus dem Jahr 1967 schnitt die Maus in puncto Geschwindigkeit und Präzision bei der Textbearbeitung am besten ab, noch vor dem populären Joystick. Sie war das Gerät der Wahl – auch wenn außerhalb des Labors niemand danach fragte.

Die Herkunft des Namens „Maus“ ist nicht abschließend geklärt. Einerseits erinnerten die Form und das Kabel an das namensgebende Nagetier. Eine charmante Anekdote besagt, dass der Zeiger auf dem Bildschirm ursprünglich „CAT“ genannt wurde und der Maus zu folgen schien. Die klügste Erklärung lieferte jedoch Bill English selbst: In einem ersten Bericht mussten sie das Ding irgendwie nennen. „A brown box with buttons“ sei sperrig gewesen, also habe man sich auf den kurzen, offensichtlichen Namen „mouse“ geeinigt.

Die „Mutter aller Demos“ und der Weg zu Xerox

Die Maus blieb jahrelang eine interne Angelegenheit, bis zu jenem historischen 9. Dezember 1968. An diesem Tag präsentierte Douglas Engelbart auf der Fall Joint Computer Conference im Civic Auditorium von San Francisco vor etwa 1000 Zuschauern seine Vision des interaktiven Computings. Diese 90-minütige Vorführung, die später von Steven Levy als „Mother of all Demos“ getauft wurde, war eine atemberaubende Collage aus Zukunftstechnologien.

Vor den Augen der Computerpioniere demonstrierte Engelbart nicht nur die Maus, mit der er mühelos Text editierte, sondern auch:

  • Die erste öffentlich gezeigte Videokonferenz.
  • Hypertext-Links für die Navigation zwischen Dokumenten.
  • Ein Fenstersystem, das es erlaubte, mehrere Programme gleichzeitig auf einem Bildschirm zu sehen.
  • Echtzeit-Kollaborationssoftware, mit der zwei Personen an entfernten Standorten am selben Dokument arbeiten konnten.

All dies wurde über eine eigene, selbstgebaute 2400-Baud-Datenverbindung in das 50 Kilometer entfernte Menlo Park gesteuert. Die „Mother of all Demos“ war ein seismischer Schock für die Computerwelt, aber nur wenige erkannten das volle Potenzial. Die Maus blieb vorerst ein Geheimtipp unter Experten.

Im Jahr 1971 verließ Bill English das SRI und wechselte zum legendären Palo Alto Research Center (PARC) von Xerox. Dort entwickelte er die erste Kugelmaus, die das anfällige Zwei-Räder-System durch eine rollende Metallkugel ersetzte, welche die Bewegung in jeder beliebigen Richtung präzise auf zwei Sensoren übertrug. Diese robustere und flüssiger zu bedienende Kugelmaus fand 1973 Einzug in den Xerox Alto – den ersten Computer, der mit einer vollständigen grafischen Benutzeroberfläche ausgestattet war. Dennoch blieb Xerox seiner Technologie-Philosophie treu und vermarktete sie kaum. Ein Versuch, mit der Workstation Xerox Star (1981) die Maus kommerziell zu etablieren, scheiterte am hohen Preis. Allein die Maus kostete 400 US-Dollar, die dazugehörige Schnittstelle weitere 300 Dollar.

Eine fast vergessene Parallelentwicklung: Die deutsche Rollkugel

Die Forschung an Positioniergeräten war kein alleiniges US-amerikanisches Phänomen. In Deutschland, beim Elektronikkonzern AEG-Telefunken, entwickelte ein Team um den Ingenieur Rainer Mallebrein zur gleichen Zeit eine bemerkenswert ähnliche Technologie: die „Rollkugel“ RKS 100-86. Angeregt durch die Arbeit mit Trackballs in Flugsicherungssystemen, entschied sich Mallebrein, die Kugel nicht in den Tisch zu versenken, sondern sie in ein mobiles Gehäuse zu setzen, das der Benutzer über den Schreibtisch bewegen konnte – das Prinzip der Maus.

Die Parallelen sind verblüffend. Mallebreins Rollkugel wurde bereits im Oktober 1968 – zwei Monate vor Engelbarts legendärer Demo – in einer Fachzeitschrift von Telefunken öffentlich vorgestellt. Das Gerät wurde sogar kommerziell vermarktet. Ab 1968 wurde die Rollkugel zusammen mit dem Großrechner TR 440 verkauft, wenn auch die Stückzahlen mit nur 46 verkauften Rechnern verschwindend gering waren.

Warum ist dieser deutsche Beitrag dann fast in Vergessenheit geraten? Der Grund ist vielschichtig. Einerseits wurde der Rollkugel vom Deutschen Patentamt die „Erfindungshöhe“ abgesprochen. Der Schritt vom stationären Trackball zur mobilen Kugel galt als zu geringfügig. Zeitgleich wurde Engelbarts Konzept 1970 in den USA patentiert (US-Patent 3.541.541). Andererseits fehlte der deutschen Entwicklung ein ähnlich charismatischer Vordenker wie Engelbart, der die Rollkugel in eine umfassende Vision für das Personal Computing einbettete. So blieb sie ein exotisches, wenn auch historisch wichtiges Peripheriegerät für einen teuren Großrechner.

Das große Erwachen und der Siegeszug

Der eigentliche Durchbruch der Maus kam erst, als sie in den frühen 1980er Jahren von Steve Jobs und Apple entdeckt wurde. Während einer Besichtigungstour bei Xerox PARC erkannte Jobs das revolutionäre Potenzial der grafischen Benutzeroberfläche und der Maus. Apple lizenzierte die Technologie und implementierte sie zunächst im gescheiterten Apple Lisa und dann – mit einem gewaltigen Marketing-Budget und einer durchdachten Benutzererfahrung – im Apple Macintosh, der im Januar 1984 vorgestellt wurde.

Mit einem Schlag wurde die Maus zum festen Bestandteil eines Personal Computers. Die Industrie reagierte. 1982 brachte der Schweizer Hersteller Logitech mit der P4 ihre erste serielle Maus für den Massenmarkt heraus – für stolze 299 Dollar. In den folgenden Jahrzehnten entwickelte sich die Technologie rasant weiter. Die mechanische Kugel wich der optischen Maus mit LED, später der Lasertechnik, bis hin zur kabellosen Funkmaus, die man inzwischen auf Glas und sogar in der Luft bedienen kann.

Fazit und Ausblick

Die Geschichte der Computermaus ist ein Lehrstück über den Einfallsreichtum, die Langmut und die Weitsicht von Ingenieuren wie Douglas Engelbart, William English und Rainer Mallebrein. Sie ist eine Erzählung darüber, wie eine geniale Idee oft Jahrzehnte braucht, um das Licht der breiten Öffentlichkeit zu erblicken. Sie zeigt aber auch, dass parallele Entwicklungen keine Seltenheit sind, sondern dass das „technologische Klima“ einer Ära verwandte Ideen hervorbringen kann – selbst wenn sie auf unterschiedlichen Kontinenten entstehen.

Obwohl die Zukunft intuitiverer Benutzungsschnittformen wie Touch, Sprachsteuerung, Gestik und Gedankenlesen gehört, ist die Maus noch lange nicht Geschichte. Sie bleibt das präziseste Werkzeug für Design und professionelles Arbeiten. Sie ist der stille, stets einsatzbereite Helfer, der ohne Murren die Bewegungen unserer Hand in die digitale Welt übersetzt – ein bescheidener Holzklotz, der den Grundstein für die moderne Informationsgesellschaft legte.


Quellen

  • BBC News: Bill English: Computer mouse co-creator dies at 91. (Link)
  • heise online: Miterfinder der Computermaus: William English mit 91 Jahren gestorben. (Link)
  • heise online: Auf den Spuren der deutschen Computermaus. (Link)
  • The Conversation: In 1968, computers got personal: How the ‘mother of all demos’ changed the world. (Link)
  • Elektronikpraxis: 50 Jahre Computermaus: Die Maus, die erst niemand haben wollte. (Link)
  • Wikipedia: Maus (Computer) – Versionsunterschiede. (Link)
  • Wikipedia: William English (Ingenieur). (Link)
  • Wikipedia: Rainer Mallebrein. (Link)
  • WDR: 17.11.1970: Das Patent für die Computermaus wird erteilt. (Link)

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