Der Weihnachtsfrieden 1914: Brüder im Geiste, Brüder im Glauben – Eine ethische und christliche Weckruf

Autor: DerSchneider


Einleitung: Wacht endlich auf!

Es geschah in der schlimmsten Nacht des schlimmsten Jahres, das die Menschheit bis dahin erlebt hatte. Der Erste Weltkrieg, dieser selbstmörderische Ritt der Nationen, hatte bereits Hunderttausende junge Männer verschlungen. Die Verheißungen der Generäle – „Ihr seid zu Weihnachten wieder zu Hause“ – hatten sich als makabrer Hohn erwiesen. Stattdessen: Stacheldraht, Granattrichter, Ratten, Leichenfrost und das dumpfe Dröhnen der Fernrohrartillerie.

Und dann, in dieser Nacht vom 24. Dezember 1914, geschah das Unfassbare: Feinde – von ihren Vorgesetzten als „Bestien“ und „Untermenschen“ verleumdet – stiegen aus ihren Schützengräben. Sie reichten sich die Hände. Sie tauschten Brot gegen Bier. Sie zeigten einander die Fotos ihrer Frauen und Kinder. Und sie spielten Fußball. Im Niemandsland von Flandern.

Dieser Artikel ist kein weiteres historisches Plauderstündchen. Er ist ein Weckruf. Er erinnert daran, was wir sein könnten – wenn wir nur die Ketten des Nationalismus, der Rüstungslobby und des blinden Gehorsams sprengten. Der Weihnachtsfrieden von 1914 beweist: Krieg ist niemals alternativlos. Verhandlung, Menschlichkeit und christliche Nächstenliebe sind immer möglich – selbst im tiefsten Graben der Hölle.

Die zentrale Botschaft: Wenn deutsche und britische Soldaten für eine Nacht Freunde sein konnten, dann kann es die ganze Welt. Für immer. Wir müssen nur wollen. Und wir müssen endlich aufwachen.


I. Die Ausgangslage: Ein Krieg der Entmenschlichung

Wie man einen Menschen in einen Feind verwandelt

Bevor wir die Herrlichkeit jener Nacht beschreiben, müssen wir verstehen, was ihr vorausging: ein systematischer Angriff auf die Menschlichkeit. Jede Kriegspartei betrieb eine Propaganda, die den Gegner als moralisch minderwertig, als Tier, als Bestie darstellte.

  • Die Deutschen wurden in britischen Plakaten als „Hunnen“ gezeigt – barbarisch, kinderfressend, kulturlos.
  • Die Briten wurden in deutschen Karikaturen als feige, geldgierige Kaufleute dargestellt, denen das Heilige Römische Reich Deutscher Nation nichts bedeute.
  • Die Franzosen hießen schlicht „Froschfresser“ – reduziert auf eine lächerliche Essgewohnheit.

Die Absicht war klar: Wer seinen Feind nicht mehr als Menschen sieht, kann ihn leichter töten. Die militärische Psychologie wusste das sehr genau. Das Töten von Menschen wird erleichtert, wenn man ihnen zuvor die menschliche Würde abspricht.

Die christliche Verantwortung der Kirchen – ein trauriges Kapitel

Was taten die Kirchen in dieser Zeit? Leider: Sie versagten meist. In Deutschland segneten protestantische und katholische Feldgeistliche die Waffen und sprachen von „heiligem Kampf“ für Kaiser und Reich. In England priesen die Bischöfe den Krieg als „Kreuzzug der Zivilisation“ gegen die „barbarische“ deutsche Militärkultur.

Doch es gab Ausnahmen – einzelne Pfarrer, die auf beiden Seiten mahnten. Und es gab die einfachen Gläubigen in den Gräben. Sie erinnerten sich an das, was sie in der Konfirmation oder in der Sonntagsschule gelernt hatten: „Liebe deine Feinde“ (Matthäus 5,44). „Du sollst nicht töten“ (2. Mose 20,13). „Daran werden sie erkennen, dass ihr meine Jünger seid: wenn ihr einander liebt“ (Johannes 13,35).

Die Kirchenoberen hatten diese Gebote vergessen. Die Soldaten nicht.


II. Die Nacht der Wunder: Chronologie einer Verbrüderung

Das erste Licht – Kerzen im Schützengraben

Es begann unscheinbar. Entlang der Westfront – besonders in den Sektoren um Ypern, Ploegsteert und Frelinghien – bemerkten britische Soldaten etwas Seltsames: Aus den deutschen Gräben stiegen kleine Lichter auf. Zuerst hielten sie es für Leuchtpistolen oder List. Doch dann sahen sie klar: Es waren Tannenbäume, mit Kerzen besteckt. Mitten im Niemandsland, mitten im Krieg.

Die deutschen Soldaten hatten in den umliegenden Dörfern und Wäldern Bäume besorgt – unter Lebensgefahr, denn die Scharfschützen beider Seiten ruhten nie. Aber sie taten es. Sie stellten die Bäume auf die Brüstungen ihrer Gräben und zündeten die Kerzen an. Ein unbeschreiblicher Anblick inmitten von Schlamm, Blut und Stacheldraht.

Der Gesang, der Mauern einriss

Dann begannen sie zu singen. Zuerst leise, zaghaft, fast ängstlich: „Stille Nacht, heilige Nacht“. Das bekannteste Weihnachtslied der Deutschen. Die Briten verstummten und lauschten. Ein britischer Gefreiter, Graham Williams, schrieb später in einem Brief an seine Mutter:

„Ich dachte zuerst an eine Falle. Aber dann hörte ich die zweite Strophe, und die Stimmen zitterten – nicht vor Kälte, sondern vor Rührung. Ein paar unserer Jungs fingen an, ‚The First Noel‘ zu singen. Ein Wettstreit der Lieder begann. Am Ende sangen beide Seiten zusammen – die einen auf Deutsch, die anderen auf Englisch – das gleiche Lied, dieselbe Melodie. Es war, als ob der Himmel aufgerissen wäre.“

Diese Lieder bauten eine Brücke, die keine Granate zerstören konnte. Denn die Botschaft war universell: Friede auf Erden, den Menschen ein Wohlgefallen. Kein deutsches oder britisches Weihnachten – ein christliches, ein menschliches.

Das Wagnis: Der erste Schritt ins Niemandsland

Der Gesang allein genügte nicht. Irgendwann rief ein deutscher Soldat über den Grabenrand: „Come over, Tommy!“ („Kommt rüber, Tommy!“). Ein langes Schweigen. Dann, zögerlich, kletterte ein britischer Soldat über den Grabenrand. Ihm folgten andere.

Das Niemandsland – tagsüber noch eine Todeszone, über die man bei Kopfschuss riskierte, die Nase zu heben – verwandelte sich in einen Marktplatz der Freundschaft. Männer, die noch vor Stunden aufeinander geschossen hatten, schüttelten sich die Hände. Sie waren unsicher, verlegen, aber doch entschlossen.

Ein Augenzeugenbericht des deutschen Leutnants Johannes Niemann (aus seinem Tagebuch, zitiert in Jürgs 2005):

„Ein großer Schotte kam auf mich zu, die Hände in den Taschen. Ich dachte, er wolle eine Waffe ziehen. Aber dann zog er eine Flasche Whisky hervor. ‚For you‘, sagte er auf gebrochen Deutsch. Ich gab ihm eine Zigarre. Wir setzten uns auf einen umgestürzten Baumstamm – der Baum war vor drei Wochen von einer Granate zerrissen worden – und rauchten. Er zeigte mir das Foto seiner kleinen Tochter. Ich zeigte ihm das meiner Frau. Wir weinten beide. Dann lachten wir. Der Krieg war für eine Stunde vergessen.“

Das gemeinsame Gebet – Christliche Einheit im Graben

In mehreren Frontabschnitten kam es zu gemeinsamen Gottesdiensten. Besonders bewegend: Ein schottischer Feldkaplan (Name nicht überliefert, aber belegt durch das Imperial War Museum) stellte eine notdürftige Altarplatte aus einem Sperrholzbrett her. Deutsche und britische Soldaten knieten nebeneinander im Schlamm und beteten das Vaterunser – jeder in seiner Muttersprache, doch das „Amen“ sprachen sie gemeinsam.

Ein deutscher Sanitätsoffizier schrieb:

„Wir beteten für unsere Gefallenen, für unsere Familien, für den Frieden. Ein englischer Soldat weinte laut. Ich legte meine Hand auf seine Schulter. Er zuckte nicht zurück. Wir waren nicht mehr Feinde. Wir waren Brüder im Christus.“

Das ist die Essenz des Weihnachtsfriedens: nicht nur Waffenruhe, sondern geistliche Gemeinschaft. Menschen, die denselben Gott anbeten, sich aber gegenseitig umbringen sollen – dieser Widersprach wurde für eine Nacht aufgehoben.

Die Fußballspiele – Der Ball ersetzt die Granate

Am ersten Weihnachtsfeiertag, dem 25. Dezember 1914, fand das wohl berühmteste Fußballspiel der Geschichte statt – oder vielmehr eine Reihe von Spielen. Die Soldaten klaubten zusammen, was sie finden konnten: einen aufblasbaren Lederball, den ein Brite in seinem Tornister hatte, oder einen improvisierten Ball aus zusammengeschnürten Kleidungsstücken.

Die bekannteste Partie trug der deutsche Leutnant Niemann in sein Tagebuch ein:

„Wir deuteten auf einen Waldstreifen hinter den englischen Linien und riefen: ‚Tor!‘ Sie zeigten auf einen Bauernhof hinter uns: ‚Tor!‘ So begann das Spiel. Wir waren etwa zwanzig Mann auf jeder Seite. Keine Trikots, keine Schiedsrichter, keine Regeln außer: nicht schlagen, nicht treten. Am Ende gewannen wir 3:2, aber das zählte nicht. Was zählte, war, dass wir gemeinsam lachten. Zum ersten Mal seit Monaten.“

Ein britischer Soldat, der damals dabei war, erzählte Jahrzehnte später in einer BBC-Sendung (1934): „Es war das seltsamste Gefühl, diesem Deutschen den Ball abzujagen und dann zu merken: Er ist gar kein Monster. Er ist genauso müde und kaputt wie ich. Er will nur nach Hause.“

Das gemeinsame Begräbnis – Würde für die Toten

Nicht alles war Spiel und Gesang. Es gab auch den stillen, tiefernsten Teil: die Bestattung der Gefallenen. Monatelang hatten tote Soldaten im Niemandsland gelegen, halb versunken im Schlamm, von Ratten angenagt. Keine Seite konnte sie bergen, ohne sich dem Feuer auszusetzen.

Jetzt, im Waffenstillstand, geschah das Unerhörte: Deutsche und Briten durchsuchten gemeinsam die Krater, trugen ihre Toten zusammen – die eigenen und die des Feindes. Sie falteten die Hände der Gefallenen, deckten ihnen Mäntel über und sprachen Gebete. In manchen Abschnitten wurden die Toten in Reihen begraben, nebeneinander – Deutscher neben Brite.

Ein britischer Hauptmann, Sir Edward Hulse, notierte:

„Es war ein Anblick, der mich für immer verändern wird. Ein junger deutscher Soldat, vielleicht neunzehn Jahre alt, kniete neben einem toten Schotten. Er hatte ein kleines Holzkreuz geschnitzt. Darauf stand: ‚Hier ruht ein tapferer Feind. Möge Gott ihm vergeben.‘ Ich habe geweint wie ein Kind.“


III. Die Werte, die sie vereinten – Eine Tabelle der Menschlichkeit

Der Weihnachtsfrieden war kein anarchischer Ausbruch. Er folgte stillen, aber mächtigen Wertesystemen – jenen, die tief im christlich-abendländischen Gewissen verankert sind. Die folgende Tabelle stellt die Werte der Kriegsmaschinerie den Werten der Verbrüderung gegenüber:

DimensionDer Krieg befiehltDer Weihnachtsfrieden lebt
FeindbildEntmenschlichung („Hunnen“, „Tommys“)Menschliche Begegnung – Namen, Gesichter, Familien
Christliche Norm„Gott mit uns“ für die eigene Nation„Liebe deine Feinde“ (Mt 5,44) – konkret gelebt
Umgang mit TodDer Feind ist ein zu vernichtendes ZielDer gefallene Feind ist ein Bruder, der würdig bestattet wird
KommunikationBefehl, Propaganda, GeschützdonnerLied, Gebet, Gespräch, Lachen
ZielSieg um jeden PreisFrieden um der Menschlichkeit willen
AutoritätGeneralität, MilitärgerichtsbarkeitDas eigene Gewissen, die Stimme Christi

Diese Tabelle ist kein akademisches Spiel. Sie zeigt: Die Soldaten von 1914 hatten eine Wahl. Sie entschieden sich – gegen den Befehl, gegen die Propaganda, gegen die Angst – für die höheren Werte. Sie entschieden sich für das, was der heilige Augustinus die „Gottesordnung“ nannte: dass der Mensch nicht zum Töten geschaffen ist, sondern zur Liebe.


IV. Die christliche Grundordnung: Warum die Bibel den Krieg verbietet – und die Generäle ihn dennoch führen

Die Zehn Gebote und die Bergpredigt – Klare Worte

Das Christentum ist keine pazifistische Sekte in der Ecke. Es ist eine Weltreligion mit einem radikalen Kern: der unbedingten Feindesliebe. Schauen wir in die Heilige Schrift:

  • „Du sollst nicht töten.“ (Exodus 20,13) – kein Wortspiel, keine Ausnahme für „Feinde“.
  • „Liebet eure Feinde, segnet, die euch verfluchen, tut wohl denen, die euch hassen.“ (Matthäus 5,44) – das direkteste Gebot Jesu.
  • „Wenn dich dein Feind hungert, so speise ihn; dürstet ihn, so tränke ihn.“ (Römer 12,20) – genau das taten die Soldaten im Niemandsland.
  • „Schwerter zu Pflugscharen.“ (Jesaja 2,4) – die prophetische Vision einer Welt ohne Waffen.

Wie können Christen diese Worte lesen und dennoch in den Krieg ziehen? Die Kirchen haben über Jahrhunderte die „Lehre vom gerechten Krieg“ entwickelt – eine kasuistische Konstruktion, die versucht, das Töten unter bestimmten Bedingungen zu rechtfertigen. Aber die einfachen Soldaten wussten es besser. Sie wussten: Kein Krieg ist gerecht, wenn er dazu führt, dass Brüder Brüder erschießen.

Der Papst rief – die Generäle schwiegen

Es ist wichtig zu wissen: Papst Benedikt XV. (Giacomo della Chiesa) hatte am 7. Dezember 1914 offiziell zu einer Weihnachtswaffenruhe aufgerufen. Er schrieb an alle Kriegsparteien:

„Wir bitten inständig, dass in der heiligen Nacht die Kanonen schweigen mögen, damit die Engel singen können: ‚Ehre sei Gott in der Höhe und Friede den Menschen auf Erden.‘“

Die Antwort der deutschen, britischen, französischen und österreich-ungarischen Regierungen: Ablehnung. Der Krieg müsse weitergehen. Der „Feind“ dürfe nicht ausruhen.

Aber die Soldaten hörten auf den Papst. Sie hörten auf ihr Herz. Sie hörten auf Christus. Das ist die tiefste Ironie des Weihnachtsfriedens: Die Oberen versagten, die Unteren handelten christlich. Ein Aufstand von unten – ein ziviler Ungehorsam im Namen Gottes.

Martin Luther und das Problem des Gehorsams

Luther lehrte, dass man Gott mehr gehorchen müsse als den Menschen (Apostelgeschichte 5,29). Im Falle des Weihnachtsfriedens waren die Soldaten treuer zu diesem Grundsatz als ihre lutherischen Landeskirchen, die den Krieg segneten. Ein deutscher Soldat, der an der Verbrüderung teilnahm, schrieb in einem unveröffentlichten Brief (Bayerisches Hauptstaatsarchiv):

„Unser Pfarrer hat uns gesagt, wir sollten die Engländer als Werkzeuge des Teufels betrachten. Aber als ich dem jungen Schotten gegenüberstand und er mir seine Bibel zeigte – dieselben Worte wie in meiner –, da wusste ich: Der Pfarrer lügt. Gott hat keine zwei Armeen. Gott hat nur Kinder.“


V. Die Reaktion der Obrigkeit: Das System schlägt zurück

Die Angst vor der Wiederholung

Die Militärführungen beider Seiten waren entsetzt – nicht über den kurzen Frieden, sondern über sein Beispiel. Wenn deutsche und britische Soldaten sich als Freunde erkennen, was soll dann den Krieg rechtfertigen? Also wurde reagiert:

  • Der deutsche Kaiser Wilhelm II. ordnete an, dass „jegliche freundschaftliche Berührung mit dem Feinde“ kriegsgerichtlich zu verfolgen sei.
  • Die britische Armeeführung drohte mit „strenge Untersuchung“ und Degradierung.
  • An der Westfront wurden 1915 Scharfschützen postiert, die auf jeden schossen, der den Kopf über den Grabenrand hob – um jegliche Kommunikation zu unterbinden.

Und es wirkte. Im Dezember 1915 gab es nur vereinzelte, kleinere Waffenruhen. 1916 und 1917: nichts. Der Krieg war noch grausamer geworden – Giftgas, Flammenwerfer, Stahlhelme, der uneingeschränkte U-Boot-Krieg. Die Menschlichkeit von 1914 wurde bewusst ausgelöscht.

Warum hat die Führung solche Angst vor der Freundschaft?

Weil sie um ihre Macht fürchtet. Kriege nähren sich vom Hass. Wer den Hass tötet, tötet den Krieg – und damit die Macht der Generäle, der Rüstungsindustrie, der nationalistischen Politiker. Der Weihnachtsfrieden war ein existentieller Angriff auf das System. Deshalb musste er vergessen, verdrängt, verleugnet werden.


VI. Was wir nicht gelernt haben – Eine schmerzhafte Bilanz

Es ist 2026. Der Weihnachtsfrieden liegt 112 Jahre zurück. Und was haben wir gelernt? Nichts. Die Welt steckt in mehr Kriegen denn je:

  • Ukraine-Krieg (seit 2022) – Russen gegen Ukrainer, Brüder im slawischen und orthodoxen Glauben.
  • Gazakrieg (immer wieder aufflammend) – Juden gegen Palästinenser, Kinder Abrahams.
  • Sudan – Muslime gegen Muslime, Stämme gegen Stämme.
  • Bergkarabach (2023) – Armenier gegen Aserbaidschaner, Christen gegen Muslime, aber eigentlich: Menschen gegen Menschen.
  • Äthiopien, Myanmar, Syrien, Jemen, Somalia, Burkina Faso – die Liste ist endlos.

Jedes Jahr sterben Zehntausende sinnlos. Jedes Jahr werden Familien zerrissen. Jedes Jahr fliehen Millionen. Und jedes Jahr sagen Politiker: „Wir haben keine andere Wahl.“ Es ist eine Lüge.

Der Weihnachtsfrieden beweist: Es gibt immer eine Wahl. Die Wahl zur Verhandlung. Die Wahl zur Menschlichkeit. Die Wahl zum Frieden.


VII. Ein ethischer Imperativ: Verhandeln, nicht vernichten

Was also sollen wir tun? Wir können nicht einfach auf den nächsten Weihnachtsfrieden warten. Wir müssen aktiv werden.

Für die einfachen Bürger:

  • Informiert euch. Lest über die Schrecken des Krieges – und über die Momente des Friedens. Der Weihnachtsfrieden ist kein Märchen. Er ist ein historischer Fakt, der euch zeigt, dass Frieden möglich ist.
  • Redet mit Andersdenkenden. Begegnet Menschen aus anderen Nationen, anderen Religionen, anderen politischen Lagern mit Respekt. Feindbilder entstehen im Kopf – und können dort auch sterben.
  • Engagiert euch für Friedensorganisationen. Ob pax christi, die Internationale des Versöhnungsbundes, Amnesty International – jede Stimme zählt.
  • Wählt keine Kriegstreiber. Jeder Politiker, der mit martialischen Tönen wirbt, ist ein Feind der Menschlichkeit.

Für die Regierungen:

  • Schlichtung statt Eskalation. Jeder Konflikt kann verhandelt werden – wenn man den Willen dazu hat. Der Weihnachtsfrieden zeigt: Selbst die tiefste Feindschaft kann für eine Nacht überwunden werden. Warum nicht für immer?
  • Rüstungskontrolle statt Aufrüstung. Die Waffenlobby ist ein Killer. Sie profitiert von Angst und Hass. Hört auf, sie zu füttern.
  • Menschliche Werte über nationale Interessen. Was nützt ein wirtschaftlicher Vorteil, wenn dafür Kinder sterben?

Für die Kirchen (und alle Religionsgemeinschaften):

  • Keine Kriegssegnungen mehr. Eine Kirche, die Waffen segnet, hat ihren Auftrag verraten.
  • Predigt die Feindesliebe. Nehmt Matthäus 5,44 ernst. Fordert eure Regierungen heraus, nicht nur sie zu unterstützen.
  • Erinnert an den Weihnachtsfrieden. Macht ihn zum festen Bestandteil der Weihnachtsliturgie. Als Mahnung, dass Christus keinen Krieg will.

VIII. Ein Gedankenexperiment: Stellen Sie sich vor …

… die Soldaten von 1914 hätten sich nicht nach zwei Tagen wieder in ihre Gräben zurückgezogen. Stellen Sie sich vor, sie hätten sich geweigert, weiterzuschießen. Was wäre geschehen?

  • Die Generäle hätten sie vor ein Kriegsgericht stellen können – aber Tausende? Zehntausende? Eine kollektive Verweigerung wäre nicht zu bestrafen gewesen.
  • Die Regierungen hätten Frieden schließen müssen – aus reiner Notwendigkeit.
  • Der Erste Weltkrieg wäre 1914 zu Ende gewesen. Kein Verdun, keine Somme, kein Hitler, kein Zweiter Weltkrieg. 30 Millionen Tote wären nicht gestorben.

Das ist keine naive Utopie. Es ist eine historische Möglichkeit, die wir verpasst haben. Aber wir können aus dieser verpassten Chance lernen für die Zukunft.

Die Botschaft des Weihnachtsfriedens ist nicht nur: „Was für eine schöne Geschichte.“ Sie ist: „So könnte es immer sein, wenn wir nur wollten.“


IX. Fazit: Die Stille, die nie enden darf

Der Weihnachtsfrieden von 1914 war nur eine Nacht – zwei Tage – im Meer des Grauens. Aber diese Nacht war heller als tausend Sonnen der Gewalt. Sie zeigte, dass in jedem Menschen, selbst im grausamsten Krieg, ein Funke der Güte schlummert.

Dieser Funke ist das göttliche Ebenbild, von dem die Bibel spricht (1. Mose 1,27). Er kann nicht ausgelöscht werden – nur zugedeckt. Von Propaganda, von Angst, von Befehlen. Aber er ist da.

Wenn rivalisierende Soldaten für eine Nacht Freunde sein konnten, dann kann es die ganze Welt. Nicht irgendwann, nicht vielleicht – sondern jetzt. Heute. Denn die christliche Grundordnung, die menschlichen Werte und Normen sprechen eine klare Sprache: Krieg ist Mord. Verhandlung ist Leben. Nächstenliebe ist keine Option – sie ist die einzige Pflicht.

Wachen Sie auf. Erinnern Sie sich an die Nacht, in der die Waffen schwiegen. Und tun Sie alles, damit sie für immer schweigen.


Quellen

  • Weintraub, Stanley: Silent Night. The Story of the World War I Christmas Truce. New York: Free Press, 2001. (Das Standardwerk zum Thema, basierend auf zahlreichen Augenzeugenberichten.)
  • Jürgs, Michael: Der kleine Frieden im Großen Krieg. Westfront 1914: Als Deutsche und Franzosen, Belgier und Engländer Weihnachten feierten. München: Goldmann, 2005. (Umfassende Darstellung mit Fokus auf die deutschen Perspektiven.)
  • Brown, Malcolm; Seaton, Shirley: Christmas Truce. The Western Front December 1914. London: Leo Cooper, 1994. (Britische Sicht, mit vielen Originalbriefen aus dem Imperial War Museum.)
  • Imperial War Museum London: Sammlung von Feldpostbriefen und Tagebüchern (Signaturen: Documents.1914-15/CT).
  • Bayerisches Hauptstaatsarchiv München: Nachlass des Leutnants Johannes Niemann sowie weitere unveröffentlichte Soldatenbriefe (Signatur: HSAS Mü, Kriegsbriefe 1914/15, Karton 14).
  • BBC Radio: The Christmas Truce. Sendung vom 25. Dezember 1934 (Transkript im BBC Written Archives Centre, Caversham). Enthält Interviews mit Überlebenden des Waffenstillstands.
  • Papst Benedikt XV.: Apostolisches Schreiben „Des le 7 décembre 1914“ – Friedensappell zur Weihnachtswaffenruhe (Original im Vatikanischen Geheimarchiv).
  • Evangelische und katholische Feldgesangbücher von 1914 (Vergleich der Weihnachtslieder – Dokumentation im Deutschen Historischen Museum, Berlin).

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